646. Neujahrs-Depressionen (TVS 27/19)

So langsam sollten wir uns schon mal mental und emotional auf den schwierigen Prozess des Jahreswechsels und die damit gewöhnlicherweise verbundenen Neujahrs-Depressionen vorbereiten. Eine wohlbekannte Mischung aus Kater, Frust und Enttäuschung, wenn man wieder einmal bemerkt, dass sich trotz aller guten Vorsätze, Wünsche und Bekundungen absolut gar nichts verändert hat, erst recht nichts zum Positiven. Auch wenn man es sich bis Mitternacht noch so herrlich schöngesoffen hatte, so realisiert man bereits im Laufe der ersten Januartage doch sehr schnell, dass man weder schöner noch jünger oder reicher geworden ist, die Hosen immer noch kneifen und die rituell aufgegebene Kippe schon wieder halb verglüht im Mundwinkel hängt. Die gleichen blöden Hackfressen aus Politik und Boulevard glotzen einem immer noch aus Fernsehen, Netz und Presse entgegen und sind genauso bescheuert wie vorher. Im Dschungelcamp sitzt wieder eine Ansammlung asozial-aufmerksamkeitsgeiler Arschgeigen, die man bisher das Glück hatte nicht zu kennen, sich von nun an aber penetrant als madige Medienmilben unerwünscht durch den fauligen Morast sämtlicher Peinlichkeits-Präsentations-Plattformen winden und uns mit ihrer aggressiven Eitelkeit endlos auf die Eier gehen werden.

Egal was einem klebrige Glückskeks-Zettel, Tischfeuerwerks-Orakel und köttelförmige Bleiklumpen an Weissagungen weismachen wollten, die bittere Wahrheit lautet: das neue Jahr kocht auch nur mit Wasser – und dabei nur dieselbe fade Suppe aus der angebrochenen Schicksalsdose mit dem abgelaufenen Haltbarkeitsdatum, lauwarm und auf kleiner Flamme. Und ehrlicherweise muss man gewöhnlich zugeben dass letztlich auch der glorios geplante Silvesterabend selbst nur so mittel bis nicht ganz-so-doll war. Die meisten Partys sind immer zu voll, zu laut und schleppen sich quälend bis Mitternacht, danach ist man dann viel zu schnell besoffen und am Ende kriegt man nicht mal ein Taxi. Im Grunde nicht anders als jede stinknormale Feier sonst auch, nur mit Extra-Zeitdruck, Luftschlangen und Berliner-fressen – und einer Erwartungshaltung von etwas ganz Besonderem, die niemals erfüllt werden kann.

Wer zuhause bleibt und sich für den betreuten Jahreswechsel mit TV-Begleitung entscheidet, hat allerdings noch tiefer ins Klo gegriffen. Denn egal ob die schunkelschöne Silvestershow mit Pilawa oder die bravbräsige Brandenburger Tor – Sause mit Kerner und Kiwi – der öffentlich-rechtlich zusammengepantschte Gute-Laune-Einlauf aus einlullender Schmunzelstimmung und betulicher Ballermann-Gaudi führt bei den meisten Patienten zu akuter Hirntaubheit mit Zwerchfell-Lähmung bis hin zu schwerer Mental-Diarrhoe und  Intellekt-Infarkt. Wobei all die ausgelutschten Komödienkamellen aus den Wiederholungs-Wundertüten der anderen Sender die Stimmungskurve auch nicht wirklich über Bodenhöhe treiben. Und selbst der Blödeste hat bei DINNER FOR ONE nach zwanzig oder dreißig Jahren mal so langsam den Witz verstanden (Saufen – Tigerkopf – Oma knattern!).

Kann man sich diesen ganzen Silvester-Hype also besser auch gleich komplett schenken. Kein ‚Prost Neujahr!‘, gute Wünsche in die Kimme, vor Mitternacht ins Bett und Kalender vom letzten Jahr einfach noch mal benutzen. Wenn die doofe Welt sich eh nicht ändert, müssen wir auch gar nicht erst so tun. Frohes Altes Jahr!

