Kalkofes letzte Worte

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606. Quotenretter Royal Wedding (TVS 12/18)

Das lineare Fernsehen, also auf Deutsch gesagt das gute alte  ‚live in die Kiste glotzen’, hat im Zeitalter der Mediatheken und Streaming-Dienste viele Zuschauer verloren. Markterschütternde Quotenerfolge werden immer seltener, auch wenn diese Zahlen durch die realitätsfremd veraltete Daten-Messung eh nicht mehr aussagekräftig sind. Da man sich aber nun mal auf diese Art der bizarren TV-Bitcoin-Abrechnung geeinigt hat, ist die ominös im Raum schwebende ‚Quote’ immer noch das Maß aller Dinge. Nur woher nehmen und nicht stehlen? Es gibt ja leider kaum noch Ereignisse, die mehr als das bekannte Durchschnittspublikum vor den Kasten nageln. W oder EM ist nur alle zwei Jahre, belanglose Sing- und Model-Contests ziehen auch schon lange keinem mehr das Schnitzel vom Teller. Was also senden, um endlich mal wieder beim morgendlichen Quotencheck einen Grund zu finden, mit der Belegschaft ein Prosecco-Fläschchen aufzuschrauben?

Die Rettung kam ganz unverhofft aus Großbritannien. Dort heiratete kürzlich ein rotbärtiger Royal namens Harry eine US-Schauspielerin namens Meghan Markle, ganz still und einfach im Familienkreise. Obwohl es eigentlich ja nicht viel zu sehen gab und jeder im Grunde wusste, wie der Showdown in der Kirche ausgehen würde, waren doch einige zigtausende Schaulustiger und zahllose internationale Fernsehteams gekommen um ganz en passant darüber zu berichten. Die deutschen TV-Vertreter hatten ihre besten Leute geschickt: für RTL kommentierten Frauke Ludowig und Shopping Queen-King G.M. Kretschmer live die Klamotten aller Anwesenden vom Schlübber bis zum Faschingshut, während der singende Duracell-Hase Ross Anthony als wild gewordener Straßenrand-Reporter orgiastische Hysterie-Anfälle bekam, wenn er einen kurzen Blick auf die Kutsche des königlichen Knutsch- und Knatter-Pärchens erhaschen konnte. Auch das ZDF hatte seine ranzigsten Royal-Experten und Langeweile-Luschen aus dem Mittagsschlaf geweckt, um in altmodischem Kaffeeklatsch endlos über diese ‚bürgerliche Braut’ mit ihren ‚afroamerikanischen Wurzeln’ und den so wunderbar ‚schwarz singenden’ Gospel-Chor zu diskutieren, weil sie so etwas ‚Exotisches’ seit Roberto Blanco anscheinend nicht mehr auf dem Sender gesehen hatten.

Wie auch immer, das ganze stinklangweilige Geschwafel über die schleppend inszenierte Zeitlupen-Hochzeit brachte den beiden Kanälen zusammen über 60% Marktanteil und so viel Publikum wie lange nicht mehr.  Weshalb nun hektisch überlegt wird, wen man bei uns erfolgreich öffentlich verheiraten könnte. Selbstverliebte Pseudo-Promi-Paare bringen es leider nicht, das weiß man spätestens seit den pupsromantischen Wedding-Flops mit Sarah Connor, Gülcan und der Katzenberger. Richtige Adlige haben wir nur sehr wenig, und der Großteil davon ist meistens bekloppt oder besoffen oder beides. Deshalb soll jetzt die Politik ran, die GroKo ist ja gewissermaßen so was wie unsere Königsfamilie. Statt Harry & Markle müssen halt Horst & Merkel herhalten und knutschend mit der Kutsche um den Block fahren, um das deutsche Fernsehen zu retten. Was danach passiert ist eh wurscht, es zählt nur der schnelle Glamour zum Wohl des Landes!

