645. Etwas schneller, bitte! (TVS 25/19)

Der digitale Entertainment-Großhändler NETFLIX hatte kürzlich eine grandiose Idee: testweise wird den Kunden die Möglichkeit angeboten, die geladenen Inhalte auch in 1,5-facher Geschwindigkeit abzuspielen. Eine zeitraubende Serie wie zB HOUSE OF CARDS kann so locker in 55 statt quälenden 73 Stunden reingezogen werden. Das hat natürlich unfassbar viele Vorteile: Zuerst einmal kann man fürs gleiche Geld wesentlich mehr konsumieren, so als würde man zu einem All-You-Can-Eat-Buffet noch einen zusätzlichen halben Magen mitbringen. Wenn man einen Film scheiße findet, ist er schneller vorbei. Gefällt er einem, ist man früher fertig, um einen vielleicht noch viel tolleren nachzuschieben. Anstrengendes Nachdenken oder Mitfühlen wird durch Erhöhung des Tempos minimiert und mit etwas Glück komplett verhindert. Handelt der Film von einem oder mehreren Kapitalverbrechen, ist der Täter wesentlich früher gefasst und kann kein Unheil mehr anrichten.

Ebenfalls im Angebot: das verlangsamte Abspieltempo für ZDF-Zuschauer, Ü-30-Binger und allgemein begriffsstutzige Slow-Thinker. Der BFR-(Bares-Für-Rares)-Modus in Zeitlupe oder Standbild-Koma-Funktion befindet sich noch in der Entwicklung, ebenso die Variante für Schwerhörige, bei der nach gedachter zweisekündiger ‚WAS?‘-Pause der letzte Satz immer noch einmal wiederholt wird. Ebenfalls in Planung: der ultimative ‚Erledigt-Modus‘, der einem erlaubt eine Serie als ‚Gesehen‘ markieren, ohne sie angeschaut haben zu müssen (auf Wunsch mit einminütiger Staffel-Zusammenfassung, falls man die Zeit dafür verschwenden möchte).

Vor allem die Fastwatch-Option findet bereits großen Anklang, kommt sie dem momentanen Zeitgeist doch sehr entgegen. Konsum macht schließlich nur bei Mangel wirklich Spaß – im Überfluss erscheint er meist nur als verpflichtende Last und beschwerliche Bürde. Während man sich früher noch entspannt über das schlechte Fernsehprogramm und die eklatante Knappheit an Filmen und Serien beklagen konnte, leiden die Menschen heute unter einem derart erdrückenden Überangebot, dem man selbst als bingewatchend bettlägeriger Dauer-Arbeitsloser mit Schlafstörung niemals komplett nachkommen werden könnte. Die Möglichkeit, deutlich mehr in immer weniger Zeit zu verbrauchen, ist jedoch seit jeher der feuchte Traum des Kapitalismus – auf beiden Seiten. Auch rein evolutionär gesehen ist diese neue Methode wegweisend: die allgemeine Aufmerksamkeitsspanne wird auf ein Minimum verringert, angesagte  Konzentrationsschwächen wie ADHS werden ohne Aufpreis gefördert und versehentliche Anflüge von Kunst auf den reinen Gebrauchswert reduziert.

Ganz generell sollte über ähnliche Schnellvorlauf-Funktionen auch für das alltägliche Leben nachgedacht werden. Ruhe und bewusstes Genießen werden eh schon seit Ewigkeiten überschätzt. Die tägliche Schlafdauer kann durch Speed-Schnarching locker halbiert werden, ein mehrgängiges Restaurant-Essen lässt sich auch püriert in einer Tüte mitnehmen, zeitfressender Sex kann durch Überspringen des Vorspiels plus Beschleunigung der Ruckelfrequenz enorm verkürzt werden und bei einer Hochzeit ließen sich die Scheidungspapiere auch gleich bequem mit ausfüllen. Wer schneller lebt ist früher tot und kann das schleppende Leben endlich als erledigt abhaken. Und vielleicht gibt es bei Netflix ja schon die zweite Staffel!

