Über Oliver Kalkofe

Hier schreibt der Chef.

606. Quotenretter Royal Wedding (TVS 12/18)

Das lineare Fernsehen, also auf Deutsch gesagt das gute alte  ‚live in die Kiste glotzen’, hat im Zeitalter der Mediatheken und Streaming-Dienste viele Zuschauer verloren. Markterschütternde Quotenerfolge werden immer seltener, auch wenn diese Zahlen durch die realitätsfremd veraltete Daten-Messung eh nicht mehr aussagekräftig sind. Da man sich aber nun mal auf diese Art der bizarren TV-Bitcoin-Abrechnung geeinigt hat, ist die ominös im Raum schwebende ‚Quote’ immer noch das Maß aller Dinge. Nur woher nehmen und nicht stehlen? Es gibt ja leider kaum noch Ereignisse, die mehr als das bekannte Durchschnittspublikum vor den Kasten nageln. W oder EM ist nur alle zwei Jahre, belanglose Sing- und Model-Contests ziehen auch schon lange keinem mehr das Schnitzel vom Teller. Was also senden, um endlich mal wieder beim morgendlichen Quotencheck einen Grund zu finden, mit der Belegschaft ein Prosecco-Fläschchen aufzuschrauben?

Die Rettung kam ganz unverhofft aus Großbritannien. Dort heiratete kürzlich ein rotbärtiger Royal namens Harry eine US-Schauspielerin namens Meghan Markle, ganz still und einfach im Familienkreise. Obwohl es eigentlich ja nicht viel zu sehen gab und jeder im Grunde wusste, wie der Showdown in der Kirche ausgehen würde, waren doch einige zigtausende Schaulustiger und zahllose internationale Fernsehteams gekommen um ganz en passant darüber zu berichten. Die deutschen TV-Vertreter hatten ihre besten Leute geschickt: für RTL kommentierten Frauke Ludowig und Shopping Queen-King G.M. Kretschmer live die Klamotten aller Anwesenden vom Schlübber bis zum Faschingshut, während der singende Duracell-Hase Ross Anthony als wild gewordener Straßenrand-Reporter orgiastische Hysterie-Anfälle bekam, wenn er einen kurzen Blick auf die Kutsche des königlichen Knutsch- und Knatter-Pärchens erhaschen konnte. Auch das ZDF hatte seine ranzigsten Royal-Experten und Langeweile-Luschen aus dem Mittagsschlaf geweckt, um in altmodischem Kaffeeklatsch endlos über diese ‚bürgerliche Braut’ mit ihren ‚afroamerikanischen Wurzeln’ und den so wunderbar ‚schwarz singenden’ Gospel-Chor zu diskutieren, weil sie so etwas ‚Exotisches’ seit Roberto Blanco anscheinend nicht mehr auf dem Sender gesehen hatten.

Wie auch immer, das ganze stinklangweilige Geschwafel über die schleppend inszenierte Zeitlupen-Hochzeit brachte den beiden Kanälen zusammen über 60% Marktanteil und so viel Publikum wie lange nicht mehr.  Weshalb nun hektisch überlegt wird, wen man bei uns erfolgreich öffentlich verheiraten könnte. Selbstverliebte Pseudo-Promi-Paare bringen es leider nicht, das weiß man spätestens seit den pupsromantischen Wedding-Flops mit Sarah Connor, Gülcan und der Katzenberger. Richtige Adlige haben wir nur sehr wenig, und der Großteil davon ist meistens bekloppt oder besoffen oder beides. Deshalb soll jetzt die Politik ran, die GroKo ist ja gewissermaßen so was wie unsere Königsfamilie. Statt Harry & Markle müssen halt Horst & Merkel herhalten und knutschend mit der Kutsche um den Block fahren, um das deutsche Fernsehen zu retten. Was danach passiert ist eh wurscht, es zählt nur der schnelle Glamour zum Wohl des Landes!

Krass repeated

Die Squad vong RTL2 sind schon echt unlügbar lit! Da producen sie KRASS SCHULE, ne fette neue cheedo Soap über Lehrer, Refies und other School-Swaggernauts, aber dann läuft der Shit an manchen Tagen richtig schmoof und nicenstein, an anderen aber wieder voll belastend. Und ahnma – was machen die sahnigen Babos? Switchen simplig das komplette Afternoon-Programm und bringen vor jeder freshen Folge noch mal die abgeranzte vom Vortag als Double-Brainfuck-Burger zum Fermentieren vor dem Fernseher. Einfach den shit daily repeaten bis einer glotzt – echt übelst fly, die idea!

