Der Tag der Einheiten
691 | TVS 20/21
Am 3. Oktober feiern wir wie jedes Jahr den Tag der Deutschen Einheit, mit dem die Wiedervereinigung von Ost und West nach Beendigung des DDR-Regimes geehrt werden soll. Eine tolle Sache, über die wir uns alle freuen sollten – auch wenn es bisweilen erscheinen mag, als ob von echter Einheit in unserem Land momentan nicht wirklich viel übriggeblieben wäre. Eher macht es den Eindruck, als fänden sich überall große Mengen einzelner Menschen auf der Suche nach einer schützenden Mental-Gemeinschaft in unzähligen eigenständigen Meinungs-Einheiten zusammen, die sich in ihren Widersprüchen addieren und in der Summe Zwietracht ergeben.
Betrachten wir nur einmal die zahllosen politischen Einheiten rund um die Bundestagswahl. Subtrahieren wir dabei die Community der zeitweilig bis ewig Unentschlossenen und Uninteressierten, so spaltet sich der Rest des Ankreuz-Volks in diverse Extreme-Opinion-Bubbles (um es mal auf Deutsch zu sagen): Linke, Rechte, Grüne, Liberale, Sozis, Wertkonservative, Neo-/Alt-Nazis, Antifa, Linksgrün-Versiffte, Blöde, Naive und Doch-Überhaupt-Keine-Ahnung-Haber – zumindest aus der jeweiligen Sicht der gegnerischen Standpunkt-Fraktion. Was die immer noch andauernde Pandemie angeht, wird die Nation wiederum in komplett neue Splittergruppen eingeteilt: Geimpft, Genesen, Getestet, Gechippt, Corona-Leugner, Lockdown-Hardliner, Querdenker, Systemlinge, Reptiloiden, Impfgegner, Impfzweifler und Nur-mit-Bratwurst-Impflinge. Ganz zu schweigen von all den unzähligen sonstigen Nebenkriegsschauplätzen des Alltags, wie zB Sexual-Präferenz, Nationalitäts-/Alter-/Gender-Zugehörigkeit inkl. Umgang damit, Klimawandel, Mobilität oder Ernährung. All die jeweils zum Thema zugehörigen Gesinnungs-Gruppen neigen in ihrem in sich fest geschlossenen Befindlichkeits-Block zu stetig zunehmender Radikalität, was durch den schützenden Anonymitäts-Mantel der Social Media-Plattformen selbst den sonst noch so schweigsamen Meinungs-Feigling zum virtuell lautstarken Sprachrohr der Empörung werden lässt. Generell nicht gerade die besten Voraussetzungen für einen Tag der Einheit – vom Rest des Lebens ganz zu schweigen.
Wie wohltuend, dass wir wenigstens das gute alte Fernsehen haben. Einer der letzten Orte, wo wir auch weiterhin täglich rund um die Uhr die Einheit als sämigen Brägen-Brei erleben dürfen. Schauen wir die Öffentlich-Rechtlichen, so ist fast jeder dort nett und höflich, lächelt freundlich, trägt Smart-Casual-Kleidung und hat reine saubere Haut wie auch einen adretten Haarschnitt. Schalten wir zu den Privaten, sind die Menschen im Moderationsbereich jung, dynamisch und gleichförmig attraktiv, als Bums-Show-Kandidaten oder Reality-Darsteller hingegen eher ganzkörper-rasiert, operiert und verkrickelt tätowiert, körperlich durchtrainiert bis deformiert, selbstbewusst asozial und bildungstechnisch tiefergelegt. Alles immer so, dass man beim Zapping innerhalb einer Sekunde weiß, wo man sich befindet, ohne böse Überraschungen erleben zu müssen. Mehr Einheit geht nicht!
