581. Mach es gut – werde Rekrut! (TVS 13/17)

Unsere Bundeswehr hat große Probleme: Waffen, die nur bei gutem Wetter in Friedens-Situationen funktionieren. Veraltete Hubschrauber, die den Pi-loten während des Flugs unter dem Hintern wegrosten. Militärdienstleis-tende, die versuchen ihre Kasernen mit illegalen Wehrmachts-Devotionalien, Führer-Fotos und Hakenkreuz-Schnitzereien gemütlicher zu machen, obwohl das in Wirklichkeit gar nicht gemütlich ist. Und (wie ge-sagt) sogar rechtlich gesehen a bisserl grenzwertig, wenn man pingelig sein möchte. Ein offensichtlich deutscher Soldat hatte sich letztens sogar auf seinem Stützpunkt als syrischer Flüchtling ausgegeben, um dort einen vor-getäuscht islamistischen Terrorakt zu planen. Unverhohlener Rechtsextre-mismus, schwere sexuelle Belästigungen, Erniedrigungen und psychischer Missbrauch von Untergebenen – alles weder Einzelfälle noch wirklich neue Phänomene, welche die bereits überlange Negativliste allerdings stolzen Schrittes weiter Richtung Unendlichkeit marschieren lassen.Erschreckend – doch wer trägt eigentlich die Schuld an diesem plötz-lich so überquellenden Sammelsurium der Unglaublichkeiten? Leichter ge-fragt als beantwortet. Über dem gesamten schillernden Kaleidoskop der Un-fähigkeiten thront auf der Spitze des Chaoten-Haufens die lebende Haar-spray-Sturmhaube und gestrenge Kompanie-Mutter Ursula von der Leyen, die allerdings durch einen strategisch sauberen General-Anschiss an alle anderen den eigenen Namen vorerst aus der Schusslinie zu rücken ver-mochte. Cleveres Krisen-Management aus dem VW-Lehrbuch, was zumin-dest bereits dazu führte, dass die Kanzlerin ihr das volle Vertrauen aus-sprach. Was übersetzt in den Militärjargon jedoch leider so viel heißt wie: ‚Ein geladener Revolver liegt in der Schublade. Wir warten draußen.’
Quo vadis also, Bundeswehr? Erschwert wird die Krise ja zusätzlich auch noch dadurch, dass nicht nur die Qualität und Qualifikation der Bun-deswehrlinge abnimmt, sondern auch noch ihre reine Anzahl. Früher zu Zeiten der Wehrpflicht war das ja kein Problem, da kriegte einfach jeder volljährige Volltrottel-Anwärter männlichen Geschlechts einen zünftigen Zwangs-Arschtritt mit dem dicken Regierungsstiefel in die Kimme und flog in hohem Bogen bis zur Pforte der nächsten überfüllten Kaserne. So er denn nicht in einem interrogativen Folter-Verhör einer kleinen Gruppe emotionsloser Hochleistungs-Skeptiker mühsam seinen krankhaften ange-borenen Pazifismus glaubhaft machen konnte.
Die letzte Rettung für die BW liegt nun überraschenderweise in einem Projekt, mit dessen Erfolg wohl wirklich niemand zu rechnen gewagt hatte: DIE REKRUTEN! Diese unterhaltsame kleine Reality-Soap-Reihe realis-tisch anmutender Videotagebücher von den verschiedenen Ausbildungs-Stufen auf dem Weg zum Generalfeldmarschall war weit weniger peinlich als befürchtet und mauserte sich im Internet zu einem veritablen Überra-schungserfolg. Und da es ja nun schon mal da ist und nichts extra kostet, hat RTL2 sich schnell die Rechte für die TV-Auswertung dieser dumm-dreisten Dauerwerbesendungs-Reihe unter den Nagel gerissen. Sehr pas-send, werden es die meisten Stammzuschauer ohne Ton doch meist für eine neue Folge von X-DIARIES, BERLIN – TAG & NACHT oder THE WALKING DEAD halten. Und wenn Duckface-Drohne Bibi H, die Helene Fischer von YouTube, den Titelsong zur Serie singen würde (That’s just how it is – wap bap badadida Peng Peng), dann hätte auch der Rest der Welt endlich wieder die nötige Mischung aus Furcht und Respekt vor unse-rem Militär. Wie in der guten alten Zeit.

