707 | TVS 10/22

Kürzlich hielt ich am Brandenburger Tor bei der SOUND OF PEACE–Friedenskundgebung eine kurze Rede zu Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine. Kaum war diese online, erhielt ich von fleißigen Hobby-Meckerern und Pro-Putin-Trollen diverse wütend-kritische Kommentare wie zB: Wo hat der Mainstream-Dicke denn geredet als man Serbien bombardiert hat? Oder bei der Flut im Ahrtal? Und wo warst Du heuchlerischer NATO-Bückling beim Krieg in Afghanistan, Syrien und Libyen?

Und ja, das gab mir wahrlich zu denken. Wo war ich dummer Ex-Merkel-Jetzt-Wasauchimmer-Systemling da eigentlich? Warum habe ich all dies Elend in der Welt nicht gestoppt? Wieso rede ich gerade jetzt über irgendwelchen regionalen Kleinkram, anstatt in die Vergangenheit zu reisen und überall dort zu sprechen, wo früher vielleicht sogar schon viel Schlimmeres geschehen ist? Welches Recht habe überhaupt ich alter Blödel-Schuster, der besser bei seinen lachhaften Leisten bliebe, seine unbedeutende Meinung kundzutun, während dort in Politik, Internet und zahlreichen Wohnzimmern doch so viel deutlich kompetentere Menschen sitzen, die sich stattdessen wesentlich klüger äußern könnten, wenn sie es nur täten?

Im Bereich der Kommunikation nennt man diese Art des manipulativen Ablenkungsmanövers zur Diskussionsbeendung durch den diskreditierenden Vorwurf der Doppelmoral neudeutsch ‚Whataboutism‘, übersetzt quasi ‚UndWasIstEigentlichMit?‘ Woraus sich letztendlich die Frage ergibt: wieso sagt oder tut überhaupt noch irgendjemand irgendwo irgendwas? Sitzt nicht streng genommen jeder mit Balken im eigenen Auge in irgendeinem Glashaus, aus dem er tunlichst nicht mit Steinen schmeißen, sondern stattdessen lieber vor seiner eigenen Tür kehren sollte?

Antwort 1: Ja, stimmt. Antwort 2: Nein, Bullshit! Entscheiden Sie selbst. Klar, im Prinzip müssten sich bestenfalls viel fähigere Personen um all die wichtigen globalen Probleme kümmern. Der Logik jener Kommentar-Pöbler folgend sollten wir alle aber genau deswegen vorzugsweise gar nichts mehr tun oder sagen, weil man nämlich bei genügend anderen ähnlichen Situationen der Weltgeschichte auch nicht adäquat reagiert hat. Im Grunde recht angenehm, da die frühere Untätigkeit einem dadurch die universelle Rechtfertigung für jegliches zukünftiges Nichtstun bietet. Bequemer kann man sich die eigene Faulheit und Passivität gar nicht als Heldentat schön saufen. Genial. Halten wir doch in Zukunft schlicht alle für immer Augen, Ohren und Fresse geschlossen und tun gar nichts mehr für niemand außer uns selbst, dann beschwert sich auch keiner. Und wir können uns weiter erhaben in unserem lauwarmen Egoismus einlullen, intellektuell quer furzen und über die Heuchelei der lächerlichen Aktivisten lästern.

Oder aber wir machen einfach weiter wie bisher, tun und sagen was unser Herz befiehlt und lassen all die dämlichen ArmleuchterInnen uns weiter gepflegt am Arsch lecken. Ich glaube, diese Option gefällt mir am Ende dann doch am besten!

Pre-Retro-Retro-Revival

Während der über uns schwappende Retro-Show-Tsunami langsam in eine plätschernde Lulle-Welle abzuebben droht, holt RLT-Nebensender RTLup (formerly known as RTLplus) schnell noch mal die Pre-Retro-Wellen-Retro-Shows aus dem Altsendungs-Keller. Denn schon vor fünf Jahren wurden sowohl FAMILIENDUELL als auch DER PREIS IST HEISS kurzzeitig neu aufgelegt, allerdings relativ unbeachtet mit Inka statt Werner und Kons-Schorn statt Wijnvoord-Freiwald. Während nun aber die großen offiziellen Retro-Shows mit den noch verbliebenen Original-Protagonisten vorbereitet werden, kann man sich bis dahin ja die Zwischen-Retro gönnen. Mehr Retro-Retro geht nicht!

Hausbesetzung

Wir wissen weder was uns da genau erwartet noch wann überhaupt – bekannt ist nur, dass SAT 1 mit Ex-Vermisstensucherin Julia Leischik für den Sommer ein neues Format namens DAS HAUS AM MEER vorbereitet. Und dass es um ‚ganz große Gefühle‘ gehen soll. Möglich ist alles: Ein Haus am See gewinnen! Beim Frühjahrsputz helfen! Mit der Familie dran vorbeifahren und heulen, weil man selbst so scheiße wohnt! Klingeln, eine brennende Tüte mit Hundekot vor die Tür legen und ganz schnell weglaufen! Mehr Spannung geht nicht!

Brautkleid bleibt Brautkleid

Gerade las ich die Ankündigung für das tägliche Daytime-Doku-Kitsch-Format ZWISCHEN TÜLL & TRÄNEN, in dem jeweils drei Brautmodenausstatter für eine Heiratswillige das Hochzeitskleid ihrer Träume kreieren dürfen. Dem Gewinner kann sie es dann abkaufen, zum Dank gibt’s ein Erinnerungsvideo, eine Überraschungstüte und eine schön billige Sendung. ‚So unnötig wie überflüssig, das hält keine fünf Folgen, will doch keiner sehen‘, dachte ich schmunzelnd – nur um zu erfahren, dass die Shopping-Schmonzette bereits seit 8 Staffeln und knapp 350 Episoden mit großem Erfolg auf VOX läuft! Ich nehme alles zurück und behaupte trotzdem: Mehr Langeweile geht nicht!