Über Oliver Kalkofe

Hier schreibt der Chef.

624. Die Faszination von Kram & Krempel (TVS 3/19)

Betrachtet man die bescheidenen Reste des immer liebloser dahin gerotzten täglichen TV-Programms, so entdeckt man – neben den üblichen Scripted Reality Intelligenzverbrechen, sülzigen Soap-Schmonzetten und US-Konservenserien-Dauerschleifen – vor allem ein sich langsam aus dem Nichts herangeschlichenes und nun metasthasenartig ausbreitendes Mega-Erfolgsformats-Phänomen: die so genannte Trödel-Show! Kurz gesagt: irgendwelche langweiligen Leute versuchen irgendwo und irgendwie irgendwem irgendwelchen alten Krempel zu verscherbeln und wir müssen zuschauen.
Unzählige launig-lethargische, meist pensionierte Plunder-besitzer mit ausuferndem Freizeitkontingent pilgern dieser Tage in eines der zahlreich aus dem Boden sprießenden Fernseh-Flohmarkt-Studios, um dort ein bescheidenes Quäntchen Ruhm und Reichtum gegen eine Handvoll alten Gammel aus dem Gerümpelkeller einzutauschen. Egal welcher Sender oder Titel, im Kern laufen sämtliche unterschiedlichen Ableger absolut identisch ab. Der hoffnungsfrohe Tinnef-Besitzer zeigt das mitgebrachte Klumpatsch-Kleinod zuerst einem verständnisvollen Moderator (am liebsten natürlich der köl’schen Gemütsglatze mit dem ulkigen Zwirbelbart). Danach wird der zu schön für den Mülleimer empfundene Nippes einem selbsternannten Gutachter in Schätzologie präsentiert, der sich das Teil anschaut und dann seine professionell fantasierte Expertise abgibt: Aha, eine seltene Keramikskulptur aus Meissner Porzellan vom fröhlich lachenden Führer ohne Beinkleider beim Begatten eines verstört dreinblickenden Schäferhunds, handbemalt, Sammlerstück, aber mit kleinen Makeln (abgeplatzter Schnauzbart, Schramme am Gesäß, ein fehlender Hoden) – könnte glatt 200 Euro wert sein. Mit einer leichten Erektion der Vorfreude schlendert der arbeitslose Braunschweiger Sozialkundelehrer Waldemar nun zu diversen skurrilen Ramsch-Händlern und stellt ihnen dieses Erbstück seines Urgroßvaters vor, das von jenen dann erneut in quälender Langsamkeit befingert, beglotzt und bequatscht wird. Am Ende rückt wenigstens einer feierlich einen Fuffi dafür raus und ergattert den Schrott, worüber sich der vormalige Eigentümer freut als hätte er einen Lotto-Sechser mit Zusatzzahl und könne sich mit dem Gewinn jetzt auf einem herrschaftlichen Landsitz zur Ruhe setzen. Alle sind glücklich und verabschieden sich mit Tränen der Rührung in den Augen, doch bevor es zu sentimental werden kann, steht gottseidank bereits der nächste Gedönsbesitzer auf der Matte.
Klingt langweilig – ist es aber auch! Sogar exzessiv stinklangweilig, allerdings ganz bewusst. Denn gerade diese mentale langsame Einlullung durch brachiale Betulichkeit, schleichend einschläferndes Gesabbel und intellektuelle Unterforderung bis an die Kopfkoma-Grenze, scheint den ganz besonderen Reiz dieses exzessiv nichtssagenden Genres auszumachen. Nicht jeder Zuschauer braucht nun mal andauernde Action – statt wilden Autojagden reicht es vielen einfach, den verschrotteten Wagen beim Rosten zuzuschauen. Die erste Programmfarbe, die wegen ihrer hohen Einschlafgarantie demnächst nur noch auf Rezept geschaut werden könnte.

Flori Ahoi!

Die bedeutendste Personalie unseres Landes ist endlich gelöst: Volksmusik-Legende und Fröhlichkeitsikone Florian Silbereisen wird der neue Kapitän vom TRAUMSCHIFF! Okay, er ist weder Seemann noch Schauspieler, aber das ZDF behauptet, Schiffsvater Rademann selig habe ihm vor seinem Tode noch persönlich gesagt: ‚Du musst aufs Traumschiff kommen, mein Junge!’ Allerdings ist nicht bestätigt ob er meinte ‚als Kapitän’ oder nur als Putzhilfe, Altenpfleger, Tombola-Moderator oder um die Ratten von Bord zu singen.