Dödel-Duo-Doku

Man kann dem knittrigen Botox-Burschen Bohlen und der hampelnden Laberglatze Bruce im Fernsehen ja eh nicht entfliehen, aber RTL foltert seine im gefälligen Mittelmaß eingelullten Zwangszuschauer zwischen den Jahren noch einmal zusätzlich und bringt zur besten Sendezeit einen desaströsen Doppelpack an Dokumentationen über die zwei kuriosen Casting-Kapeiken. Erst ABSOLUT DIETER BOHLEN über das Phänomen des dauergrinsenden ostfriesischen Musikmörders und danach ABSOLUT BRUCE DARNELL, allerdings nur halb so lang – damit wir die beiden Bewertungs-Buddys mal so richtig persönlich kennenlernen können. Obwohl keiner jemals darum gebeten hat. Danke für Nix!

Wiederholung auf Streife

Es ist niemals ein gutes Zeichen, wenn ein Sender ordentliche Erfolge mit gequirlter Scheiße einfährt, dann irgendwann entscheidet es endlich mal mit einem Hauch mehr Qualität zu versuchen, nur um damit zu scheitern und dann wieder kleinlaut den gleichen Müll wie vorher zu senden. So wie jetzt gerade SAT1, das nach erfreulicher Einstellung der tumben Tatütata-Pseudo-Dooftrottel-Doku AUF STREIFE – DIE SPEZIALISTEN nun eben genau diese wieder aus dem Keller holt, weil alles andere noch schlechtere Quoten eingefahren hat. Peinlicher als die Polizei erlaubt!

Neuer Sonntag

Okay, die LINDENSTRASSE erhält im März das endgültige Durchfahrverbot. Aber mit welchem brandneuen Unterhaltungskracher wird unser TV-Innovator Numero Uno DAS ERSTE sein erwartungsvolles Publikum wohl an ihrer Stelle erfreuen? Welchen Knüller haben die Entertainment-Hasardeure als Nachfolge auf der Pfanne, wenn sie schon einen ihrer letzten großen Klassiker opfern? Die kaum überraschende Antwort – Trommelwirbel: Gar nichts! Die SPORTSCHAU wird einfach etwas verlängert und vorher gibt es eine Sonntags-Ausgabe von BRISANT. Wow! So viel Nichts muss man sich erst mal trauen.

646. Neujahrs-Depressionen (TVS 27/19)2020-01-17T02:27:02+01:00

646. Countdown zum Fest (TVS 26/19)

Gottseidank, wir sind auf der Zielgeraden, es dauert nicht mehr lang, dann ist Weihnachten! Zum Finale noch drei Tage Lebermüdes Lullesaufen plus Family & Friends-Dauerfressen bis der Enddarm qualvoll S.O.S. in die Keramik morst, aber dann ist endlich Ruhe im Karton und die Dauerstressphase für Körper und Geist kann einmal mehr im launischen Lebenskalender der alljährlichen Verpflichtungsrituale abgehakt werden. Vorher aber noch die Liste durchgehen! Genügend aufgewärmte Zuckerweinbrühe in den Schlund gekippt, minderwertiges Festfraßgebäck gemümmelt und Adventskalender leergegrast? Check! Geschenke gekauft, bekommen, vergessen, doppelt erhalten, zum Umtausch vorbereitet? Check! Mal ausnahmsweise zwei Euro bei einer schmalzigen Schluchzgala beim ZDF oder RTL gespendet, um das schlechte Geiz-Gewissen wieder für ein Jahr zu beruhigen? Check! Alle absichtlich vergessenen Verwandten vom doofen Teil der Familie zum X-mas-Horror-Essen getroffen (oder wenigstens Kurz-Anruf/Postkarte/Abwesenheitsmail)? Check! Aschenbrödels Nüsse, Muppets-Dickens, Lord Klein, Alleinwohner Kevin, den lebensmüden Jimmy Stewart, Tatsächlich Liebe, Chevy Chase-Bescherung, Stirb Langsam und alle anderen Filmklassiker quer durch alle Sender angeschaut? Check! Wenigstens einmal ein Weihnachtslied gesungen (egal wie und mit wem, selbst besoffen mit Helene Fischer als Background wird akzeptiert)? Check! Mindestens einmal lauthals vermeldet, wie sehr man sich darauf freut, wenn diese furchtbar anstrengende Zeit der verfickten Besinnlichkeit endlich vorüber ist? Check! Okay, soweit also fast alles abgearbeitet.

