KalkBlog2018-12-10T21:37:44+02:00
1606, 2019

633. Vorsicht vor YouTubern! (TVS 13/19)

16. Juni 2019|Kalkofes letzte Worte, Kalkofes letzte Worte 2019, Kalkofes letzte Worte 2019, 2. Quartal|

Deutschland muss sich mit einer neuen, ernsthaften Bedrohung auseinandersetzen: die so genannten ‚YouTuber’. Für alle analogen Leser: gemeint sind jene komischen Vögel, die in diesem Junge-Leute-Fernsehen namens Internet ihre Sendungen machen. Also keine wirklich richtigen mit Moderator, Quizfragen und Gesangsauftritt von Hansi Hinterseer, sondern einfach so wild zusammenhangloses Gesabbel und Gefuchtel, bei dem man die letzten Drogerie-Einkäufe präsentiert, sich den Körper mit Nutella und Hackfleisch einreibt oder den Vorschul-Kids erklärt, wie man sich mit Muttis Make-up in nur fünf Minuten nuttig schminkt. All diese ulkigen medialen Nichtsnutze haben häufig Tausende oder gar Millionen Fans, größtenteils bei Kindern und Jung-Jugendlichen, weil es halt kein ZDF-Ferienprogramm oder andere Alternativen mehr gibt.

Während man in den übrigen Medienbereichen zunehmend bemüht ist, sich bei den pfiffigen Fame-Vortäuschern archkriecherisch anzubiedern, um dadurch vielleicht wieder ein paar jüngere Zuschauer anzulocken, sehen viele Erwachsene diese eher kritisch. Fürchtete man bisher allerdings hauptsächlich die Influencer-Beeinflussung unserer Jugend in Richtung rauschhafte Konsum-Animation, Hirn-Einlullung und generelle Doofwerdung, so haben sich die vormals inhaltsleeren Digitalwelt-Trolle jetzt zu einer massiven Gefahr für die Demokratie gemausert. So ruinierte beispielsweise ein einziges Laber-Zappel-Filmchen eines unbekannten YouTube-Spaßvogels namens Rezo den kompletten grandios geplanten Mega-Sieg der CDU und der meisten ihrer beliebten Volkspartei-Kollegen bei der Europa-Wahl. Hatte man die (für eine seriöse Partei selbstredend nicht ernstzunehmenden Äußerungen) des blauhaarigen Kindskopfs mit seinen knapp 30 Lenzen zuerst lächelnd ignoriert und später ignorant belächelt, so erfreuten sie sich bei vielen unter 70-jährigen Netznutzern großer Beliebtheit und regten viele junge Menschen zu politischen Diskussionen an, die vorher doch immer so erfrischend uninteressiert ihre Klappe gehalten hatten. Die tiefsympathische Unions-Vorsitzende AKK reagierte auf diese ungewohnte Reaktion der aufmüpfigen Bevölkerung mit trockenpfläumischer Gelassenheit und der Ankündigung, dass man zukünftig vor den Wahlen populären Medienvertretern und journalistischen Schwergewichten wie Rezo zum Wohle des Volkes besser höflich aber bestimmt untersagen solle, nicht mehr einfach so ihre Meinung zu sagen, außer sie ist neutral positiv oder objektiv lobend der Regierung gegenüber. Denn Pressefreiheit ist zwar wichtig und schützenswert, aber nur wenn man sie nicht übertreibt. Zudem kritisierte sie zu Recht die zahlreichen Fehler im Video, allein schon im Titel – so handelte es sich schließlich nicht um die ‚Zerstörung der CDU’, sondern vielmehr um die ‚Vorlage zur Selbstzerstörung der CDU’ – die dann am Ende auch noch frecherweise von der SPD vorweggenommen wurde.

Eine durchaus bemerkenswerte Entwicklung – verbunden mit der erstaunlichen Erkenntnis, welch gewaltige Sprengkraft ein harmlos anmutendes Tischfeuerwerk doch entwickeln kann, wenn man seine mögliche Auswirkung überheblich abstreitet, es trottelig handhabt und am Ende unbeholfen in der eigenen Fresse explodieren lässt.