Angekündigtes Ende

Meistens im Leben kommt das Ende überraschend, sogar für das Leben selbst. Die LINDENSTRASSE hingegen weiß schon jetzt genau, wann der Stecker gezogen wird, um sich selbst und die Fan-Familie behutsam darauf vorzubereiten. Am 29.03.2020 werden nicht nur Restaurant Akropolis und Café Beyer die Löffel abgeben, sondern auch sämtliche Bewohner. Trauernde können die Erinnerung aber emotional bewahren, denn von der Bushaltestelle bis zu Mutter Beimers Küche werden zahlreiche Kulissen und Requisiten in diversen Museen weiterleben. Ich hätte gern die Fahrradklingel aus dem Abspann!

Paradies-Probleme

Schock für RTL! Das Bachelor-Bekloppten-Bumsanbahnungs-Best-of BACHELOR IN PARADISE läuft bei weitem nicht so gut wie man es erwartet hatte! Vor allem aber will kaum jemand sehen, wie über die kackdoofen Chaoten-Kuppeleien der kamerageilen Knallchargen nach der Sendung auch noch sinnlos im Kreis gelabert wird. BIP – DER TALK wurde somit zum Vollflop und nun kurzerhand aus dem Programm gekegelt. Die Paradies-Pimperer bleiben (vorerst), aber statt Gesabbel gibt es jetzt Wiederholungen angegammelter BAUER SUCHT FRAU – Folgen. Auch nicht wirklich besser.

Sissis Rückkehr

Eine alte deutsche Fernseh-Festtags-Regel lautet: kein Weihnachten ohne die zuckerklebrig-kronenkitschfrohe Premium-Romantik-Schmonzette von SISSI und ihrem Franz-Kaiser im Dreierpack! Zur Royalisierung des Restjahres befinden sich derzeit allerdings gleich zwei Serien um die junge Kult-Kaiserin in Produktion: ein deutsch-österreichischer Sechsteiler und eine amerikanische SISI-Version mit (eigentlich korrekterweise) einem S weniger. Beide übrigens leicht modernisiert und stark entschmalzt – was die Nostalgiker gleich doppelt zum Weinen bringen dürfte!

645. Etwas schneller, bitte! (TVS 25/19)2019-12-01T18:24:26+01:00

644. Viel reden und nichts sagen (TVS 24/19)

Informativer Meinungsaustausch oder Hohles Plappern bis der Arzt kommt – Gehören Talk-Shows abgeschafft? Zugegeben, klingt wie der augenzwinkernd reißerische Titel der nächsten HART ABER FAIR – Ausgabe zum vorglühenden Gemüter-Aufheizen, ist aber eine ernst gemeinte Frage. Denn während derzeit vor allem bei den Öffentlich-Rechtlichen eine Quatsch-und-Quassel-Konferenz nach der anderen aus dem Boden des ökonomisch risikofreien Unterhaltungs-Anbaus zu sprießen scheint und sogar RTL mit der baldigen Daily-Talk-Rückkehr liebäugelt, wird gerade diese exzessive Überdüngung der Kanäle durch serielle Sabbelsendungen in der aktuellen Entertainments-Monokultur stark kritisiert. So bekamen gleich vier ARD/ZDF-Faselformate den ungeliebten Negativ-Preis ‚Goldene Kartoffel‘ des Netzwerks der Neuen Deutschen Medienmacher*innen für besonders unterirdischen Journalismus verliehen, weil dort ‚reißerisch, klischeehaft und diskriminierend‘ diskutiert und dadurch rassistischen und rechtsradikalen Ansichten eine unerwünschte Plattform gegeben würde. Was gleich auch in der Presse zu vereinzelten Forderungen führte, das Gruppen-Geschwafel im Fernsehen doch gleich ganz einzustellen, da es immer mehr zu Extremen neigt und unser Miteinander nur noch mehr vergiftet.