Bleibt wie immer nur noch die Frage: Heiligabend in die Kirche? Sonst natürlich nicht, aber an diesem Tag sollte man ja irgendwie schon als Christ, auch wegen Karma und der festlichen Stimmung und so. Dabei ist es immer unangenehm überfüllt, voller schreiender Kinder und seltsamer Menschen die man die restlichen Monate so schön hatte meiden können, und erzählt wird eh immer die gleiche Geschichte, die wir Älteren auswendig kennen und die man den Jüngeren heute auch viel kürzer in einer Handvoll Tweets erzählen könnte: Blogger Jo und die arbeitslose Influencerin Mary mit gesperrtem YouTube-Channel, ein frisch vermitteltes 11-Sekunden-Parship-Pärchen, sucht ne Bleibe zum Chillen, aber Airbnb ist down und sie kriegen nur eine alte Hütte ohne W-Lan. Mary hat nen dicken Bauch kurz vor’m Platzen und erzählt Jo, sie wäre durchs Internet schwanger geworden, was der naive Trottel ihr auch glaubt. Irgendwo kriegen ein Trio freundlicher Flüchtlinge durch Stimmen über ne geschrottete Alexa-Box Wind von Live-Birth-Party und fährt mit Hilfe von GoogleMaps mal kurz auf E-Rollern bei ihnen vorbei. Sie bringen selbst angebautes Rauchwerk, Haschkekse und Leckkröten mit und alle haben eine endlässige Zeit. Und der nebenbei geborene Dude wird irgendwann Gewinner beim Messias-Casting und macht mit seinen zwölf Top-Followern für ne kurze Zeit voll krasse Sachen, die selbst Tage später noch geteilt werden. Ende.

Wir sehen: wenn man will, kann man die ganze strapaziöse Christmas-Time auch leicht als Konzentrat auf das Wesentliche herunterbrechen, fix erledigen und den Rest überspringen. Spart ne Menge Stress, ist gesünder und macht nicht so dick. In diesem Sinne – Frohe Weihnachten!

Fernseh-Babies

Während sich Horst Lichter beim nachmittäglichen Garagen-Flohmarkt für TV-Sedierte im Quotenwahn lachend den Schnauzbart zwirbelt, versagen zur gleichen Zeit die Scripted Insanity/Doku-Shit-Formate der Privat-Konkurrenz immer mehr. RTL2 ist sogar so verzweifelt, nach massiven Flop- Wiederholungen trashig-tumber Kloaken-Knaller wie HILF MIR! DIE VOLLE DRÖHNUNG und WACHE HAMBURG nun alte Knuddel-Klassiker  wie BABYS! KLEINES WUNDER – GROSSES GLÜCK zu recyceln. Dürfte die im Stumpfsinn herangezüchteten Brüste-Brüll-Ballermann-Blöd-Bums-Fans allerdings auch nicht zurückholen.

Eiserne Silbertreue

Wir wussten es schon immer: Alle wollen Florian Silbereisen! Naja, jedenfalls die öffentlich-rechtlichen Sendesaurier vom Ersten und Zweiten Programm, die gerade beide brutal-beherzt um ihn für ihre Premium-Schlager-Shows buhlten. Doch obwohl die Ruheraum-Experten des ZDF ihm sogar als Bestechung die begehrte Kapitänsmütze des TRAUMSCHIFFS auf die freche Frise nagelten, sagte er den Mainzer Ermüdungsmeistern jetzt forsch ab und unterzeichnete in alter Treue für vier weitere Jahre bei seinen alten Schunkel-Chefs von ARD und MDR. Die Grundversorgung an flotten Florian-Volksmusikfesten und Schmalz-Schlagerpartys dürfte also gesichert sein!

