604. Das Echo der eigenen Sprachlosigkeit (TVS 10/18)

Oops, mit so einem Shitstorm der Stärke Uiuiui! wie dieses Jahr nach der ECHO-Verleihung hatte die deutsche Musikindustrie nicht gerechnet! Dabei lief doch eigentlich alles wie immer: ohne künstlerisch-moralisch zu bewerten oder vorher überhaupt mal in das Geträller und Gelulle reinzuhören, wurden ausschließlich jene Künstler-Darsteller gewürdigt, die am besten verkauft und der Industrie somit die meiste Kohle in die Geldspeicher eingefahren hatten. Trotz zahlreicher Warnungen im Vorfeld wurden auch zwei gedankenlos rüpelnde Kleingangsta-Rap-Rabauken namens ‚Fahrrad Bums und sein Kollege’ oder so ähnlich ausgezeichnet, die mit ihren stumpfdoof dahingestammtelten Wort-Gewöllen eine regelrechte Lawine an Beschwerden, Empörungen und Preis-Rückgaben auslösten. Zwischen zahlreichen Zeilen voll gewohnt übertriebener Brutalität und genereller Menschenfeindlichkeit, (die eher von geringster Bildung, hoher Ignoranz und ausgeprägter Brägenleere zeugen denn von intendierter Genre-typischer Provokation) löste vor allem der Satz ‚Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen’ eine veritable Antisemitismus-Debatte aus, während das arhythmische Unsympathen-Duo ihre knalldoofe Geschmacklosigkeit mit der musikalischen Meinungsfreiheit zu erklären versuchte. Wo einer der Knackpunkte liegen mag, denn weder sie selbst noch ein Großteil ihrer bildungsresistenten Anhänger dürfte den Inhalt des Texts wirklich verstanden haben. Man kann sich sein Publikum halt nicht aussuchen – aber ohne dumme Fans gibt es auch keinen Erfolg für dumme Texte. Der Grat zwischen Kunstfreiheit und Kommerzkacke ist nun mal ebenso schmal wie zwischen Kränkung und Verletzung oder Haltung und Heuchelei. Der Schlüssel zu allem bleibt letztendlich immer nur der eigene Verstand – aber oft ist der leider gerade dann nicht zu finden, wenn man ihn am meisten braucht.

Viel schwerer wiegt die Frage: wieso gibt man solchen Möchtegern-HipHop-Honks überhaupt einen Preis? Ganz einfach: weil es voll geil ist, sich an den Erfolg anderer anzubiedern – egal woher er kommt! Solche Halbwelt-Typen bringen Geld, junges Publikum, und wenn man ein Selfie mit ihnen bekommt, gewinnt man vielleicht sogar einen Hauch Respekt bei den eigenen Kids zurück. Der Echo – so wie ein Großteil all unserer Preise aus den medialen Welten – hatte nie etwas mit Kunst oder Kreativität zu tun, sondern immer nur mit Umsatzzahlen – das Pendant zum stolz eingerahmten Kontoauszug über dem eigenen Kamin. Und bisher ging es ja auch immer gut. Die Herz- und Gedankenlosigkeit in diesem Jahr ließ allerdings Preisträger, Publikum und die gesamte Branche gemeinsam in das selbst aufgeklappte Messer laufen. Gekrönt von totaler Hilflosigkeit der Verantwortlichen, mit der berechtigten Kritik umzugehen, erwies sich die Verleihung als das handgeschriebene Armutszeugnis einer in der untergehenden Erfolgs-Sonne schmelzenden Branche, die ihre Seele verkauft hat, um zumindest noch für eine kurze Zeit die eigene vorgetäuschte Bedeutsamkeit fühlen zu dürfen. Nur um sich dann am Ende aus unfähiger Sprachlosigkeit lieber komplett selbst abzuschaffen. Ende.

Liebe mit Gesang

Mein Tipp an alle Leser/Innen: Suchen Sie sich besser ganz schnell einen festen Lebenspartner! Denn sonst landen Sie noch ohne es zu ahnen ratzfatz in irgend so einem furchtbaren Vorführ-Verkupplungsformat von einem der zahlreichen privaten Bematschtenblamiersender. Nach potentiellen Bauernopfern, Bachelor-Bumsbeilagen, Schwiegertöchtern und endlosen sonstigen Kopulations-Kandidaten, werden nun die großen Lieben für Schlagersänger und Innen gesucht. Von Tim Toupet bis Hütten-Helmut ist fast der gesamte musikalische Mitklatsch-Underground dabei – es fehlen nur noch halbfreiwillige potentielle GV-Partner. Singles, lauft schnell weg – sonst erwischen Sie euch noch!

