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207, 2022

Auf die Länge kommt es an

2. Juli 2022|

711 | TVS 14/22

Vielleicht ist es Ihnen noch gar nicht aufgefallen, weil immer nur darüber geredet wird, dass Alles immer teurer wird – es wird auch Alles immer länger! Also jedenfalls Alles, was man so im Fernsehen, Kino, beim Streaming oder auf sonstigen Unterhaltungs-Plattformen geboten bekommt. Früher jedenfalls war Alles noch wesentlich kürzer und nach ungeschriebenen Gesetzen fest geregelt: Ein Song ging drei Minuten, alles andere war Oper. Ein Film lief zwischen 90 und 120 Minuten – war er knapper, hatte das Geld für mehr nicht gereicht, war er länger, nannte man ihn Monumentalfilm. Eine TV-Show dauerte am Vorabend nur 45 Minuten, in der Primetime anderthalb Stunden. Oder zwei, wenn Kulenkampff oder Gottschalk moderierte. Eine Serienfolge wurde innerhalb einer halben oder dreiviertel Stunde abgehandelt und war in sich abgeschlossen, außer es war eine Soap. Oder eine Mini-Serie, aber auch die erzählte eine geschlossene Geschichte ohne Aussicht auf Fortsetzung. Punkt. Es gab zwar auch immer mal vereinzelte Ausnahmen, aber generell waren dies die kollektiv akzeptierten Richtlinien, die niemand zu hinterfragen wagte.
Heute leben wir in anderen Zeiten. Lieder gehen so lang sie wollen und haben oft noch nicht einmal den Anstand, einen gruppengröl-tauglichen Refrain zu liefern, weshalb die Superhits-Sender lieber weiter die genormten Superhits der 80er und 90er spielen als den rebellischen Rotz von Heute. Kino-Blockbuster mit Überlänge sind Standard und nicht selten so lang wie eine mehrteilige Mini-Serie, nur ohne offizielle Pisspausen. Daytime-Shows überschreiten zwar immer noch nicht die One-Hour-Grenze, werden aber dafür meist so oft auf diversen Partner-Stationen wiederholt, dass man sich wie in einer interstellaren Endlosschleife der boulevardesken Belanglosigkeit gefangen fühlt, deren Grenzen von den grinsegalaktischen Türstehern Lichter, Pflaume und Pilawa bewacht werden. Bei amtlichen Live-Event-Spektakeln im Hauptabendprogramm hingegen scheinen sich vornehmlich RTL und Pro7 seit Jahren durch gewaltsam-exzessive Format-Überdehnungen eine unbarmherzige Schlacht um die Toleranzgrenze des Publikums zu liefern. Wobei die ausgewalzte Entertainment-Fläche vorrangig den Nährboden bietet für überbordend sprießende Pflanzungen üppig wuchernden Werbungs-Wildkrauts.
Die Mitternacht ist dabei längst keine natürliche Grenze mehr, und eine Show, die noch am selben Kalendertag endet, wird als triviale Quickie-Kurzstrecke belächelt. Das erklärte Ziel ist das Ziehen bis zum Morgengrauen: leichter Spannungsabfall nach Zwölf damit ein Großteil der Glotzgemeinde an der Fernbedienung einschläft, zum Frühstück Zusammenfassung der Nacht und fix das Finale, bevor es zur Arbeit geht oder sonntags zum Brunch. Hat man sich daran gewöhnt, wird die komplette Woche angepeilt und schließlich für jedes Erfolgsformat ein eigener Sender mit flankierenden Backstage-Klatsch-Magazinen. Mit der katholischen Kirche wird zudem über die unbeschränkte Ausstrahlung im Jenseits verhandelt, allerdings verlangt der Vatikan derzeit noch einen unverschämt großen Anteil der Werbe-Einnahmen. Wir halten Sie auf dem Laufenden – Zeit genug haben wir ja!

Könner-Männer

Die Rolle-Rückwärts-Retro-Frequenz in SAT1 wird immer geringer! Jetzt wird ein Format ungefragt reanimiert, das erst vor noch nicht mal zehn Jahren ins künstliche Koma versetzt wurde und eigentlich ganz angenehm friedlich vor sich hinschlummerte: MEIN MANN KANN! Die total verrückte Show, in der wilde Frauen darum pokern, wie erfolgreich ihr jeweiliger Ehegatte diverse Aufgaben erledigen kann. Viele Männer kennen diese Fremdscham-Momente nur noch aus der Kindheit, wenn Mama sie im Stolz-Überschwang vor anderen Eltern blamierte – aber man ist ja nie zu alt für eine Extraportion Peinlichkeit!

Krasser Crazy-Kram

Im deutschen TV wird nicht nur besonders gern gecastet, gekocht und gequizzt, sondern auch gerankt! Sogenannte Ranking-Formate, in denen überschaubar leidenschaftlich lächelnd die jeweils 10, 25 oder 82 Best-of-Wasauchimmer-Dinge hintereinander wegpräsentiert werden, sind weiterhin publikumswirksam, erfrischend unaufwändig und auch nicht allzu teuer. Daher präsentiert uns RTL2 nun KRASS & CRAZY mit den 20 verrücktesten Campern und Wohnmobilen, präsentiert von einer irgendwo wohl bekannten Influencerin. Später dann irgendwann mit irgendwelchen anderen krassen Sachen und crazy Moderatoren oder Innen, weiß noch keiner. Kommt wahrscheinlich auch gar nicht so weit!

