615. Erfolg durch Versagen (TVS 21/18)

Wirtschaft und Politik haben stets demonstriert, dass sämtliche naiven moralischen Werte, die uns in der Schule vorgebetet wurden, in der Realität keinerlei Bedeutung haben. Als Kind lernt man brav zu sein, zu gehorchen und gute Leistungen zu bringen, sonst gibt es schlechte Zensuren oder es droht im schlimmsten Fall der Rauswurf. Später im echten Leben Fuß spielt das alles keine Rolle mehr. Na gut, vielleicht noch für den so genannten ‚Dienstleister’ oder ‚unteren Befehlsempfänger’, der kriegt bei Problemen immer von oben auf die Mütze und einen Tritt ins Kreuz beim Rausgehen. Je höher man allerdings steigt desto unantastbarer wird man, denn die eigenen Fehler können generös auf die Untergebenen verteilt werden. Und je größer die gebaute Scheiße, desto besser die Chancen dass man schnell und unbürokratisch mit Säcken voller Abfindungskohle verabschiedet oder auf einen höheren Posten versetzt wird. Denn auch wenn einen jeder los sein möchte – wichtig ist dass der Vorgesetzte für die Verkackung des betreffenden Trottels nicht mit zur Rechenschaft gezogen werden kann. Ein Rausschmiss wäre da viel zu auffällig und würde einem Schuldeingeständnis gleichkommen, da entsorgt man den dummen Elefanten lieber in einem anderen Porzellanladen. Eine Art ‚Reise nach Jerusalem’ für Versager, bei der alle Schuldigen gewinnen.

Deutlich erkennen kann man diese Taktik beim Fernsehen. Je beschissener und dümmer das Programm, desto höher das Gehalt des Programmdirektors, und je weniger der sich überhaupt für das Medium interessiert, desto schneller sein Aufstieg in den Aufsichtsrat. In der Politik ist es sogar noch leichter, dort galt stets die Devise: Wer nichts kann, geht in den Bundestag. Wer wirklich absolut gar nichts kann, wird Minister. Und wer in einem vollgefurzten Zimmer am längsten stillsitzen kann ohne zu husten, wird Kanzler.

Doch auch wenn diese Strategie spätestens seit dem Banken-Crash, Stuttgart 21 und dem Neverending Neubau BER jedem bekannt sein dürfte, erlangte sie bei uns dennoch erst durch die Affäre Maaßen neue Popularität. Der einstige Chef des Verfassungsschutzes hatte seine Aufgabe dahin missverstanden, die schlechte Verfassung seiner Behörde schützen zu müssen, und im Zuge dessen durch einige Verbalausrutscher mit leichtem Rechtsdrall den Unmut der meisten GroKo-Clubmitglieder auf sich gezogen. So einigte man sich in einer Krisensitzung darauf, ihn knallhart mit einer Beförderung ins Heimatministerium plus zünftiger Gehaltserhöhung zu bestrafen. Viele SPD-Mitglieder und andere kleingeistige Bürger aus den unteren Wichtigkeitsschichten zeigten sich verärgert, weil ihnen das Prinzip ‚Karrieresprung als ultimative Demütigung’ nicht geläufig war, weshalb die versprochene Gehaltszulage dann doch wieder feige zurückgenommen und auf später verschoben wurde.

Sollten Sie also demnächst eine fristlose Kündigung erhalten, so nehmen Sie diese mit Stolz und Würde. Bietet man Ihnen einen beruflichen Aufstieg mit mehr Geld an, schämen Sie sich und denken Sie einmal in Ruhe darüber nach, was Sie alles falsch gemacht haben, Sie Loser!

Trennungs-Test

Wenn sich nicht genügend Promi-Paare trennen und für knackige Fremdbums-Affären sorgen, muss man eben nachhelfen. Deshalb bringt RTL2 jetzt bekannt erscheinende Celebrity-Couples in Versuchung mit 48H SINGLE – PROMIS TESTEN IHRE LIEBE. Geplant ist in diesem Experiment, vormals glückliche Pärchen zwei Tage lang gewaltsam zu trennen und zum Außerhaus-Knattern zu animieren, unter Aussetzung aller Beziehungsregeln und ohne Konsequenzen. Jedenfalls bis sie die Aufzeichnung sehen – dann gibt’s hoffentlich ordentlich Zoff, Tränen und Trennungen mit fetten Schlagzeilen! Geilomat!