Hypno-Wünsche

RTL wagt ein neues Experiment: Zuschauer hypnotisieren und nach den geheimsten Wünschen aus ihrem Unterbewusstsein graben, sie später erneut damit konfrontieren und zum Abschluss vielleicht sogar erfüllen. Soll alles so geschehen in MEIN VERBRORGENER WUNSCH mit Hypno-Kröte Martin Bolze aka ‚Pharo’. Bin mal gespannt was passiert, wenn die Kandidaten den innigen Wunsch offenbaren, dass RTL endlich besseres Programm macht, aufhört die Zuschauer zu verarschen oder einfach  komplett den Pöter zukneift.

Sensible Sendungen

Wenn sämtliche Oberflächlichkeiten abgeschabt sind, versuchen selbst die lautesten Krawallsender aus Verzweiflung thematisch in die Tiefe zu tauchen. So plant RTL2 mit DIE GRUPPE – SCHREI NACH LIEBE ein Format über Menschen mit psychischen Problemen wie Zwangsstörungen, Depressionen und Panik-Attacken, sowie die Begleitung todkranker Menschen beim Erfüllen ihrer letzten Wünsche in VOLLER LEBEN – MEINE LETZTE LISTE. Schwierig, aber ambitioniert. Wenn allerdings ein intellektueller, hoch sensibler Emotion-Channel wie RTL2 diese Themen behutsam mit filigranen Fingern anpackt, kann ja nichts schiefgehen. Oops – irgendwie klingt falsch an diesem Satz…

 

604. Das Echo der eigenen Sprachlosigkeit (TVS 10/18) 2018-05-08T03:10:05+00:00

603. Trödelparadies Deutschland (TVS 09/18)

Jens Spahn, unser neuer Minister für Gesundheit und unaufgeforderte Schlaumeierei, hatte anscheinend Recht mit seiner Behauptung, in Deutschland müsse niemand in Armut leben. Der Bevölkerung scheint es sogar derart gut zu gehen, dass bei uns selbst der Müll eigene Fernsehsendungen bekommt. Kaum ein anderes Land hat derart viele Tand- und Trödel-Shows wie wir Gammel-Germanen: psychologische Hilfen für wegschmeiß-allergische Alles-Aufbewahrer und Restmülltüten-Tauschformate für manische Mega-Messies, schrabbelige Schrottplatz-Dokus, elegisch ausgewalzte Ramsch-Renovierungs-Reihen uswusw blablabla. Kein gut besuchter Altglascontainer oder falsch befüllter gelber Sack in einer inszenierten Asi-Siedlung des Sozialen Wohnungsbaus, der RTL2 nicht ein prollig gescriptetes Garbage-Dokutainment für angebliche Underdogs wert wäre, kein muffiger Pappkarton mit leicht beschädigten Kriegs-Devotionalien und angeschimmelten Wehrmachtsunterhosen von Omas erstem Mann, aus dem das ZDF nicht ohne zu zögern eine erfolgreiche Nachmittags-Show mit Horst Lichter schnitzen könnte. Das ganze scheißige Dreckszeug, das irgendwo bei uns allen herumsteht, einstaubt und meist unbeachtet vor sich hin muffelt, aber irgendwie doch zu gut erscheint für die unbarmherzig alles schluckende Mülltonne – seien wir uns sicher, dass irgendein Trottel sich nicht entblöden wird, dafür demnächst eine passende TV-Sendung zu kreieren.

Spätestens seit dem unerwarteten Mega-Success der sedierend-oberöden Einschnarchungshilfe BARES FÜR RARES, die den Zuschauern des Zweiten seit einigen Jahren zur Kuchentafelzeit als Blutdrucksenker und Koffein-Neutralisator angeboten wird, möchte jetzt jeder Kanal mindestens eine Top-Quoten-Show besitzen, in der langweilige Leute langweiligen Kehrichtkäufern ihr altes Garagen-Gelumpe anzudrehen versuchen. Fernsehen, flott wie Höhlenmalerei, aber wahrscheinlich gerade wegen seiner aggressiven Belanglosigkeit und nervenlähmenden Nichtigkeit so beliebt – vor allem bei den Zuschauern denen der Blick in die Waschmaschine stets zu aufregend und das Testbild immer zu bunt war. Wenn jetzt jedenfalls sogar die Entertainment-Gleichspüler der Brainlull-Butze RTL das Plunderprogramm vom Dritte-Zähne-Channel ZDF mopsen und als DIE SUPERHÄNDLER recyceln möchten, dann muss da ja irgendwas dran sein.