Senioren-Verkupplung

Was wäre das Fernsehen bloß ohne seine vielen Verkupplungs-Shows, in denen auf amüsant-anrüchige Art liegengebliebene Singles zur Freude des bräsig-hämischen Publikums zur theoretischen Zwangsverpaarung getrieben werden. Da allerdings fast alle alleinstehenden Bürger bereits vor die Knatter-Kameras gezogen wurden, freuen sich die Sender immer wieder ein Loch in den Kopp, wenn sie eine noch unverbrauchte Opfer-Gruppe zum liebevoll-seelenlosen Vorführen entdecken. SAT1 trumpft nun auf mit der deutschen Version der belgischen Rentner-Dating-Show HOTEL RÖMANTIEK, in der Ü60-Single-Senioren noch mal eine Chance für die Liebe bekommen sollen. Natürlich mit Niveau, charmant und respektvoll – dafür steht SAT1 mit seinem guten Namen. Ach so, haben sie ja gar nicht mehr… dann halt furchtbar wie immer!

Eier-Beichtstuhl

In Spanien gibt es ein neues Format namens OVO, bei dem eine Art eiförmiger Beichtstuhl mit Kamera in die Füßgängerzone gestellt wird, in dem dann Passanten ihre Meinung loswerden, ihre Sorgen artikulieren oder private Geheimnisse ausplaudern dürfen. Das soll nun bald ebenso in Deutschland geschehen, denn auch hier gibt es mit Sicherheit viele Leute, die gern ungefragt dummes Zeug labern und kostenfrei ein paar Stunden Sendezeit voll quatschen. Noch hat kein Sender zugeschlagen, aber wenn es so billig wird wie es klingt, werden wir es demnächst wahrscheinlich auf allen Kanälen sehen.

Augen-Duell

Feelings-Fernsehen ohne viel Labern: zwei Leute, die sich mal irgendwie nahe standen und bei denen es dann aber mal irgendwann richtig gerummst hat, erzählen im Fernsehen ihre Geschichte, setzen sich dann einander gegenüber und glotzen sich zehn Minuten nonstop in die Klüsen ohne was zu sagen. Das läuft dann in Slow-Motion im Vorabendprogramm von SAT1 und heißt DER AUGENBLICK – VERZEIHEN OHNE WORTE. Bis einer weint. Aber das tut wahrscheinlich nur der Zuschauer. Aus Verzweiflung. Und darf dafür dann zehn Minuten lang schweigend den SAT1-Hüpfball böse anschauen.