Scheiß-Fernsehen

Manchmal fällt es schwer, die Strategie von Pro7 zu verstehen: da bewies man in letzter Zeit vielfach, dass innovativ-intelligentes Entertainment sehr wohl funktionieren kann, reißt dann aber den gerade mühsam aufgebauten guten Ruf lachend und krachend mit dem Arsch wieder ein und verkündet Wiederholungen sowie neue Folgen von BALLS – FÜR GELD MACHE ICH ALLES! Wohl fraglos das widerwärtigste Vorführ-Format im deutschen Fernsehen, in dem das Publikum sich für kleine Geldbeträge durch Eigenurin-Trinken, Kopf-in-Kacke-packen oder Face-Furzing maximal erniedrigen und auslachen lassen muss. Für Geld machen anscheinend auch die meisten Sender Alles. Leider.

1806, 2022

Verlieren um zu gewinnen!

18. Juni 2022|

710 | TVS 13/22

Es ist schon ein paar Tage her, aber dennoch schmerzt es immer noch. Trotz aller Bemühungen hat Deutschland erneut die Schwarze Null beim Eurovision Song Contest verfehlt und den dauerhaft fest gebuchten letzten Platz, nach zuerst erfolgreich erkämpften Zero Points sämtlicher teilnehmender ESC-Jurys, am Ende mit 6 Mitleids-Punkten des Publikums doch nur knapp halten können. Die Enttäuschung bei den Verantwortlichen des NDR ist durchaus verständlich, denn wenn man nicht aufpasst, rutscht man auf diese Weise ruckzuck ungewollt auch mal auf den nur vorletzten Platz, und von dort aus ist es nicht mehr weit bis zum Mittelfeld, wo wirklich niemand landen möchte. Und kaum hat man die Rolle als stolzer Träger der Roten Laterne einmal verloren, kann sehr schnell die Stimmung in der Bevölkerung kippen. Wir alle erinnern uns noch mit Schrecken an 2018, als wir nach Jahren siegreichen Verlierens urplötzlich in Lissabon mit Michael Schulte unbeabsichtigt einmal auf Platz 4 landeten! Prompt begann das deutsche Publikum, sich von falscher Euphorie überrumpeln zu lassen, viele erinnerten sich gar an längst vergangene Zeiten des Triumphs mit Lena und Nicole und verstiegen sich in absurde Fantasie-Diskussionen, ob man nicht auch mal wieder gewinnen könnte.

Selbst wenn es in der Öffentlichkeit mitunter Missverständnisse darüber gibt: Sieg war für den NDR noch nie eine Option! Auch wenn dies nach außen hin bislang nicht offiziell so kommuniziert wurde, so ist es doch offensichtlich. Wäre dem nicht so, hätte man längst Konsequenzen gezogen! Zehn Jahre komplettes Totalversagen auf ganzer Linie ohne jede erkennbare Selbstreflexion oder Aussicht auf Besserung würde in keinem Unternehmen der Welt einfach immer wieder so hingenommen, ohne dass Köpfe rollen oder zumindest mal die Strategie geändert wird. Das wäre weder in der Wirtschaft möglich noch beim Fußball oder in der Politik, selbst ein Andi Scheuer wäre nach einer derartigen Maut-multiplikatorischen Mega-Vergeigungs-Serie irgendwann freiwillig zurückgetreten, um zumindest einen minimalen letzten Rest an Selbstachtung zu wahren. Und dass eine deutsche ESC-Teilnahme mit Platzierung im vorderen Ranking-Bereich durchaus möglich wäre, haben Kooperationen mit engagierten Menschen wie zB Stefan Raab ja bereits zweifelsfrei bewiesen.

Wenn wir den Verantwortlich*Innen beim NDR also keine systematische Unfähigkeit, bockige Sturheit oder bürokratische Borniertheit vorwerfen wollen, muss es sich ergo um eine planmäßig gezielte Taktik handeln, Deutschland als permanentes Schlusslicht zu etablieren, um auf gar keinen Fall doch noch einmal versehentlich zu gewinnen und den ganzen megateuren Bums von den Gebührengeldern ausrichten zu müssen. Dann lieber brav jedes Jahr etwas Kohle für die garantierte Teilnahme abdrücken, drumherum ein bisschen billiges Käseigel-TV mit überdrehtem Fake-Fan-Fun veranstalten und gemütlich die Quote beim Main-Event abgreifen, danach ein paar Tage entspannt das Media-Bashing abperlen lassen und routinierter Walk-of-Shame durch die Anstaltsflure – schon ist wieder alles vergessen und das nächste Debakel kann vorbereitet werden. Win-Win für alle. Denn nur wer konsequent professionell verliert, wird am Ende Sieger sein!

Renovierungs-Revival

Im TV wurde bereits fast jeder olle Gammel reality-technisch repariert und renoviert. Auf Sat1 Gold sind donnerstags von Acht bis Mitternacht jetzt mal wieder alle Arten von Bauwerken dran – und das in regelrechter Reihenhaus-Programmierung: erst schäbige Schlösser schönspachteln in ZWISCHEN PRUNK & PANIK: DIE GUTSHAUSRETTER, danach allgemeine Wohnraum-Aufhübschung in DER RENOVIERUNGSRETTER – AUS ALBTRAUM WIRD WOHNTRAUM und zum Abschluss der ganze ramschige Rest in AUS ALT MACHT WOW – WOHNTRÄUME WERDEN WAHR. Wenn das so weitergeht, ist Deutschland bis Ende des Jahres komplett grunderneuert. Und der Titel-Erfinder sollte dringend einen eigenen Lyrikband herausbringen!

Quiz-Recycling

Wer dieser Tage durch die Sender zappt, den kann durchaus ein leichtes Gefühl von heftiger Überpilawasierung und Overquizzung befallen. Verwirrenderweise ist Jörg Pilawa nämlich nicht nur bereits seit Wochen wieder auf SAT1 mit QUIZ FÜR DICH