Fit for Family

Neuester Trend nach den Erfolgen der RTL-Hobby-Ninjas und Trampolin-Jumper: Physical Gameshows – also Wettkämpfe mit Arsch hoch und bewegen! Deshalb hetzt der sportliche Hüpfball-Hersteller SAT1 demnächst ein Dutzend Familien mit Spaß an gepflegter Körperertüchtigung aufeinander, um bei fröhlichen Bundesjugendspiel-Battles an der frischen Luft die FITTEST FAMILY GERMANY zu finden! Toll, wird höchste Zeit für das große PRO7-PROMI-ZIRKELTRAINING, den ARD-KNIEBEUGEN-MARATHON DER REGIONEN oder das ZDF-RENTNERGYMNASTIK-DUELL. Ich hab übrigens ein Attest!

Weltweite Bäuerchen

Die deutschen Bauern sind anscheinend bald ausnahmslos in festen Händen liebevoller Frauen, Männer oder Nutztiere, deshalb dehnt RTL demnächst die landwirtschaftliche Liebeshilfe auf die ganze Welt aus. In BAUER SUCHT FRAU INTERNATIONAL sollen jedenfalls einsame Ackerfurchenkrauler aus Tschernobyl, der Antarktis, Lummerland oder der Sahara eine Chance bekommen, endlich was Knuddeliges zum Kuscheln zu finden, wie immer kompetent grinsend in die Gülle moderiert von der famosen Farmer-Frauen-Finderin Inka Bause. Da schwillt den Kühen glatt das Euter vor Aufregung!

624. Die Faszination von Kram & Krempel (TVS 3/19)2019-02-12T02:44:18+00:00

623. Lügen-Dschungel!!! (TVS 2/19)

Das Dschungelcamp ist auch nicht mehr das, was es mal war. Bzw. war auch nicht mehr das, was es früher mal gewesen ist… oder ist einfach noch nie das gewesen, was wir immer dachten dass es das wäre. Oder so ähnlich. Auf jeden Fall wurden in diesem Jahr kurz vor Beginn der neuen Staffel unsere Illusionen ganz schön durcheinander gewirbelt, als das berüchtigte Recherche-Tageblatt Numero Uno auf einmal kackendreist im völlig aus dem Ruder laufenden Aufklärungsjournalismus-Koller damit drohte, sämtliche strengstens gehüteten Geheimnisse des Bekloppten-Bootcamps zu entlarven.

Angefangen damit, dass sich das ominöse Alternativwelten-Pseudoprominenz-Lager in Wahrheit irgendwo in Australien befindet und nicht in den sagenumwobenen Kölner Greenscreen-Studios, aus denen schon 1969 die erste Mondlandung gefälscht wurde. Schlimmer noch: es handelt sich bei der gammeligen Grünanlage nicht um ein seit Millionen von Jahren unberührtes Stück Natur zwischen eruptiven Vulkanen, Kannibalen-Völkern und prähistorischen Sauriern, das nur vom Kamerasystem des Lieben Gottes überwacht wird, sondern um eine Art schlecht vermietetes Zeltlager mit Kabelanschluss für stark verzweifelte Last-Minute-Urlauber mit sehr geringen Ansprüchen. Selbst Rupfenrübe Sonja und Brillenmann Daniel, das stets penetrant dazwischen redende Hausmeister-Ehepaar aus dem angebauten Beobachtungs-Baumhaus, sind anscheinend keine ortsansässigen Aboriginees, sondern extern angemietete Moderiermaschinen aus deutscher Produktion. Ähnlich wie die temporär dort eingesperrten und oft fälschlicherweise als ‚Promis’ betitelten Trash-TV-Pauschaltouristen, die inzwischen fast ausschließlich aus gescheiterten Kackformat-Kandidaten aus eigener inzestuöser Züchtung bestehen.