Jury-Shuffle

Wir müssen jetzt ganz stark sein: laut gut informierter Klatschquellen wird es in der nächsten Staffel keine feste Jury mehr bei GERMANYS NEXT TOP MODEL geben! Oh mein Gott, hör ich Sie rufen, das kann, nein das darf doch nicht wahr sein! Seid Ihr des Wahnsinns? Kann Heidi Klum die schwere Last des Mädel-Beglotzens und der Gerhorsams-Bewertung denn ganz allein auf ihren zarten Brüsten tragen? Darf man diese wichtigen Entscheidungen wechselnden Gast-Juroren überlassen? Kennt denn Pro7 keine Verantwortung? Und wie lange kann ich meine Tränen der Verzweiflung zurückhalten?

Meis-Scheiss

Endlich haben die Götter uns erhört! RTL-Dauergrins-Beauty Sylvie Meis bekommt ihre eigene Model-Such-Show passend zur persönlichen Schlübber-Kollektion: SYLVIES DESSOUS MODELS! Darin sucht sie eine ‚neue Sylvie’, also einen offiziellen jungen neuen Vorführkörper für ihre verspielten Frauen-Unterhosen und Brusthalter. Außerdem sollen wir aber auch die ‚wirkliche’ Miss Meis kennenlernen: als Mutter, taffe Business-Bitch, Smile-Roboter und clevere Wäschefrau. Auch als Mann darf man sich über so eine tolle neue Sendung ruhig freuen! Man muss es aber nicht. Nicht mal als Frau.

615. Erfolg durch Versagen (TVS 21/18)2018-10-09T03:37:42+00:00

614. Das verlorene Rudel-Feeling (TVS 20/18)

Der Mensch ist ein Herdentier. So richtig wohl fühlt er sich nur in der Gruppe. Selbst der nörgeligste Querulant und vorgebliche Individualist braucht die Gemeinschaft, denn sonst hätte er ja nichts wovon er sich so leidenschaftlich abgrenzen könnte. Der Rest der Menschen sucht die Wärme der Meute, um dort ein Gefühl der Zugehörigkeit zu entwickeln, zu was auch immer. Ist er nicht durch genetisch bedingte Arschlöchrigkeit dauernd auf Krawall gebürstet, wünscht sich der Homo Sapiens im Grunde stets die Zustimmung und Akzeptanz seiner Umgebung. Auch wenn man die anderen noch gar nicht kennt – das Entdecken gemeinsamer Vorlieben, Meinungen, Erfahrungen oder auch bloß (derzeit bei kollektiven Gruppenmärschen wieder sehr angesagt) die gleiche Hautfarbe oder zufällig gleiche Nationalität, verbinden einfach irgendwie.

Früher gehörte auch das Fernsehen zu solch einem Quell der Verbundenheit. Nicht weil es damals besser war, sondern weniger. Bei nur zwei Sendern und einem eher beschränkten Angebot an Fun-und-Freizeit-Aktivitäten lag die Chance, dass der andere TV-Nutzer am Vortag die gleiche Sendung wie man selbst gesehen hatte, bei knapp fünfzig Prozent. (Zumindest bis zur bundesweiten Empfangbarkeit der Privatsender war auch bei Nachbarn und Kollegen kaum von einem so aufregenden Leben auszugehen, dass ein freiwilliger Verzicht auf das Fernsehen als möglich erschien. Und wer wirklich damit prahlte, lieber ‚ein gutes Buch zu lesen’ gehörte eh zur Gruppe der langweiligen Mittelschullehrer und Außenseiter, mit denen man nichts zu tun haben wollte.) Selbst heute, diverse Jahrzehnte später, können die früh genug Geborenen noch ihre nostalgisch verklärten Erinnerungen teilen. Auch wenn vieles davon – mit neutralem Abstand betrachtet – im Grunde recht popelig, spießig, albern oder nichtssagend war: es prägte unser Weltbild und schaffte Gemeinsamkeiten, denn durch das streng begrenzte Angebot nahm man einfach alles dankbar auf. Rosenthals Spitze-Sprung, Wums Thoelke-Ruf, die brennende Bonanza-Karte, ‚Gute Nacht, John-Boy!’ oder ‚Der Weltraum. Unendliche Weiten…’ – es gab kaum jemanden, der nicht sofort wusste wovon man sprach. Und am Tag nach DALLAS oder DENVER hatte man stets ausreichend Gesprächsstoff – was in den Achtzigern nicht immer selbstverständlich war.