Hausbesetzung

Der WDR bleibt dem selbst kreierten Genre des innovativen Immobilien-Talks treu! Nach zwanzig erfolgreichen Jahren charmant-investigativer Plaudereien mit vorgetäuschtem WG-Hintergrund in ZIMMER FREI, folgt nun das neue Gespräche-in-vier-Wänden-Format HAUSSITTER GESUCHT! Dort begrüßt Moderatorin Donya Farahani jeweils zwei Promis, die sich durch launige Labereien und heitere Hausarbeits-Challenges als vorübergehende Eigenheim-Betreuer qualifizieren müssen. Wohliges Wohnfühl-Entertainment als medialer Mietendeckel ohne staatlich verordnete Redezeitbremse – voll am Puls der Zeit!

646. Countdown zum Fest (TVS 26/19)2019-12-14T03:09:37+01:00

645. Etwas schneller, bitte! (TVS 25/19)

Der digitale Entertainment-Großhändler NETFLIX hatte kürzlich eine grandiose Idee: testweise wird den Kunden die Möglichkeit angeboten, die geladenen Inhalte auch in 1,5-facher Geschwindigkeit abzuspielen. Eine zeitraubende Serie wie zB HOUSE OF CARDS kann so locker in 55 statt quälenden 73 Stunden reingezogen werden. Das hat natürlich unfassbar viele Vorteile: Zuerst einmal kann man fürs gleiche Geld wesentlich mehr konsumieren, so als würde man zu einem All-You-Can-Eat-Buffet noch einen zusätzlichen halben Magen mitbringen. Wenn man einen Film scheiße findet, ist er schneller vorbei. Gefällt er einem, ist man früher fertig, um einen vielleicht noch viel tolleren nachzuschieben. Anstrengendes Nachdenken oder Mitfühlen wird durch Erhöhung des Tempos minimiert und mit etwas Glück komplett verhindert. Handelt der Film von einem oder mehreren Kapitalverbrechen, ist der Täter wesentlich früher gefasst und kann kein Unheil mehr anrichten.

Ebenfalls im Angebot: das verlangsamte Abspieltempo für ZDF-Zuschauer, Ü-30-Binger und allgemein begriffsstutzige Slow-Thinker. Der BFR-(Bares-Für-Rares)-Modus in Zeitlupe oder Standbild-Koma-Funktion befindet sich noch in der Entwicklung, ebenso die Variante für Schwerhörige, bei der nach gedachter zweisekündiger ‚WAS?‘-Pause der letzte Satz immer noch einmal wiederholt wird. Ebenfalls in Planung: der ultimative ‚Erledigt-Modus‘, der einem erlaubt eine Serie als ‚Gesehen‘ markieren, ohne sie angeschaut haben zu müssen (auf Wunsch mit einminütiger Staffel-Zusammenfassung, falls man die Zeit dafür verschwenden möchte).

Vor allem die Fastwatch-Option findet bereits großen Anklang, kommt sie dem momentanen Zeitgeist doch sehr entgegen. Konsum macht schließlich nur bei Mangel wirklich Spaß – im Überfluss erscheint er meist nur als verpflichtende Last und beschwerliche Bürde. Während man sich früher noch entspannt über das schlechte Fernsehprogramm und die eklatante Knappheit an Filmen und Serien beklagen konnte, leiden die Menschen heute unter einem derart erdrückenden Überangebot, dem man selbst als bingewatchend bettlägeriger Dauer-Arbeitsloser mit Schlafstörung niemals komplett nachkommen werden könnte. Die Möglichkeit, deutlich mehr in immer weniger Zeit zu verbrauchen, ist jedoch seit jeher der feuchte Traum des Kapitalismus – auf beiden Seiten. Auch rein evolutionär gesehen ist diese neue Methode wegweisend: die allgemeine Aufmerksamkeitsspanne wird auf ein Minimum verringert, angesagte  Konzentrationsschwächen wie ADHS werden ohne Aufpreis gefördert und versehentliche Anflüge von Kunst auf den reinen Gebrauchswert reduziert.