Doch damit nicht genug – selbst bei den so beliebten Ekelfress-Prüfungen wird getrickst! Der legendäre Krokodilpenis beispielsweise ist häufig nur billiger Alligatorenpimmel und die berüchtigte Buschschwein-Vagina nichts als gewöhnliche Ferkelmöse aus der Massenmumu-Haltung, die aufgeschäumten Wildtier-Sperma-Shakes meist betrügerisch gestreckt mit Kakerlaken-Urin, Eber-Eiter und laktosehaltigen Milchprodukten. Glaubt man dem Enthüllungsblatt sind sogar viele der dort vorkommenden Tiere nicht was sie scheinen. Die meisten der tödlichen Skorpione, Schlangen und Killerspinnen, die kübelweise über die kreischenden Kandidatenköppe gekippt werden, sollen gar nicht giftig sein, sondern ihrer lethalen Zähne oder Drüsen beraubt – aus reiner Angst des mutlosen Senders, ein paar der furzfeigen Prominenzdarsteller könnten vielleicht ins Gras beißen. Kein Wunder dass die Abnippelquote bei den Teilnehmern bislang so erschreckend niedrig liegt, egal wie sehr das die Erwartungen der Zuschauer enttäuschen mag. Publikumsorientiertes Fernsehen sieht anders aus!

Höchste Zeit, dass wir uns erheben und sagen: So nicht, RTL! Das ist billiges Fake-TV und keine anspruchsvolle Abendunterhaltung für unser Kulturvolk der Dichter und Denker! Wir wollen beim Verarschen nicht länger verarscht werden – wenn Ihr uns schon Scheiße vorsetzt, dann doch bitte den Real Shit und keine feige gefälschten Veganerwürste! #SoDisappointed #NichtMehrMeinCamp

Nichts gewinnt

Kreativ-Kopierstation SAT1 steht vor einem Rätsel: egal welches Erfolgsformat anderer Sender man dort lieblos für den Vorabend nachäfft, es geht alles in die Hose! Boulevard-Magazin, Gründer-Suche, Panel-Quiz und jetzt auch noch Daily Soap: die mutig gestartete ALLES ODER NICHTS – Tagestortur jedenfalls wurde trotz großer Alles-Pläne jetzt flott ins Nichts befördert und begraben, weil es einfach kein Schwein sehen wollte. Der frühe unspektakuläre Tod ist und bleibt nun mal das Schicksal des uninspirierten Mittelmaßes.

Neuer Titel

Man dachte die Zeiten der Titel-Erneuerungen mit Holzhammer-Erklärung durch die TV-Sender wären vorbei, aber die ARD hat noch einen auf der Pfanne und macht aus der italienischen Krimiserie mit dem schwer aussprechlichen Namen ROCCO SCHIAVONE jetzt kurzerhand DER KOMMISSAR UND DIE ALPEN. Clever! Weil Rocco Kommissar ist und bei ihm in der Gegend irgendwo die Alpen rumstehen. Fragt man sich nachträglich, wieso man niemals passendere Titel finden konnte für COLUMBO (Der Knitter-Cop mit dem Glasauge), MAGNUM (Ein cooler Schnauz zum Knutschen) oder DERRICK (Der Lahmarsch mit dem Hundeblick). Chance vertan!

Überforderte Väter

Na Gottseidank, RTL hat doch noch eine Alltags-Situation gefunden, aus der man eine ulkig inszenierte Reality Soap basteln kann: Väter, die zur Mutter werden! Also quasi Männer, die plötzlich zuhause diese ‚typischen Frauen-Pflichten’ zwischen Futter kochen, Putzi-Putzi und Blagenbetreuung übernehmen müssen – natürlich während die Mamas ihnen dabei aus der Ferne zuschauen und alles via Video kommentieren. MENSCH PAPA! VÄTER ALLEIN ZU HAUS soll die furiose Family-Farce heißen – ein Titel, den man sich merken muss! Damit man nicht versehentlich mal einschaltet…