Eine nicht immer großartige, aber dennoch innige Möglichkeit zum Gleichklang der Menschen untereinander, die heute fehlt und es nachfolgenden Generationen schwer machen wird, im schwärmerischen Schwarm der Nostalgiker mitzusummen. Große Familienshows sind out, und an die kurzzeitig gehypten Casting-Nulpen wird sich in zwanzig Jahren niemand mehr erinnern, an die meisten noch nicht mal mehr nach 20 Minuten. Heute können wir netflixen, amazonprimen, maxdomen, internetzen, i-tunen und bingestreamen – aber halt jeder zu einer anderen Zeit und mit unterschiedlichen Inhalten. Die Qualität und die Wahlfreiheit mögen gesiegt haben, das unschuldige Kollektivgefühl durch den eklatanten Unterhaltungsmangel haben wir jedoch verloren. Denn gemeinsames Leid kann auch zusammenschweißen.

Klum-Klum-Geschoss

Bisher boten die Streamingdienste vor allem eine willkommene, qualitativ hochwertige Alternative zu den übertriebenen Glamour-Grinsefressen der Privatfernseh-Shows und Castingformate. Jetzt aber plant ausgerechnet amazon ein neues internationales Format mit GNTM-Gruselmutti Heidi Klum, das einen ‚ganz besonderen Mix aus packenden Inhalten und Shopping’ bieten soll. Das macht vor allem uns Männern Angst. Ist man denn wirklich nirgends sicher vor der blondgefährlichen Klumisierung?

Programmliche Vollverblödung

Dass RTL2 für hochwertigen Journalismus oder innovative Informationsformate bekannt wäre, kann man dem Sender wahrlich nicht vorwerfen. Das nochmalige Zusammenkürzen der Feigenblatt-Fun-Tagesschau genannt RTL2-NEWS lässt jetzt allerdings die Aufsicht der Landesmedienanstalten prüfen, ob man sich dort immer noch als ‚Vollprogramm’ bezeichnen darf, da ein solches laut Definition ‚einen angemessenen Anteil an Information, Kultur und Bildung’ liefern soll. Wobei gerade diese drei Begriffe bei RTL2 schon immer als Beleidigung angesehen wurden und unter Strafe strengstens verboten waren. Wieso also etwas ändern, wenn das bisher doch noch nie offiziell gestört hat?

TV-Tanz-Duelle

Wenn ein Sender immer wieder Erfolge mit einem Show-Genre hat, lässt das die Konkurrenz meist nicht lange auf sich sitzen. Deshalb beschloss Pro7, das Tanzformatfeld nicht weiter allein RTL zu überlassen. Geplant ist nun der ultimative Einzeltänzer-Battle MASTERS OF DANCE, bei der alle antretenden Hoppel-Mover mindestens ein Jury-Mitglied überzeugen müssen, in dessen ‚Company’ aufgenommen zu werden. Quasi eine Art THE VOICE ohne Singen für die Füße. Nicht wirklich neu für den Kopf, aber locker in den Hüften!

614. Das verlorene Rudel-Feeling (TVS 20/18)2018-09-25T00:48:20+00:00

613. Anleitung zur gespielten Natürlichkeit (TVS 19/18)

Das diesjährige Langzeit-Langeweile-Sommerspektakel namens PROMI BIG BROTHER, in dem ein Rudel bislang eher unbekannter Zeitgenossen, die sich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen als sogenannte ‚Prominente‘ ausgaben, in einen überwachten Blödenbunker eingesperrt wurden, bescherte uns wie immer weder gute Unterhaltung noch Überraschungen, dafür aber eine allgemeingültige Studie zum Thema: Wie verhalte ich mich in öden belanglosen Furzformaten, in denen berühmt-behauptete Randexistenzen ohne Talent mit Kameras beim Wohnen beobachtet werden? Denn im Grunde ist es ganz einfach dort zu gewinnen, man muss sich nur an folgende zehn simple Regeln halten:

  1. Merk Dir deinen Mantra-Satz, den Du in Varianten mehrmals täglich aussprechen solltest: ‚Ich bin wie ich bin‘. Benutze die hohle Existenzbestätigung als Erklärung, Entschuldigung und Pausenfüller, ebenso als falsches Lob an deine Mitbewohner: ‚Du bist halt wie du bist und das finde ich toll!‘ 2. Wenn jemand gerade die theatralische Selbstzweifelnummer abzieht oder die ‚Ich glaub ich geh freiwillig raus‘-Charade spielt, sag ihm immer wieder: ‚Du bist eine so starke Frau/…ein ganz toller Mensch!‘, auch wenn Du Dir dabei am liebsten die Zunge abbeißen möchtest.  3. Rede von Dir und den anderen Pissnelken stets als ‚große Familie‘ und tu so als ob Dir ihr Wohl total am Herzen läge, auch wenn sie Dir natürlich meilenweit am Arsch vorbeigehen und genauso gut tot auf dem Teppich liegen könnten.  4. Wenn Du jemand rauswählen musst, nimm den der Dich am meisten bei Deiner Performance stört oder ein kritischer Gegner im Finale werden könnte, behaupte aber Trauer heuchelnd, Du würdest die Person nur in ihrem eigenen Interesse wählen, weil Du fühlst, dass er/sie jetzt eigentlich ‚viel lieber zuhause wäre‘.  5. Redet jemand besonders viel Dünnschiss und ist zu jedem biestig und fies, bestätige ihn mit dem falschen Kompliment: ‚Du sagst halt was Du denkst, und das bewundere ich an Dir!‘ 6. Bei einem Streit wähle für einen verbalen Einlauf immer als Einstieg den Satz: ‚Okay, Du hast Deine Meinung und ich akzeptier das…‘ 7. Vergiss dass Du mit Deiner unerwünschten penetranten Präsenz im Doofen-Puff 99% der Menschen gehörig auf den Sack gehst, sondern rede Dir und allen anderen immer wieder ein, Du würdest Deutschland gut unterhalten!  8.  Wenn Du eine Frau bist und nicht fett oder alt: Zeige Deine Titten, verdammt noch mal! So oft und unbedeckt wie möglich!  9.  Überlege dir vorher gut, welche intim-emotionalen Geständnisse Dir während des Aufenthalts entweichen und wann genau dies ganz spontan geschehen soll. Trainiere vor dem Spiegel Betroffenheit, Erschütterung und möglichst ungehemmten Tränenfluss (besonders wirksam in Verbindung mit starkem Make-Up), das macht Dich menschlich und keiner traut sich mehr, Dich zu kritisieren. 10. Versuch während der harten Zeit unter Dauerbewachung Dich einfach nie so zu benehmen wie zuhause und tu so, als wärst Du das komplette positive Gegenteil von dem nervigen Arschloch, als das Dich Deine Freunde und Familie kennen! Kurz gesagt, egal was Du tust: Sei bloß nie so wie Du bist!

Zeitverlust

Selten hat man eine neue Primetime-Show gesehen, die so mit Karacho bzw. im Schneckentempo an die Wand gefahren wurde wie TIME BATTLE auf Pro7. Es bleibt ein mediales Rätsel, wie eine eigentlich originelle Idee derart langweilig, altbacken und öde mit solchem Schmackes in den Sand gesetzt werden kann. Allerdings hätte mit Sicherheit geholfen, nicht ein so roboterhaft blutleeres Moderatorenpaar mit eingeschnitzter Grinsestarre genommen hätte. Typischer Fall von D.O.A. – Dead On Arrival. Wiederbelebungsversuche zwecklos.

Hundestaffel

Da SAT1 gerade dabei ist, aus Verzweiflung sämtliche Erfolge aus vergangenen Tagen zu reanimieren, musste natürlich in Gedenken an KOMMISSAR REX auch eine knuffig-kauzige Serie mit einem cleveren Köter-Ermittler her! Freuen wir uns also auf Jens Atzorn in DER BULLE UND DAS BIEST – so wie Rex, nur mit mehr ‚Coolness, Schnelligkeit und Männlichkeit‘. Also beim Hund jedenfalls. Der Rest dürfte der gleiche kringelige Krimikot auf dem Gehsteig der ewig gleichen Schnarch-Unterhaltung werden. Wuff und Ende.