Das Ende der knarzigen Krempelkult-Konzepte ist jedenfalls noch lange nicht erreicht. Denkbar sind noch viele Varianten: knallharte Krimskrams-Kämpfe, in denen Bumms-Anbieter und Tinnef-Seller mit vollem Körpereinsatz um die jeweilige schäbige Schrankschande batteln müssen. Kladderadatsch-Casting mit lustiger Lumpenlover-Jury. Emotionale Kuppel-Shows für alleinstehende Altstoff-Sympathisanten à la PFAND SUCHT FLASCHE. 24/7-Live-Streamings von internationalen Kleinstadtflohmärkten und Satelliten-Übertragungen der spannendsten wöchentlichen Müllabfuhr-Touren. Der fehlenden Fantasie sind hier wahrlich keine Grenzen gesetzt – denn es kann gar nicht gammelig genug sein!

Ja-Sagerei

Nach jahrelangem Generve um Aufmerksamkeit in diversen instant-vergessenen Trash-Trottel-Formaten ist es Ex-Zahnlücken-Zickluder Matthias Mangiapane gelungen, im Dschungelcamp seinen bereits häufig getätigten Heiratsantrag so öffentlichkeitswirksam zu wiederholen, dass er seinen Dauerverlobten Hubert nun endlich im Fernsehen heiraten darf. Natürlich mit sechsteiliger Vorbereitungs-Doofdoku inklusive Rückkehr von Weddingplanner Frooonck unter dem überraschend kreativen Titel HUBERT & MATTHIAS – DIE HOCHZEIT bei VOX. Ich reiche beim Sender schon mal die Zuschauer-Scheidungspapiere ein – ab jetzt gehen wir definitiv getrennte Wege!

Gründungsfieber

Seit die HÖHLE DER LÖWEN die Quoten zum Brüllen brachte, ist im deutschen TV das Gründer- und Erfinderfieber ausgebrochen. Jeder Sender braucht neuerdings eine Show um zu zeigen, wie schön der Kapitalismus sein kann wenn er sich mit Kreativität paart. ProSeven mit dem DING DES JAHRES und vor allem SAT1 mit dem monströs vermurksten Maschmeyer-Trump-Apprentice-Remake START-UP! sind zwar gerade mit Schmackes auf die Schnauze gefallen, aber die ProSieben-Zwerge planen bereits das nächste so ähnliche Ding: DER TRAUMJOB. WER WAGT DEN SPRUNG INS ABENTEUER? mit Ex-Höhlenlöwe Jochen Schweizer. So kann der Überfluss an Erfolgsgiganten halt auch zu gigantischen Misserfolgen führen.

Laberkinder

Die lustigen Explain-Kids von damals sind längst selbst Eltern auf dem Weg zur Frührente, aber zum Glück wachsen die Kleinen ja nach. So kann sich die ARD auch an ein längst überfälliges Vorabend-Remake des Kinder-erklären-Sachen-Klassikers DINGSDA wagen. Allerdings mit keinem der früheren Moderations-Opas, sondern der etwas frischer erscheinenden Brisant-Mutti Mareile Höppner. Mehr sage ich dazu nicht – man würde mich eh nur aus-Oops!en.