Krass repeated

Die Squad vong RTL2 sind schon echt unlügbar lit! Da producen sie KRASS SCHULE, ne fette neue cheedo Soap über Lehrer, Refies und other School-Swaggernauts, aber dann läuft der Shit an manchen Tagen richtig schmoof und nicenstein, an anderen aber wieder voll belastend. Und ahnma – was machen die sahnigen Babos? Switchen simplig das komplette Afternoon-Programm und bringen vor jeder freshen Folge noch mal die abgeranzte vom Vortag als Double-Brainfuck-Burger zum Fermentieren vor dem Fernseher. Einfach den shit daily repeaten bis einer glotzt – echt übelst fly, die idea!

Klau mit Ansage

Wir erinnern uns: bei SAT1 gab es doch mal diese meist etwas zu laute Impro-Comedy namens SCHILLERSTRASSE, in der sich zu jener Zeit fast sämtliche Lohnarbeits-Spaßvögel der Republik über Live-Ohr-Ansagen durch wirre Handlungsfragmente steuern ließen. Im Taumel der Old-Fun-Renaissance des Bällesenders plante man dann KILLERSTRASSE – alles wie vorher, nur mit Krimi-Plot. Aber dann dachte man sich: Nee, noch besser, wir nennen es MORD MIT ANSAGE und behaupten einfach frech, das wäre unsere eigene Erfindung! Merkt ja keiner. Hat aber doch. Den Rest improvisiert man jetzt vor Gericht.

Schön im Web

Die militante Jungmädchen-Modelisierung der knallhart kapitalistischen Klum-Akademie für austauschbare Laufsteg-Luder wächst und gedeiht – und um neben TV-Nutzerinnen auch noch die Nur-Netz-Girls abzugreifen, bringt Pro7 dort jetzt die erste Web-exklusive Ablegerserie: LET’S FACE REALITY – VOM LAUFSTEG INS LEBEN. Wobei der Titel allerdings mehr verspricht als die inhaltsleere Hohlbratzenparade hält, denn letztlich gibt es nur sinnfreies Gelaber der dusseligsten Kandidatinnen, peinliches Power-Dauerposing und Werbung für die unnützesten Instagram-Accounts. Aufgeblasenes Nichts mit Make Up zum Anklicken.

606. Quotenretter Royal Wedding (TVS 12/18) 2018-06-02T02:01:01+00:00

605. Das Land der ewigen Suche (TVS 11/18)

Den meisten Menschen wird es gar nicht bewusst sein, aber Deutschland ist zusammen mit dem humanitären Hilfs-Sender RTL auch im Jahr 2018 immer noch auf der Suche nach einem landeseigenen Superstar in den anspruchsvollen Kategorien Lautes Singen, Heftiges Hüpfen, Fan-Selfies-Machen und ohnmachtserregende Berühmtheit. Seit über 15 Jahren hält man nun bereits Ausschau nach einem neuen multimedialen Messias der Musikwelt, scheinbar aber leider ohne Erfolg, denn immer wenn man gerade denkt, es wäre vielleicht ein passender Hit-Heiland gefunden, wird schon die nächste Ausschreibung gestartet.

Wieso bloß will uns die simple Kür eines nulpigen  National-Barden einfach nicht gelingen, obwohl sich wöchentlich tausende Freiwilliger als mögliche Megaprominenz-Märtyrer anbieten und nur die größten Topstars, qualifiziertesten Experten und verhaltensauffälligsten NewMedia-Influencer in der Taxierungs-Jury sitzen? Der wachsvisagige Chef-Ermittler Dieter Bohlen, seit Anbeginn unangefochtener Vorsitzender der mürrisch-mafiösen Quest-Kommission, erscheint dem mitleidigen Betrachter inzwischen wie ein ausgemergeltes Wrack, physisch wie auch psychisch, von den ergebnislosen Strapazen der Vergangenheit schwer gezeichnet: ein wirrer, desillusionierter alter Mann, der seinem Enkel die Klamotten klaut. Die restlichen Teilzeit-Fahnder, die im Laufe der Jahre auf der Strecke blieben, sind längst vergessen, ebenso wie die kurios krakeelenden Karaoke-Kollateralschäden. Geblieben ist nach all der Zeit lediglich ein Bild des Jammers und des Versagens.