Ganz generell sollte über ähnliche Schnellvorlauf-Funktionen auch für das alltägliche Leben nachgedacht werden. Ruhe und bewusstes Genießen werden eh schon seit Ewigkeiten überschätzt. Die tägliche Schlafdauer kann durch Speed-Schnarching locker halbiert werden, ein mehrgängiges Restaurant-Essen lässt sich auch püriert in einer Tüte mitnehmen, zeitfressender Sex kann durch Überspringen des Vorspiels plus Beschleunigung der Ruckelfrequenz enorm verkürzt werden und bei einer Hochzeit ließen sich die Scheidungspapiere auch gleich bequem mit ausfüllen. Wer schneller lebt ist früher tot und kann das schleppende Leben endlich als erledigt abhaken. Und vielleicht gibt es bei Netflix ja schon die zweite Staffel!

Angekündigtes Ende

Meistens im Leben kommt das Ende überraschend, sogar für das Leben selbst. Die LINDENSTRASSE hingegen weiß schon jetzt genau, wann der Stecker gezogen wird, um sich selbst und die Fan-Familie behutsam darauf vorzubereiten. Am 29.03.2020 werden nicht nur Restaurant Akropolis und Café Beyer die Löffel abgeben, sondern auch sämtliche Bewohner. Trauernde können die Erinnerung aber emotional bewahren, denn von der Bushaltestelle bis zu Mutter Beimers Küche werden zahlreiche Kulissen und Requisiten in diversen Museen weiterleben. Ich hätte gern die Fahrradklingel aus dem Abspann!

Paradies-Probleme

Schock für RTL! Das Bachelor-Bekloppten-Bumsanbahnungs-Best-of BACHELOR IN PARADISE läuft bei weitem nicht so gut wie man es erwartet hatte! Vor allem aber will kaum jemand sehen, wie über die kackdoofen Chaoten-Kuppeleien der kamerageilen Knallchargen nach der Sendung auch noch sinnlos im Kreis gelabert wird. BIP – DER TALK wurde somit zum Vollflop und nun kurzerhand aus dem Programm gekegelt. Die Paradies-Pimperer bleiben (vorerst), aber statt Gesabbel gibt es jetzt Wiederholungen angegammelter BAUER SUCHT FRAU – Folgen. Auch nicht wirklich besser.

Sissis Rückkehr

Eine alte deutsche Fernseh-Festtags-Regel lautet: kein Weihnachten ohne die zuckerklebrig-kronenkitschfrohe Premium-Romantik-Schmonzette von SISSI und ihrem Franz-Kaiser im Dreierpack! Zur Royalisierung des Restjahres befinden sich derzeit allerdings gleich zwei Serien um die junge Kult-Kaiserin in Produktion: ein deutsch-österreichischer Sechsteiler und eine amerikanische SISI-Version mit (eigentlich korrekterweise) einem S weniger. Beide übrigens leicht modernisiert und stark entschmalzt – was die Nostalgiker gleich doppelt zum Weinen bringen dürfte!

645. Etwas schneller, bitte! (TVS 25/19)2019-12-01T18:24:26+01:00

644. Viel reden und nichts sagen (TVS 24/19)

Informativer Meinungsaustausch oder Hohles Plappern bis der Arzt kommt – Gehören Talk-Shows abgeschafft? Zugegeben, klingt wie der augenzwinkernd reißerische Titel der nächsten HART ABER FAIR – Ausgabe zum vorglühenden Gemüter-Aufheizen, ist aber eine ernst gemeinte Frage. Denn während derzeit vor allem bei den Öffentlich-Rechtlichen eine Quatsch-und-Quassel-Konferenz nach der anderen aus dem Boden des ökonomisch risikofreien Unterhaltungs-Anbaus zu sprießen scheint und sogar RTL mit der baldigen Daily-Talk-Rückkehr liebäugelt, wird gerade diese exzessive Überdüngung der Kanäle durch serielle Sabbelsendungen in der aktuellen Entertainments-Monokultur stark kritisiert. So bekamen gleich vier ARD/ZDF-Faselformate den ungeliebten Negativ-Preis ‚Goldene Kartoffel‘ des Netzwerks der Neuen Deutschen Medienmacher*innen für besonders unterirdischen Journalismus verliehen, weil dort ‚reißerisch, klischeehaft und diskriminierend‘ diskutiert und dadurch rassistischen und rechtsradikalen Ansichten eine unerwünschte Plattform gegeben würde. Was gleich auch in der Presse zu vereinzelten Forderungen führte, das Gruppen-Geschwafel im Fernsehen doch gleich ganz einzustellen, da es immer mehr zu Extremen neigt und unser Miteinander nur noch mehr vergiftet.