Eine wirklich interessante Überlegung – würden wir alle besser zuhören, mehr nachdenken und wieder vernünftiger miteinander kommunizieren, wenn wir grundsätzlich einfach mal öfter die Fresse halten würden? Vor allem dann wenn wir eigentlich gar keine Ahnung vom Thema haben? Der Trend zum lautstark-großflächigen Maul-Aufriss in entgegengesetztem Verhältnis zur inhaltlichen Bedeutsamkeit ist seit vielen Jahren Trend, egal ob nun akustisch oder schriftlich verbalisiert. Und schaut man auf die kaum mehr zählbaren Serious-Talking-Runzelstirn-Zeigefinger-Polit-Formate der Großen Zwei, so lässt sich schon eine gewisse kreisrunde Regelmäßigkeit in Dauerschleife erkennen: In gefühlt 80% der Sendungen wird über oder mit der AfD geredet, warum man eigentlich nicht mit oder über die AfD reden sollte, während all deren erschreckend bösartig-blöden Verallgemeinerungen auf Nationalsozialistisches Gedankengut analysiert und demontiert, somit aber auch ungewollt weiter verbreitet werden, woraufhin sich die AfD dort wortreich als vorsätzlich falsch verstandenes Opfer der staatsgesteuerten Merkelmedien inszeniert. Worüber dann ein jeweils neu gewürfeltes Politiker-/Journalisten-Rudel aus dem ewig gleichen, leicht überschaubaren Pool halbwegs vorzeigbarer TV-Sackgesichter aufgeregt echauffiert diskutiert, als wäre es das erste Mal. So ermüdend wie sinnlos, so repetitiv wie einseitig. Andererseits muss man aber auch miteinander sprechen, denn ohne Kommunikation funktioniert gar nichts. Und wer gegenüber Wahnsinn, Ungerechtigkeit und Populismus schweigt, der duldet und akzeptiert deren Wachstum. Aber vielleicht doch nicht immer so viel, so gleich und so vorhersehbar. Wie wär’s deshalb ab und zu mal mit einer Folge HART ABER FRESSE! oder ANNE WILL NICHT MEHR LABERN? Oder einfach zahlenmäßig weniger, aber inhaltlich mehr? Man kann sich nämlich auch zu Tode texten, bis niemand mehr zuhören möchte oder das Hirn auf Durchzug schaltet. Und als belanglose Einschlafhilfe ohne Erkenntnisgewinn haben wir schon BARES FÜR RARES, dafür brauchen wir keine Talk-Shows.

Blind Wedding

Während sich bei RTL2 auf tropischen Inseln junge Menschen im Party-Taumel vor Nachtsichtkameras besinnungslos pimpern, wird in SAT1 zuerst einmal ganz altmodisch geheiratet. Sogar zuallererst, also noch bevor man sich überhaupt kennengelernt hat, denn das ist ja gerade der lustige Witz bei HOCHZEIT AUF DEN ERSTEN BLICK. Hier wird nämlich vom Sender nach alter Urgroßväter Sitte amtlich zwangsverheiratet – und erst danach geschaut, ob man sich denn überhaupt versteht. Blöde Idee für alle Beteiligten, aber wenn sich daraus ein flott-voyeuristisches Fernsehformat basteln lässt, dann sollte man sie unbedingt durchziehen! Ehrliche Gefühle werden eh überschätzt.

Auto Erotik

Auf der Suche nach emotionalen Format-Ideen mit Tiefgang ist VOX jetzt der ganz große Wurf gelungen: AUF DER SUCHE NACH DER ERSTEN LIEBE. Gemeint ist natürlich nicht die Forschung nach dem Verbleiben alter abgelegter und inzwischen runzeliger Ex-Rochen, sondern nach dem ersten KfZ, mit dem man als junger Erwachsener glücklich durch die Gegend gekachelt ist. Den hat man dann irgendwann verkauft, weil man was Besseres wollte – doch das Herz blieb im Getriebe stecken. Aber heute tut einem das natürlich furchtbar leid und Autodetektiv Kirsch ermittelt, ob die olle Schrottkarre noch irgendwo rumjuckelt. Langweilig, aber Andreas Scheuer dürfte vor Rührung weinen.