Hautmalereien

War das tintengespritzte Körpergemälde einstmals noch vornehmlich Seeleuten, Gang-Mitgliedern und Knast-Insassen vorbehalten, so fand das Tattoo über den Umweg falsch geschriebener Fremdsprach-Sinnsprüche, schwurbeliger Fantasy-Tribals und aus Damen-Tangas flatternder Riesen-Arschflügel allmählich den Weg zum Szene-Must-Have. Da die Rezeptionen der künstlerisch wie flächenmäßig immer ausufernderen Body-Bemalungen zwischen Faszination und Fassungslosigkeit schwanken, es aber für alles ja immer irgendeinen Grund gibt, beleuchtet RTL2 die spannenden Geschichten hinter den Körperkrickeleien jetzt dokusoapig in TATTOO-STORIES – DAS GEHT UNTER DIE HAUT. Ritzig, witzig und spritzig – that’s Tatootainment!

Rechenfehler

Armes Deutschland! Hätte Madonna beim EUROVISION SONG CONTEST nicht gnädigerweise für Ablenkung gesorgt, wäre unsere erneute Komplett-Abkackung wahrscheinlich die größte Zielscheibe des Spottes geworden. So bekam unsere eigentlich maschinell einwandfrei abgespulte Pillepalle-Pop-Performance als einzige von sämtlichen (!) europaweit teilnehmenden Publikums-Votings Null Punkte, was uns auf den drittletzten Platz katapultierte. Als Krone der Demütigung wurde dieses Ergebnis wenige Tage später wegen eines Rechenfehlers aber korrigiert, wodurch unsere S!sters noch eine Nummer tiefer rutschten. Kommt schon – jetzt seid wenigstens so fair und gebt uns den allerletzten Platz! So wirkt das irgendwie halbherzig.

Horrorverlängerung

Das Grauen kennt keine Gnade und kein Ende! So wurde bekannt, dass Heidi Klum bei Pro7 für furchtbare weitere sechs Jahre ihrer maliziösen Mutantinnen-Show zur militärischen Erotik-Umformung unschuldiger junger Mädchen zu willfährig latschenden Lustobjekten unterzeichnet hat. An alle Eltern knapp geschlechtsreif gewordener Töchter: wenn ein GNTM-Wagen durchs Dorf knattert oder in der Ferne die fiepsende Heidi-Quäke ertönt – versperrt die Türen und versteckt Eure Mädels! Der Model-Gollum darf sie nicht erwischen!

106, 2019

632. Ein Dank an die Langeweile (TVS 12/19)

1. Juni 2019|Kalkofes letzte Worte, Kalkofes letzte Worte 2019, Kalkofes letzte Worte 2019, 2. Quartal|

Streamingdienste, youtube und das Internet – sie alle sind Mörder! Denn zusammen haben sie hinterrücks ein lebenswichtiges menschliches Grundbedürfnis getötet, das eine enorme Wichtigkeit für Seele und Geist darstellt: die gepflegte Langeweile! Gemeint ist nicht das Gefühl kurzzeitiger Unterforderung des sonst durchgängig überreizten Synapsensystems, zB wenn man mehr als eine Minute ganzen Sätzen zuhören muss oder in einem Film ein Bild länger als drei Sekunden ohne Schnitt die Geduld des jüngeren Publikums auf die Probe stellt. Zwar wird gern bei solchen Gelegenheiten ein entnervtes ‚Laaangweilig!’ in den Raum geworfen, aber diese belanglos flüchtigen Momente vorübergehender Lebens-Action-Verlangsamung haben nichts mit der echten und wahren Langeweile zu tun, die viele von uns Älteren noch mit Körper und Seele fühlen, schmecken und durchleben durften. Wer seine Jugend in den 70er/80er Jahren verlebte, dazu vielleicht noch in einem Dorf oder einer Kleinstadt, der weiß was ich meine. Die Langeweile war allgegenwärtig, sie war übermächtig und omnipräsent, sie wartete an jeder Ecke, um sich auf einen zu stürzen und im lähmenden Klammergriff von jeder Form des sinnlichen Erlebens fernzuhalten.