580. La-La-Land-Loser (TVS 12/17)

Die musikalische Seele unserer Nation ist schwer getroffen und tief ent-täuscht. Der gemeinsam angestrebte letzte Platz für Deutschland beim Eu-rovision Song Contest zum dritten Mal in Folge – unter Fachleuten auch bekannt als La-La-Land-Loser-Hattrick – ist uns trotz aller Mühen und Anstrengungen leider nicht gelungen. Nach den wirklich grandios in den Sand gesetzten Germany-Performances der inzwischen längst vergessenen Jamie-Dings und Ann-Soundso in den Jahren 2015/16 durfte man die be-rechtigte Hoffnung hegen, sich auch 2017 auf eine ähnlich professionell mediokre Versagens-Leistung freuen zu dürfen. Doch obwohl es bei der mehrstündigen Punktevergabe lange Zeit sehr schlecht bzw. sehr gut für uns aussah, so wurde der Traum vom stolzen Rot-Laternen-Triple dann doch kurz vor Ende zunichte gemacht. Schuld daran tragen die jeweils drei fata-len Mitleidspunkte der irischen Jury (nette Menschen, die Iren, aber leider ein Scheißgeschmack!) und des Schweizer Telefon-Votings (verdientes Wellness-Wochenende der zuständigen NDR-Redakteure in Zürich mit Pre-Paid-Firmenhandys), durch die wir schließlich genau einen unverdient hä-mischen Qualitätspunkt vor Spanien landeten. Selbst beim Versagen noch zu scheitern – eine wahrhaft bittere Erfahrung.Auch heute – zahlreiche Wochen, Krisensitzungen und Strategie-Meetings später – ist noch nicht geklärt, welchem Praktikanten im Nord-deutschen Rundfunk man offiziell die Schuld für das Debakel diesmal in die Schuhe schieben kann. Denn wie es schon ESC-Moderations-Fossil Pe-ter Urban treffend zusammenfasste: ‚Wir haben nichts falsch gemacht!’ Korrekt. Nur leider auch nichts richtig. Und das zum wiederholten Mal mit einer derart lemminghaften Zielstrebigkeit, die jeden Betrachter klar erken-nen lässt, dass ein möglicher Sieg niemals realistisch zur Debatte gestanden haben kann. Denn auch wenn man erst frische 62 Jahre dabei ist, eins lässt sich aus dem bisherigen Abschneiden klar und eindeutig erkennen: eine realistische Chance auf einen der vorderen Plätzen, also von links nach rechts gelesen, hat es immer nur gegeben, wenn sich Menschen mit wahrer Freude und Leidenschaft um die Titel und Künstler gekümmert haben. Im vergangenen Jahrhundert war das mit professioneller Verbissenheit die le-gendäre Grand-Prix-Song-Komponiermaschine Ralph Siegel, im neuen Millennium dann natürlich Stephan Raab, der als Künstler, Produzent oder Mentor den angestaubten Pathos durch Selbstironie und Spielfreude ersetz-te.
Seit allerdings die selbst ernannten Entertainment-Experten der öf-fentlich-rechtlichen Bespaßungs-Ämter Norddeutschlands wieder ganz al-lein das traditionelle Emotionen-nach-Zahlen-Lehrbuch für verkrampfte Lockerheit durcharbeiten, haben ehrlicher Spaß und echte Gefühle selbst-verständlich keine Chance mehr. Denn ein Taktstock im Arsch macht halt noch keinen Swing! Gewöhnen wir uns also lieber daran: solange die glatt gelutschten Analyse-Profis mit dem Belanglosigkeits-Bügeleisen alle Ecken und Kanten lebendiger Kunst mit öffentlich-rechtschaffener Bräsigkeit brav in die Din-Norm der familienfreundlichen Massentauglichkeit glätten, wer-den wir im Innovationszug der Unterhaltung nie vorne sitzen dürfen. Dann doch lieber die eigene Langweiligkeit akzeptieren, gemütlich hinten bleiben und fröhlich aus dem Rückfenster winken!

Doppel-Hochzeit

Manch schlimme Bilder lassen sich nicht einfach so ungesehen machen und von der Netzhaut löschen, so sehr man es auch möchte. So wie zB das pudrig-pinke Overkitsch-Grauen, das unsere Augen bei der RTL2-Live-Hochzeit der drallen Katzenberger-Kichererbse mit ihrem langweiligen Grinse-Griechen Lukas malträtierte. Da aber alle After-Wedding-Formate mit dem kamerasüchtigen Selbstdarstellungs-Duo quotentechnisch stark enttäuschten, müssen wir zum ersten Wedding-Day nun zur Strafe ein kommentiertes Best of des erfolgreichen Hochzeits-Horrors ertragen. Willkommen zum Katzenberger-Murmeltier-Tag!

Flohmarkt-Fernsehen

Wer hätte gedacht, dass das simple Verscherbeln von altem Plunder im Fernsehen eines Tages mal so erfolgreich sein würde?! Doch spätestens seit den Quotenrekorden des lauwarm-lulligen Trödel-TV-Fußbads BARES FÜR RARES wollen alle Sender auch on Air olles Zeug verkaufen. Nächster Versuch: VIEL ZU BIETEN auf ZDFneo, wo motivierte Krimskrams-Besitzer versuchen müssen, ihre liegen gebliebenen Sondermüll-Besitztümer einer (der HÖHLE DES LÖWEN–Jury zufälligerweise nicht unähnlichen) Expertengruppe zu verticken. Klingt spannend wie eine Runde Schwimmen im Staub.

