632. Ein Dank an die Langeweile (TVS 12/19)

Streamingdienste, youtube und das Internet – sie alle sind Mörder! Denn zusammen haben sie hinterrücks ein lebenswichtiges menschliches Grundbedürfnis getötet, das eine enorme Wichtigkeit für Seele und Geist darstellt: die gepflegte Langeweile! Gemeint ist nicht das Gefühl kurzzeitiger Unterforderung des sonst durchgängig überreizten Synapsensystems, zB wenn man mehr als eine Minute ganzen Sätzen zuhören muss oder in einem Film ein Bild länger als drei Sekunden ohne Schnitt die Geduld des jüngeren Publikums auf die Probe stellt. Zwar wird gern bei solchen Gelegenheiten ein entnervtes ‚Laaangweilig!’ in den Raum geworfen, aber diese belanglos flüchtigen Momente vorübergehender Lebens-Action-Verlangsamung haben nichts mit der echten und wahren Langeweile zu tun, die viele von uns Älteren noch mit Körper und Seele fühlen, schmecken und durchleben durften. Wer seine Jugend in den 70er/80er Jahren verlebte, dazu vielleicht noch in einem Dorf oder einer Kleinstadt, der weiß was ich meine. Die Langeweile war allgegenwärtig, sie war übermächtig und omnipräsent, sie wartete an jeder Ecke, um sich auf einen zu stürzen und im lähmenden Klammergriff von jeder Form des sinnlichen Erlebens fernzuhalten.

Es war eine sehr spezielle Zeit. Nach dem Wiederaufbau des Landes in den Fünfzigern und den Revolutionen der Sechziger boten die Siebziger zum ersten Mal eine Phase relativer Ruhe und Beständigkeit. Plötzlich hatten die Menschen in bislang unbekanntem Übermaß etwas, das sich ‚Freizeit’ nannte und die es nun individuell auszufüllen galt. Allerdings gab es anfangs nur zwei richtige Fernsehprogramme, kein Handy und nirgendwo W-Lan. Das Entertainment-Angebot war in seinen aufregendsten Momenten vergleichbar mit einem heutigen Tag bei starkem Regen im Bett mit schwerer Grippe ohne Netzempfang bei Stromausfall – und im schlimmsten Fall auch noch mit Besuch von der Verwandtschaft. Der Videorekorder wurde gerade erst erfunden, Kinos konnte man an den Fingern einer Hand mit fehlenden Gliedmaßen abzählen, Musik wurde nicht gestreamt sondern mit einer Nadel aus den Rillen schwarzer runder Pfannkuchen gesogen. Viele waren derart entmutigt, dass sie sogar Bücher lasen. Trostlose Versammlungen trauriger Teenager in dunklen Reihenhauskellern, bei denen man stumpf blickend auf muffigen Matratzen hockte, billiges Bier trank und von einem spannenderen Leben träumte, nannte man ‚Coole Partys’.

Zugegeben, schön war das nicht wirklich. Andererseits beruhigte es auf angenehm betäubende Weise die Psyche. Man blieb bescheiden und selbst für die plumpste Vortäuschung von Vergnügen dankbar. Die aggressive Langeweile war gut und wichtig, denn sie zwang viele, aus reiner Verzweiflung das labberige Schicksal aktiv in die Hand zu nehmen. Man hatte ja nichts – außer sich selbst. Das war zwar meist nicht viel, aber manchmal doch mehr als man glaubte. Und wäre es draußen nicht dauernd so dösig und dunkel gewesen, hätte man gar nicht im eigenen Kopf nach dem Lichtschalter gesucht. Daher: Danke, Langeweile – ohne Dich in meiner Jugend wäre ich nie gezwungen gewesen, selbst kreativ zu werden. Und dann wäre mein Leben heute wahrscheinlich ziemlich langweilig!