Dem trikonsonantigen Kölner Qualitätskanal kann man allerdings keinen Vorwurf machen. Gerade auf dem Sektor der sinnlosen Suche ist er seit Ewigkeiten ganz vorne dabei. Egal ob schmusige Schwiegertöchter, begattungsbereite Bauersfrauen, tapsige Tanztrottel, demütigungsresistente Dschungel-Deppen, nichtssagende Nacktinsel-Nulpen oder ballerblöde Bachelor-Bumsbücken – nach all dem und noch viel mehr wird dort seit Ewigkeiten gefahndet. Doch gleichsam noch immer ohne Erfolg.

Woran mag diese dauerhaft blindwütige Orientierungslosigkeit einer ganzen Nation nur liegen? Schließlich herrscht auch in Fragen der politischen Landeslenkung ähnliche Konfusion: alle vier Jahre wird erneut mit großem Aufwand gewählt, um eine kompetent-charismatische Führungsperson für die Leitung unserer zukunftsrenitenten Republik zu finden, aber am Ende ist es doch immer wieder nur dieselbe alte maulfaule, mieslaunige Mutti mit den Mopsmundwinkeln. Doch trotz des anscheinend unveränderbar in Starrheit verharrenden Ergebnisses werden stets erneut die Wahlzettel ausgelegt, wie sinnlos und kostspielig dies auch immer sein mag.

Vielleicht sollten wir einfach lernen, die Wahrheit zu verstehen und zu akzeptieren, wie ernüchternd sie auch sein mag: Deutschland ist das Land des ewigen Suchens, nicht des Findens. Nicht das Ziel ist das Ziel, sondern die Suche danach – denn nur wer niemals ankommt (und am besten ohne zu wissen, wo überhaupt) bleibt trotz lähmender Trägheit immer in Bewegung.

Gefrierbrand

Der Sommer steht noch an der klimatischen Türschwelle, aber der kluge Buntballsender SAT1 plant schon für den Winter vor: nämlich die lang nicht ersehnte Rückkehr von DANCING ON ICE! Ja stimmt, zucken da die Synapsen erschreckt zusammen, da war doch irgendwann mal so was gewesen… quasi LET’S DANCE auf Schlittschuhen, mit Promis beim graziös ungelenken Gruppen-Gleiten und Dönerspießigen Pirouetten-Drehen. Schon damals langweilig, wird aber diesmal auch nicht besser, versprochen! Allerdings: Wenn man verzweifelt ist und nix Frisches hat, greift man halt in die Tiefkühltruhe!

Klassenwechsel

Quoten machen glücklich, das weiß jeder Sender – aber Geld auch? Konzernen ist das bekannt, die ernähren sich von ihrer Gier danach, doch wie läuft es bei diesen ‚ganz normalen’ Menschen? Manche glauben, ein Extra-Eimer Kohle könne die emotionalen Löcher im Seelenmantel abdichten, andere mit vergoldetem Silberlöffel im Po wünschen sich die gute alte Bodenständigkeit der monetären Unsicherheit zurück, da sich das persönliche Glück trotz Kontostands-Erektion immer noch nicht eingestellt hat. In PLÖTZLICH ARM, PLÖTZLICH REICH, wo sehr und weniger wohlhabende Familien mal kurz das Leben tauschen, wird uns Sozialexperimentsender SAT 1 diese Frage endlich endgültig beantworten. Wir danken.