603. Trödelparadies Deutschland (TVS 09/18) 2018-04-25T16:32:31+00:00

602. Das neue Promi-Kabinett (TVS 08/18)

Falls Sie es noch nicht bemerkt haben sollten: nach Monaten des politischen Wachkomas, wohligen Suhlens in endlosen Sondierungsverhandlungen und kuriosen Im-Kreis-Koalierens haben wir seit einigen Wochen wieder eine theoretisch funktionierende und praktisch sogar operierende Regierung. Der Wow!-Effekt hielt sich bislang jedoch in Grenzen. Heimat-Horst Seehofer im Provozier- und Parteispaltermodus, wirres Gefasel von Jens Spahn über vermeintliche Abtreibungswerbung, Dorothee Bärs fantastische Flugtaxi-Visionen – die bisherigen Leistungen des neu geschuffelten Kabinettsmitglieder-Mixed-Bags punkteten höchstens in der Kategorie Schwachsinn-Schwafeln auf der nach oben offenen Peinlichkeits-Skala. Nach so vielen Jahren seltsamer Gestalten in eigentlich doch irgendwie wichtigen Funktionen und dem daraus ungebrochen resultierenden Mangel an Veränderung, geschweige denn Verbesserung, stellt sich den Bürgern langsam die Frage: kann man da nicht bessere Darsteller für das absurd langweilige Polit-Theater finden? Wenn es schon kein ordentliches Drehbuch gibt, wieso lässt man dann nicht wenigstens Profis an die Improvisationen statt dieser meist untalentierten und unbekannten Laienschauspieler?

Übermutter Beimer, Katy Karrenbauer oder Traumschiff-Hostess Heide Keller als Kanzlerin würden sicherlich etwas mehr Verve und Dramatik in die Performance bringen als die gelangweilte alte Frau, die diese Rolle in den letzten zwölf Jahren im Auto-Pilot gespielt hat, und ein Udo Kier, Karl Dall oder Helmut Berger als Bundespräsident wären vielleicht auch nicht ganz so dröge wie die alte Eule, die jetzt im Schloss hockt. Dann vielleicht noch Sky Dumont als Außenminister, Veronica Ferres statt von der Leyen, Ralph Möller für Finanzen und Til Schweiger für Action und Soziales – fertig wäre die perfekte Unterhaltung für die ganze Familie. Und inhaltlich sicherlich kein Rückschritt.

Sollten ausgebildete Schauspieler sich als zu teuer oder sperrig erweisen, kann man natürlich auch ganz generell in die große Promi-Kiste greifen und statt Parteien gleich Sender an die Macht lassen, am besten gleich durch Quoten statt Wahlen. Eine Regierungs-GroKo aus RTL und ZDF mit Vera Int-Veen oder Bohlen als Kanzler, Kerner als Vize im Heimatministerium und einem Kabinett aus beispielsweise Carmen Nebel, Walter Freiwald, Inka Bause, Andrea Kiewel, Horst Lichter, Pietro Lombardi, den Geißens und Motsi Mabuse würde ungefähr den aktuellen Qualifikationen in Berlin entsprechen, wäre allerdings wesentlich amüsanter. Statt zäher Bundestagsansprachen müssen die Reden vorgetanzt werden in der großen Beschluss-Voting-Show LET’S RULE!, man diskutiert über gesellschaftliche Missstände beim neuen Regierungssprecher in seiner Sendung MARIO BARTH DECKT AUF oder richtet sich an die Bevölkerung via VERZEIH MIR!

 Klar, das klingt alles irgendwie trivial und beliebig, bei längerem Nachdenken jedoch wird man Schwierigkeiten haben, sich die Ergebnisse schlechter oder nichtiger vorstellen zu können als in der Realität. Wenn schon schlechte Unterhaltung – warum dann nicht von Leuten, die sich damit auskennen? Da könnte man notfalls sogar abschalten!

Aufräumhilfe

Wir Deutschen sind zu doof für alles. Egal ob warmes Essen kochen, Wohnung artgerecht einrichten, passenden Pimperpartner finden oder nicht-pleite-gehen – ohne TV-Hilfe kriegen die Bürger einfach nichts gebacken! Deshalb hilft jetzt RTL den Müll rauszubringen, damit es im Wohnzimmer nicht mehr so müffelt: WENIGER IST MEHR – ENDLICH PLATZ UND GELD! Ein Experten-Duo unterstützt hilflos dahin vegetierenden Familien zuerst beim Entrümpeln und später dabei, den ganzen Dreck dann anderen Idioten zu verscherbeln. Der ewige Kreis von Nutzlosigkeit und Irrsinn.

SoKo-Overkill

Schön dass bei den öffentlich-rechtlichen Sendern noch ordentlich fiktionale Formate produziert werden. Noch schöner wäre es allerdings wenn es nicht zu 95% Krimis wären – und davon beim ZDF fast ausschließlich SoKo-Formate. Denn gefühlt gibt es bald keinen Ort in Deutschland mehr, dem nicht mindestens eine eigene SoKo-Reihe spendiert wurde, wenn nicht sogar noch mit Ablegern ‚Süd’, ‚Nord’ und ‚Abfahrt Stadtmitte’. Neu im Programm: SoKo Hamburg und demnächst auch endlich SoKo Potsdam. Aber keine Angst vor neuen Inhalten: bleibt alles wie immer, nur mit anderen Ermittlern aus einer anderen Stadt, aber genauso langweilig wie gewohnt. Fresh!