Fittest Versager

Es sollte der nächste große Prime-Time-Action-Hit für den Powerballsender SAT1 werden, quasi ihr ‚Ninja Warrior‘ mit Familien-Bonus zum Mitschwitzen – die Suche nach der FITTEST FAMILY GERMANY! Vier Familien fighten verbissen-fröhlich gegeneinander in diversen anstrengenden Wettkampf-Parcours und irgendwer gewinnt am Ende. Wurde dann aber doch ganz unspektakulär zur Mittagszeit versendet, damit (laut Sender) ‚auch die ganze Familie zuschauen könnte‘. Was übersetzt soviel heißt wie: Mist, war zwar teuer aber einfach zu Scheiße fürs Abendprogramm!

644. Viel reden und nichts sagen (TVS 24/19)2019-11-21T01:39:57+01:00

643. Generation H.O.R.S.T. (TVS 23/19)

Schaut man sich die Entwicklung der Menschheit über die letzten Jahrtausende einmal etwas genauer an, so entdeckt man, dass in bestimmten Intervallen immer wieder neue Arten gesellschaftlicher Prototypen mit sich ähnelnden Charaktereigenschaften oder visuellen Merkmalen entstehen, die sich anfangs fast unbemerkt pilzartig in der Gemeinschaft vermehren, aber eines Tages plötzlich in erschreckend großer Anzahl in unserer Mitte existieren wie schlecht geklonte Humanoiden-Ableger, sich selbst reproduzierende Kopierfehler oder fehlerhaft fließbandproduzierte Gartenzwerge. Irgendwann mal trugen die meisten Männer Hüte, dann Vokuhila und später keine Haare mehr, mal wollten alle in den Krieg, dann Lokomotivführer Astronaut oder Bankangestellter werden und letztlich einfach Millionär. Blättert man durch die Geschichtsbücher, wird man schon rein optisch erkennen, wie radikal sich das jeweils temporäre ‚Durchschnitts‘-Bild der Bevölkerung stets wellenförmig verändert und erneuert hat. Woran die Medien durch ihre Leitfunktion immer bewusst wie unbewusst einen großen Teil der Verantwortung zu tragen hatten.

Sich momentan unter den ca. 18-35jährigen virusartig und erschreckend schnell ausbreitend finden wir die sogenannte Generation HORST – Abkürzung für ‚Hackedoof, Oberflächlich, Rasiert, Selbstbewusst & Tätowiert‘. Dem Publikum als ‚moderne junge Erwachsene der Neuzeit‘ vornehmlich propagiert und präsentiert von RTL 1 bis 2 und ähnlich peinlichkeitsresistent profitorientierten Proll-Privatsendern und Streamingportalen mit bumsbanalen Reality-Fremdscham-Formaten aus dem Paralleluniversum pimperorientierter Paarfindungs-Peinlichkeiten. Egal ob LOVE/TEMPTATION ISLAND, HOTEL PARADISE, NAKED ATTRACTION oder wie auch immer der jeweilige Wahre-Liebe-Findungs-Brainfuck heißen mag: überall sieht man juvenil-debil grinsende, vom Sack bis zur Murmel gleitfähig glattrasierte Muskelberg-Machos und maschinell durchoperierte Megamops-Pornopuppen mit bläulich eingespritzten Ganzkörper-Krickeleien aus dem ‚Tattoo-nach-Zahlen‘-Malbuch für kunstbehinderte Symbol-Schmierfinken, deren bodenhohe IQ-Werte in reziprokem Verhältnis zum inhaltlich absolut unbegründet überbordenden Selbstbewusstsein stehen. Während die Eltern und Großeltern sich noch aktiv gegen ein gesellschaftlich anerzogenes Minderwertigkeitsgefühl oder das gelebte Mittelmaß als Endziel der bürgerlichen Zufriedenheit zur Wehr setzen mussten, zogen sie ihre Kinder mit dem gut gemeinten Gefühl auf, ein angeborenes Recht auf Bewunderung, Reichtum und Exzellenz zu besitzen. Schließlich lernt man in allen Geschichten, dass irgendwo in jedem Lebewesen etwas Besonderes steckt und jeder ein Star sein kann. Wobei allerdings der Teil, in dem sich die jeweiligen Helden dies erkämpfen mussten, wegen Boring-Being meist lieber schnell vorgespult wurde. Quasi vom Tellerwäscher zum Millionär, nur ohne das doofe Tellerwaschen. Denn Arbeiten ist für Asis, Schule für Doofe, Intelligenz macht hässlich und Nehmen ist geiler als Geben. Man ist sich selbst mehr als genug, der Rest der Welt sind nur Liker und Follower. Und wenn man stirbt, zählt der liebe Google-Gott eh bloß die Daumen hoch im Goldenen Instagram-Account. Denn der wahre Segen der Doofen liegt in der Gnade, sich ihrer eigenen Blödheit nie bewusst zu sein.

