KalkBlog2022-08-12T17:31:52+02:00
1308, 2022

Jünger, dümmer, geiler!

13. August 2022|

714 | TVS 17/22

 

Zuerst die gute Nachricht: Corona, Klimawandel, Putins Krieg gegen die Ukraine – alles vorbei! Spielt in den Medien jedenfalls derzeit kaum noch eine Rolle, scheint sich also erledigt zu haben. Jetzt die schlechte: das deutsche Volk ist zerstrittener und gespaltener als jemals zuvor! Schuld daran ist die verbitterte Diskussion um das angedrohte Verbot eines schwungvollen Ballermann-Gassenhauers über eine junge Organisations-Fachkraft im professionellen Orgasmus-Management. Oder wie es wörtlich in den Lyrics heißt: ‚Ich hab nen Puff und meine Puffmama heißt Layla, sie ist schöner, jünger, geiler!‘

Unklar ist bei der öffentlichen Kontroverse allerdings, wieso genau diese musikalische Nahtod-Erfahrung eigentlich als sexistisch einzuschätzen ist, da das Problem ja kaum die grundsätzlich ehrbare Tätigkeit einer Frau als bezahlte Samenerguss-Assistentin an sich sein kann. Geht es darum, dass jene spezielle Dame von einigen Hörern als zu jung für eine Führungsposition im Koitalkonsumgewerbe angesehen wird? Oder dreht es sich um die offenkundige Reduzierung auf ihre rein körperlichen Vorzüge, ohne auch ausreichend ihre Kompetenzen als erfolgreiche Geschäftsfrau zu würdigen? Manche behaupten hingegen, es handle sich um latenten Rassismus, da der Name Layla eindeutig arabischer Herkunft sei. Bleibt die Frage, warum sich dann die geschmacksresistenten Ausnahmekünstler DJ ROBIN & SCHÜRZE gerade für diese Text-Variante entschieden haben. Wäre der ganze Ärger vielleicht vermeidbar gewesen, wenn sie stattdessen gesungen hätten ‚Ich hab‘ ein kostenpflichtiges Geschlechtsverkehrs-Kontaktzentrum und meine Geschäftsführerin heißt Hilde, die ist ne dicke, alte, wilde‘?

Keine Ahnung, aber jetzt ist es zu spät, die Nutte ist bereits in den Brunnen gefallen, wie der Volksmund sagt. Nur wieso überhaupt die Aufregung? Unangenehm schlüpfrige Fickel-Fantasien waren von jeher die DNA des deutschen Schlagers. Ein Großteil der vermeintlich braven Schunkel-Balladen der 60er bis 90er handelt von bierseligen Knatter-Abenteuern alter weißer Schmierlappen auf Pauschalreise, die zum Abschied noch schnell ein selbstverständlich wunderhübsches (häufig auch minderjähriges) Mädchen flachlegen, es in ihrem Liebesschmerz angebumst zurücklassen und ihr als Dank ein Klischee-triefendes Kitschlied widmen (ohne Tantiemen-Anspruch!). Egal ob nun die Mexican Lady, kleine Eva oder Lotosblume der Flippers, Udo Jürgens‘ 17-jährige Blondine oder jene blutjunge, unbekannte Inselschönheit, der Roland Kaiser auf Santa Maria das sexuelle Upgrade ‚vom Mädchen bis zur Frau‘ verpasste. Von Rosis legendärem Sperrbezirks-Freudenhaus und den kotzgrenzwertigen bis durchaus justiziablen Verbal-Demütigungen der Frauen im heimischen Protzpimmel-HipHop und Kleingangster-Rap mal ganz zu schweigen.

Vielleicht sollten wir einfach keine Zeit mehr mit Schein-Debatten verschwenden, ob deutsche Sauf-Schlager und Stimmungs-Gröler sexistisch sind, sondern lieber fragen, wieso sie immer derart unbarmherzig kackendämlich, schmerzhaft stumpf und grenzenlos beschissen sein müssen! Das frage ich mich nämlich schon seit Jahrzehnten.