Kopulationsküche

Da gingen anscheinend bei den Öffentlich-Rechtlichen an verschiedenen Stellen nach dem Mittagsschlaf zur gleichen Zeit die Ideen-Lampen im Kühlschrank an: sowohl der BR wie auch ZDFneo ‚überraschen’ uns jetzt nämlich mit einer krassen Kombi aus Koch- und Kuppelshow, in der liebeshungrige Singles für ihre Kopulationsanwärter zur Knatter-Anbahnung beim Flirten erst mal kochen müssen. Den Anfang machen die Bayern mit dem mega-originellen LIEBE GEHT DURCH DEN MAGEN, denn dort wusste man schon immer: Vor dem Bumsen – nicht vergessen, gibt es erst mal was zu essen! Mit dem ZWEITEN isst man später, deren DINNER DATE steckt noch im Kreativ-Kochbeutel. Ich wünsche guten Appetit und empfehle den GV-Partner-Bringdienst.

Gesprächsbedarf

Im Ersten wird zu wenig geredet, vor allem am späten Abend. Also jedenfalls mit Prominenten, die nicht Politiker sind. Deshalb möchte die ARD jetzt dem Laber-Lanz im Zweiten keck über den Mund fahren und bringt ab Herbst vier Freitags-Talkshows aus den Dritten spätabends ins glamouröse Erste. NDR-TALKSHOW, KÖLNER TREFF und 3 NACH 9 bekommen ein Sender-Update, der kleine RBB darf in der Kreativ-Krabbelgruppe sogar was ganz Neues basteln. Tietjen, Bommes und die Riverboat-Piraten aus dem Osten müssen allerdings weiter allein im Regionaltümpel plantschen. Vielleicht sollte man darüber mal in einer Talkshow ganz offen reden…

Humorverbrechen

Die gefürchtete Flachwitz-Mafia AKV ist eine sehr mächtige Organisation, die geheim im Dunkeln operiert und den WDR streng im Würgegriff hält. Denn obwohl die komikfeindliche Zwangsbespaßungs-Zusammenkunft WIDER DEN TIERISCHEN ERNST seit Jahren massiv Zuschauer verliert, hat der  überaus einflussreiche Aachener Karnevals Verein den Kölner Sender dazu zwingen können, ihre Sendung zur versuchten Vernichtung des deutschen Humors mindestens zwei weitere Jahre auszustrahlen, um uns alle zu bestrafen. Wo bleibt die Spaß-Polizei, wenn man sie mal wirklich braucht?  

632. Ein Dank an die Langeweile (TVS 12/19)2019-06-01T01:34:51+02:00

631. Pimmel im Kopf! (TVS 11/19)

Mein Gefühl sagt mir, die Menschheit wird ganz generell immer blöder. Und auch wenn ich zur Stützung dieser These keine seriöse wissenschaftliche Studie zur Hand habe, leider noch nicht einmal eine unseriöse, befürchte ich dass mein Gefühl nicht täuscht. Nur wie kann das sein in der heutigen Zeit, in der fast jedem Menschen theoretisch doch sämtliche Informationen der Welt über die Medien seiner Wahl innerhalb von Sekunden zur Verfügung stehen? Zumindest teilweise könnte es daran liegen, dass wir alle permanent von den wirklich wichtigen Informationen abgelenkt und stattdessen unsere Köpfe mit unwichtigem Bumsbirnen-News-Müll zugekleistert bekommen. Zur Veranschaulichung ein aktuelles Beispiel:

Folgende kleine Geschichte aus dem Boulevard-Bereich der besonders bescheuerten Belanglosigkeiten besetzte breitärschig in den letzten Wochen diverse mediale Nachrichtenplattformen. Ennesto Monté, ein zu Recht weltweit unbekannter Garnichtskönner mit dem aus der eigenen Unfähigkeit resultierenden starken Drang zum Pseudopromi-Status, ließ sich den Penis vergrößern, indem er sich überschüssiges Bauchfett in den laschen Lulle-Lurch umleiten ließ. Meine erste Reaktion: na gut, jeder braucht ein Hobby, soll er doch! Er wird schon Gründe haben, wenn er seinen mutmaßlich mikroskopischen Uriniergnubbel zu einem handelsüblichen Schwengelschlauch langziehen lassen möchte. Nur warum soll mich das interessieren und wieso wird darüber berichtet? Befinden sich die Bekanntheitswerte der hochgradig unsympathischen Profi-Nulpe mit der hochtoupierten Trollfrisur doch unterhalb der menschlichen Wahrnehmungsgrenze. Auch wenn er es durch ein im Netz veröffentlichtes Überwachungsvideo mit heruntergelassener Hosen bei einem Steh-Quickie am Geldautomaten und eine Fremdscham-intensive Instagram-Love-Story mit Helena Fürst sogar einmal bis ins RTL-‚Sommerhaus der Stars’ geschafft hatte. Nun aber als Krönung und Raketenstart in die A-wie-Arsch-Prominenz die pressewirksame Lümmel-Extension, verbunden mit der (dann kurz vor dem Vollzug wieder zurückgezogenen) Ankündigung eines spektakulären Porno-Drehs, kompletter RTL2-Pimmel-OP-Dokumentation plus betreutes Blankziehen an der debil-erotischen Dating-Fleischtheke von NAKED ATTRACTION. Ich weiß: wem jetzt noch nicht übel ist, der hat keinen Magen und hält Ästhetik für eine Geschlechtskrankheit. Und ich möchte mich aufrichtig bei allen Lesern für das entstandene Kopfkino entschuldigen.

Fakt ist aber: während über all diese kriminell unappetitlichen Nichtigkeiten ausführlich bebildert berichtet wurde, versuchte man an anderen Orten der Welt, den Krebs zu besiegen und die Klimakatastrophe zu verhindern, in Krisengebieten Frieden zu schaffen oder Flüchtlinge vor dem Ertrinken auf dem offenen Meer zu bewahren. Selbst im Komposthaufen in unserem Garten oder in der örtlichen Kläranlage gab es wichtigere und gesellschaftlich relevantere Ereignisse als in der Hose von Ennesto Monté. Nur davon haben wir leider nichts erfahren.

Merken Sie auch, wie einem da plötzlich das Hirn anfängt, ganz heftig zu jucken? Nur leider kann man die sich langsam ausbreitende Dummheit nicht einfach so wegkratzen.

Knatterhotel

Wenn nicht mehr genügend belanglose Bumsanbahnungs-Shows ins lineare Hohlhirn-Fernsehen passen, kann man nun endlich auch in die Streamingwelt ausweichen. So plant RTL-Strömungsdienst TVNow für seine Abonnenten jetzt ein eigenes Meet-and-Popp-Format namens PARADISE HOTEL, in dem bedürftige Begattungswillige in einer liederlichen Luxus-Herberge Pärchen bilden und dann Zimmer plus Bett teilen müssen. Wer nicht erfolgreich knattert, wird durch einen neuen GV-Anwärter ausgetauscht – quasi wie LOVE ISLAND ohne Sonne, aber gegen Kohle vom Publikum. Wobei in einer gerechten Welt die Sender eigentlich ihre Zuschauer für solche Scheiße bezahlen müssten.

Hausabriss

Aus die Maus für Raus aus dem Haus! Die schon in Staffel Eins unerträglich unanschaubare Schwachmaten-Zusammenpferchung in der Pro7-Zwangs-bewohnungsbutze von GET THE F*CK OUT OF MY HOUSE (für * kaufen Sie bitte ein U) sorgte in der noch viel unfassbar unangenehmeren zweiten Staffel (inkl. penetranter Proll-Promi-Präsenz und powerpeinlicher Brainf*ck-Moderation von Gute-Laune-Terminator T-Schölermann & Who-the-F*ck-ist-eigentlich-Jana-Julie-Kilka) glücklicherweise für so schlechte Zahlen, dass die quotenliebenden P-Sevener den Knallchargen-Kackschuppen jetzt hoffentlich für immer zunageln. Kleiner Tipp: Wegsprengen wäre noch sicherer!