Back to Hell

Es klang zu schön um wahr zu sein als angekündigt wurde dass endlich endgültig Schluss sein sollte mit den Afterjuckreiz-erzeugenden Afternoon-Arschformaten aka ‚Scripted Reality‘ – wobei das ja man nicht sagen kann, ob bei diesen radikal realitätsfremden Schreibstümpereien aus der Asi-Abfalltonne abgelehnter Autoren-Azubis nun Scripted oder Reality die größere Beleidigung darstellt. RTL2 kneift den ohnehin nicht übergroßen Schwanz nun jedenfalls als Erster ein und bestückt den kompletten Nachmittag wieder mit den gewohnten Niveau-Nivellierungen von WACHE HAMBURG bis zu FRAUENTAUSCH KULTHÄPPCHEN direkt aus der Hölle – denn Satan sendet über Satellit!

Doctor Sat

Während der Rest der ungesetzlichen Privaten wegen akutem Quotenfieber trotz angekündigtem Ausstieg doch wieder verstandseinlullende Scripted Reality – Suchtmacher versendet bis der Arzt kommt, bringt SAT1 stattdessen den Doktor lieber gleich persönlich in die Programm-Praxis. So plant der farbenfreudige Medizinball-Sender für das nächste Jahr eine tägliche Gesundheits-Sprechstunde am Nachmittag mit Medien-Medicus Dr. Wimmer, den wahrhaftige Weißkittel-Groupies bereits vom NDR kennen dürften. Clever, denn wenn man schon keine Gebührengelder bekommt und die Werbeeinnahmen immer mehr zurückgehen –  vielleicht zahlt dann wenigstens die Krankenkasse!

Naked Neuanfang

Das war wirklich eine Überraschung als RTL verkündete, dass man ADAM SUCHT EVA, die kleidungsresistente Körperwelten-Verkupplungs-Show für fickelfreudige FKK-Fummelfans, trotz guter Quoten nicht fortsetzen wolle. Wo bitteschön sollten denn von nun an sexuell unterversorgte Single-Luder ihre extralarge aufgepumpten Euter-Exponate ausstellen oder paarungswillige Palmenwedler ihre lustvoll schwingenden Lausbubenlümmel präsentieren? Und was wird aus all den ehrlichen Exhibitionismus-interessierten Zuschauern mit erwartungsvoll geöffneter Hose? Keine Sorge – RTL wiederholt demnächst die komplette nichtsnutzige Nacktarsch-Narretei von 2016 und RTL2 plant bereits ungefragt die intellektuell tiefergelegte Neuauflage! Nice & Nude.

643. Generation H.O.R.S.T. (TVS 23/19)2019-11-05T01:39:46+01:00

642. Die Angst vor dem Kind (TVS 22/19)

Vorsicht! Menschen mit schwachen Nerven, kurzer Lunte und Hang zum überreizten Aufbrausen sollten an dieser Stelle besser nicht weiterlesen. Gleich folgen zwei Vokale und drei Konsonanten, die tausende besonnen erscheinender Homo Sapiens in Sekundenschnelle zu hetzerischer Häme und unkontrollierten Wutausbrüchen provozieren können: GRETA! Einige fühlen sich von diesem (auf den ersten Blick heuchlerisch harmlos erscheinenden) Namen in ihrer gewohnten Lebensweise persönlich angegriffen oder glauben gar durch dessen dreifache Nennung vor dem Rückspielgel im SUV direkt vom linksgrün versifften Teufel in die vegane Klimahölle gezogen zu werden. Andere wiederum fühlen sich durch die genau gleichen Lettern hoffnungsvoll inspiriert oder üben kritische Selbstreflexion. Ein Name also, der ebenso euphorisiert wie verängstigt, auf jeden Fall aber hochgradig polarisiert.