Einsatz auf zwei Rädern
Auto-Verfolgungsjagden im TV sind teuer, im Grunde ziemlich amerikanisch und total Old-School! Daher setzt SAT1 jetzt auf rasant radelnde Drahtesel-Wachtmeister in einer neuen Primetime-Reportage über Polizei auf nur zwei Rädern: 110 FAHRRAD-COPS IM EINSATZ! Moderne deutsche Bull*Innen im Sattel, die Hand an der Klingel und knallhart klimaneutral. Okay, vielleicht nicht gerade FAST & FURIOUS, aber zumindest RECHT FLOTT & BISWEILEN MAL SCHLECHT DRAUF – mehr geht bei uns halt nicht!
Fischer-Kerner-Tausch
Auch wenn viele Menschen bei uns auf eine Art German ‚Freedom-Day‘ wie in England hoffen: Nein, die Corona-Pandemie ist in Deutschland definitiv noch nicht vorbei! Als endgültiger Beweis wurde nun vom ZDF zum zweiten Mal aus Covid-Gründen die Aufzeichnung der HELENE FISCHER SHOW für den ersten Weihnachtsfeiertag abgesagt, weil man nur 4.000 statt 11.000 Zuschauer in die Halle hätte lassen können, was für ‚La Fish‘ natürlich eine Beleidigung gewesen wäre. Stattdessen darf JB Kerner erneut in die Sprung-Schuhe von Hans Rosenthal schlüpfen und ein weiteres DALLI DALLI – Revival moderieren. Wer jetzt ‚Das ist Spitze!‘ sagt, muss zur Strafe in die Luft hüpfen!
Empörungs-TV
Wer aus Langeweile in den letzten Tagen mal unbedarft die höheren Nummern im Sendersuchlauf durchklickte, mag sich gewundert haben: Huch, gibt es die BILD-Zeitung jetzt auch vorgelesen als Hörbuch mit Handpuppen? Teilweise richtig, aber bei den zahlreichen Talk-Runden im Lokalfernseh-Look mit vielen unaufgeregt stehenden und umso aufgeregter redenden Volksmeinungsmacher-Marionetten handelt es sich wirklich um BILD als seriös gemeinten News-Kanal im Free-TV! Problematisch, denn darin kann man nicht mal Fisch einwickeln.
Goodbye Yellow Brick Road
690 | TVS 19/21
Mama, warum hängen an den Laternen plötzlich so viele Bilder von grimmig blickenden menschenähnlichen Androiden?“ Eine Frage, die derzeit viele Kinder ihren Eltern stellen – nur wie erklärt man den Kleinen diese bizarre Zeit, die wir Erwachsenen als ‚Bundestags-Wahlkampf‘ bezeichnen? Nun, vielleicht kann uns dabei das wunderbare Märchen vom WIZARD OF OZ weiterhelfen – zumindest bei der Vorstellung der wichtigsten Kandidaten.
Zuerst einmal hätten wir da Annalena, die deutsche Dorothy. Ein wenig naiv, aber immer verkniffen fröhlich und mit guten Absichten, unterwegs ins Zauberhafte Land, um dies mit Liebe und Edelmut zu regieren – allerdings ohne zu realisieren, dass sie allein den Weg gar nicht finden würde und ihre eigene Geschichte aus einem anderen Buch abgeschrieben hat.
Begleitet wird sie vom mutlosen Labber-Löwen Laschet. Ein wackelpuddingstarker Papiertiger, der sich selbst für ein Raubtier hält und gerne König des deutschen Waldes wäre, sich bei kritischen Fragen aber lieber schnell hinter dem nächsten Baum versteckt. Inzwischen bereut er es auch, nicht doch dem stolzen Zauberer Marcus, einem charismatischen Blender und Schaumschläger aus der Smaragdstadt München, den Vortritt gelassen zu haben, da er selbst andauernd nur mit Arschbombe in sämtliche Fettnäpfchen hüpft, jedoch wäre ein Rückzug zu diesem Zeitpunkt nur noch mit ärztlichem Attest möglich.
Seine größte Konkurrenz ist derzeit Olaf, der schlumpfig lachende Zinnmann. Ein eisenharter Blech-Genosse, der zwar immer noch auf der Suche nach einem echten Herzen ist, dafür aber beim Reden weder wackelt noch hinfällt, was ihn gegen den orientierungslos wimmernden Loser-Leo trotzt chronischer Hüftsteife relativ standhaft und kraftvoll erscheinen lässt.