Ablegerwahn

Und noch mal SAT1 im TV-News-Hattrick! Um das Portfolio der so schwach-sinnigen wie auch Quoten-schwächelnden Scripted Reality-Kackformate elegant zu erweitern, hat man bei CSI und SOKO abgekupfert: einfach alles kopieren und fast identische Ableger davon machen! So gesellt sich zur KLINIK AM SÜDRING jetzt nicht der Nordring, sondern KaS – DIE FAMILIENHELFER, AUF STREIFE bekommt die INSPEKTION 5 – KÖLN-MÜHLHEIM und die ranzige RUHRPOTTWACHE das knallercool klingende DRINGEND TATVERDÄCHTIG – DUISBURG CRIME STORIES. Ist dennoch nix anderes als fauliges Gehirngammelfleisch und stinkender alter Müll in neuen Tüten.

605. Das Land der ewigen Suche (TVS 11/18) 2018-05-22T02:04:43+00:00

604. Das Echo der eigenen Sprachlosigkeit (TVS 10/18)

Oops, mit so einem Shitstorm der Stärke Uiuiui! wie dieses Jahr nach der ECHO-Verleihung hatte die deutsche Musikindustrie nicht gerechnet! Dabei lief doch eigentlich alles wie immer: ohne künstlerisch-moralisch zu bewerten oder vorher überhaupt mal in das Geträller und Gelulle reinzuhören, wurden ausschließlich jene Künstler-Darsteller gewürdigt, die am besten verkauft und der Industrie somit die meiste Kohle in die Geldspeicher eingefahren hatten. Trotz zahlreicher Warnungen im Vorfeld wurden auch zwei gedankenlos rüpelnde Kleingangsta-Rap-Rabauken namens ‚Fahrrad Bums und sein Kollege’ oder so ähnlich ausgezeichnet, die mit ihren stumpfdoof dahingestammtelten Wort-Gewöllen eine regelrechte Lawine an Beschwerden, Empörungen und Preis-Rückgaben auslösten. Zwischen zahlreichen Zeilen voll gewohnt übertriebener Brutalität und genereller Menschenfeindlichkeit, (die eher von geringster Bildung, hoher Ignoranz und ausgeprägter Brägenleere zeugen denn von intendierter Genre-typischer Provokation) löste vor allem der Satz ‚Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen’ eine veritable Antisemitismus-Debatte aus, während das arhythmische Unsympathen-Duo ihre knalldoofe Geschmacklosigkeit mit der musikalischen Meinungsfreiheit zu erklären versuchte. Wo einer der Knackpunkte liegen mag, denn weder sie selbst noch ein Großteil ihrer bildungsresistenten Anhänger dürfte den Inhalt des Texts wirklich verstanden haben. Man kann sich sein Publikum halt nicht aussuchen – aber ohne dumme Fans gibt es auch keinen Erfolg für dumme Texte. Der Grat zwischen Kunstfreiheit und Kommerzkacke ist nun mal ebenso schmal wie zwischen Kränkung und Verletzung oder Haltung und Heuchelei. Der Schlüssel zu allem bleibt letztendlich immer nur der eigene Verstand – aber oft ist der leider gerade dann nicht zu finden, wenn man ihn am meisten braucht.

Viel schwerer wiegt die Frage: wieso gibt man solchen Möchtegern-HipHop-Honks überhaupt einen Preis? Ganz einfach: weil es voll geil ist, sich an den Erfolg anderer anzubiedern – egal woher er kommt! Solche Halbwelt-Typen bringen Geld, junges Publikum, und wenn man ein Selfie mit ihnen bekommt, gewinnt man vielleicht sogar einen Hauch Respekt bei den eigenen Kids zurück. Der Echo – so wie ein Großteil all unserer Preise aus den medialen Welten – hatte nie etwas mit Kunst oder Kreativität zu tun, sondern immer nur mit Umsatzzahlen – das Pendant zum stolz eingerahmten Kontoauszug über dem eigenen Kamin. Und bisher ging es ja auch immer gut. Die Herz- und Gedankenlosigkeit in diesem Jahr ließ allerdings Preisträger, Publikum und die gesamte Branche gemeinsam in das selbst aufgeklappte Messer laufen. Gekrönt von totaler Hilflosigkeit der Verantwortlichen, mit der berechtigten Kritik umzugehen, erwies sich die Verleihung als das handgeschriebene Armutszeugnis einer in der untergehenden Erfolgs-Sonne schmelzenden Branche, die ihre Seele verkauft hat, um zumindest noch für eine kurze Zeit die eigene vorgetäuschte Bedeutsamkeit fühlen zu dürfen. Nur um sich dann am Ende aus unfähiger Sprachlosigkeit lieber komplett selbst abzuschaffen. Ende.