623. Lügen-Dschungel!!! (TVS 2/19)2019-01-27T17:40:49+00:00

622. Zur Feier des Tages (TVS 1/19)

Es ist allerhöchste Zeit, die Feiertagsregelung in Deutschland grundsätzlich zu überdenken. Erster Kritikpunkt: es sind definitiv viel zu wenige, nämlich bundesweit gerade mal neun. Beschiss-Nummern wie Oster- oder Pfingstsonntag nicht mitgerechnet, denn die sind ja eh schon per definitionem ein Sonntag – werden aber oft trotzdem gern noch mal großzügig als ‚Feiertag’ deklariert, um uns vermeintlich blödem Dummvolk ein Gefühl staatlicher Generosität vorzugaukeln. Hinzu kommen noch sieben weitere Zelebrationstage, die nur regional in gewissen Bundesländern gültig sind, meistens aber in Bayern. Der fast vergessene ‚Buß- und Bettag’ hingegen existiert inzwischen nur noch in Sachsen – man wird dort schon wissen, warum.
Heute darf man sich an den meisten dieser Daten relativ uneingeschränkt bewegen und verhalten, früher war man da wesentlich resoluter, denn an bestimmten ‚Stillen Tagen’ des Gedenkens wurde die gesamte Nation zwangsweise in die landesweite Gruppendepression befördert. Rundfunk und TV sendeten ausschließlich Trauergesänge, historische Dramen, Gottesdienste und alles was sonst noch dazu diente, dem Publikum jegliches Lächeln notfalls gewaltsam aus dem Gesicht zu jagen. Es galten Tanzverbot und die generelle Untersagung sämtlicher mutmaßlich unterhaltsamen Veranstaltungen wie Kino, Theater oder sonstiger Events, die versehentlich Spuren von Lebensfreude enthalten könnten. Restaurants durften nur besucht werden, wenn das Essen dort so scheiße war, dass es einen zum Heulen brachte. Für die jüngeren Leser: ungefähr so als ob die Regierungs-Typen Dir einen ganzen Tag das Handy wegnehmen und alle Selfies außer mit traurigem Duckface und Tränen-Emojis sperren würden, dazu null Facebook, Instagram und Whatsapp plus Spotify-Abschaltung und Streaming-Verbot für alles außer ganz alte deutsche Familienserien – voll krass! Stille Tage dienten also in erster Linie als Bestrafung der Bürger für ihre reine Existenz und den frech gelebten Übermut auf Kosten des Staates.
Irgendwie erscheint einem dieses ganze Konstrukt religiös oder nationalistisch motivierter Gedenkzeiten heutzutage als nicht mehr zeitgemäß. Wenn schon von Wirtschaft und Regierung festgesetzt, dann doch aber bitte ehrlicher und zielführender. Ein ‚Total-TV-Tag’ beispielsweise, an dem wir in Echtzeit den ganzen Schrott im linearen Fernsehen plus Werbung glotzen müssen, ohne zum Streamen ins Internet ausweichen zu dürfen. Oder der ‚Blödmanns-Day’, an dem sich alle Idioten widerspruchslos als sehr, sehr schlau feiern dürfen, so wie auf einem AfD-Parteitag. Fair wäre auch ein genereller ‚Verarschungs-‚ bzw ‚Du-Opfa-Tag’, an dem die leichtgläubige Leidensfähigkeit der Bevölkerung geehrt und mit kleinen Geschenken und Danksagungen von Wirtschaft und Regierung bedacht wird. Ansonsten würde ich für individuelle Modelle plädieren: jeder Bürger bekommt pro Jahr ein gewisses Set an Auszeit-Gutscheinen, die er nach Bedarf für sich einsetzen darf, zB für je einen Krankfühl-/ Mörderkater-/ Volldepri-/ Bingewatch-/ Blaumach- oder Leckt-mich-doch-heute-mal-alle-am-Arsch-Tag! Wird ja eh gemacht, erspart aber schlechtes Gewissen und mühevolles Ausreden-erfinden!

Scripted Casting

Lange dachte man, es könne nichts Nervigeres geben als die ewig gleichen Casting-Schablonen-Shows auf der Suche nach dem nächsten Wasauchimmer-Talent oder Schlübberzurschaustell-Model. Dann allerdings kamen die so lieb- wie hirnlos hingerotzten Scripted Reality – Formate aus dem Doofen-Universum und zeigten dass alles noch viel furchtbarer sein kann. Die Qualitätstieftaucher von RTL2 verbinden nun das Schlimmste aus zwei Scheißwelten zum ultimativen Kack-TV-Event der Extraklasse: CHARTBREAKER – eine gescriptete Casting-Show um eine Horde talentloser Talent-Imitatoren beim Fake-Jury-Vortanzen auf Gran Canaria zwischen Singen, Saufen und Bumsen. Schlimmer kann ein Jahr nicht beginnen!