Wohn-Wahnsinn

RTL kennt keine Gnade: Wähnte man sich bei ihnen bislang zumindest in der Jahresmitte relativ sicher vor eingeknasteten Doof-Promis, haben sie nun jedoch ihren sommerlichen Dschungel-Light-Ersatz als medizinisches Medien-Methadon für klinische Sucht-Voyeure gefunden: DAS PROMIHAUS DER STARS. Eine kleine fiese Finca in Portugal, in der die mäßig bekannten Pupsnasen mit dem derzeitigen Lebenspartner eingesperrt werden. Diesmal angedroht: Ross Anthony + Ehemann, Prominenz-Behaupterin Giulia Siegel mit Begattungsbeilage und als Highlight die verhärmte Höllenhündin Helena Fürst mit ihrem für die Medien angemieteten Ekelpaket Ernesto Mont als hochgradig unsympathischen Verlobten-Darsteller. Welcome to the House of Horror!

579. Leitfaden zur Leitkultur (TVS 11/17)

Immer wenn irgendwo bei uns mal wieder irgendeine Wahl bevorsteht, kommt irgendwann irgendwer von irgendeiner Partei mit einer wenig sinnvollen Diskussion um die so genannte ‚Deutsche Leitkultur’ angedackelt. So wie kürzlich Bundes-Inside-Minister Thomas de Maizière, der er-neut dazu aufrief über einen Katalog der verbindlichen Deutschigkeiten für Jedermann nachzudenken, an dem sich vor allem die Ausländer orientieren sollten. Auch wenn der Grundgedanke dazu vielleicht nicht mal ein falscher ist, so gestaltet es sich doch in der Praxis schwierig, eine wirklich allgemein gültige Gebrauchsanweisung zum Deutsch-Sein zu entwickeln, denn a) möchte man diese nicht von der Regierung mit erhobenem Zeigefinger in der ebenso hoch getragenen Nase vorgesetzt bekommen und b) entspricht sie meist einer eher völlig irrealen Idealvorstellung unserer nationalen Werte denn der gelebten Wirklichkeit. Bemüht um konstruktiven Umgang mit diesem dialektischen Dilemma sollten wir uns deshalb an einer realistischen Ergänzung einiger der TdM’schen Thesen versuchen.Viel zitiert, inhaltlich provokativ und grammatikalisch waghalsig: ‚Wir sind nicht Burka!’ Eher Spreewald-Gurka. Wir sind nicht Augen-schlitz-Kleidersack, wir sind Hemd und Hose, gelegentlich offen, zu weite T-Shirts und zu enge Leggins, weiße Socken und Sandalen. Wir alle zeigen jedem unaufgefordert unser Gesicht, selbst wenn bei vielen eine Verhüllung ästhetisch gesehen von Vorteil wäre. Wir achten unsere Frauen theoretisch fast gleich wie die Männer, auch wenn wir ihnen weniger bezahlen, und schlagen sie kaum, jedenfalls nur selten nüchtern. Wir geben anderen Men-schen munter schüttelnd die Hand und machen kein albern-tuckiges Bussi-Bussi links und rechts. Allgemeinbildung ist wichtig und wertvoll, deshalb sind Google und Wikipedia bei uns kostenlos. Unser Land ist geprägt von Kultur und Philosophie. Wir sind Goethe & Schiller, Kant & Klum, Barth & Hegel, Adorno & Asmussen. Wir sind Bach & Beethoven, Brahms & Bohlen, Weill & Wendler, Helene & Fischer. Wir sind das Land von Faust, Das Nibelungenlied und Emilia Galotti, aber wir müssen das intellektuelle Gekrickel zum Glück nicht lesen, sondern dürfen Das Inzestfest der Volksmusik, Traumschiff und Schwiegertochter gesucht schauen. Wir sind pure Lebensfreude, wenn es zeitlich passt, zB beim Gewinnen der Fußball-Weltmeisterschaft, beim Oktoberfest-Kotzen oder volltrunkenen Allesficken im Karneval. Wir stehen zu unserer Geschichte mit all ihren vielen Höhen wie auch dem gelegentlich kurzzeitigen Absinken der internationalen Sympathiewerte (früher mal) und sagen manchmal ganz leise bei Vollgas auf der Autobahn, dass damals auch nicht alles nur schlecht war. Wir stehen nicht für religiösen Fundamentalismus oder gewalttätigen Extremismus, um Andersgläubige von unserem Glauben zu überzeugen. Jedenfalls nicht mehr, früher schon, sogar sehr, aber da wollen wir jetzt bitte wirklich nicht schon wieder von anfangen. Unsere heutige Kirche steht für frische Verstaubtheit, modernen Konservativismus und verschwiegenen Missbrauch. Wir sind theoretisch weltoffen, jung, schön, schlank und charmant, wir duschen uns regelmäßig und riechen gut. Im Fahrstuhl furzen wir aus Respekt vor den Mitreisenden nur ganz leise kurz bevor wir aussteigen. Wir sind Wir und besser als Ihr. Das wissen wir, sagen es aber nicht öffentlich. Denn bescheiden sind wir auch noch.