Rohrkrepierer

Kein Format der Welt ist alt und ausgelutscht genug, dass es nicht alle paar Jahre lauwarm-labberig wieder aufgewärmt werden könnte. So auch die gute alte Witze-Erzähl-Show, in der von diversen Promi-Scherzkeksen und/oder Normalo-Spaßvögeln die ulkigsten Humor-Kurzgeschichten aus alten Jokus-Grabbeltischbüchern nacherzählt werden. Nach RICHTIG WITZIG und der MARKUS KREBS WITZARENA zieht jetzt auch die Gaudimax-Fun-Station aka Bayerischer Rundfunk nach mit BAYERNS BESTE WITZE. Ich platziere mal ne hohe Wette darauf dass letztere die schlimmste von allen werden könnte!

631. Pimmel im Kopf! (TVS 11/19)2019-05-14T17:09:52+02:00

630. Gebt mir mehr Daumen! (TVS 10/19)

Die Welt hat sich gewandelt, so schnell wie bizarr, vor allem in den Köpfen der Bewohner jener ironischerweise so genannten ‚zivilisierten Welt’.  Ohne Not gaben die Menschen das hohe Gut auf, das man früher unter dem Namen ‚Privatleben’ kannte. Jener gemütliche Teil der eigenen Existenz, in dem man tun und lassen konnte was man wollte, ohne dabei beobachtet oder dafür bewertet zu werden – banale Tätigkeiten wie Mittagessen, Morgentoilette oder Gammeln im Garten. Das machte man einfach nur so für sich, ohne Bekannte, Verwandte und Restwelt darüber zu informieren. Dann wurde das Handy mit Fotofunktion erfunden, dazu das Internet, die App und diverse Plattformen der Massenkommunikation. Theoretisch alles hübsche Ideen, hätte man früh genug die genetisch verborgene Gier nach Ruhm und Anerkennung sowie die Dummheit des Einzelnen in der großen Masse in die Gleichung einbezogen. Denn niemand hätte damals geahnt, welch Tsunami der Selbstdarstellung zuzüglich der damit verbundenen Neuausrichtung der menschlichen Psyche daraus erwachsen würde,

Heute existieren Millionen von eigentlich intelligenzbegabten Wesen, die ihr Seelenheil darin zu finden suchen, die unwichtigsten ihrer intimen Momente bildlich im virtuellen Nichts zu veröffentlichen und mit Rauf-Runter-Däumchen, Herzen und dusseligen Smiley-Fratzen valutiert zu bekommen. So zB den gebräunten Arsch vor dem Hotelzimmerspiegel, Knutschmund-Entenfresse mit Hintergrund aus Irgendwo oder Lecker Fressen auf Teller. Wenn die natürliche Scheißegaligkeit der nutzlosen Knips-Aktion dann mit ein bis vielen Symbolen von meist Unbekannten geadelt werden, badet sich der postende Poser kurzzeitig in einem irrwitzig irrelevanten Balla-Balla-Bad der vorgetäuschten Bedeutsamkeit. Und kriegt das verwackelte Restaurant-Futterfoto genügend erigierte Daumen, geht man wieder dort essen, selbst wenn es scheiße geschmeckt hat.