Es war eine sehr spezielle Zeit. Nach dem Wiederaufbau des Landes in den Fünfzigern und den Revolutionen der Sechziger boten die Siebziger zum ersten Mal eine Phase relativer Ruhe und Beständigkeit. Plötzlich hatten die Menschen in bislang unbekanntem Übermaß etwas, das sich ‚Freizeit’ nannte und die es nun individuell auszufüllen galt. Allerdings gab es anfangs nur zwei richtige Fernsehprogramme, kein Handy und nirgendwo W-Lan. Das Entertainment-Angebot war in seinen aufregendsten Momenten vergleichbar mit einem heutigen Tag bei starkem Regen im Bett mit schwerer Grippe ohne Netzempfang bei Stromausfall – und im schlimmsten Fall auch noch mit Besuch von der Verwandtschaft. Der Videorekorder wurde gerade erst erfunden, Kinos konnte man an den Fingern einer Hand mit fehlenden Gliedmaßen abzählen, Musik wurde nicht gestreamt sondern mit einer Nadel aus den Rillen schwarzer runder Pfannkuchen gesogen. Viele waren derart entmutigt, dass sie sogar Bücher lasen. Trostlose Versammlungen trauriger Teenager in dunklen Reihenhauskellern, bei denen man stumpf blickend auf muffigen Matratzen hockte, billiges Bier trank und von einem spannenderen Leben träumte, nannte man ‚Coole Partys’.

Zugegeben, schön war das nicht wirklich. Andererseits beruhigte es auf angenehm betäubende Weise die Psyche. Man blieb bescheiden und selbst für die plumpste Vortäuschung von Vergnügen dankbar. Die aggressive Langeweile war gut und wichtig, denn sie zwang viele, aus reiner Verzweiflung das labberige Schicksal aktiv in die Hand zu nehmen. Man hatte ja nichts – außer sich selbst. Das war zwar meist nicht viel, aber manchmal doch mehr als man glaubte. Und wäre es draußen nicht dauernd so dösig und dunkel gewesen, hätte man gar nicht im eigenen Kopf nach dem Lichtschalter gesucht. Daher: Danke, Langeweile – ohne Dich in meiner Jugend wäre ich nie gezwungen gewesen, selbst kreativ zu werden. Und dann wäre mein Leben heute wahrscheinlich ziemlich langweilig!

Kopulationsküche

Da gingen anscheinend bei den Öffentlich-Rechtlichen an verschiedenen Stellen nach dem Mittagsschlaf zur gleichen Zeit die Ideen-Lampen im Kühlschrank an: sowohl der BR wie auch ZDFneo ‚überraschen’ uns jetzt nämlich mit einer krassen Kombi aus Koch- und Kuppelshow, in der liebeshungrige Singles für ihre Kopulationsanwärter zur Knatter-Anbahnung beim Flirten erst mal kochen müssen. Den Anfang machen die Bayern mit dem mega-originellen LIEBE GEHT DURCH DEN MAGEN, denn dort wusste man schon immer: Vor dem Bumsen – nicht vergessen, gibt es erst mal was zu essen! Mit dem ZWEITEN isst man später, deren DINNER DATE steckt noch im Kreativ-Kochbeutel. Ich wünsche guten Appetit und empfehle den GV-Partner-Bringdienst.

Gesprächsbedarf

Im Ersten wird zu wenig geredet, vor allem am späten Abend. Also jedenfalls mit Prominenten, die nicht Politiker sind. Deshalb möchte die ARD jetzt dem Laber-Lanz im Zweiten keck über den Mund fahren und bringt ab Herbst vier Freitags-Talkshows aus den Dritten spätabends ins glamouröse Erste. NDR-TALKSHOW, KÖLNER TREFF und 3 NACH 9 bekommen ein Sender-Update, der kleine RBB darf in der Kreativ-Krabbelgruppe sogar was ganz Neues basteln. Tietjen, Bommes und die Riverboat-Piraten aus dem Osten müssen allerdings weiter allein im Regionaltümpel plantschen. Vielleicht sollte man darüber mal in einer Talkshow ganz offen reden…

Humorverbrechen

Die gefürchtete Flachwitz-Mafia AKV ist eine sehr mächtige Organisation, die geheim im Dunkeln operiert und den WDR streng im Würgegriff hält. Denn obwohl die komikfeindliche Zwangsbespaßungs-Zusammenkunft WIDER DEN TIERISCHEN ERNST seit Jahren massiv Zuschauer verliert, hat der  überaus einflussreiche Aachener Karnevals Verein den Kölner Sender dazu zwingen können, ihre Sendung zur versuchten Vernichtung des deutschen Humors mindestens zwei weitere Jahre auszustrahlen, um uns alle zu bestrafen. Wo bleibt die Spaß-Polizei, wenn man sie mal wirklich braucht?