Inselbums

Es ist soweit: die Türen des Geschlechtsverkehr-Anbahnungs-Camps von LOVE ISLAND auf RTL2 werden wieder geöffnet! Was bedeutet, dass erneut eine Horde rammelwilliger Jungdeppen mit Triebstärke und Hirnschwäche unter heißer Sonne aufeinander losgelassen wird, um vor den offen versteckten Kameras hoffentlich viel Frischfleisch zu zeigen und ab und zu ein kleines Nümmerchen zu schieben. Großes Entertainment für die kleinen Bedürfnisse. Hand in die Hose, Bier auf, Verstand ausschalten – that’s modern TV!

613. Anleitung zur gespielten Natürlichkeit (TVS 19/18)2018-09-13T02:02:16+00:00

612. Wann wird’s mal wieder richtig Sommer? (TVS 18/18)

Ach was waren das für herrliche Zeiten, als man noch ohne Scheu während der gewöhnlich schwer vergnatzten Sommermonate in kindlicher Unschuld das berühmte Jammerlied von Rudi Carrell von 1975 singen durfte, ohne dafür von seinem genervt-verschwitzten Gegenüber eins in die Fresse zu bekommen. Aber so war das halt früher in Deutschland, also vor 2018: da war der Sommer stets nur so mittel bis geht-so, jedenfalls immer ganz klar weit unter den Erwartungen der solar-affinen Bevölkerung. Ein amtlicher Sonnenbrand benötigte trotz höchster Unvernunft oft mehrere Tage, so manch geplanter Grillabend wurde durch uneingeladene Regengüsse verhagelt, der individuelle körperliche Schwitzfaktor lag unter ‚Schwein in der Sauna‘ und ganz generell war es im besten Falle statt ‚einfach herrlich‘ gerade mal ‚für die Jahreszeit zu kühl‘. Der Deutsche war es gewohnt, vom Sommer rein charakterlich irgendwie enttäuscht zu sein – stets gab es von irgendwas irgendwie zu wenig und die anderen Länder hatten davon immer viel mehr.

Schade, aber die Zeiten des bequemen kollektiven Maulens und Wehklagens sind mit diesem Jahr endgültig vorbei. Der Sommer hat unser Land so unerwartet wie unbarmherzig mit heißer Hand am Sack gepackt und nicht mehr losgelassen. Ja Manno, sooo extrem hatte man das ja nun auch nicht gewollt! Sonne ja, aber doch nicht so übertrieben viel davon – a Hatful of Sunshine für ein bisschen Sexy-Knackbräune um die Kimme, ein Hauch gepflegter Hitze mit Augenmaß plus gelegentlichem Abkühlungsgewitterchen und immer etwas frischer Wind in der Hose – aber doch nicht so irrwitzig schweißtreibend schwül bescheuert scheißheiß!

Wer aber ist nun schuld an diesem wochenlang andauernden Extrem-Wüstensommer-Überhitzungs-Debakel? Der gläubige Christ könnte vielleicht noch im stillen Gebet den Wetterbeauftragten Petrus dafür zusammenscheißen, weil der faule Sack bräsig auf Wolke 7 mit dem breiten Hintern auf dem Thermometer gesessen hat. Eher humanistisch gebildeten Bürger diskutieren über die Verstärkung des Treibauseffekts und die Auswirkungen der steigenden Industrialisierung auf die globale Erwärmung, während Trump-Anhänger und andere Klimawandel-Leugner das Wetter dafür verantwortlich machen. Die Mitglieder der AfD sind sich derweil noch uneins, ob die Kanzlerin wieder einmal ihr Volk an dubiose Wettergötter verraten hat oder die viel zu vielen Flüchtlinge illegal Sonne ins Land geschmuggelt haben. Zahlreiche Zuschauer des Ersten befürchteten kurzzeitig sogar einen klimatischen Anschlag mit islamistischem Hintergrund, da zum Thema ‚Huiuiui, ganz schön warm da draußen!‘ gleich ein überhasteter ARD-BRENNPUNKT gesendet wurde, der sonst eigentlich nur für politische Großereignisse und unerwartete Terror-Angriffe reserviert ist.

Wir lernen daraus: zu viel Wärme tut den Deutschen einfach nicht gut. Dauerhafte Temperaturen über 35° führen langfristig zu nationaler Hirnschmelze und Hitzefrei des Verstands. Bei aller Liebe zur Sonne brauchen wir einfach unsere gewohnte Dosis Scheißwetter mit Meckerpotenzial, denn erst in der Unzufriedenheit sind wir wirklich zufrieden – und singen vielleicht sogar wieder!