Der psychologisch Interessierte fragt sich derweil verwundert, wie dieser absurde Trend in so kurzer Zeit so lebenswichtig werden konnte. Erinnern sich Ältere doch kaum daran, dass es früher mal wünschenswert gewesen wäre, wenn täglich Dutzend Male das Telefon geklingelt, jemand kurz ‚Find dich klasse!’, ‚Dein Essen heute sah gut aus!’ oder ‚Dein Arsch ist zu dick!’ in den Hörer gebrüllt und wieder aufgelegt hätte. Selbst hunderte von Postkarten pro Woche mit aufgemalten Bildzeichen hätten weder Empfänger noch Briefträger erfreut. Vor allem aber hätte es keine Bedeutung für die eigene Existenz gehabt. Es reichte, wenn man echte Freunde plus Bekannte hatte, und wenn man jemand nicht mochte, ging man ihm aus dem Weg oder es gab kurz und höflich in die Fresse. Noten gab es in der Schule, das nervte genug, man brauchte sie nicht auch noch im Alltag. Selbst amtliche Überwachungs-Apps wie zB die Stasi, eine Art frühzeitliches Staats-Instagram für Negativ-Bewertungen, kam nicht wirklich gut beim Publikum an. Fragt man sich also, wieso Menschen mit intakter Privatsphäre den Drang verspüren, sich ohne Zwang zu Fake-Medienstars unter Dauerdruck psychisch bedrückender Bewertungs-Beobachtung zu machen. Ich geb dem HomoSapiens-Hirn einfach mal drei Daumen runter mit Kotze-Smiley und zwölf Ausrufezeichen!

Losing Leipzig

Eine Träne Richtung Osten: RTL2 hat dem dritten Doofdoku-Scripted-Stümper- Hohlbirnen-Soap-Serienformat aus den deutschen Hauptstädten eine Absage erteilt. Es bleibt bei BERLIN – TAG & NACHT und den KÖLN 50667 -Knallköppen, ‚LEBEN. LIEBEN. LEIPZIG.’ allerdings wird erst mal wieder in die Mülltonne zurück gedrückt. Also keine neuen Abenteuer der lustig unlustigen Weiber-WG und ihrem schwulen Freund Jeremy zwischen der pinken Würstchenbude ‚Fritty in Pink’ und dem coolen Club ‚L1’ in Leipzig. Da würd ich doch mal sagen: war knapp, aber Schwein gehabt!

Beauty Battle

Es rennen einfach zu viele hässliche Leute in der Gegend herum, bzw. zu viele die sich einfach zu wenig schick machen und nicht das perfekte Outfit am Body tragen. Zum Glück hilft denen jetzt Pro7 mit ALL ABOUT YOU – DAS FASHION DUELL, wo jeweils zwei Promi-Model-Blogger-Wichtigtuer-Mentoren einen Beauty-defizitären Normalo umstylen und diesen dann im Catwalk-Battle gegeneinander schaulaufen lassen. Der Walk-Winner bekommt dann einen Shopping-Gutschein zum Selber-Anziehsachen-Kaufen. Da rutscht mir vor Aufregung doch glatt die Hose in die Kniekehlen!

Sturm-Rosen Nachschub

Na Gottseidank, im Ersten kommt  so bald keine unerwünschte Kreativität am Nachmittag auf, für die Zukunft bleibt erst mal noch schön beruhigend lange Zeit alles beim Alten. Die Ideen-Wirbelwinde im ARD-Gremium haben zumindest je flotte 400 neue Folgen von jeweils STURM DER LIEBE und ROTE ROSEN geordert, das reicht bis mindestens Ende 2021. Dann hat jeder der Serien-Saurier um die 3700 Episoden auf dem Buckel – da lohnt sich eine Absetzung dann auch nicht mehr. Geplant ist derzeit, dass beide Serien bis mindestens drei Jahre nach dem Weltuntergang weiter laufen.