Was ich selbst erfahren durfte als ich bei einem kleinen Facebook-Experiment einfach nur ‚Greta‘ ohne jede weitere Aussage veröffentlichte. Innerhalb weniger Minuten sammelten sich darunter hunderte extrem emotionaler Beiträge von Personen, die sich wild bepöbelten und verbal zerfleischten wie aggressiv aufgeheizte Kommentar-Kampfhunde, die man mit rektalem Elektroschock beschleunigt geifernd aufeinanderhetzt. Übrigens von allen Seiten des Meinungsspektrums, wobei sich von Anfang an Links, Mitte, Rechts, Anhänger, Gegner und Unentschlossene in Wortwahl und Wutstärke kaum voneinander unterscheiden ließen.

Nur fragt man sich: warum eigentlich? Woher kommt dieses massive Gefühl der Bedrohung und Furcht? Handelt es sich doch bei der genannten Person lediglich um ein 16-jähriges Mädchen aus Schweden mit Zöpfen und Asperger-Syndrom, also quasi noch minderjährig und theoretisch schutzbedürftig, das unerwartet schnell zu einem internationalen Medienstar avancierte. Allerdings nicht durch das bei Alterskolleginnen sonst übliche Posten inhaltsleerer Arsch-und-Duckface-in-the-Sun-Selfies am Swimmingpool, sondern mit ihrem Versuch, die sonst eher motivationslos bis desinteressiert erscheinende Jugend zum Kampf für die eigene Zukunft und gegen eine mögliche Klimakatastrophe zu inspirieren. Also eigentlich kein Grund, deswegen gleich auszurasten – wäre sie nicht so unverschämt erfolgreich damit. Und würde sie dabei vielleicht nicht ganz so böse gucken und etwas demütiger reden, vor allem weniger. Denn von der selbst gezeugten Generation der stinkfaulen, saudummen und ignoranten Kinder plötzlich vollkommen respektlos bewiesen zu bekommen, dass man sich in puncto Klimaschutz jahrzehntelang stinkfaul, saudumm und ignorant verhalten hat, das muss man sich als fleißiger, intelligenter und aufmerksamer Erwachsener ja wohl wirklich nicht sagen lassen. Schließlich ist man damals nicht der starrsinnigen Sturheit der Eltern zum Trotz demonstrierend auf die Straße gezogen, um jetzt bei der gleichen unsinnigen Argumentation den eigenen Kids gegenüber ertappt und in den Medien bloßgestellt zu werden. Dann doch lieber in gerechter Rage oben Augen und Ohren zuhalten und unten kräftig treten – mit etwas Glück hat man sich dann schon rechtzeitig gegenseitig erledigt, bevor das Wetter wirklich schlechter wird.

Spätschicht

Zwei wichtige Erkenntnisse für Reality-TV-Formate: Menschen in ulkigen Tierkostümen funktionieren nicht ohne Singen und wildfremde Leute auf Inseln nicht ohne Bumsen! Einfach nur so sinnfreies Hinfallen oder banales Überleben ist halt nicht genug, deshalb floppte WILD IM WALD bei RTL2 ebenso wie SURVIVOR auf Vox (wie auch schon auf Pro7 und RTL2 zuvor). Und so wurden beide ambitionierten Großprojekte noch vor der dritten Folge ins Spätprogramm verbannt, wo sie jetzt vom Publikum ungestört machen können was sie wollen. Gute Nacht und auf Nimmerwiedersehen!

Kinderqual

Willkommen zur Rückkehr der klassischen Family-Gameshow auf Vox, in der sich Eltern und Kinder gemeinsam vor dem Publikum entblöden und entblößen (rein seelisch gemeint) und fröhlich im freundlichen Fremdscham-Schaumbad suhlen. Denn in HERRLICH EHRLICH – KENNST DU DEIN KIND? müssen Eltern in heiter-peinlichen Schmunzelspielen Mirja Boes beweisen, wie gut sie ihre Kleinen kennen und was sie alles über sie wissen. Klingt nach altbackener Rührungs-Fertigmischung aus DINGSDA, AM LAUFENDEN BAND und Was-auch-immer-gerade-noch-im-Privatfernseh-Papierkorb-für-Familien-Formate zu finden war. Mit Kids-Garantie zum Bitter-Bereuen in der Pubertät.