Nachwuchs-Sendung

Es gibt ja kaum was Schöneres, als mäßig bekannten Prominenz-Behauptern bei ihrem mäßig unterhaltsam inszenierten Leben zuzuschauen. Und da die Protz-Geißens, Katzenbumsers und Lombardi-Loser langsam noch langweiliger werden als sie es eh schon immer waren oder sich aus Arbeitsverweigerung einfach trennen, muss dringend Nulpen-Nachschub her! RTL2 wurde fündig und präsentiert demnächst die komplette Schwangerschaft plus Kreißsaal-Pressing mit Ex-Sat1-MorningMan Peer Kusmagk und Surf-Blondie Janni Hönscheid, die sich erst kürzlich klamottenlos und pro-aktiv medienwirksam bei ADAM SUCHT EVA auf der RTL-Pimperinsel lieben lernten. Pure Romantik!

Vertonungs-Terror

SAT 1 bewies kürzlich bei der Gottschalk-Comeback-Flop-Show #742 mit dem Titel LITTLE BIG STARS, wie man ein vielleicht sogar recht nettes Format mit fröhlichen talentierten Kindern durch aggressive Unfähigkeit und schmierige Privat-TV-Arroganz komplett zerstören kann. Nach jedem einzelnen Satz eingespielte Fake-Lacher eines vor hysterischer Heiterkeit fast sterbenden Publikums plus künstliches Sitcom-Dosengekicher, sinnfrei hyperaktiv zusammengeschnitten, um dem dummen Publikum mit dem Spaß-Holzhammer die gefühllosen Instant-Emotionen in die Rübe zu donnern. Feist-freches Verarschungs-Fernsehen aus der unangenehmsten Ecke der Unterhaltungshölle, wie es wirklich keiner mag. Mein Beileid an alle betrogenen Beteiligten!

Schropp-Schätzung

Das wundert einen schon, dass da nicht schon mal jemand früher drauf gekommen ist: einfach ein paar alte DDR-TV-Shows wieder aufleben lassen! Muss ja nicht gleich der SCHWARZE KANAL oder EIN KESSEL BUNTES sein – aber so eine harmlose kleine Quizshow wie SCHÄTZEN SIE MAL, in der Kandidaten beispielsweise schätzen müssen, wie viele Eier ein Huhn im Jahr legt oder wie viel Tassen die denkfaulen ARD-Redakteure noch im Schrank haben, das kann man ja ruhig mal machen. Dazu noch den alten Alle-Formate-auf-allen-Sender-Weg-Moderierer Jochen Schropp dazu holen – fertig ist die TV-Tütensuppe! Flutscht fehlerfrei durchs Programm wie ein Zäpfchen!