Eine wirklich interessante Überlegung – würden wir alle besser zuhören, mehr nachdenken und wieder vernünftiger miteinander kommunizieren, wenn wir grundsätzlich einfach mal öfter die Fresse halten würden? Vor allem dann wenn wir eigentlich gar keine Ahnung vom Thema haben? Der Trend zum lautstark-großflächigen Maul-Aufriss in entgegengesetztem Verhältnis zur inhaltlichen Bedeutsamkeit ist seit vielen Jahren Trend, egal ob nun akustisch oder schriftlich verbalisiert. Und schaut man auf die kaum mehr zählbaren Serious-Talking-Runzelstirn-Zeigefinger-Polit-Formate der Großen Zwei, so lässt sich schon eine gewisse kreisrunde Regelmäßigkeit in Dauerschleife erkennen: In gefühlt 80% der Sendungen wird über oder mit der AfD geredet, warum man eigentlich nicht mit oder über die AfD reden sollte, während all deren erschreckend bösartig-blöden Verallgemeinerungen auf Nationalsozialistisches Gedankengut analysiert und demontiert, somit aber auch ungewollt weiter verbreitet werden, woraufhin sich die AfD dort wortreich als vorsätzlich falsch verstandenes Opfer der staatsgesteuerten Merkelmedien inszeniert. Worüber dann ein jeweils neu gewürfeltes Politiker-/Journalisten-Rudel aus dem ewig gleichen, leicht überschaubaren Pool halbwegs vorzeigbarer TV-Sackgesichter aufgeregt echauffiert diskutiert, als wäre es das erste Mal. So ermüdend wie sinnlos, so repetitiv wie einseitig. Andererseits muss man aber auch miteinander sprechen, denn ohne Kommunikation funktioniert gar nichts. Und wer gegenüber Wahnsinn, Ungerechtigkeit und Populismus schweigt, der duldet und akzeptiert deren Wachstum. Aber vielleicht doch nicht immer so viel, so gleich und so vorhersehbar. Wie wär’s deshalb ab und zu mal mit einer Folge HART ABER FRESSE! oder ANNE WILL NICHT MEHR LABERN? Oder einfach zahlenmäßig weniger, aber inhaltlich mehr? Man kann sich nämlich auch zu Tode texten, bis niemand mehr zuhören möchte oder das Hirn auf Durchzug schaltet. Und als belanglose Einschlafhilfe ohne Erkenntnisgewinn haben wir schon BARES FÜR RARES, dafür brauchen wir keine Talk-Shows.

Blind Wedding

Während sich bei RTL2 auf tropischen Inseln junge Menschen im Party-Taumel vor Nachtsichtkameras besinnungslos pimpern, wird in SAT1 zuerst einmal ganz altmodisch geheiratet. Sogar zuallererst, also noch bevor man sich überhaupt kennengelernt hat, denn das ist ja gerade der lustige Witz bei HOCHZEIT AUF DEN ERSTEN BLICK. Hier wird nämlich vom Sender nach alter Urgroßväter Sitte amtlich zwangsverheiratet – und erst danach geschaut, ob man sich denn überhaupt versteht. Blöde Idee für alle Beteiligten, aber wenn sich daraus ein flott-voyeuristisches Fernsehformat basteln lässt, dann sollte man sie unbedingt durchziehen! Ehrliche Gefühle werden eh überschätzt.