Königinnen-Casting

Wenn eine Frau im deutschen Fernsehen aus ganzem Herzen von Menschen jeglicher geschlechtlicher Identität vergöttert und verehrt wird, dann ist das fraglos Heidi Klum. Behauptet jedenfalls Pro7 immer wieder vehement. Für das Privatfernsehen ist sie nämlich reines Quotengold, weil sie aus gewöhnlichen gutaussehenden Menschen wunderschön willfährige Model-Money-Maschinen macht und uns mit hässlichen Charakter-Langweilern erst gar nicht belästigt. Und da sie einfach alles castet, was nicht schnell genug fliehen kann, peitscht sie jetzt Deutschlands Nachwuchs-Travestiekünstler durch die Manege und sucht zusammen mit Hotel-Schwager Bill die QUEEN OF DRAGS. Was die seriöse Queer-Community fast so sehr freuen dürfte wie nässender Achselherpes plus juckendem Fußpilz in zu engen High Heels. Willkommen im Zirkus Klum!

642. Die Angst vor dem Kind (TVS 22/19)2019-10-18T23:14:48+02:00

641. Ein Herz für Hetzer (TVS 21/19)

Seit Erfindung der Sprache fragen sich die Menschen, wie man diese im Umgang miteinander korrekt anwenden sollte. Im größten Teil der zivilisierten Welt einigte man sich im alltäglichen Gebrauch auf respektvolle Höflichkeit bis hin zu übertrieben freundlicher Schleimerei. Die konkrete und persönliche ‚In-the-Face‘-Beleidigung des Gegenübers beschränkt sich meist auf das Nötigste und wird nur in besonders dringenden Fällen benutzt, denn in solch einem Fall ist als Replik eine manuelle ‚In-die-Fresse‘-Antwort oder gerichtliche Klage zu befürchten. Ob und inwieweit eine verbale Verunglimpfung justiziabel und bußgeldpflichtig ist, hängt dabei von Person, inhaltlicher Nachprüfbarkeit und kontextuellem Zusammenhang ab. Stefan Effenberg musste zB für ein angebliches ‚Arschloch‘ einem Polizisten gegenüber 10.000 Euro zahlen. Andere Insultierungen gegen Beamte sind allerdings auch billiger zu haben: ein saloppes ‚Leck mich doch‘ beispielsweise kostete nur knappe 500, ein ‚Du Wichser‘ gerade mal 1000 Euro. Man gönnt sich ja sonst nichts. Das eigene Einkommen und der Kontext bleiben hierbei weiterhin ein wichtiger Maßstab. So wurde der an einen Ordnungshüter gerichtete Satz ‚Du armes Schwein, du hast doch ne Mattscheibe‘ in einem Fall mit 350 Euro berechnet – würde man ihn mir sagen, wäre es eine zutreffende Berufsbeschreibung und daher umsonst.

Durch die Kommentarfunktion auf den sozialen Plattformen im Internet eröffneten sich dem ambitionierten Hobby-Pöbler und niederträchtigen Heimlich-Hetzer allerdings ganz neue, fantastische Möglichkeiten der boshaften Verhöhnung. Die wundervolle Chance, trotz aller Feigheit mutig geduckt und durch den Tarnumhang des Falschnamens geschützt aus dem Hinterhalt absolut jeden anpissen zu können, ohne dass der pestende Strahl je zu einem zurückverfolgt werden kann, erlaubte jedem noch so dämlichen Vollidioten endlich, seine zuvor im Rektum aufgestaute Wut gegen wen und was auch immer laut knallend an die Luft zu lassen und die Welt mit dem Gestank der eigenen fauligen Gedanken zu verpesten. Noch erfreulicher für alle schmäh-aktiven Schattenscheißer ist natürlich, dass sogar das Berliner Landgericht kürzlich urteilte, Facebook-Äußerungen gegen Grünen-Politikerin Renate Künast wie ‚Alte perverse Drecksau‘, ‚Stück Scheisse‘, ‚Drecks Fotze‘ und ‚als Kind ein wenig zu viel gef….‘ seien als noch hinnehmbare ‚legitime Meinungsäußerungen‘ zu werten, da ohne Sachbezug eine Diffamierung ihrer Person nicht feststellbar ist.