578. Dick oder schwanger oder beides (TV 10/17)

Der öffentlich-rechtlich-niederländische Fernsehsender NPO3 hat kürzlich eher ungewollt einen riesigen TV-Skandal auf die Beine gestellt. In der großen Samstagabend-Show NIMM DEINE BADESACHEN MIT aus dem Schmelztiegel der stets mit Überschreitung der Geschmacksgrenzen experimentierenden Hollandkäse-Produzenten von Endemol kam es zu einer (späteren Angaben zufolge satirisch gemeinten) Vorurteile-Rate-Runde mit dem Titel DICK ODER SCHWANGER? Zu letzterer Frage wurde eine korpulente junge Frau auf einen Drehteller gestellt und von vier anwesenden Macho-Juroren spaßvögelig justiert und bewertet, zB mit dem Vorschlag, Kindergeräusche nachzumachen und zu schauen ob die Brüste anschwellen und Milch einschießt. Am Ende war Lady Moppel dann allerdings doch nur unaufgepumpt einfach so dick aus rein persönlichen Gründen, was zu großer Belustigung führte, auch wenn dem Großteil der Zuschauer das Lachen im Halse steckenblieb und sich mit dem säuerlichen Geschmack von kalt Erbrochenem mischte. Spätere Raterunden auf der Delinquenten-Drehscheibe brachte dann Fragen wie NIEDERLÄNDER ODER DEUTSCHER (für beide Seiten beleidigend) und BAUARBEITER ODER POLE (beides hoch anständige Berufe). Trotz fernsehfreundlicher und Quoten-pushender Vorzüge wie Chauvinismus, Rassismus und genereller Menschenfeindlichkeit wurde die Sendung wegen der anhaltenden Proteste unlustiger Gutmensch-Holländer bereits abgesetzt.

Für uns eher unverständlich, trifft das Format doch im Grunde genau den Geschmack des Qualitäts-entwöhnten Stumpfglotz-Publikums sowie den aktuellen zynischen Zeitgeist, so man es nicht satirisch missversteht. Komplexe Sachverhalte bis zur Unkenntlichkeit vereinfachen, auf den ersten Blick einordnen und sich eine Meinung bilden – das alles ist heute wesentlich populärer als lähmendes Hinterfragen, zeitaufwändiges Analysieren oder einschläferndes Nachdenken. Wäre ich RTL, ich würde diese Show-Idee direkt aufgreifen: KATALOGISIER MIR! Dann noch irgend so eine bärtige Smartgrinsmaschine ins Studio gestellt, die sich an bedruckten Moderationskarten festhält und über einfach alles ungefragt kaputtlacht, dazu die Sackkarre voll der üblichen Verdächtigen aus den Dschungel- und DSDS-Restmülltüten als Shit-Laber-Jury vom großen Promi-Popeln weg direkt aufs Sofa gekippt – Fertig! Und zeitgemäße Frage-Paarungen für unser Publikum dürften ja wohl kein Problem sein: Promi oder Prostituierte? Arsch oder Gesicht? Ausländer oder Anständiger Deutscher? Asylant oder Vergewaltiger? Demokrat oder Diktator? Stammtisch-Nazi oder AFD-Politiker? Bettler oder Grieche? Finanzdienstleister oder Straßenräuber? Betreutes Wohnen oder Schwiegertochter Gesucht? Schimpanse oder TV-Redakteur? Hooligan oder Flugbegleiter? Bulimie oder Top-Model? Schlecht gelaunt oder Krebs? Hund oder Herrchen? Mensch oder Politiker? Merkel oder Wachsfigur? Jesus oder Martin Schulz? Gott oder Seehofer? Trump oder Süßkartoffel? Dumm oder Dümmer? Müsste bei uns doch eigentlich ein Erfolg werden…

Emotionale Insel

Innovations-Sender RTL2 hat sich aus England ein Format gesichert, das mit einer noch nie dagewesenen Grundidee aufwartet: Männer und Frauen sollen zu möglichen Paaren verkuppelt werden! Wow. Doch nicht genug der Neuartigkeit: das ganze wird über einen längeren Zeitraum mit Kameras beobachtet und täglich gesendet – wie bei BIG BROTHER, nur diesmal draußen. Nämlich auf einer Insel, so wie bei ADAM SUCHT EVA, nur halt mit Sachen an (meistens). Das heißt im Original LOVE ISLAND – bei uns wahrscheinlich LUDER SUCHT LAKEN oder DIE LIEBESINSEL DER SCHWACHMATEN.