Klau mit Ansage

Wir erinnern uns: bei SAT1 gab es doch mal diese meist etwas zu laute Impro-Comedy namens SCHILLERSTRASSE, in der sich zu jener Zeit fast sämtliche Lohnarbeits-Spaßvögel der Republik über Live-Ohr-Ansagen durch wirre Handlungsfragmente steuern ließen. Im Taumel der Old-Fun-Renaissance des Bällesenders plante man dann KILLERSTRASSE – alles wie vorher, nur mit Krimi-Plot. Aber dann dachte man sich: Nee, noch besser, wir nennen es MORD MIT ANSAGE und behaupten einfach frech, das wäre unsere eigene Erfindung! Merkt ja keiner. Hat aber doch. Den Rest improvisiert man jetzt vor Gericht.

Schön im Web

Die militante Jungmädchen-Modelisierung der knallhart kapitalistischen Klum-Akademie für austauschbare Laufsteg-Luder wächst und gedeiht – und um neben TV-Nutzerinnen auch noch die Nur-Netz-Girls abzugreifen, bringt Pro7 dort jetzt die erste Web-exklusive Ablegerserie: LET’S FACE REALITY – VOM LAUFSTEG INS LEBEN. Wobei der Titel allerdings mehr verspricht als die inhaltsleere Hohlbratzenparade hält, denn letztlich gibt es nur sinnfreies Gelaber der dusseligsten Kandidatinnen, peinliches Power-Dauerposing und Werbung für die unnützesten Instagram-Accounts. Aufgeblasenes Nichts mit Make Up zum Anklicken.

606. Quotenretter Royal Wedding (TVS 12/18) 2018-06-02T02:01:01+00:00

605. Das Land der ewigen Suche (TVS 11/18)

Den meisten Menschen wird es gar nicht bewusst sein, aber Deutschland ist zusammen mit dem humanitären Hilfs-Sender RTL auch im Jahr 2018 immer noch auf der Suche nach einem landeseigenen Superstar in den anspruchsvollen Kategorien Lautes Singen, Heftiges Hüpfen, Fan-Selfies-Machen und ohnmachtserregende Berühmtheit. Seit über 15 Jahren hält man nun bereits Ausschau nach einem neuen multimedialen Messias der Musikwelt, scheinbar aber leider ohne Erfolg, denn immer wenn man gerade denkt, es wäre vielleicht ein passender Hit-Heiland gefunden, wird schon die nächste Ausschreibung gestartet.

Wieso bloß will uns die simple Kür eines nulpigen  National-Barden einfach nicht gelingen, obwohl sich wöchentlich tausende Freiwilliger als mögliche Megaprominenz-Märtyrer anbieten und nur die größten Topstars, qualifiziertesten Experten und verhaltensauffälligsten NewMedia-Influencer in der Taxierungs-Jury sitzen? Der wachsvisagige Chef-Ermittler Dieter Bohlen, seit Anbeginn unangefochtener Vorsitzender der mürrisch-mafiösen Quest-Kommission, erscheint dem mitleidigen Betrachter inzwischen wie ein ausgemergeltes Wrack, physisch wie auch psychisch, von den ergebnislosen Strapazen der Vergangenheit schwer gezeichnet: ein wirrer, desillusionierter alter Mann, der seinem Enkel die Klamotten klaut. Die restlichen Teilzeit-Fahnder, die im Laufe der Jahre auf der Strecke blieben, sind längst vergessen, ebenso wie die kurios krakeelenden Karaoke-Kollateralschäden. Geblieben ist nach all der Zeit lediglich ein Bild des Jammers und des Versagens.

Dem trikonsonantigen Kölner Qualitätskanal kann man allerdings keinen Vorwurf machen. Gerade auf dem Sektor der sinnlosen Suche ist er seit Ewigkeiten ganz vorne dabei. Egal ob schmusige Schwiegertöchter, begattungsbereite Bauersfrauen, tapsige Tanztrottel, demütigungsresistente Dschungel-Deppen, nichtssagende Nacktinsel-Nulpen oder ballerblöde Bachelor-Bumsbücken – nach all dem und noch viel mehr wird dort seit Ewigkeiten gefahndet. Doch gleichsam noch immer ohne Erfolg.