BB-Mania

Alte Regel für belanglose Privatfernseh-Pseudopromi-Formate: Je unbekannter die Teilnehmer, desto größer das Blendwerk drumherum! Und weil die Versager im PROMI BIG BROTHER TV-Knast diesmal an medialer Bedeutungslosigkeit kaum zu unterbieten sind, fährt SAT1 alle Geschütze auf: Live-Shows, tägliches Facebook-WarmUp, Nachlese im Nachbarsender, Online 24/7-Betreuung, Whatsapp-Newsletter plus SpinOff-Format DER TAG DANACH, in dem die Rausgeflogenen noch mal 24 Stunden mit der Kamera begleitet werden. Jetzt müsste man sich eigentlich nur noch für den ganzen Scheiß interessieren…

Seifen-Zusatz

Jetzt wird’s aufregend für alle, die gepflegte Langeweile mögen: RTL renoviert den Arbeitstags-Afternoon und pfeffert gleich zwei neue Schnarchgranaten ins Feld. 1. DIE SUPERHÄNDLER – 4 RÄUME, 1 DEAL (natürlich ein voll innovatives Trödel-Verkaufs-Format) und 2. FREUNDINNEN – JETZT ERST RECHT! (endlich mal wieder eine neue Daily Soap mit vorerst 160 geplanten Folgen) Klingt nach nicht weniger als der Revolution des Fernseh-Nachmittags!

Gladiatoren-Gammel

Wegen des geringen Erfolgs und auch aus Mangel an Alternativen wird Pro7 dieses Jahr wieder die langweilig im Staub stammelnden und sportelnden Promi-Parodisten aka GLOBAL GLADIATORS zeigen, obwohl wirklich niemand darum gebeten hat. Eine Handvoll Unterbeschäftigter reist nach Thailand und macht da tolle Wettkämpfe, die dem Zuschauer auf dem Sofa die Darmwinde verschlagen lassen sollen. Um Geld und Gelaber zu sparen, diesmal ohne Moderator. Ohne Kandidaten wäre allerdings noch unterhaltsamer.

612. Wann wird’s mal wieder richtig Sommer? (TVS 18/18)2018-08-26T00:32:34+00:00

611. Die grosse deutsche Özil-Krise? (TVS 17/18)

Schockiert und verstört musste ich nach meiner Rückkehr aus dem Sommerurlaub feststellen, dass unser wunderschönes Heimatland in der Zwischenzeit beinahe kulturell auseinandergebrochen wäre, während ich auf der anderen Seite des Globus so faul-fröhlich dem Müßiggang frönte und die Hoden im Poolwasser schaukelte. Auslöser für eine unserer größten Krisen der Nachkriegszeit war überraschenderweise das Schicksal eines einzelnen sportlichen jungen Deutschtürken mit Gelsenkirchener Migrationshintergrund. So ganz verstehe ich immer noch nicht was eigentlich passiert ist, dennoch versuche ich die tragischen Ereignisse einmal kurz und sachlich Revue passieren zu lassen.

Zusammen mit zwei Kumpels vom Kickerverein hatte der mandeläugige Mittelfeld-Melancholiker Mesut einem frierenden alten Opa anscheinend ein paar gebrauchte Trikots geschenkt und sich bei der Übergabe zu einem typischen Grinse-Selfie überreden lassen. Kurz darauf kam heraus dass es sich bei dem verkniffenen Mummelgreis mit dem schütteren Haupthaar und spärlichen Nasenflaum um den türkischen Despoten Erdogan handelte, und Özil versehentlich mit dem unbedachten Fan-Foto ganz generell einen virtuellen Daumen Hoch für Folter, Diktatur und das Ende der Pressefreiheit gegeben hatte. Diese Aktion verursachte spontane nationale Schnappatmung, ausufernde Diskussionen in den landesweiten Debattierclubs sowie lautstarke Kritik aus den Reihen der Politik, um damit erfolgreich von allen wirklich wichtigen Problemen abzulenken. Exakt das Gleiche war zwar schon dreimal zuvor geschehen, aber erst bei der vierten geknipsten Schwitzeshirt-Schenkung war der Nation das Blitzlicht der Erkenntnis aufgegangen, wie bumsblöd das doch war, dem feixenden Rumpelstilzchen vom Bosporus einfach so, ohne Weihnachtem oder Geburtstag, solch ein teures Teil zu schenken.