630. Gebt mir mehr Daumen! (TVS 10/19)2019-05-14T16:58:58+02:00

629. Eine Frage der Zeit (TVS 9/19)

Die Zeit ist schon eine komische Sache: sie ist irgendwie immer da, meist hat man aber keine oder viel zu wenig davon, obwohl sie im Grunde endlos ist, auch wenn sie oft viel zu schnell vergeht, selbst wenn sie zwischendurch manchmal quälend lang erscheinen kann. Man kann sie messen, nehmen, geben, haben, verlieren, gewinnen, aufholen oder sogar umstellen. Letzteres allerdings soll jetzt in Europa endlich aufhören, denn die Bevölkerung wie auch die Politiker haben endgültig die Schnauze voll von der ewigen Zeitumstellerei. Seit den Achtzigern wurden wir in Deutschland nämlich nervigerweise gezwungen, zweimal im Jahr alle Uhren um eine Stunde vor oder zurück zu stellen. Die einen sagen, dies geschah um der Bevölkerung abends etwas länger das kostbare Tageslicht zu schenken und dadurch Energie zu sparen, andere sehen darin einfach eine boshaft irrwitzige Verschwörung der Regierung, Illuminaten und Echsenwesen, um die Bewohner der Scheibenerde zu verwirren und zu manipulieren. Egal – was auch immer der wahre Grund gewesen sein mag, spätestens im nächsten Jahr soll damit Schluss sein. Dann darf sich jedes EU-Land eine Zeit aussuchen und diese dann für immer behalten, egal ob hell oder dunkel oder gefühlt zu früh oder eigentlich schon viel später.

Noch lässt sich nicht sagen, ob diese Abschaffung wirklich sinnvoll ist und wie die Rückabwicklung der Sommer- und Winterzeit genau ablaufen soll. Ein Antrag sieht vor, einen Kompromiss auszuhandeln und statt zweimal im Jahr um eine Stunde die Uhr einfach viermal im Jahr um nur dreißig Minuten zu verstellen. Oder aber auch täglich um eine Minute, damit sich der Organismus besser an die Verschiebung gewöhnen kann. Andere fordern, eher auf eine individuelle Lösung zu setzen, die jedem Bürger die Freiheit lässt, seine Zeit selbst zu bestimmen, so wie er die Uhr gern für sich persönlich stellen möchte. Vorteil wäre, dass jeder dann immer überall zur richtigen Zeit wäre, unpünktlich wären nur alle anderen. Eine endgültige Entscheidung kann allerdings erst gefällt werden, wenn die Autoindustrie bekannt gibt, wie sie es am liebsten hätte, damit der Wirtschaft nicht geschadet wird. Möglich wäre zum Beispiel, dass die Arbeitszeit in den Fabriken für die Angestellten mit halber Geschwindigkeit gerechnet wird, damit die Leistung verdoppelt werden kann.

Ein weiteres Problem, das durch die andauernden Umstellungen von Winter- auf Sommerzeit erzeugt wird, betrifft das Fernsehen und das damit verbundene natürliche Körpergefühl, beispielsweise wenn plötzlich der TATORT eine Stunde später anfängt oder schon lange läuft wenn man einschaltet. Eine Initiative sieht daher als Regelung vor, dass einfach immer wenn irgendwo ein Tatort im Fernsehen läuft, die Uhr auf Sonntag 20.15 gestellt wird. Oder zu jedem Rosamunde Pilcher – Film im ZDF um 75 Jahre zurück, alternativ bei DSDS oder GERMANYS NEXT TOP MODEL jeweils zum Beginn um drei Stunden vor, damit es sofort vorbei ist.

Wie man sieht, gäbe es zum Thema Zeit jede Menge Diskussionsbedarf, wenn man nur die Zeit dafür hätte. Oder wie ein großer Philosoph einmal sagte: ‚Wer hat an der Uhr gedreht? Ist es wirklich schon so spät?’ – worüber wir alle vielleicht einmal in Ruhe nachdenken sollten. Time out.

Scheiße-Stopp

Zur Abwechslung mal eine wirklich gute Nachricht: darf man den jüngsten Äußerungen der neuen Führungs-Spitze glauben, dann ‚hat Scripted Reality bei RTL keine Zukunft mehr’! Unglaublich! Das klingt so schön dass man es kaum zu glauben wagt – so als käme nach ewigen Jahren der vollgekackten Wohnung die Nachricht, der darmkranke Hund sei endlich stubenrein! Stattdessen setzt man in Köln jetzt lieber wieder auf Trödel-Shows und Doku-Soaps. Gut, ein klein bisschen Müffelgeruch bleibt halt immer im Teppich… aber wie herrlich dass nicht mehr täglich die Haufen dampfen!