Woran mag diese dauerhaft blindwütige Orientierungslosigkeit einer ganzen Nation nur liegen? Schließlich herrscht auch in Fragen der politischen Landeslenkung ähnliche Konfusion: alle vier Jahre wird erneut mit großem Aufwand gewählt, um eine kompetent-charismatische Führungsperson für die Leitung unserer zukunftsrenitenten Republik zu finden, aber am Ende ist es doch immer wieder nur dieselbe alte maulfaule, mieslaunige Mutti mit den Mopsmundwinkeln. Doch trotz des anscheinend unveränderbar in Starrheit verharrenden Ergebnisses werden stets erneut die Wahlzettel ausgelegt, wie sinnlos und kostspielig dies auch immer sein mag.

Vielleicht sollten wir einfach lernen, die Wahrheit zu verstehen und zu akzeptieren, wie ernüchternd sie auch sein mag: Deutschland ist das Land des ewigen Suchens, nicht des Findens. Nicht das Ziel ist das Ziel, sondern die Suche danach – denn nur wer niemals ankommt (und am besten ohne zu wissen, wo überhaupt) bleibt trotz lähmender Trägheit immer in Bewegung.

Gefrierbrand

Der Sommer steht noch an der klimatischen Türschwelle, aber der kluge Buntballsender SAT1 plant schon für den Winter vor: nämlich die lang nicht ersehnte Rückkehr von DANCING ON ICE! Ja stimmt, zucken da die Synapsen erschreckt zusammen, da war doch irgendwann mal so was gewesen… quasi LET’S DANCE auf Schlittschuhen, mit Promis beim graziös ungelenken Gruppen-Gleiten und Dönerspießigen Pirouetten-Drehen. Schon damals langweilig, wird aber diesmal auch nicht besser, versprochen! Allerdings: Wenn man verzweifelt ist und nix Frisches hat, greift man halt in die Tiefkühltruhe!

Klassenwechsel

Quoten machen glücklich, das weiß jeder Sender – aber Geld auch? Konzernen ist das bekannt, die ernähren sich von ihrer Gier danach, doch wie läuft es bei diesen ‚ganz normalen’ Menschen? Manche glauben, ein Extra-Eimer Kohle könne die emotionalen Löcher im Seelenmantel abdichten, andere mit vergoldetem Silberlöffel im Po wünschen sich die gute alte Bodenständigkeit der monetären Unsicherheit zurück, da sich das persönliche Glück trotz Kontostands-Erektion immer noch nicht eingestellt hat. In PLÖTZLICH ARM, PLÖTZLICH REICH, wo sehr und weniger wohlhabende Familien mal kurz das Leben tauschen, wird uns Sozialexperimentsender SAT 1 diese Frage endlich endgültig beantworten. Wir danken.

Ablegerwahn

Und noch mal SAT1 im TV-News-Hattrick! Um das Portfolio der so schwach-sinnigen wie auch Quoten-schwächelnden Scripted Reality-Kackformate elegant zu erweitern, hat man bei CSI und SOKO abgekupfert: einfach alles kopieren und fast identische Ableger davon machen! So gesellt sich zur KLINIK AM SÜDRING jetzt nicht der Nordring, sondern KaS – DIE FAMILIENHELFER, AUF STREIFE bekommt die INSPEKTION 5 – KÖLN-MÜHLHEIM und die ranzige RUHRPOTTWACHE das knallercool klingende DRINGEND TATVERDÄCHTIG – DUISBURG CRIME STORIES. Ist dennoch nix anderes als fauliges Gehirngammelfleisch und stinkender alter Müll in neuen Tüten.