Liebe mit Gesang

Mein Tipp an alle Leser/Innen: Suchen Sie sich besser ganz schnell einen festen Lebenspartner! Denn sonst landen Sie noch ohne es zu ahnen ratzfatz in irgend so einem furchtbaren Vorführ-Verkupplungsformat von einem der zahlreichen privaten Bematschtenblamiersender. Nach potentiellen Bauernopfern, Bachelor-Bumsbeilagen, Schwiegertöchtern und endlosen sonstigen Kopulations-Kandidaten, werden nun die großen Lieben für Schlagersänger und Innen gesucht. Von Tim Toupet bis Hütten-Helmut ist fast der gesamte musikalische Mitklatsch-Underground dabei – es fehlen nur noch halbfreiwillige potentielle GV-Partner. Singles, lauft schnell weg – sonst erwischen Sie euch noch!

Hypno-Wünsche

RTL wagt ein neues Experiment: Zuschauer hypnotisieren und nach den geheimsten Wünschen aus ihrem Unterbewusstsein graben, sie später erneut damit konfrontieren und zum Abschluss vielleicht sogar erfüllen. Soll alles so geschehen in MEIN VERBRORGENER WUNSCH mit Hypno-Kröte Martin Bolze aka ‚Pharo’. Bin mal gespannt was passiert, wenn die Kandidaten den innigen Wunsch offenbaren, dass RTL endlich besseres Programm macht, aufhört die Zuschauer zu verarschen oder einfach  komplett den Pöter zukneift.

Sensible Sendungen

Wenn sämtliche Oberflächlichkeiten abgeschabt sind, versuchen selbst die lautesten Krawallsender aus Verzweiflung thematisch in die Tiefe zu tauchen. So plant RTL2 mit DIE GRUPPE – SCHREI NACH LIEBE ein Format über Menschen mit psychischen Problemen wie Zwangsstörungen, Depressionen und Panik-Attacken, sowie die Begleitung todkranker Menschen beim Erfüllen ihrer letzten Wünsche in VOLLER LEBEN – MEINE LETZTE LISTE. Schwierig, aber ambitioniert. Wenn allerdings ein intellektueller, hoch sensibler Emotion-Channel wie RTL2 diese Themen behutsam mit filigranen Fingern anpackt, kann ja nichts schiefgehen. Oops – irgendwie klingt falsch an diesem Satz…

 