Letztlich führte all dies Gemaule zu schlechter Laune in der Bevölkerung, Verschärfung der Flüchtlingskrise, einer nie dagewesenen Hitzewelle und bei Mesut selbst zum schmerzhaften Gefühl des permanenten Missverstandenwerdens in einer voll ungerechten Welt. Dieser schmerzliche Rückfall in die emotionale Wirrnis der Pubertät, vermischt mit dem Salz der heimlich nachts allein geweinten Tränen, ließ die Füße aufquellen, mündete in müdem Spiel und dadurch im vorzeitigen WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft. Kurz darauf verkündete Sad Old Özil in einer mehrteiligen Twitter-Anthologie seinen Rücktritt aus der selbigen wegen andauerndem Gemecker der doofen DFB-Spitze und deren offensichtlichem Rassismus seinen Gelsenkirchener Wurzeln gegenüber.

Whatever – das freiwillige Nationalelf-Tschüssikowski des vergnatzten Fußballers wurde zum alles beherrschenden Medienthema und warf zahlreiche essentielle Fragen für unser Land auf, z.B.: Wie stark ist der latente Rassismus bei uns? Ist Özil ein mutiger Held der multikulturellen Moderne oder bloß eine millionenschwere, eingeschnappt-verzogene Fußball-Pussi? Werden Kollegah und Farid Bang aus Protest ihren Echo zurückgeben? Und vor allem, Hand aufs Herz: Wen interessiert diese künstlich aufgeblasene Kinderkacke eigentlich?

Trödel-Terror

Das deutsche Fernsehen wird bedroht von einem unaufhaltsamen, gigantischen Trödel-Show-Tsunami der tödlichen Langeweile. Kaum eine Woche vergeht, ohne dass eine neue kurios-kauzige Krempel-Show aus der muffigen Mülltüte irgendeines Senders gezogen wird, um uns langsam aber sicher durch anhaltende penetrante Ödnis in die mentale Bewegungsstarre zu befördern. Die nächste dürfen wir endlich wieder einmal von unseren Gebühren selbst bezahlen: Oliver Petszokat lässt für die ARD ollen Plunder restaurieren, umdesignen und upcyclen. Also die gleiche alte Schnarchscheiße wie immer, aber mit neuem Pseudo-Trend, dem ‚boomenden Upcycling’! Was soviel bedeutet wie konstantes TV-Downcycling, Brainkilling und Abfucking.

Reality-Fake

Es war zu befürchten: nachdem die sprachgestörten Intelligenz-Allergiker, Diplom-Proleten und Tätowiertinten-Endlager der Pseudo-Arschgeigen-Reality-Soap BERLIN – TAG & NACHT ein erschreckender Quotenerfolg wurden, legte RTL2 ein weiteres Großstadt-Idioten-Serengeti nach mit KÖLN 50667. Und weil leider auch das funktionierte, bastelt man nun am dritten Teil der TV-Trottel-Trilogie, diesmal aus Leipzig! Titel steht noch nicht fest, aber mein Vorschlag wäre LEIPZIG – ARSCH & EIMER oder LECK MICH, LEIBZICH!

Hot Shit

Auf eins kann man sich verlassen: wann immer irgendwo auf der Welt etwas wirklich Spektakuläres mit gesellschaftlicher Relevanz passiert, so wie zB Terroranschläge, politische Umwälzungen oder Wetter, dann packt die ARD das Thema gnadenlos am Sack und sendet direkt nach der Tagesschau einen mega-aktuellen ARD-BRENNPUNKT! So wie kürzlich zum Thema ‚Hitzewelle in Deutschland’, wo wir journalistisch knallhart recherchiert erfuhren dass es gerade ziemlich warm war in Deutschland, hohe Temperaturen zu verstärkter Schweißbildung führen können und dass einige Menschen zu viel Hitze gar nicht mal so toll finden, die Regierung aber wieder mal trotzdem nichts dagegen tut. Öffentlich-rechtliches Qualitätsfernsehen mit Sonnenstich. Freuen wir uns auf die nächsten Brennpunkte: Schneefall, Frühnebel und Weihnachtszeit!

611. Die grosse deutsche Özil-Krise? (TVS 17/18)2018-08-20T03:20:29+00:00