Erfinder-Battle

SAT1 hat was Tolles erfunden: die TV-Format-Kopiermaschine! Man stellt auf ‚Aktuelle Trends’, drückt ‚Kopie’, wählt die Qualität ‚Eins-zu-Eins’, ‚Fast genau wie…’ oder ‚Kaum merkbar abgewandelt’ – und schon hat man die eigene verwaschene Labber-Version eines anderswo erprobten Erfolgsformats. Da der Sat1-Vorabend seit Wochen quotentechnisch erbärmlich dahinsiecht, hat man jetzt diverse Gründer-/Erfinder-Shows auf die Copy-&-Paste-Platte gelegt und präsentiert nun den ‚brandneuen’ Erfinder-Battle ‚WIE GENIAL IST DAS DENN?’, in dem jeweils drei Pseudo-Daniel-Düsentriebe das Publikum von ihren Kreativ-Kreationen überzeugen sollen. Pfiffig wie der atemlos gehauchte Pfiff aus einer schlecht nachgeschnitzten Kopierpfeifen-Kopie!

Auszieh-Wohnung

Und mit Karacho drückt 5-Sterne-Shitmaker RTL2 noch einen weiteren gigantischen Hirnschiss-Bollermann aus der Kreativ-Kimme: AUSGEZOGEN – DIE STRIPPER WG! Wie der Titel schon sagt: eine fulminant freizügige Fake-Doku-Soap um eine Wohngemeinschaft semi-professioneller Klamottenabwerfer beim Versuch, Kohle für eine eigene Strip-Show zusammenzustrippen. Das zieh ich mich aus Vorfreude doch gleich mal nackig aus und schubber sabbernd die nächstgelegene Eisenstange rauf und runter!

622. Zur Feier des Tages (TVS 1/19)2019-01-16T01:09:12+00:00

621. Generation Unzufrieden (TVS 27/18)

Wiederholt sich die Geschichte? Manchmal sieht es jedenfalls so aus, denn einige der größten Fehler der Menschheit scheinen sich in gewissen Zyklen automatisch erneut zu ereignen. Langfristig aus selbst produzierten Katastrophen zu lernen, fällt uns anscheinend schwer. Kaum sind ein paar Jahrzehnte vergangen, denken viele, selbst im schlimmsten und ungerechtesten Chaos sei irgendwie ja auch nicht alles schlecht gewesen, und sogar der stinkendste Horrorhaufen erscheint manch verblendetem Ignoranten in der Rückbetrachtung nur noch als harmloser Vogelschiss. Besonders gefährlich wird es absurderweise aber in relativ guten Zeiten.  Stehen nicht mehr Lebenserhaltung und Existenzsicherung an erster Stelle, kümmert man sich stattdessen vermehrt um den eigenen Status in der egomanischen Gesellschaft, denn leider neigt man in Zeiten von Ruhe und Stillstand weniger zum kollektiven Zusammenhalt als in  echter Not. Überspitzt gesagt: geht es dem Menschen zu gut, wird er unzufrieden!

Vergleicht man zB die 80er Jahre mit der Gegenwart, entdeckt man viele Gemeinsamkeiten: größenwahnsinnige Weltmachtsführer im Testosteron-Taumel, Hetzer und Kriegstreiber an allen Ecken, Deutschland in lethargischer Langzeit-Regierungsstarre, industriell verursachte Naturkatastrophen und vieles mehr. Allerdings haben sich in der Zwischenzeit die Generationen und ihr jeweiliger Antrieb verschoben. Die damalige Jugend hatte Eltern, die von Krieg, Entbehrung und der daraus resultierenden Wohlstands-Spießigkeit geprägt waren. Ab 50 galt man als altes Eisen, deshalb wurde die medial ‚werberelevante Zielgruppe der 14-49jährigen’ erfunden, da man Älteren eh nichts mehr zutraute. Jungen Menschen ging es zum ersten Mal vergleichsweise gut und die engsten Ketten der Verklemmtheit begannen vom Körper der Gesellschaft zu platzen. Da Selfies und Influencer allerdings noch nicht erfunden waren, suchte man die Gemeinschaft im persönlichen statt virtuellen Kontakt und ging gemeinsam auf die Straße um gegen globale Bedrohungen und allgemeine Ungerechtigkeit zu demonstrieren.