604. Das Echo der eigenen Sprachlosigkeit (TVS 10/18) 2018-05-08T03:10:05+00:00

603. Trödelparadies Deutschland (TVS 09/18)

Jens Spahn, unser neuer Minister für Gesundheit und unaufgeforderte Schlaumeierei, hatte anscheinend Recht mit seiner Behauptung, in Deutschland müsse niemand in Armut leben. Der Bevölkerung scheint es sogar derart gut zu gehen, dass bei uns selbst der Müll eigene Fernsehsendungen bekommt. Kaum ein anderes Land hat derart viele Tand- und Trödel-Shows wie wir Gammel-Germanen: psychologische Hilfen für wegschmeiß-allergische Alles-Aufbewahrer und Restmülltüten-Tauschformate für manische Mega-Messies, schrabbelige Schrottplatz-Dokus, elegisch ausgewalzte Ramsch-Renovierungs-Reihen uswusw blablabla. Kein gut besuchter Altglascontainer oder falsch befüllter gelber Sack in einer inszenierten Asi-Siedlung des Sozialen Wohnungsbaus, der RTL2 nicht ein prollig gescriptetes Garbage-Dokutainment für angebliche Underdogs wert wäre, kein muffiger Pappkarton mit leicht beschädigten Kriegs-Devotionalien und angeschimmelten Wehrmachtsunterhosen von Omas erstem Mann, aus dem das ZDF nicht ohne zu zögern eine erfolgreiche Nachmittags-Show mit Horst Lichter schnitzen könnte. Das ganze scheißige Dreckszeug, das irgendwo bei uns allen herumsteht, einstaubt und meist unbeachtet vor sich hin muffelt, aber irgendwie doch zu gut erscheint für die unbarmherzig alles schluckende Mülltonne – seien wir uns sicher, dass irgendein Trottel sich nicht entblöden wird, dafür demnächst eine passende TV-Sendung zu kreieren.

Spätestens seit dem unerwarteten Mega-Success der sedierend-oberöden Einschnarchungshilfe BARES FÜR RARES, die den Zuschauern des Zweiten seit einigen Jahren zur Kuchentafelzeit als Blutdrucksenker und Koffein-Neutralisator angeboten wird, möchte jetzt jeder Kanal mindestens eine Top-Quoten-Show besitzen, in der langweilige Leute langweiligen Kehrichtkäufern ihr altes Garagen-Gelumpe anzudrehen versuchen. Fernsehen, flott wie Höhlenmalerei, aber wahrscheinlich gerade wegen seiner aggressiven Belanglosigkeit und nervenlähmenden Nichtigkeit so beliebt – vor allem bei den Zuschauern denen der Blick in die Waschmaschine stets zu aufregend und das Testbild immer zu bunt war. Wenn jetzt jedenfalls sogar die Entertainment-Gleichspüler der Brainlull-Butze RTL das Plunderprogramm vom Dritte-Zähne-Channel ZDF mopsen und als DIE SUPERHÄNDLER recyceln möchten, dann muss da ja irgendwas dran sein.

Das Ende der knarzigen Krempelkult-Konzepte ist jedenfalls noch lange nicht erreicht. Denkbar sind noch viele Varianten: knallharte Krimskrams-Kämpfe, in denen Bumms-Anbieter und Tinnef-Seller mit vollem Körpereinsatz um die jeweilige schäbige Schrankschande batteln müssen. Kladderadatsch-Casting mit lustiger Lumpenlover-Jury. Emotionale Kuppel-Shows für alleinstehende Altstoff-Sympathisanten à la PFAND SUCHT FLASCHE. 24/7-Live-Streamings von internationalen Kleinstadtflohmärkten und Satelliten-Übertragungen der spannendsten wöchentlichen Müllabfuhr-Touren. Der fehlenden Fantasie sind hier wahrlich keine Grenzen gesetzt – denn es kann gar nicht gammelig genug sein!

Ja-Sagerei

Nach jahrelangem Generve um Aufmerksamkeit in diversen instant-vergessenen Trash-Trottel-Formaten ist es Ex-Zahnlücken-Zickluder Matthias Mangiapane gelungen, im Dschungelcamp seinen bereits häufig getätigten Heiratsantrag so öffentlichkeitswirksam zu wiederholen, dass er seinen Dauerverlobten Hubert nun endlich im Fernsehen heiraten darf. Natürlich mit sechsteiliger Vorbereitungs-Doofdoku inklusive Rückkehr von Weddingplanner Frooonck unter dem überraschend kreativen Titel HUBERT & MATTHIAS – DIE HOCHZEIT bei VOX. Ich reiche beim Sender schon mal die Zuschauer-Scheidungspapiere ein – ab jetzt gehen wir definitiv getrennte Wege!