Ganz links neben ihnen auf der stark renovierungsbedürftigen gelben Ziegelsteinstraße läuft die Vogelscheuche Dietmar-Janine, die gendergerecht halb-Mann-halb-Frau ist, aber wegen zu vieler Albereien von niemandem wirklich ernst genommen wird, obwohl sie manchmal kluge Dinge sagt. Keiner möchte ernsthaft eine langfristige Beziehung mit ihr aufbauen, dennoch lässt man sie mitlaufen, solange sie nicht zu laut und nervig wird.
Nicht zu unterschätzen ist vor allem aber der freche Wadenbeißer Christian alias Toto. Froh, dass er überhaupt wieder mitdarf, dabei aber clever genug sich so zu positionieren, dass ohne ihn keiner zum Ziel kommt, obwohl er meist nichts anderes tut als kläffen, Häufchen machen und anderen ans Bein zu pinkeln.
Die größte Gefahr für alle ist allerdings Alice, die böse Hexe des Ostens (und Westens) mit ihrem fliegenden Affen Tino, die irgendwo im dunklen Wald hinten ganz rechts wohnt und definitiv nichts Gutes im Schilde führt – weshalb auch jeder versucht, ihr so weit wie möglich aus dem Wege zu gehen.
Diese Truppe ist nun auf dem Weg Richtung OZ (Ost-Zone), wo jeder von ihnen gern als gütiges Oberhaupt des Reiches antreten würde. Und da es letztlich auch irgendwer aus dieser Luschengruppe werden wird, müssen wir diesmal leider auf ein Happy End verzichten. Ende.
Ja-Sager
Juhu, endlich darf wieder geheiratet werden! Also jedenfalls im Fernsehen, aber jetzt sogar wenn man kein Promi ist, bei VOX in MEIN SCHÖNSTER TAG – HEUTE WIRD GEHEIRATET. Dort zeigt man ganz ‚nah, emotional und persönlich‘ Wedding-Paare, deren Liebesgeschichten und die 24 Stunden vor der Hochzeit in Echtzeit, quasi wie damals bei Jack Bauer nur ohne Blut und Terroristen, wenn man von den Schwiegereltern und Verwandten mal absieht. Nach dem Ja-Wort dürfen sich dann alle verpissen und zur Scheidung wieder melden, dafür wird inzwischen sicher auch was entwickelt.
Job-Sucher
Promis sind arme Schweine, inzwischen müssen sie im Fernsehen wirklich alles machen – außer das, womit sie vielleicht mal berühmt geworden sind. Nun wird es sogar besonders schlimm, denn jetzt sollen sie sogar versuchen, einen ‚richtigen Beruf‘ zu erlernen, bzw. wenigstens mal in einen solchen hinein schnuppern. Geschehen wird diese fiese Folter auf Pro7 in DIE JOB-TOURISTEN: WIR LERNEN JETZT WAS RICHTIGES, von dort aus geht es für die prominenten Probanden zur Polizei, Feuerwehr oder ins Hotelgewerbe, wo sie dann von echten Profis beobachtet und bewertet werden. Zeit für die erste Promi-Gewerkschaft!
Wohnungs-Renovierer
Knapp 20 Jahre nach Tine Wittler und Dutzenden von Renovierungs-, Entrümplungs- und Umbau-Doku-Soaps bei den Privaten, springt jetzt auch das ZDF auf den längst schon am Horizont verschwundenen Geisterzug und haut ein pfiffiges Umräum-Format mit fesch-frechem Titel raus: MEIN ZUHAUSE RICHTIG SCHÖN – DER EVA BRENNER PLAN. Klasse, für genau solch moderne Innovationen und fantasievolle Kreativität lieben und brauchen wir die Öffentlich-Rechtlichen! Immer ganz vorn dabei, wenn’s schon lange vorüber ist, und stets am Puls der Zeit, sobald der nicht mehr schlägt!