Haarspaltereien

Mehr als 15 Jahre ist es her, dass RTL versuchte uns mit einer pfiffigen Reality-Soap aus dem Frisör-Salon zu begeistern, was allerdings gepflegt ins Beinkleid ging. Jetzt aber hat Trash-Trüffelschwein RTL2 die angetrockneten Ideenreste vom Mülltonnenboden gekratzt und beschert uns die neue Coiffeur-Pseudo-Doku EINFACH HAIRLICH – DIE FRISEURE mit total emotionalen Geschichten rund um spannende Haarprobleme mit Happy End. Waschen, Schneiden, Gähnen!

602. Das neue Promi-Kabinett (TVS 08/18) 2018-04-13T01:26:05+00:00

601. Die gescheiterte Revolution (TVS 07/18)

Unsere scheinbar so nett neutralen Nachbarn in der Schweiz haben es faustdick hinter den Ohren: während sie uns seit Jahren vorgaukeln, ihr Leben bestünde hauptsächlich aus harmlosem Schokoladerühren, Käselöcherbohren und Schwarzgeldkonten-verstecken, planten sie erst kürzlich in nassforschem Übermut eine kecke gesellschaftliche Revolution, von der wir braven Spießergermanen nur träumen können. Unter lauten NO BILLAG! – Protestrufen forderte man dort allen Ernstes die Abschaffung der nicht ganz so freiwilligen Rundfunkgebühren für die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten (bzw. lud zuerst einmal zu einem danach angedachten Volksentscheid darüber auf).

Bevor Sie jetzt mühsam googeln oder ohne Bildungsgewinn weiterlesen: BILLAG ist die schweizerische Erhebungsgesellschaft für die TV-Abgabe – also der Name jener staatlich gebilligten mafiösen Vereinigung, die das erpresste Medienschutzgeld einsammelt, an die Senderbarone verteilt und ungehorsam zahlungsdementen Bürgern gelegentlich notfalls ein paar  breitschultrige Inkasso-Beamte zur freundlichen Verwarnung mit Nasenbruch vorbeischicken, falls die zwanglos vereinbarte Überweisungsmoral absinken sollte. Eine ähnliche Aktion hätte also früher bei uns NO GEZ! geheißen – da es inzwischen allerdings keine Gebührenfahnder und Geräte-Stasi wie früher mehr gibt, sondern bloß einen kundenfreundlichen Einzugs-Service with a smile, müsste eine solche Bewegung in unserem Land jetzt korrekterweise NO ARD ZDF DEUTSCHLANDRADIO BEITRAGSSERVICE heißen, was für jede Form von Demo-Plakaten viel zu lang wäre. Womit sich die Frage erledigt haben dürfte, ob so eine impertinente Aktion denn nicht auch in diesem Land mal eine denkbare Option wäre.

Um das Ende jedoch gleich vorweg zu nehmen: auch in der Schweiz war dieser Versuch der medial-monetären Aufmüpfigkeit nicht von Erfolg gekrönt, mehr als zwei Drittel der stolzen Eidgenossen verweigerten sich dem Aufruhr und sprachen sich für die Erhaltung der von Gott gegebenen Gebührenordnung aus. Diese freudige Nachricht ließ hüben wie drüben den entsprechenden Programmverantwortlichen felsengroße Steine vom Herzen in die Hose rutschen, war dies doch nicht nur ein Sieg für Informations- und Pressefreiheit, sondern vor allem auch für die persönlichen Pensionskassen, den Erhalt der bräsigen Popeligkeit und der kreativen Innovationsausbremsung. Nur wie immer bleibt zu befürchten, dass der Schuss zwar gehört, aber nicht verstanden wurde. Denn im Grunde ist gegen eine Gebühr für eine öffentlich-rechtliche mediale Grundversorgung ja gar nichts einzuwenden – wenn sie nur etwas mehr für Inhalte ausgegeben würde statt für die Aufrechterhaltung des selbst aufgeblähten Apparats aus heißer Luft und markierter Bedeutsamkeit. Ganz ehrlich: ich würde sogar freiwillig zahlen, gern sogar – wenn man mich nur ließe! Nur dann halt nicht einfach so für alles ohne Widerworte und ohne Wechselgeld. Wenn ein Straßenräuber mir die Brieftasche klaut, sag ich ja auch nicht Danke, selbst wenn er noch so höflich ist und behauptet er darf das! Aber wie heißt es doch? That’s Entertainment!