605. Das Land der ewigen Suche (TVS 11/18) 2018-05-22T02:04:43+00:00

604. Das Echo der eigenen Sprachlosigkeit (TVS 10/18)

Oops, mit so einem Shitstorm der Stärke Uiuiui! wie dieses Jahr nach der ECHO-Verleihung hatte die deutsche Musikindustrie nicht gerechnet! Dabei lief doch eigentlich alles wie immer: ohne künstlerisch-moralisch zu bewerten oder vorher überhaupt mal in das Geträller und Gelulle reinzuhören, wurden ausschließlich jene Künstler-Darsteller gewürdigt, die am besten verkauft und der Industrie somit die meiste Kohle in die Geldspeicher eingefahren hatten. Trotz zahlreicher Warnungen im Vorfeld wurden auch zwei gedankenlos rüpelnde Kleingangsta-Rap-Rabauken namens ‚Fahrrad Bums und sein Kollege’ oder so ähnlich ausgezeichnet, die mit ihren stumpfdoof dahingestammtelten Wort-Gewöllen eine regelrechte Lawine an Beschwerden, Empörungen und Preis-Rückgaben auslösten. Zwischen zahlreichen Zeilen voll gewohnt übertriebener Brutalität und genereller Menschenfeindlichkeit, (die eher von geringster Bildung, hoher Ignoranz und ausgeprägter Brägenleere zeugen denn von intendierter Genre-typischer Provokation) löste vor allem der Satz ‚Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen’ eine veritable Antisemitismus-Debatte aus, während das arhythmische Unsympathen-Duo ihre knalldoofe Geschmacklosigkeit mit der musikalischen Meinungsfreiheit zu erklären versuchte. Wo einer der Knackpunkte liegen mag, denn weder sie selbst noch ein Großteil ihrer bildungsresistenten Anhänger dürfte den Inhalt des Texts wirklich verstanden haben. Man kann sich sein Publikum halt nicht aussuchen – aber ohne dumme Fans gibt es auch keinen Erfolg für dumme Texte. Der Grat zwischen Kunstfreiheit und Kommerzkacke ist nun mal ebenso schmal wie zwischen Kränkung und Verletzung oder Haltung und Heuchelei. Der Schlüssel zu allem bleibt letztendlich immer nur der eigene Verstand – aber oft ist der leider gerade dann nicht zu finden, wenn man ihn am meisten braucht.

Viel schwerer wiegt die Frage: wieso gibt man solchen Möchtegern-HipHop-Honks überhaupt einen Preis? Ganz einfach: weil es voll geil ist, sich an den Erfolg anderer anzubiedern – egal woher er kommt! Solche Halbwelt-Typen bringen Geld, junges Publikum, und wenn man ein Selfie mit ihnen bekommt, gewinnt man vielleicht sogar einen Hauch Respekt bei den eigenen Kids zurück. Der Echo – so wie ein Großteil all unserer Preise aus den medialen Welten – hatte nie etwas mit Kunst oder Kreativität zu tun, sondern immer nur mit Umsatzzahlen – das Pendant zum stolz eingerahmten Kontoauszug über dem eigenen Kamin. Und bisher ging es ja auch immer gut. Die Herz- und Gedankenlosigkeit in diesem Jahr ließ allerdings Preisträger, Publikum und die gesamte Branche gemeinsam in das selbst aufgeklappte Messer laufen. Gekrönt von totaler Hilflosigkeit der Verantwortlichen, mit der berechtigten Kritik umzugehen, erwies sich die Verleihung als das handgeschriebene Armutszeugnis einer in der untergehenden Erfolgs-Sonne schmelzenden Branche, die ihre Seele verkauft hat, um zumindest noch für eine kurze Zeit die eigene vorgetäuschte Bedeutsamkeit fühlen zu dürfen. Nur um sich dann am Ende aus unfähiger Sprachlosigkeit lieber komplett selbst abzuschaffen. Ende.

Liebe mit Gesang

Mein Tipp an alle Leser/Innen: Suchen Sie sich besser ganz schnell einen festen Lebenspartner! Denn sonst landen Sie noch ohne es zu ahnen ratzfatz in irgend so einem furchtbaren Vorführ-Verkupplungsformat von einem der zahlreichen privaten Bematschtenblamiersender. Nach potentiellen Bauernopfern, Bachelor-Bumsbeilagen, Schwiegertöchtern und endlosen sonstigen Kopulations-Kandidaten, werden nun die großen Lieben für Schlagersänger und Innen gesucht. Von Tim Toupet bis Hütten-Helmut ist fast der gesamte musikalische Mitklatsch-Underground dabei – es fehlen nur noch halbfreiwillige potentielle GV-Partner. Singles, lauft schnell weg – sonst erwischen Sie euch noch!