Gründungsfieber

Seit die HÖHLE DER LÖWEN die Quoten zum Brüllen brachte, ist im deutschen TV das Gründer- und Erfinderfieber ausgebrochen. Jeder Sender braucht neuerdings eine Show um zu zeigen, wie schön der Kapitalismus sein kann wenn er sich mit Kreativität paart. ProSeven mit dem DING DES JAHRES und vor allem SAT1 mit dem monströs vermurksten Maschmeyer-Trump-Apprentice-Remake START-UP! sind zwar gerade mit Schmackes auf die Schnauze gefallen, aber die ProSieben-Zwerge planen bereits das nächste so ähnliche Ding: DER TRAUMJOB. WER WAGT DEN SPRUNG INS ABENTEUER? mit Ex-Höhlenlöwe Jochen Schweizer. So kann der Überfluss an Erfolgsgiganten halt auch zu gigantischen Misserfolgen führen.

Laberkinder

Die lustigen Explain-Kids von damals sind längst selbst Eltern auf dem Weg zur Frührente, aber zum Glück wachsen die Kleinen ja nach. So kann sich die ARD auch an ein längst überfälliges Vorabend-Remake des Kinder-erklären-Sachen-Klassikers DINGSDA wagen. Allerdings mit keinem der früheren Moderations-Opas, sondern der etwas frischer erscheinenden Brisant-Mutti Mareile Höppner. Mehr sage ich dazu nicht – man würde mich eh nur aus-Oops!en.

603. Trödelparadies Deutschland (TVS 09/18) 2018-04-25T16:32:31+00:00

602. Das neue Promi-Kabinett (TVS 08/18)

Falls Sie es noch nicht bemerkt haben sollten: nach Monaten des politischen Wachkomas, wohligen Suhlens in endlosen Sondierungsverhandlungen und kuriosen Im-Kreis-Koalierens haben wir seit einigen Wochen wieder eine theoretisch funktionierende und praktisch sogar operierende Regierung. Der Wow!-Effekt hielt sich bislang jedoch in Grenzen. Heimat-Horst Seehofer im Provozier- und Parteispaltermodus, wirres Gefasel von Jens Spahn über vermeintliche Abtreibungswerbung, Dorothee Bärs fantastische Flugtaxi-Visionen – die bisherigen Leistungen des neu geschuffelten Kabinettsmitglieder-Mixed-Bags punkteten höchstens in der Kategorie Schwachsinn-Schwafeln auf der nach oben offenen Peinlichkeits-Skala. Nach so vielen Jahren seltsamer Gestalten in eigentlich doch irgendwie wichtigen Funktionen und dem daraus ungebrochen resultierenden Mangel an Veränderung, geschweige denn Verbesserung, stellt sich den Bürgern langsam die Frage: kann man da nicht bessere Darsteller für das absurd langweilige Polit-Theater finden? Wenn es schon kein ordentliches Drehbuch gibt, wieso lässt man dann nicht wenigstens Profis an die Improvisationen statt dieser meist untalentierten und unbekannten Laienschauspieler?

Übermutter Beimer, Katy Karrenbauer oder Traumschiff-Hostess Heide Keller als Kanzlerin würden sicherlich etwas mehr Verve und Dramatik in die Performance bringen als die gelangweilte alte Frau, die diese Rolle in den letzten zwölf Jahren im Auto-Pilot gespielt hat, und ein Udo Kier, Karl Dall oder Helmut Berger als Bundespräsident wären vielleicht auch nicht ganz so dröge wie die alte Eule, die jetzt im Schloss hockt. Dann vielleicht noch Sky Dumont als Außenminister, Veronica Ferres statt von der Leyen, Ralph Möller für Finanzen und Til Schweiger für Action und Soziales – fertig wäre die perfekte Unterhaltung für die ganze Familie. Und inhaltlich sicherlich kein Rückschritt.