Bohlen-Rückführung

Alte TV-Regel: sinken die Quoten, verabschiedet sich auch die Haltung! Gerade deutlich zu sehen bei RTL, wo man sich im Zuge einer neuen Qualitäts-Offensive vor einem Jahr lautstark für immer von DSDS-Drill-Sergeant Dieter Bohlen trennte und ihn durch seinen Gute-Laune-Gegenpol Florian Silbereisen ersetzte. Die vermeintliche Verbesserung wurde allerdings vom Superstarsuch-übersättigten Publikum nicht wirklich angenommen, weshalb man nun für die vielleicht vorläufig finale Staffel reumütig den alten Meckerrochen zurückholte, der seinerseits niemals wiederkommen wollte. Schwamm drüber, am Ende zählt eh nur die Kohle! Klassische Lose-Lose-Situation für beide Seiten.

Abschieds-Essen

Alte Lebensweisheit: eine gescheiterte Beziehung ist erst dann wirklich vorbei, wenn beide Partner im Fernsehen vor Tausenden von Fremden alle intimen Details noch einmal für Geld qualvoll ausdiskutiert haben. Was man genau so mit echten Menschen wie auch unvermeidlichen Pseudo-Promis jetzt beim Streamingdienst Discovery+ beobachten kann, denn dort wird bei EATING WITH MY EX mit eben jeweils exakt der oder dem ein letztes Mal gemeinsam gefressen und gefrustet. Denn persönliche Krisen machen schließlich erst mit Publikum richtig Spaß! Und das unnötige Privatleben wird eh überschätzt.

Promi-Geißelung

Im Grunde eine schöne Idee, all die unerwünschten Trashformat-Pseudo-Promis aus eigener Arschgeigen-Züchtung für all ihre Taten mal gemeinsam über ihre zahlreichen Verfehlungen reflektieren und Buße tun zu lassen. Aber wer das nur schwer erträgliche GROSSE PROMI-BÜSSEN auf Pro7 schaut, der weiß, diese Prämisse ist wie immer nur ein zynischer Vorwand, die armen Idioten ein weiteres Mal bis aufs Blut zu quälen, zu demütigen und wie egomanische Kampfköter im Aufmerksamkeits-Blutrausch gegeneinander zu hetzen. Wäre schön, als nächstes gleich die Produzenten, Senderverantwortlichen und den ekelhaft süffisanten Off-Kommentator ins Folterlager hinterher zu schicken. Beim Fernsehen muss so eine Anlage doch im Grunde niemals leer stehen!

3007, 2022

Welcome to Promiland!

30. Juli 2022|

713 | TVS 16/22

Leider müssen wir heute einmal ganz offen und ehrlich über unsere Promis reden, denn so langsam mache ich mir ernsthaft um sie Sorgen. Gemeint sind natürlich die hauptberuflichen Vollzeit-Blamier-Pöbel-und-Nerv-Promis ohne besondere Fähigkeiten oder spezielles Talent, die in sendereigenen Reality-Doku-Soap-Zucht-Anlangen aufgezogen, ausgeliefert und bis zur medialen Endschlachtung durch sämtliche existierenden Fun-and-Folter-Formate getrieben werden. Nicht gemeint sind explizit sogenannte ‚Prominente‘ nach früherem Wortverständnis, also Menschen, die durch Können oder Leistung über einen gewissen Zeitraum Popularität, Respekt oder gar Bewunderung erlangt haben. Zwar sieht man auch solche Persönlichkeiten mitunter in Sendungen dieser Art, meist wenn die Erwerbsmöglichkeiten in der eigentlichen Kernkompetenz sich stark verringert haben, aber die sollten sich hier nicht angesprochen fühlen.

 Die Population jener neu definierten Pseudo-Promis aus eigener Herstellung hingegen hat sich im Laufe der letzten Jahre derart schnell, stark und unkontrolliert vergrößert und medial verbreitet, dass inzwischen viele Zuschauer bereits von einer Plage oder Heimsuchung sprechen. Kaum eine Sendung, in die sich nicht ein oder mehrere Ableger dieser Spezies verirren und festbeißen, was mit der Zeit häufig dazu führt, dass die Wahrnehmungsgrenze zwischen echter Prominenz und künstlich reproduzierter Promi-Existenz für das Publikum immer mehr verschwimmt oder nicht mehr klar erkennbar erscheint. Hinzu kommt das immer größer werdende Problem, dass (trotz Reality-Schwemme) auf Dauer nicht genügend Formate existieren, um all die vielen neu entstandenen und stetig nachwachsenden Entertainment-Kreaturen überhaupt unterzubringen, was in dieser sozialen bis asozialen Gruppe vermutlich schon bald zu erhöhter Arbeitslosigkeit, Frustration und Depression führen wird. Stellen wir uns also darauf ein, von den Betroffenen zukünftig verstärkt um Bewunderung, Aufmerksamkeit und Zuwendung in der Öffentlichkeit und den sozialen Netzwerken angefleht zu werden. Vergessene Interims-Promis, die Passanten vor Bahnhöfen und in Fußgängerzonen verzweifelt um ein Selfie mit sich anbetteln, sind heute schon keine Seltenheit mehr.