Hypno-Wünsche

RTL wagt ein neues Experiment: Zuschauer hypnotisieren und nach den geheimsten Wünschen aus ihrem Unterbewusstsein graben, sie später erneut damit konfrontieren und zum Abschluss vielleicht sogar erfüllen. Soll alles so geschehen in MEIN VERBRORGENER WUNSCH mit Hypno-Kröte Martin Bolze aka ‚Pharo’. Bin mal gespannt was passiert, wenn die Kandidaten den innigen Wunsch offenbaren, dass RTL endlich besseres Programm macht, aufhört die Zuschauer zu verarschen oder einfach  komplett den Pöter zukneift.

Sensible Sendungen

Wenn sämtliche Oberflächlichkeiten abgeschabt sind, versuchen selbst die lautesten Krawallsender aus Verzweiflung thematisch in die Tiefe zu tauchen. So plant RTL2 mit DIE GRUPPE – SCHREI NACH LIEBE ein Format über Menschen mit psychischen Problemen wie Zwangsstörungen, Depressionen und Panik-Attacken, sowie die Begleitung todkranker Menschen beim Erfüllen ihrer letzten Wünsche in VOLLER LEBEN – MEINE LETZTE LISTE. Schwierig, aber ambitioniert. Wenn allerdings ein intellektueller, hoch sensibler Emotion-Channel wie RTL2 diese Themen behutsam mit filigranen Fingern anpackt, kann ja nichts schiefgehen. Oops – irgendwie klingt falsch an diesem Satz…

 

604. Das Echo der eigenen Sprachlosigkeit (TVS 10/18) 2018-05-08T03:10:05+00:00

603. Trödelparadies Deutschland (TVS 09/18)

Jens Spahn, unser neuer Minister für Gesundheit und unaufgeforderte Schlaumeierei, hatte anscheinend Recht mit seiner Behauptung, in Deutschland müsse niemand in Armut leben. Der Bevölkerung scheint es sogar derart gut zu gehen, dass bei uns selbst der Müll eigene Fernsehsendungen bekommt. Kaum ein anderes Land hat derart viele Tand- und Trödel-Shows wie wir Gammel-Germanen: psychologische Hilfen für wegschmeiß-allergische Alles-Aufbewahrer und Restmülltüten-Tauschformate für manische Mega-Messies, schrabbelige Schrottplatz-Dokus, elegisch ausgewalzte Ramsch-Renovierungs-Reihen uswusw blablabla. Kein gut besuchter Altglascontainer oder falsch befüllter gelber Sack in einer inszenierten Asi-Siedlung des Sozialen Wohnungsbaus, der RTL2 nicht ein prollig gescriptetes Garbage-Dokutainment für angebliche Underdogs wert wäre, kein muffiger Pappkarton mit leicht beschädigten Kriegs-Devotionalien und angeschimmelten Wehrmachtsunterhosen von Omas erstem Mann, aus dem das ZDF nicht ohne zu zögern eine erfolgreiche Nachmittags-Show mit Horst Lichter schnitzen könnte. Das ganze scheißige Dreckszeug, das irgendwo bei uns allen herumsteht, einstaubt und meist unbeachtet vor sich hin muffelt, aber irgendwie doch zu gut erscheint für die unbarmherzig alles schluckende Mülltonne – seien wir uns sicher, dass irgendein Trottel sich nicht entblöden wird, dafür demnächst eine passende TV-Sendung zu kreieren.

Spätestens seit dem unerwarteten Mega-Success der sedierend-oberöden Einschnarchungshilfe BARES FÜR RARES, die den Zuschauern des Zweiten seit einigen Jahren zur Kuchentafelzeit als Blutdrucksenker und Koffein-Neutralisator angeboten wird, möchte jetzt jeder Kanal mindestens eine Top-Quoten-Show besitzen, in der langweilige Leute langweiligen Kehrichtkäufern ihr altes Garagen-Gelumpe anzudrehen versuchen. Fernsehen, flott wie Höhlenmalerei, aber wahrscheinlich gerade wegen seiner aggressiven Belanglosigkeit und nervenlähmenden Nichtigkeit so beliebt – vor allem bei den Zuschauern denen der Blick in die Waschmaschine stets zu aufregend und das Testbild immer zu bunt war. Wenn jetzt jedenfalls sogar die Entertainment-Gleichspüler der Brainlull-Butze RTL das Plunderprogramm vom Dritte-Zähne-Channel ZDF mopsen und als DIE SUPERHÄNDLER recyceln möchten, dann muss da ja irgendwas dran sein.