Spiegelstars

Es gibt viele so genannte Promis, die sich selbst gar nicht oft genug in der Öffentlichkeit sehen können, obwohl viele Zuschauer das vermeintliche Geschenk der vermehrten Präsenz in Wirklichkeit lieber ablehnen würden. Um sich selbst besser kennenzulernen, müssen nun der dickeierige Wendler, die Großglockenbewahrerin Sophia Vegas-Wollersheim und andere dubiose Berühmtheitsdarsteller zu STARS IM SPIEGEL bei RTL, wo sie ihre Selbsteinschätzung mit der des Studiopublikums abgleichen müssen. Könnte die öden Bumsnasen ausnahmsweise sogar mal interessant machen!

Kopierkette

Viele Jahre nach dem Erfolg von GENIAL DANEBEN und diversen ähnlichen ‚So-ungefähr-wie’-Formaten dachte die ARD, dass man doch auch mal so was in die Richtung machen könnte und fuhr fette Erfolge ein mit WER WEISS DENN SOWAS – woraufhin man beim ZDF blitzschnell erkannte: na wenn sogar die alle das schaffen, müssten wir doch auch so ungefähr was ähnliches hinbekommen! Daher überraschten uns die müden Mainzelmützen mit dem auch schon so ähnlich klingenden DA KOMMST DU NIE DRAUF! – was jetzt wieder belebt wird. Die Dritten planen derzeit sicherlich DAS GLAUBST DU NIEMALS!, DAS WEISS DOCH ICH NICHT! und SCHLAU VORBEI.

Bayerndoppel

Apropos Kopie – der Bayerische Rundfunk beweist: man kann hochwertig und teuer auch in billig und rumsig nachmachen! Denn selbst wenn DAS DUELL UM DIE WELT mit Joko & Klaas bereits mehrfach auf ebenfalls relativ kostspielig-aufwändige Art imitiert wurde, so doch bisher noch nie so harmlos-simpel wie bei MANNSBILD & PFUNDSKERL – DAS DUELL DURCH BAYERN. Ein Moderator und ein Volksmusikant batteln sich spaßig-spießig durch die bajuwarische Dörflichkeit. Des braucht koa Schwein – pfiat di!