Heute hingegen geht es den meisten Kindern der westlichen Welt besser denn je, aber sie erstarren im immensen Entertainment-Überangebot und medialen Zelebrieren des Bedeutungslosen, während die Alten um/über 50 die verzweifelten Versuche der Motivation übernehmen. Am Ende fühlen sich immer mehr Menschen grundlos unzufrieden, nur weil sie überall Leute sehen, die noch blöder sind als sie selber, aber trotzdem viel erfolgreicher und im Haus von Promi Big Brother wohnen. Nach Generation Babyboomer/Golf/X/Y/Z sind wir nun bei ‚Generation Unzufrieden’ angekommen, im Zeitalter von Neid und Mauligkeit, wo jeder denkt dass ihm im Grunde irgendwie mehr zusteht, einfach weil andere das ja auch haben. Daher mein Wunsch fürs neue Jahr: Herr, lass Hirn vom Himmel regnen und rühre den Menschen einen Löffel Verstand mit ins Essen! Und für die Jüngeren das Ganze vielleicht zum Runterladen als Nächstenliebe-App im altmodischen Retro-Look mit kostenlosem Verstands-Upgrade. Notfalls hilft allerdings auch ein simpler, altmodisch-kräftiger Tritt mit Anlauf in den Arsch!

Vortänzer

Die Dance-Season ist eröffnet und Pro7 will diesmal unbedingt zuerst auf die Tanzfläche! Deshalb startet man noch vor dem Jahresende in München mit MASTERS OF DANCE, wo statt bemühter Humpel-Promis professionelle Top-Tänzer vor einer vierköpfigen Jury sich durch verschiedene Stile und Aufgaben um den Meistertitel batteln. Gewissermaßen THE FEET OF GERMANY mit Fresse halten und Hingucken, wie immer lächelnd an die Wand moderiert von Thore Schölermann plus Rebecca Mir statt Langweiler-Lena als optische Ablenkung.

Trockentänzer

Wer sich für total uninteressante Gerüchte interessiert, hatte vielleicht Spaß an den unspektakulären Spekulationen rund um die ewig gleich bleibende RTL-Hüpf-und-Hoppel-Show LET’S DANCE! Breaking News: die große Veränderung lautet, dass es auch im dutzendsten Jahr keine Veränderungen geben wird. Selbst das fahrige Verplapperhühnchen Victoria Swarovski (als Ersatz für die grinsende Moderationsmaschine Sylvie Meis) bleibt trotz schwerer Stammelstolpereien im Team, und vorher geht es mit Arroganz-Adlatus Llambi und Restjury noch auf Deutschland-Tournee. Darauf einen verstolperten Quickstep mit Arschbombe!

Eistänzer

Klar ist: wenn alle anderen zum Quotentanz bitten, darf SAT1 nicht ganz ohne rhythmische Sportgymnastik bleiben. Um sich aber selbst zumindest auf den ersten Blick vom Rest unterscheiden zu können, verlegt man die grazile Bewegungstherapie hier auf die Eisbahn mit Marlene Lufen: DANCING ON ICE lässt ab Anfang Januar gleitfreudige Pseudo-Promis von Pietro-Ex Sarah Lombardie bis Giftzicke Desiree Nick elegant auf den Pöter plumpsen. Genauso langweilig wie alle anderen Formate, aber das Hinfallen ist lustiger!

621. Generation Unzufrieden (TVS 27/18)2018-12-29T12:19:08+00:00

620. Der Rest vom Weihnachtsfest (TVS 26/18)

Weihnachten ist nicht mehr das was es mal war. Alle Leser jenseits der Verwesungsgrenze, die vor dem Jahrtausendwechsel geboren wurden, wissen was ich meine. Früher hatte das Christfest noch unveränderbare Rituale, fest verwurzelt in den Traditionen der jeweiligen Eltern, Großeltern und Vorfahren, stoisch begleitet von der jahrzehntelang unveränderten Abfolge des öffentlich-rechtlich gesalbten TV-Programms – vererbte Langeweile und  vorgelebte Ödnis im Taumel der simulierten Barmherzigkeit. Heiligabend und seine zwei sackfaulen Fress- und Feiertagsgesellen standen stets im Zeichen der Familie, bzw. meist den Teilen der verabscheuten Verwandtschaft, deren störende Existenz man den Rest des Jahres über erfolgreich aus dem Bewusstsein verdrängt hatte. Doch egal wie groß die Abscheu zu den Mitgliedern im Blutlinien-Brutclub auch war, an mindestens einem der heiligen drei X-mas-Days musste man in den übersäuerten Giftapfel beißen und mit den nervigen Kacknasen ein paar gemütlich behauptete Stunden verbringen, meist weil die senilen oder einfach bösartigen Großeltern das wünschten und sonst mit plötzlichem Herztod plus vorheriger Enterbung drohten.