Das Ende der knarzigen Krempelkult-Konzepte ist jedenfalls noch lange nicht erreicht. Denkbar sind noch viele Varianten: knallharte Krimskrams-Kämpfe, in denen Bumms-Anbieter und Tinnef-Seller mit vollem Körpereinsatz um die jeweilige schäbige Schrankschande batteln müssen. Kladderadatsch-Casting mit lustiger Lumpenlover-Jury. Emotionale Kuppel-Shows für alleinstehende Altstoff-Sympathisanten à la PFAND SUCHT FLASCHE. 24/7-Live-Streamings von internationalen Kleinstadtflohmärkten und Satelliten-Übertragungen der spannendsten wöchentlichen Müllabfuhr-Touren. Der fehlenden Fantasie sind hier wahrlich keine Grenzen gesetzt – denn es kann gar nicht gammelig genug sein!

Ja-Sagerei

Nach jahrelangem Generve um Aufmerksamkeit in diversen instant-vergessenen Trash-Trottel-Formaten ist es Ex-Zahnlücken-Zickluder Matthias Mangiapane gelungen, im Dschungelcamp seinen bereits häufig getätigten Heiratsantrag so öffentlichkeitswirksam zu wiederholen, dass er seinen Dauerverlobten Hubert nun endlich im Fernsehen heiraten darf. Natürlich mit sechsteiliger Vorbereitungs-Doofdoku inklusive Rückkehr von Weddingplanner Frooonck unter dem überraschend kreativen Titel HUBERT & MATTHIAS – DIE HOCHZEIT bei VOX. Ich reiche beim Sender schon mal die Zuschauer-Scheidungspapiere ein – ab jetzt gehen wir definitiv getrennte Wege!

Gründungsfieber

Seit die HÖHLE DER LÖWEN die Quoten zum Brüllen brachte, ist im deutschen TV das Gründer- und Erfinderfieber ausgebrochen. Jeder Sender braucht neuerdings eine Show um zu zeigen, wie schön der Kapitalismus sein kann wenn er sich mit Kreativität paart. ProSeven mit dem DING DES JAHRES und vor allem SAT1 mit dem monströs vermurksten Maschmeyer-Trump-Apprentice-Remake START-UP! sind zwar gerade mit Schmackes auf die Schnauze gefallen, aber die ProSieben-Zwerge planen bereits das nächste so ähnliche Ding: DER TRAUMJOB. WER WAGT DEN SPRUNG INS ABENTEUER? mit Ex-Höhlenlöwe Jochen Schweizer. So kann der Überfluss an Erfolgsgiganten halt auch zu gigantischen Misserfolgen führen.

Laberkinder

Die lustigen Explain-Kids von damals sind längst selbst Eltern auf dem Weg zur Frührente, aber zum Glück wachsen die Kleinen ja nach. So kann sich die ARD auch an ein längst überfälliges Vorabend-Remake des Kinder-erklären-Sachen-Klassikers DINGSDA wagen. Allerdings mit keinem der früheren Moderations-Opas, sondern der etwas frischer erscheinenden Brisant-Mutti Mareile Höppner. Mehr sage ich dazu nicht – man würde mich eh nur aus-Oops!en.

603. Trödelparadies Deutschland (TVS 09/18) 2018-04-25T16:32:31+00:00

Der Fressesprecher – Echo-Beef 2018 – Zwischen Kunstfreiheit und Kommerzkacke

Sehr verehrte Damen & Herren, liebe Freunde der gepflegten Unterhaltung, Bros & Bitches,
Chefs & Schlampen, hallo Kinder. Als inoffizieller Fressesprecher der Preisevergebenden
Entertain-ment-Industrie möchte ich mich kurz und ungewohnt ehrlich in unser aller Namen
zum sogenannten Echo Skandal äußern.

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Ja nee, is klar.