Sollten ausgebildete Schauspieler sich als zu teuer oder sperrig erweisen, kann man natürlich auch ganz generell in die große Promi-Kiste greifen und statt Parteien gleich Sender an die Macht lassen, am besten gleich durch Quoten statt Wahlen. Eine Regierungs-GroKo aus RTL und ZDF mit Vera Int-Veen oder Bohlen als Kanzler, Kerner als Vize im Heimatministerium und einem Kabinett aus beispielsweise Carmen Nebel, Walter Freiwald, Inka Bause, Andrea Kiewel, Horst Lichter, Pietro Lombardi, den Geißens und Motsi Mabuse würde ungefähr den aktuellen Qualifikationen in Berlin entsprechen, wäre allerdings wesentlich amüsanter. Statt zäher Bundestagsansprachen müssen die Reden vorgetanzt werden in der großen Beschluss-Voting-Show LET’S RULE!, man diskutiert über gesellschaftliche Missstände beim neuen Regierungssprecher in seiner Sendung MARIO BARTH DECKT AUF oder richtet sich an die Bevölkerung via VERZEIH MIR!

 Klar, das klingt alles irgendwie trivial und beliebig, bei längerem Nachdenken jedoch wird man Schwierigkeiten haben, sich die Ergebnisse schlechter oder nichtiger vorstellen zu können als in der Realität. Wenn schon schlechte Unterhaltung – warum dann nicht von Leuten, die sich damit auskennen? Da könnte man notfalls sogar abschalten!

Aufräumhilfe

Wir Deutschen sind zu doof für alles. Egal ob warmes Essen kochen, Wohnung artgerecht einrichten, passenden Pimperpartner finden oder nicht-pleite-gehen – ohne TV-Hilfe kriegen die Bürger einfach nichts gebacken! Deshalb hilft jetzt RTL den Müll rauszubringen, damit es im Wohnzimmer nicht mehr so müffelt: WENIGER IST MEHR – ENDLICH PLATZ UND GELD! Ein Experten-Duo unterstützt hilflos dahin vegetierenden Familien zuerst beim Entrümpeln und später dabei, den ganzen Dreck dann anderen Idioten zu verscherbeln. Der ewige Kreis von Nutzlosigkeit und Irrsinn.

SoKo-Overkill

Schön dass bei den öffentlich-rechtlichen Sendern noch ordentlich fiktionale Formate produziert werden. Noch schöner wäre es allerdings wenn es nicht zu 95% Krimis wären – und davon beim ZDF fast ausschließlich SoKo-Formate. Denn gefühlt gibt es bald keinen Ort in Deutschland mehr, dem nicht mindestens eine eigene SoKo-Reihe spendiert wurde, wenn nicht sogar noch mit Ablegern ‚Süd’, ‚Nord’ und ‚Abfahrt Stadtmitte’. Neu im Programm: SoKo Hamburg und demnächst auch endlich SoKo Potsdam. Aber keine Angst vor neuen Inhalten: bleibt alles wie immer, nur mit anderen Ermittlern aus einer anderen Stadt, aber genauso langweilig wie gewohnt. Fresh!

Haarspaltereien

Mehr als 15 Jahre ist es her, dass RTL versuchte uns mit einer pfiffigen Reality-Soap aus dem Frisör-Salon zu begeistern, was allerdings gepflegt ins Beinkleid ging. Jetzt aber hat Trash-Trüffelschwein RTL2 die angetrockneten Ideenreste vom Mülltonnenboden gekratzt und beschert uns die neue Coiffeur-Pseudo-Doku EINFACH HAIRLICH – DIE FRISEURE mit total emotionalen Geschichten rund um spannende Haarprobleme mit Happy End. Waschen, Schneiden, Gähnen!

602. Das neue Promi-Kabinett (TVS 08/18) 2018-04-13T01:26:05+00:00

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