Trödel-Tonne

Oops, was ist denn da passiert? Das Erste bringt seinem nach flotten Flohmarkt-Altwaren ausgehungerten Publikum endlich ein neues Trödel-TV-Format – und keiner schaut zu? Denn kaum ist die Plunder-Aufpolier-und-Verscherbel-Show HALLO SCHATZ! gestartet, da wird sie aus akutem Quotenmangel auch schon wieder vorzeitig aus dem Programm gekegelt. Wüsste man es nicht besser, könnte man fast eine Art Genre-Übersättigung vermuten – was aber natürlich gar nicht möglich ist bei den vielen Krempel-Kellern in Deutschland. Also besser schnell was nachlegen – für jede gescheiterte Gerümpel-Sendung brauchen wir ganz dringend mindestens drei neue!

Promi-Scherze

Auch ProSieben hat mal wieder tief gegraben und eine erst wenige tausend Mal reanimierte Formatvorlage zur Neubelebung ausgebuddelt, nämlich die immer frischen Verarschungen mit versteckter Kamera! Diesmal allerdings wieder als ultralange Samstagabend-Show mit so irgendwie halbwegs pseudo-prominenten Gesichtsvermietern als Fallensteller und/oder Opfer. MEIN BESTER STREICH – PROMINENT UND REINGELEGT heißt der staubfrische Spaß und soll laut P-Seven die ‚vielleicht schnellste Versteckte-Kamera-Show der Welt’ werden. Unter Umständen aber auch nur die ‚am schnellsten wieder abgesetzte’

629. Eine Frage der Zeit (TVS 9/19)2019-04-20T17:25:10+02:00

628. Ein Vierteljahrhundert Wahnsinn (TVS 8/19)

Dieser Tage feiere ich mein persönliches TV-Jubiläum in Form von 25 Jahren Aufarbeitung deutschen Fernseh-Wahnsinns in KALKOFES MATTSCHEIBE. Danke für die Glückwünsche. Und in der Rückschau ist es wahrhaft verblüffend, wie sich das Medium seit der Anfangszeit verändert hat. Man stelle sich vor: es war inmitten der semi-wilden Neunziger. Kabelfernsehen war gerade der hotteste shit in Town und so langsam konnte fast jeder diese verrückten neuen Privatsender empfangen. Die von RTL im Vollsuff erfundene ‚werberelevante Zielgruppe der 14 bis 49-jährigen’ war existent aber weniger bedeutsam als die Gesamtzuschauerzahl, weshalb auch die älteren Humpel vor der Glotze für den Markt noch interessant waren und die Entertainmentwelt von der Volksmusik im festen Schunkelgriff gehalten wurde. Nach drögen Dekaden stocksteif-verspannter Bildungsfernseh-Diktatur der Öffentlich-Rechtlichen mit nur äußerst sparsam zugeteilten Unterhaltungs-Rationen, versuchten die Privaten anfangs die verlorenen Jahre mit einem knallbunt-irrwitzigen Vergnügungs-Tsunami zu kompensieren. Man wollte zeigen was man konnte und dass wir uns wahrlich nicht hinter dem Spaßfaktor anderer Nationen verstecken mussten.

Wie in jeder vollen Badewanne bei zu viel Übermut schwappte das Wasser des Wahnsinns irgendwann allerdings über und das Publikum begann sich zu fragen: ‚Sagt mal, wollt Ihr uns eigentlich verarschen? Und haltet Ihr uns für total behämmert?’ Die Antwort hieß leider schon bald: Eindeutig JA! Denn aus dem Streben nach kompromissloser Zuschauerbespaßung als oberste Direktive wurde zum Millenniumswechsel der Wunsch mit möglichst geringen Kosten und Mühe möglichst viel Gewinn zu erwirtschaften. Das funktionierte kurzfristig recht gut mit der Reduktion auf den moralisch-intellektuell geringsten gemeinsamen Nenner – die größte Dummheit wurde zur höchsten Messlatte. Die internationale Finanzkrise führte kurz darauf zur radikalen Drosselung sämtlicher Eigenproduktions-Etats und der Konzentration auf so sinnfrei wie menschenverachtende Scripted Reality-Formate ohne jeglichen Qualitätsanspruch. Die waren herrlich billig und trotzdem guckten sie irgendwelche Idioten, was die Redaktionen über die schon immer so behauptete Blödheit des Publikums herzlich lachen ließ. Verachtung und Faulheit übernahmen die Programmleitung, und wer Fernsehen mit Inhalt liebte und die Möglichkeit dazu hatte, verabschiedete sich von seinem ehemaligen Lieblingsmedium. Den zynischen TV-Machern war das wumpe – jedenfalls bis sie in realen Zahlen bemerkten wie viele Zuschauer zu Streamingdiensten abgewandert waren und dort genau die intelligente Unterhaltung suchten, für die man sie bislang als zu doof gehalten hatte.