Was ist eigentlich passiert? Fahrid Bang und Kollegah, zwei derzeit schwer erfolgreiche Rüpel-Rapper, bekamen den Echo 2018 für ‚Hip Hop national’, was so viel bedeutet wie: deutsche ‚IschfickdeiMudda’-Sprechgesänge.

Und obwohl vorher deutlich darauf hingewiesen wurde, merkten die Verantwortlichen leider erst Tage NACH der Verleihung und den daraus resultierenden Kulturkrawallen, dass man Textzeilen wie ‚Mein Körper definierter als Auschwitz-Insassen’ sehr wohl auch kritisch sehen kann. Bzw. sollte. Oder besser gesagt: sogar muss.

Lassen Sie uns trotzdem kurz einiges klarstellen. Hip Hop ist eine eigene Kunstform, eine Musikrichtung aus dem afro-amerikanischen Ghetto, die sich dadurch definiert, zu provozieren, zu pöbeln, übertrieben gewalttätige Drohungen und Mega-Beleidigungen aus der frustrierten Kehle zu kotzen. Vergleichbar vielleicht mit einer AfD-Wahlkampf-Rede – allerdings mit mehr Reim und Rhythmus, gewöhnlicherweise auch nicht ganz so ernst gemeint und künstlerisch dann doch meist wertvoller.

War diese Zeile nun geschmacklos? Ja. Ohne Frage. War sie antisemitisch? Kann man nicht eindeutig sagen. Eher generell aggressiv menschenfeindlich. So wie der ganze Rest des Songs ‚08-15’, aus dem sie stammt. Da findet man sogar fast noch Schlimmeres. Weniger ein Zeichen von bewusst artikuliertem Judenhass, vielmehr von fehlender persönlicher und emotionaler Intelligenz ganz allgemein. Musikalisch verpackte Aggression jedem Lebewesen gegenüber, das nicht man selber oder sein Kumpel ist.

Aber wie gesagt: Das ist nun mal so beim Hip Hop. Wie bei Gorillas, die sich brüllend auf die Brust schlagen oder Affen, die sich gegenseitig mit Kot bewerfen. Kann man mögen, muss man nicht. Gehört aber zu ihrer Natur, bzw. Ausdruckskunst. Aber je mehr einem so genannten ‚Künstler’ Hintergrundwissen und Mitgefühl fehlen, desto leichter gehen ihm halt solch gedanken- wie geschmacklose Zeilen über die Lippen. Vor allem auch wenn man weiß, dass viele Schul-Kids oder Großhirn-Kleinanleger, die einen abfeiern, eh gar nicht wissen worüber man hier überhaupt rappt. Denn ohne dumme Fans gibt es nun mal auch keinen Erfolg für dumme Texte. Man kann sich seine Kunden nun mal nicht aussuchen, und solange sie brav zahlen, kann man eine Menge Ignoranz verzeihen. Auch als Plattenfirma, wenn man gut daran verdient – aber schnell den Stecker zieht, wenn die Luft zu dünn oder zu dick wird. Der Grat zwischen Kunstfreiheit und Kommerz-kacke ist nun mal fast so schmal wie zwischen Provokation und Verletzung oder Haltung und Heuchelei. Der Schlüssel zu allem bleibt letztendlich immer nur der eigene Verstand.

Doch egal wie gut oder schlecht, cool oder ekelhaft man solch lyrische Absonderungen nun findet, lassen Sie uns feststellen – aufgrund nur einer Zeile ohne Zusammenhang eine immer wilder werdende Wut-Debatte zu führen, ist so wenig sinnvoll wie einst im Falle des Böhmermann-Schmähgedichts die Reduzierung auf eine Diskussion ums Ziegenficken.

Und wenn es sogar so weit kommt, dass die Geissens – selbst die mediale Personifikation von Geldgier, Geltungssucht und gigantischer Dusseligkeit – fassungslos faselnd ihrer Empörung auf Facebook ebenso ausländer- wie auch Grammatik-feindlich Ausdruck verleihen, und sich die biedere Boulevardpresse dann auf diesen billigen Beef der beidseitig bekloppten Schwätzer stürzt wie ein ausgehungerter Kampfhund – spätestens dann weiß man, dass die Absurdität das Ruder übernommen hat und am Ende nur die Dummheit gewinnen wird. Egal auf welcher Seite.