Der 24.12. selbst stand meist unter dem Motto ‚Familien am Rande des Nervenzusammenbruchs’. Die Organisation von prachtvoller Baumschmückung plus Bescherung, verbunden mit dem vorherigen Großkampf-Kochspektakel und nur schwer erträglichem Blockflöten-Musizieren des eigenen Rudels – das überstanden vor allem die Mütter nur selten ohne Schrei- und Heulanfälle, denn auf ihren schmalen Schultern ruhte stets die Anforderung aller, gerade diesen schwierig überfrachteten Tag zu etwas GANZ BESONDEREN zu machen. Eine undankbare Aufgabe, die seit Erfindung des Jesus-Birthdays an sich zum kompletten Scheitern verurteilt ist. Kein Tag im Jahr birgt ein statistisch gesehen höheres Risiko für Tränen, Streit und Verzweiflung, allein durch die überhöhte Erwartungshaltung überdurchschnittlich großer Freude und Harmonie, der kein Mensch in der Geschichte des Homo Sapiens je gerecht werden konnte.

Das Fernsehen mit seinen einst gerade mal zwei amtlichen Vollprogrammen tat sein Übriges, um die volle Dröhnung betulichen Überschmalzung zu vollenden. Am Nachmittag warteten die zwangsweise vor der Glotze geparkten und verzweifelt der Beschenkung entgegenhibbelnden Kinder gemeinsam aufs Christkind, später versauten einem wachsvisagig grinsende Schlager-/Volksmusik- oder Operetten-Knödler bei kunstschnee-verkitschten Krippengesängen den Abend, und in jeder Programmlücke wurde irgendwo georgelt und im Chor gesungen. Tausend Gründe zur Flucht, nur kaum Möglichkeiten sich zu verstecken.

Heute ist das eh alles wurscht. In den Familys mit einem letzten minimalen Hauch von Eltern-Autorität wird vielleicht noch schnell ne Kleinigkeit gemeinsam gegessen, danach wird ein X-mas-Sampler gestreamt und später gehen die Kids irgendwas mit irgendwelchen obskuren Freunden machen, während sich die Eltern angesoffen in die Festtags-Starre netflixen und noch mal kurz einander zulallen, wie wundervoll besinnlich es früher doch alles war. In diesem Sinne: Frohe Weihnachten und so!

Ära-Ende

Fast gleichzeitig mit der angekündigten Parteivorsitz-Aufgabe unserer steinernen Kanzlerin mit den Klebstoff-Schuhsohlen und dem prognostizierten Ende der unsterblich geglaubten Sozialzeigefinger-Dauerseifenoper LINDENSTRASSE erreichte uns die schockierende Nachricht eines weiteren niemals erwarteten Abgangs aus der Medienwelt: Anke Schäferkordt, die stets missmutige Miss Ellie des Mittelmaßes und mehr als 13 Jahre konservativ innovationsbremsender CEO des mächtigen Medienriesen RTL wird zum Jahresende die Sendergruppe verlassen. Das Ende einer Ära, wenn auch nur des erfolgreich vermarkteten Stillstands. Ich prophezeie: kein Zuschauer wird jemals etwas merken!

Winter-Gähns

Kurz vor Weihnachten überrascht uns ProSieben auch noch mit so einer Art groß angelegtem Promi-Sport-Event im Stil der alten Raab-Mega-Shows. Nur halt ohne Raab. Und ohne Promis. Mega-Event ist vielleicht auch eher stark übertrieben. Das debil-fröhliche Doofen-Debakel nennt sich WINTER GAMES, und dort veranstalten irgendwelche irre spontan programmierten taff-Moderationsmaschinen voll crazy Fun-Spiele wie ‚Snow-Kajak’ und ‚Schnee-Schwalbe’, unterstützt von ganz vielen nervenden Hackfressen mit selbst geritztem ‚Promi’-Tattoo auf einer Arschbacke, so wie Jürgen Milski, Antonia aus Tirol und Lucas Cordalis. Mehr Spaß haben Sie höchstens, wenn Sie im Schneesturm ein paar fahren lassen und Ihren Fürzen vorher Namen geben!

620. Der Rest vom Weihnachtsfest (TVS 26/18)2018-12-15T03:23:47+00:00