601. Die gescheiterte Revolution (TVS 07/18) 2018-03-27T00:09:14+00:00

600. Wie geht es Vera? (TVS 06/18)

Die Medienwelt macht sich ernsthafte Sorgen um den mentalen Gesundheitszustand der fleischig-fröhlichen Fernseh-Facharbeiterin der vorgetäuschten Freundlichkeit, Vera Int-Veen. In einem Podcast-Interview behauptete sie kürzlich vollkommen ernsthaft, ihre hochgradig menschenverachtende und nur schwer ertragbare Verkupplungs-Show SCHWIEGERTOCHTER GESUCHT sei ‚kein Trash, sondern sehr gut gemachte Fernsehunterhaltung’! Sie machte diese Äußerung in scheinbar nüchternem Zustand, zwinkerte dabei nicht und zeigte kein unterdrücktes Lachen, es folgte nicht einmal eine erklärende ‚War doch nur Spaß!’-Geste. Auch in den Tagen darauf wurde diese absurde These von ihrer Agentur weder berichtigt noch zurück genommen, bis heute ist sie exakt so nachhör- und lesbar. Wie konnte es dazu kommen?
Natürlich möchte niemand dem maliziös-monströsen, mopsig-muttihaften Moderationsmeerschweinchen mit dem manischen Zwang zu affig-albern alliterierenden Alphabets-Aneinanderreihungen eine bewusste und dreiste Lüge unterstellen – bleibt also nur die besorgte Frage, ob hier vielleicht eine Form kurzfristiger Unzurechnungsfähigkeit, einsetzender Demenz oder krankhaften Realitätsverlusts vorliegt. Kein Mensch bei klarem Verstand könnte allen Ernstes eine Behauptung wie diese treffen, ohne sich ihrer hundertprozentigen Unwahrheit bewusst zu sein. Zur Erinnerung: SCHWIEGERTOCHTER GESUCHT ist jenes schamlos schäbige RTL-Vorführ-Format mit Schwefelgeruch direkt aus dem Anus der Hölle, bei dem bedauernswert entwicklungsverzögerte Singles mit beschränkten sozialen Kontakten, die trotz fortgeschrittenen Alters größtenteils noch bei den Eltern wohnen, unter dem boshaft falschen Vorwand der vermeintlich freundlichen Partnersuche einem sich beömmelnden Millionenpublikum zur Befriedigung niederer Triebe zum Auslachen dargeboten werden – meist in unvorteilhafter Kleidung, beim nicht enden wollenden Wurst- und Kuchenverzehr, in ihrer größten Schwäche hervorgehoben und gern zusätzlich mit fiktiven kindlich-naiven Hobbys versehen. Noch deutlich mehr als bei ähnlich blödsinnig-widerwärtigen Verkupplungsformaten wie der familienfreundlichen Farmerfickhilfe BAUER SUCHT FRAU oder dem begattungsbereiten Blumenbumser BACHELOR liegt bei der Schwiegertochter-Suche der Fokus klar erkennbar auf der bewussten Verspottung und Vorführung von Menschen, die in einer humanistisch geprägten Gesellschaft unseren Schutz genießen würden, beim Privatfernsehen allerdings mit herunter gezogenen Hosen als Spottvieh in die Manege der kollektiven Häme getrieben werden. Gäbe es einen Gott, hätte sämtliche Verantwortliche dieser Sendung bereits vor sehr langer Zeit der Blitz beim Scheißen getroffen. Ist jedoch leider nicht geschehen. Vielleicht ist die elektrische Entladung allerdings bloß abgerutscht und traf das Dach des Toilettenhäuschens, von dem aus Vera Int-Veen lediglich ein Ziegel auf die Rübe knallte – was wiederum eine Erklärung für ihre alberne Aussage vom Anfang sein könnte. So schließt sich der Kreis der Scheußlichkeit.

Schwesternhilfe

Ja, schon die Vorstellung allein klingt sehr schlimm: eine RTL2-Daily-Impro-Soap im Krankenhaus mit den dösigsten Dumpfgesichtern aus BERLIN – DINGS & BUMS und Knatterformaten wie LOVE ISLAND. Wird aber wahr, soll SCHWESTERN – VOLLE DOSIS LIEBE heißen und wird testweise erst mal drei Wochen im März auf dem Kanal mit der durchgehenden Brain-Flatline laufen. Aber auch wenn einem bei der Ankündigung übel wird – jetzt bloß nicht krank werden… sonst landet man noch in dem Hornochsen-Horror-Hospital!

Löwenschiss

Es ist soweit: der dubiose Salontiger und zahm chargierende Höhlenlöwe Maschmeyer schleicht mit dem geklauten Formatknochen von VOX rüber zu den Ideen-Mopsern von SAT1, um dort ab Ende März seine ganz eigene Gründer-Show zu veranstalten. START UP! WER WIRD DEUTSCHLANDS BESTER GRÜNDER soll die freche Löwenhöhlen-Kopie heißen, wo am Ende allerdings nach einigen BIG BOSS-artigen Wettbewerben bloß einer von 14 potentiellen neuen Großunternehmern einen Preis erhält und dann mit Maschi gemeinsame Sache machen dürfen muss. Alte Ideen als Copy&Paste-Patchwork, null Kreativität, kein Business-Plan, ein utopisch überbewerteter Gastgeber mit mauem Marktwert – nichts für mich, ich bin deshalb raus.

Wortverlust

Der Trend geht zum Drehbuch ohne Worte. Ist schlanker, wiegt nicht so viel und kostet weniger. Die Handlung einer durchschnittlichen Scripted Reality-Folge passt als krickelige Strichmännchen-Zeichnung auf ein gebrauchtes Papiertaschentuch. Deshalb versucht man das jetzt auch mal mit teilweise richtigen Schauspielern im Hauptabendprogramm bei RTL: TATVERDACHT heißt die Krimiserie, in der echte Fälle pseudo-dokumentarisch mit improvisierten Dialogen nachgespielt werden sollen. Autoren, Handwerk und echtes Können werden doch eh überschätzt!

600. Wie geht es Vera? (TVS 06/18) 2018-03-13T17:45:14+00:00

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