Vielleicht müssen wir es einfach nur lernen zu verstehen: Pöbeln ist der Smalltalk der Idioten, ein trauriges Betteln um Aufmerksamkeit und letztlich nur ein Schrei nach Liebe. Nachdenken macht Aua im Kopf, aber die Wut gegen die Welt muss halt raus und je lauter der Blöde schreit, desto mehr glaubt er an die Richtigkeit seiner galligen Hirnflatulenzen. Die Anzahl aggressiver Ausrufezeichen, Einsen und Großbuchstaben im Text sollte uns als Gradmesser seiner intellektuellen Impotenz dienen und zur Barmherzigkeit erbarmen. Statt sich über solch belanglose Hass-Masturbationen zu ärgern, sollten wir den erbarmungswürdigen Absender lieber bedauern und im Geiste sanft umarmen. Denn im Grunde ist er zwar ein dummes, aber doch vor allem auch sehr armes Schwein.

Schrottcycling

Wenn sonst nichts funktioniert, kann man immer noch irgendwas Langweiliges mit ollem Gammel machen! Seit dem Überraschungs-Erfolg der Koma-Entertainment-Sause BARES FÜR RARES hängt dieses Motto als Stickerei gerahmt in fast allen deutschen TV-Sendern. Und weil RTL gerade diverse Nachmittagsformate im Quotensumpf versenkt hat, wird nun das aufregend belanglose SCHÄTZE AUS SCHROTT aus dem Gerümpelkeller geholt. Darin (bei hohem Blutdruck besser nicht weiterlesen!) wird alter Müll aufgehübscht, bis man ihn wieder toll findet. Das ist so wahnsinnig stinklangweilig, dass man es ‚Upcycling‘ nennt, damit man nicht schon bei der Beschreibung einschläft.

Band-Casting

Endlich wird auf RTL2 wieder mal was gecastet, überraschenderweise aus dem musikalischen Bereich. Die erwählten Jungs und Mädels sollen in BATTLE OF BANDS je eine Boys- und Girls-Band bilden, die dann sechs Wochen lang Reality-Soap-mäßig in ein Loft gesperrt und mit ‚Format-Bombs‘ (was auch immer das bedeuten mag) und ‚spaßigen Challenges‘ überrascht werden. Dabei können die Bands zusammenwachsen oder (hoffentlich) von ‚Rivalitäten und Intrigen durchgeschüttelt und auseinandergerissen‘ werden, aber mit dem ‚besonderen RTL2-Fit‘ – was wahrscheinlich soviel bedeutet wie Tattoo-und-Busen-OP-Pflicht, Asi-Pöbel-Bitchfights, Zwangspärchen-Bildung, peinliche Sex-Spiele und Geschlechtsverkehr mit Nachtsichtgeräten. Ach so, und etwas Musik könnte vielleicht auch dabei sein.

Bachelor-Recycling

Wer beim Bachelor oder der Bachelorette ausgemustert wurde, muss keine Angst haben, sich einen richtigen Job suchen zu müssen, bis er oder sie zu Promi Big Brother oder ins Dschungelcamp darf. Denn zum Glück hat RTL 2018 dafür BACHELOR IN PARADISE erfunden, wo man als ausgemusterter Ex-Pimperwilliger noch mal antreten kann. So werden auch dieses Jahr wieder 33 Immernoch-Singles auf einer Insel zusammengepfercht, um dort die große Liebe zu finden oder sich durch Fremdschamintensive Verhaltensauffälligkeiten für den Ballermann oder ein anderes Reality-Brainfuck-Format zu qualifizieren. Viel Glück!

641. Ein Herz für Hetzer (TVS 21/19)2019-10-07T03:12:40+02:00