 Es wird daher höchste Zeit, dass sich nun auch die Politik ihrer Verantwortung bewusst wird und um diese Randgruppe kümmert. Mein Vorschlag wäre, über ein eigenes Bundesland für die Betroffenen nachzudenken. Muss ja nicht groß sein, irgendeine Gegend, die eh brachliegt oder deren Verlust keinem groß auffallen würde (zB Ecke vom Saarland, Bayern-Zipfel oder ein umzäuntes Gebiet in Meck-Prom). Man könnte das Gebiet artgerecht mit Überwachungs-Kameras ausstatten und einen Livestream starten, damit sich die Bewohner wohlfühlen, und das ganze BIGBROTHERLAND, PROMITIEN oder ASSHOLIEN nennen. Sämtliche P-People hätten dort genügend Auslauf und könnten statt uns, sich gegenseitig auf die Eier gehen. Bei Bedarf müssten die Sender einfach mit ein paar Jeeps und Jägern reinfahren und sich für eine anstehende Sendung ein Rudel frisches Promi-Wild einfangen. Win-Win für Alle. Wir sollten schnell handeln!

Männersuche

Single-Promis, die einen Partner suchen, werden von den Privatsendern überaus gern am Nasenring durch die Manege geschleift. War bisher allerdings meist nur wenig erfolgreich, sowohl beziehungs- wie auch quotentechnisch. Aber das heißt ja nicht, dass man das nicht einfach ignorieren könnte. Außerdem: wenn es schlecht läuft, ist letztlich nur die fehlende Zugkraft des Kuppel-Promis schuld, aber keiner der Verantwortlichen – so funktioniert Fernsehen! Jetzt muss Ex-Dschungelkönigin Evelyn Burdecki dran glauben und in ihrer neuen Surprise-Love-Casting-Show TOPF SUCHT BURDECKI in SAT1 nach der theoretisch großen Liebe fahnden. Nicht traurig sein, falls es nicht klappen sollte – einfach ein neues Opfer suchen!

Rücktrittsrückkehrer

Was macht eigentlich… Karl-Theodor zu Guttenberg? Eine Frage, die sich wahrscheinlich gar nicht mal allzu viele Menschen aus Sehnsucht gestellt haben, nachdem er vor elf Jahren wegen der spektakulären Copy-and-Paste-Affäre als Verteidigungsminister zurückgetreten und aus dem öffentlichen Leben verschwunden ist. RTL+ beantwortet sie uns dennoch, da KTG demnächst für den Streamingdienst als Moderator und Interviewer einer neuen Docutainment-Reihe vor der Kamera stehen wird. Noch weiß keiner, worum es gehen soll, aber laut Ankündigung soll es total toll und ‚High-End‘ werden! Mehr muss ich persönlich auch gar nicht wissen, um mich nicht weiter dafür zu interessieren.

Realitätsverdrängung

Es gibt manchmal auch gute Nachrichten! So hat SAT1-Chef Daniel Rosemann angekündigt, in Zukunft komplett auf Scripted Reality im Programm verzichten und auch keine neuen Folgen mehr produzieren zu wollen! Diese Verkündung ist so großartig wie überfällig – dennoch hier die Bad News: 1. Die Konkurrenz macht weiter wie bisher. 2. Es sind noch jede Menge Folgen zum Wiederholen vorhanden. 3. Wir wissen noch nicht, was stattdessen kommt! Aber was auch geschehen mag – gönnen wir uns diesen wunderbaren kurzen Moment der Hoffnung!