Auto Erotik

Auf der Suche nach emotionalen Format-Ideen mit Tiefgang ist VOX jetzt der ganz große Wurf gelungen: AUF DER SUCHE NACH DER ERSTEN LIEBE. Gemeint ist natürlich nicht die Forschung nach dem Verbleiben alter abgelegter und inzwischen runzeliger Ex-Rochen, sondern nach dem ersten KfZ, mit dem man als junger Erwachsener glücklich durch die Gegend gekachelt ist. Den hat man dann irgendwann verkauft, weil man was Besseres wollte – doch das Herz blieb im Getriebe stecken. Aber heute tut einem das natürlich furchtbar leid und Autodetektiv Kirsch ermittelt, ob die olle Schrottkarre noch irgendwo rumjuckelt. Langweilig, aber Andreas Scheuer dürfte vor Rührung weinen.

Fittest Versager

Es sollte der nächste große Prime-Time-Action-Hit für den Powerballsender SAT1 werden, quasi ihr ‚Ninja Warrior‘ mit Familien-Bonus zum Mitschwitzen – die Suche nach der FITTEST FAMILY GERMANY! Vier Familien fighten verbissen-fröhlich gegeneinander in diversen anstrengenden Wettkampf-Parcours und irgendwer gewinnt am Ende. Wurde dann aber doch ganz unspektakulär zur Mittagszeit versendet, damit (laut Sender) ‚auch die ganze Familie zuschauen könnte‘. Was übersetzt soviel heißt wie: Mist, war zwar teuer aber einfach zu Scheiße fürs Abendprogramm!

644. Viel reden und nichts sagen (TVS 24/19)2019-11-21T01:39:57+01:00

643. Generation H.O.R.S.T. (TVS 23/19)

Schaut man sich die Entwicklung der Menschheit über die letzten Jahrtausende einmal etwas genauer an, so entdeckt man, dass in bestimmten Intervallen immer wieder neue Arten gesellschaftlicher Prototypen mit sich ähnelnden Charaktereigenschaften oder visuellen Merkmalen entstehen, die sich anfangs fast unbemerkt pilzartig in der Gemeinschaft vermehren, aber eines Tages plötzlich in erschreckend großer Anzahl in unserer Mitte existieren wie schlecht geklonte Humanoiden-Ableger, sich selbst reproduzierende Kopierfehler oder fehlerhaft fließbandproduzierte Gartenzwerge. Irgendwann mal trugen die meisten Männer Hüte, dann Vokuhila und später keine Haare mehr, mal wollten alle in den Krieg, dann Lokomotivführer Astronaut oder Bankangestellter werden und letztlich einfach Millionär. Blättert man durch die Geschichtsbücher, wird man schon rein optisch erkennen, wie radikal sich das jeweils temporäre ‚Durchschnitts‘-Bild der Bevölkerung stets wellenförmig verändert und erneuert hat. Woran die Medien durch ihre Leitfunktion immer bewusst wie unbewusst einen großen Teil der Verantwortung zu tragen hatten.