Rechtsfreier Raum

Schlechte Zeiten für die Gerechtigkeit: SAT 1 befreit sich zum ersten Mal seit 1999 komplett von sämtlichen Gerichts-Shows! Auch wenn schon lange nichts mehr neu produziert wurde, so durften die alten Kamellen von Babsi Salesch und Alex Hold doch immer noch als schwammiges Füllmaterial zwischen dem restlichen Programm-Gammelfleisch dienen. Jetzt aber hat es sich ausverhandelt und die beiden Fake-Rechtssprecher können nur noch nachts die Schlafgestörten auf SAT1 Gold in die Hirnstarre langweilen. Abführen! Revision abgewiesen!

Spielende Kinder

Es gibt ja kaum was Herzerwärmenderes, als fremden Kindern beim Spielen zuzuschauen, vor allem wenn die richtig schön wild und laut sind. Also jetzt nicht für mich, aber irgdendwem scheint das wohl zu gefallen. Denn in Israel läuft das Format namens PLAY DATE ziemlich erfolgreich, bei dem täglich im Wechsel verschiedene Eltern versuchen, für eigene und fremde Kinder einen ganz tollen Spieltag zu veranstalten. Und das soll jetzt demnächst auch in Deutschland passieren, voraussichtlich in SAT oder KABEL 1. Wird wahrscheinlich beim Eierlaufen ausgespielt und der Verlierer muss es nehmen!

577. Der Tag, an dem das Fernsehen starb (TV 09/17)

Es gibt Momente in der Geschichte, die alle Menschen in der kol-lektiven wie individuellen Erinnerung vereinen. Meist handelt es sich dabei um Katastrophen, Attentate oder sonstige globale Schock-Meldungen. Der Mord an John F. Kennedy, die Terror-Anschläge des 11. September, die Wahl von Donald Trump – fast jeder weiß ganz genau was er wo tat, als er die Nachricht darüber empfing. Und so wird sich auch jeder noch in Jahr-zehnten mit Schrecken daran erinnern, was er gerade in der Nacht vom 28. zum 29.3.2017 machte, als um 0 Uhr plötzlich ganz unerwartet der Fern-sehschirm in Dunkelheit getaucht wurde. Einige freuten sich auf den Be-ginn einer weiteren heiter-interessanten Panzer-Parade in den mitternächtli-chen World War II – Dokus von ZDF History oder einem der vielen Nach-richtensender mit N im Namen, andere auf die Wiederholung des eben ge-sehenen Hauptabendprogramms, wieder andere öffneten just entspannt die Hose, um auf SPORT 1 den ersten Sexy Clips flankiert von animierender Werbung für lüsternen Festnetz-Telefonsex mit unansehnlichen Domina-Rentnerinnen jenseits der 65 entgegen zu fiebern. Doch dann der Schock – alles schwarz! Kein Bild, kein Ton. Kein ‚Ruf mich an‘, kein Hitler, kein gar nichts.