Jetzt hat das Fernsehen den Salat. Die nicht ganz so dusseligen Älteren mit Kohle sind verduftet und geblieben sind die gehorsam Desinteressierten und jung-gepimpten Hohlhirne. Ganz cool für ein schnelles Nümmerchen, auf Dauer aber eher peinlich und keiner von denen zahlt selber die Rechnung. Das verlorene Vertrauen zu erneuern und die einstmals Verschmähten wieder zurück zu holen dürfte jedoch schwierig werden. Eine Entschuldigung und ein paar Blumen sind trotzdem überfällig.

Österlicher Eiertanz

Wurde hier eigentlich schon einmal erwähnt dass wir viel zu wenig Dance-Shows im deutschen TV haben? Nun, über die Ostertage jedenfalls bittet RTL zum gemeinsamen Eiertanz mit Anfassen in einer rhythmischen Sendungs-Polonäse für Couch-Potato-Sitztänzer: zuerst ein LET’S DANCE – BEST OF mit den schönsten bisherigen Promi-Stolpereien, und danach bittet der Eitelkeits-marinierte Schlechtlaune-Lächler Joachim Llambi zu seinem Pöter-pudernden Solo-Abenteur LLAMBIS TANZDUELL, in dem Profi-Hüpfer in fernen Ländern lokale Tänze lernen und dann im Battle vorkaspern müssen. Galt am Karfreitag nicht früher mal das Tanzverbot? War nicht alles schlecht damals.

Auf- und Abdecker

Über Humor kann man streiten und jeder lacht halt über was anderes. Wenn aber die sich selbst belachende Flachwitz-Planierraupe Mario Barth in seinem brachial konsenskomischen Recherche-Format MARIO BARTH DECKT AUF als empörter Intelligenz-Abdecker über den angeblichen Wahnsinn der Grenzwerte für Stickoxide berichtet, und dabei mit brutaler Dummdreistigkeit, hanebüchen falschen Beispielen und anerkannten Fehlberechnungen um den zustimmenden Schenkelklopf-Applaus der Realiätsrenitenten Wackeldackel bettelt, dann schämt man sich als Zuschauer mindestens so wie der Sender für die peinliche Ausstrahlung… ach nein, lief ja bei RTL! Mein Fehler…

Haarloses Remake

Man hat sich ja daran gewöhnt, dass inzwischen jede erfolgreiche Serie der Vergangenheit ein zeitgemäßes Update im TV oder Kino erhält – und manchmal funktioniert es ja auch. Wenn allerdings der charmant-überlässige Eighties-Detektiv Thomas MAGNUM schnauzbartlos ohne Hawaiihemd neu aufgelegt wird, mit einem weiblichen Higgins als sexy junge Ex-MI6-Agentin, aufgepeppt mit überdrehter Fast & Furious–Cartoon–Action und zwangsmodernisierter Obercoolness – dann wünscht man den Produzenten nur noch einen kräftigen Arschbiss von Zeus & Apollo. Jetzt auf Vox – allerdings ohne mich!

628. Ein Vierteljahrhundert Wahnsinn (TVS 8/19)2019-04-18T02:13:20+02:00