Sich momentan unter den ca. 18-35jährigen virusartig und erschreckend schnell ausbreitend finden wir die sogenannte Generation HORST – Abkürzung für ‚Hackedoof, Oberflächlich, Rasiert, Selbstbewusst & Tätowiert‘. Dem Publikum als ‚moderne junge Erwachsene der Neuzeit‘ vornehmlich propagiert und präsentiert von RTL 1 bis 2 und ähnlich peinlichkeitsresistent profitorientierten Proll-Privatsendern und Streamingportalen mit bumsbanalen Reality-Fremdscham-Formaten aus dem Paralleluniversum pimperorientierter Paarfindungs-Peinlichkeiten. Egal ob LOVE/TEMPTATION ISLAND, HOTEL PARADISE, NAKED ATTRACTION oder wie auch immer der jeweilige Wahre-Liebe-Findungs-Brainfuck heißen mag: überall sieht man juvenil-debil grinsende, vom Sack bis zur Murmel gleitfähig glattrasierte Muskelberg-Machos und maschinell durchoperierte Megamops-Pornopuppen mit bläulich eingespritzten Ganzkörper-Krickeleien aus dem ‚Tattoo-nach-Zahlen‘-Malbuch für kunstbehinderte Symbol-Schmierfinken, deren bodenhohe IQ-Werte in reziprokem Verhältnis zum inhaltlich absolut unbegründet überbordenden Selbstbewusstsein stehen. Während die Eltern und Großeltern sich noch aktiv gegen ein gesellschaftlich anerzogenes Minderwertigkeitsgefühl oder das gelebte Mittelmaß als Endziel der bürgerlichen Zufriedenheit zur Wehr setzen mussten, zogen sie ihre Kinder mit dem gut gemeinten Gefühl auf, ein angeborenes Recht auf Bewunderung, Reichtum und Exzellenz zu besitzen. Schließlich lernt man in allen Geschichten, dass irgendwo in jedem Lebewesen etwas Besonderes steckt und jeder ein Star sein kann. Wobei allerdings der Teil, in dem sich die jeweiligen Helden dies erkämpfen mussten, wegen Boring-Being meist lieber schnell vorgespult wurde. Quasi vom Tellerwäscher zum Millionär, nur ohne das doofe Tellerwaschen. Denn Arbeiten ist für Asis, Schule für Doofe, Intelligenz macht hässlich und Nehmen ist geiler als Geben. Man ist sich selbst mehr als genug, der Rest der Welt sind nur Liker und Follower. Und wenn man stirbt, zählt der liebe Google-Gott eh bloß die Daumen hoch im Goldenen Instagram-Account. Denn der wahre Segen der Doofen liegt in der Gnade, sich ihrer eigenen Blödheit nie bewusst zu sein.

Back to Hell

Es klang zu schön um wahr zu sein als angekündigt wurde dass endlich endgültig Schluss sein sollte mit den Afterjuckreiz-erzeugenden Afternoon-Arschformaten aka ‚Scripted Reality‘ – wobei das ja man nicht sagen kann, ob bei diesen radikal realitätsfremden Schreibstümpereien aus der Asi-Abfalltonne abgelehnter Autoren-Azubis nun Scripted oder Reality die größere Beleidigung darstellt. RTL2 kneift den ohnehin nicht übergroßen Schwanz nun jedenfalls als Erster ein und bestückt den kompletten Nachmittag wieder mit den gewohnten Niveau-Nivellierungen von WACHE HAMBURG bis zu FRAUENTAUSCH KULTHÄPPCHEN direkt aus der Hölle – denn Satan sendet über Satellit!

Doctor Sat

Während der Rest der ungesetzlichen Privaten wegen akutem Quotenfieber trotz angekündigtem Ausstieg doch wieder verstandseinlullende Scripted Reality – Suchtmacher versendet bis der Arzt kommt, bringt SAT1 stattdessen den Doktor lieber gleich persönlich in die Programm-Praxis. So plant der farbenfreudige Medizinball-Sender für das nächste Jahr eine tägliche Gesundheits-Sprechstunde am Nachmittag mit Medien-Medicus Dr. Wimmer, den wahrhaftige Weißkittel-Groupies bereits vom NDR kennen dürften. Clever, denn wenn man schon keine Gebührengelder bekommt und die Werbeeinnahmen immer mehr zurückgehen –  vielleicht zahlt dann wenigstens die Krankenkasse!

Naked Neuanfang

Das war wirklich eine Überraschung als RTL verkündete, dass man ADAM SUCHT EVA, die kleidungsresistente Körperwelten-Verkupplungs-Show für fickelfreudige FKK-Fummelfans, trotz guter Quoten nicht fortsetzen wolle. Wo bitteschön sollten denn von nun an sexuell unterversorgte Single-Luder ihre extralarge aufgepumpten Euter-Exponate ausstellen oder paarungswillige Palmenwedler ihre lustvoll schwingenden Lausbubenlümmel präsentieren? Und was wird aus all den ehrlichen Exhibitionismus-interessierten Zuschauern mit erwartungsvoll geöffneter Hose? Keine Sorge – RTL wiederholt demnächst die komplette nichtsnutzige Nacktarsch-Narretei von 2016 und RTL2 plant bereits ungefragt die intellektuell tiefergelegte Neuauflage! Nice & Nude.

643. Generation H.O.R.S.T. (TVS 23/19)2019-11-05T01:39:46+01:00