Gut, ein paar ganz wenige supergenaue Schlaumeier hatten es durch einen der unzähligen Berichte während der letzten Monate vielleicht mitbe-kommen und streberhaft vorgesorgt. Den überwiegenden Rest allerdings, der ehrlich und gewissenhaft wie immer jegliche Warnung und Aufklärung standhaft ignorierte, traf es wie ein Schock: Wie aus dem Nichts wurde der bisherige TV-Antennenbetrieb via DVB-T umgestellt auf das ultramoderne DVB-T 2. Eine vollkommen unnötige und inhaltlich sogar gefährliche Än-derung, erlaubt diese nämlich nun den Empfang der meisten Fernsehpro-gramme in hoch auflösendem HD – was auch bedeutet, dass man das ganze Elend jetzt fehlerfrei in bester Qualität ertragen muss, ohne die schützende Hand der verwaschenen Unschärfe, die so manch furchtbares Bild bislang gnädigerweise nur schwer erkennbar auf die Mattscheibe flimmern ließ. Noch unschöner allerdings ist die Tatsache, dass quasi alle mehr als ein Jahr alten Geräte mit der neuen Technik nicht mehr zurechtkommen und gepflegt in die Bio-Tonne gedrückt werden können. Zur Anschaffung neuer Receiver und Fernseher kommt zudem noch die erfreuliche Neuerung, dass – neben der absolut gerechtfertigten und vom Publikum hoch geschätzten GEZ-Gebühr für die hervorragenden und stets zu lobenden öffentlich-rechtlichen Qualitätsprogramme (Zwinkersmiley) – jetzt auch von den doo-fen Privatsendern eine Gebühr von ca 70 Euro jährlich für den Empfang erhoben wird, sonst bleibt die Kiste düster. Zählt man all diese monetären und verkomplizierenden Hürden zusammen, verwundert es nicht dass bis-her noch nicht einmal 20 Prozent der Betroffenen das große Spiel der unge-fragt aufgezwungenen Fernseh-Verschönerung mitspielen. Der größte Teil verzichtet einfach dankend auf die neueste Nötigung, nutzt Internet, Streaming-Dienste oder freiwilliges, ehrliches Pay-TV, liest wieder mal ein gutes Buch oder eine alte TV-Zeitschrift oder lebt einfach so sein eigenes Leben. Das Fernsehen ist schon so lange dabei, sich selbst abzuschaffen – da muss man dem dahinsiechenden Selbstmord ja wirklich nicht bis zum letz-ten Röcheln zuschauen!

Heißer Scheiß

Ein Alptraum wird wahr: In seinem unkontrollierbaren Recycling-Wahn hat der Innovation-Allergiker RTLplus angekündigt, auch den unerträglichen Game-Show-Horror-Klassiker DER PREIS IST HEISS wieder auferstehen zu lassen, in dem ein hysterisch schreiendes Publikum aus konsumgeilen Shopping-Monstern ohne Hirn im Warenkorb genötigt wird, wahllose Produktpreise zu memorieren. Wolfram Kons soll diesmal das sprechende Walross Harry Wijnvoord spielen und lernt gerade fleißig holländischen Akzent. Ob Marktschrei-Legende und Fast-Bundespräsident Walter Freiwald zum Mitbrüllen aus der Geschlossenen entlassen wird, ist bislang noch nicht bekannt.

Nacktes Grauen

Wenn ein verzweifelter Privatsender wie SAT 1 ernsthafte Konsumkritik äußern möchte, sieht das so aus: einem armseligen Häuflein Menschen wird die Wohnung leergeräumt und die Kleidung gemopst. Dann sind sie erst mal komplett nackig, hihi, und damit ist das wichtigste Quotenargument schon mal abgehakt, denn die Sendung heißt schließlich ja auch NACKTES ÜBERLEBEN. Dann gibt es jeden Tag ein Luxus-Leckerli zurück und dazwischen wird ganz viel dummes Zeug gelabert – unterbrochen von ausgedehnten Werbeblöcken mit allerlei stolz präsentierten Konsumgütern. Am Ende wird noch mal staunend intellektuell reflektiert, dass man ja im Leben echt gar nicht so viel braucht wie man so hat. Stimmt, aber ein bisschen mehr Verstand und Menschenwürde sollte man sich schon leisten dürfen!

Einsame Wirte

RTL2 hat vielleicht kein Herz für intelligente Zuschauer, dafür jedoch umso mehr für ungepoppte Randgruppen-Singles. Jetzt helfen sie deshalb den alleinstehenden Gastwirten auf die Sprünge und suchen für sie ein paar passende GV-Gesellinnen. WIRT SUCHT LIEBE heißt der kauzige Verkupplungsversuch nach altbekannt langweiligem Muster, präsentiert in deutsch-ähnlichem lustigen Kauderwelsch von Brigitte Nielsen. Wie heißt ein altes Sprichwort: Wer nichts wird, wird Wirt. Und hast du dann noch Pech dabei, sehen wir dich bei RTL2!

Oliver Kalkofe