Aber zurück zur Anfangsfrage: war es richtig, Fahrrad Bums und seinem Kollegen den Echo zu geben? Spätestens jetzt wissen wir: Nein. Sorry… Aber den Echo für die Amigos damals hat auch nicht jeder verstanden. Wir konnten ja nicht ahnen, dass Leute wirklich zuhören und sich aufregen! Hätte man diesen Eklat verhindern können? Auf jeden Fall. Wenn nur einer der Verantwortlichen vorher mal die Texte gehört oder gelesen hätte – anstatt nur erotisch elektrisiert auf deren Verkaufszahlen zu starren. Aber lassen Sie mich zur Verteidigung meiner Kollegen sagen – Sie wissen es selbst: Nachdenken macht weder schöner, noch wird es extra bezahlt. Haben Sie bitte Verständnis.

Die Frage allerdings, ob der Echo durch diese Aktion seine Seele verloren oder die eigene Kunst verraten hat, ist absolut albern. Denn er hatte noch nie etwas mit Seele oder Kunst zu tun. Nur mit Kommerz. Der Rest war uns schon immer scheißegal. Wer gut verkauft, der kriegt die abgebrochene Zielscheibe mit dem Hühnerei in der Mitte – fertig, Tschüß, bitte schön. Der Echo ist quasi das Pendant zum eingerahmten eigenen Kontauszug über dem Kamin. Die geknüllte Socke in der Hose des Kleinpimmeligen vor dem ersten Date. Aber das Ergebnis zählt!

Wie bei den meisten Preisen der deutschen Unterhaltungs-Industrie zählten bei uns stets weder Kunst noch Kreativität, Inhalt oder sonst irgendsoein unnützer Scheiß, sondern nur, wer die meiste Kohle in den Stall gebracht hat. Kollegah ja schon zum dritten mal übrigens, wie auch schon zwei mal Bushido, Preisträger des sagenumwobenen ‚Integrations-Bambis’!  Entschuldigung, aber die alten Rehkitz-Wämser sind einfach ungeschlagen, das sind die besten, da muss so ein Echo noch lange für stricken! Auch unvergessen: der Mut-Bambi für Tom Cruise, weil er einen mutigen Menschen gespielt hat. Und der Kommunikations-Bambi für Joseph Goebbels, weil er durch seine mitreißenden Reden… nee, ich glaub das hab ich nur geträumt. Mein Fehler.

Wir müssen es an dieser Stelle ehrlich und reumütig zugeben: der Echo hat sich komplett enteiert. Weil er die eigene Gedankenlosigkeit und das schon lange fehlende Herz durch arrogante Ignoranz selbst offenbart hat. Unser Fehler. Statt die eigene behauptete Würde ernst zu nehmen, setzten wir auf ‚An den Erfolg anbiedern um jeden Preis’ – und ließen dadurch Preisträger, Publikum und die gesamte Musikindustrie blindlings in das vorher selbst aufgeklappte Messer laufen. War aber vorher immer gut gegangen!

Wir müssen es zugeben: egal was er mal war – der Echo ist inzwischen nichts mehr als der traurige, klangliche Widerhall der eigenen inhaltlichen Leere. Das handgeschriebene Armutszeugnis einer in der untergehenden Erfolgs-Sonne schmelzenden Branche, die ihre Seele verkauft, um sich zumindest noch eine kurze Zeit lang für so wichtig fühlen zu dürfen, wie man sich früher mal hielt.

Deshalb dürfen Sie uns ihren Echo auch gern zurückgeben. Uns ist im Grunde danach alles genau so egal wie vorher. Und wir sparen! 7 Stück zurück von Marius Müller Westernhagen – mit Eding den Namen durchstreichen, zack, haben wir fast die Jahresration für Helene Fischer zusammen. Sollten Sie also noch irgendwo alte Echos zwischen den Goldbarren liegen haben, die Sie loswerden möchten, stellen Sie sie einfach in einem gekennzeichneten Sack für Sondermüll an die Straße. Der örtliche Echokot-Wagen wird ihn so schnell wie möglich abholen und spätestens bei der nächsten Verleihung entsorgen.

Vielen Dank.

 

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Getwittert wird unter @twitkalk!

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