713 | TVS 16/22

Leider müssen wir heute einmal ganz offen und ehrlich über unsere Promis reden, denn so langsam mache ich mir ernsthaft um sie Sorgen. Gemeint sind natürlich die hauptberuflichen Vollzeit-Blamier-Pöbel-und-Nerv-Promis ohne besondere Fähigkeiten oder spezielles Talent, die in sendereigenen Reality-Doku-Soap-Zucht-Anlangen aufgezogen, ausgeliefert und bis zur medialen Endschlachtung durch sämtliche existierenden Fun-and-Folter-Formate getrieben werden. Nicht gemeint sind explizit sogenannte ‚Prominente‘ nach früherem Wortverständnis, also Menschen, die durch Können oder Leistung über einen gewissen Zeitraum Popularität, Respekt oder gar Bewunderung erlangt haben. Zwar sieht man auch solche Persönlichkeiten mitunter in Sendungen dieser Art, meist wenn die Erwerbsmöglichkeiten in der eigentlichen Kernkompetenz sich stark verringert haben, aber die sollten sich hier nicht angesprochen fühlen.

 Die Population jener neu definierten Pseudo-Promis aus eigener Herstellung hingegen hat sich im Laufe der letzten Jahre derart schnell, stark und unkontrolliert vergrößert und medial verbreitet, dass inzwischen viele Zuschauer bereits von einer Plage oder Heimsuchung sprechen. Kaum eine Sendung, in die sich nicht ein oder mehrere Ableger dieser Spezies verirren und festbeißen, was mit der Zeit häufig dazu führt, dass die Wahrnehmungsgrenze zwischen echter Prominenz und künstlich reproduzierter Promi-Existenz für das Publikum immer mehr verschwimmt oder nicht mehr klar erkennbar erscheint. Hinzu kommt das immer größer werdende Problem, dass (trotz Reality-Schwemme) auf Dauer nicht genügend Formate existieren, um all die vielen neu entstandenen und stetig nachwachsenden Entertainment-Kreaturen überhaupt unterzubringen, was in dieser sozialen bis asozialen Gruppe vermutlich schon bald zu erhöhter Arbeitslosigkeit, Frustration und Depression führen wird. Stellen wir uns also darauf ein, von den Betroffenen zukünftig verstärkt um Bewunderung, Aufmerksamkeit und Zuwendung in der Öffentlichkeit und den sozialen Netzwerken angefleht zu werden. Vergessene Interims-Promis, die Passanten vor Bahnhöfen und in Fußgängerzonen verzweifelt um ein Selfie mit sich anbetteln, sind heute schon keine Seltenheit mehr.

 Es wird daher höchste Zeit, dass sich nun auch die Politik ihrer Verantwortung bewusst wird und um diese Randgruppe kümmert. Mein Vorschlag wäre, über ein eigenes Bundesland für die Betroffenen nachzudenken. Muss ja nicht groß sein, irgendeine Gegend, die eh brachliegt oder deren Verlust keinem groß auffallen würde (zB Ecke vom Saarland, Bayern-Zipfel oder ein umzäuntes Gebiet in Meck-Prom). Man könnte das Gebiet artgerecht mit Überwachungs-Kameras ausstatten und einen Livestream starten, damit sich die Bewohner wohlfühlen, und das ganze BIGBROTHERLAND, PROMITIEN oder ASSHOLIEN nennen. Sämtliche P-People hätten dort genügend Auslauf und könnten statt uns, sich gegenseitig auf die Eier gehen. Bei Bedarf müssten die Sender einfach mit ein paar Jeeps und Jägern reinfahren und sich für eine anstehende Sendung ein Rudel frisches Promi-Wild einfangen. Win-Win für Alle. Wir sollten schnell handeln!

Männersuche

Single-Promis, die einen Partner suchen, werden von den Privatsendern überaus gern am Nasenring durch die Manege geschleift. War bisher allerdings meist nur wenig erfolgreich, sowohl beziehungs- wie auch quotentechnisch. Aber das heißt ja nicht, dass man das nicht einfach ignorieren könnte. Außerdem: wenn es schlecht läuft, ist letztlich nur die fehlende Zugkraft des Kuppel-Promis schuld, aber keiner der Verantwortlichen – so funktioniert Fernsehen! Jetzt muss Ex-Dschungelkönigin Evelyn Burdecki dran glauben und in ihrer neuen Surprise-Love-Casting-Show TOPF SUCHT BURDECKI in SAT1 nach der theoretisch großen Liebe fahnden. Nicht traurig sein, falls es nicht klappen sollte – einfach ein neues Opfer suchen!

Rücktrittsrückkehrer

Was macht eigentlich… Karl-Theodor zu Guttenberg? Eine Frage, die sich wahrscheinlich gar nicht mal allzu viele Menschen aus Sehnsucht gestellt haben, nachdem er vor elf Jahren wegen der spektakulären Copy-and-Paste-Affäre als Verteidigungsminister zurückgetreten und aus dem öffentlichen Leben verschwunden ist. RTL+ beantwortet sie uns dennoch, da KTG demnächst für den Streamingdienst als Moderator und Interviewer einer neuen Docutainment-Reihe vor der Kamera stehen wird. Noch weiß keiner, worum es gehen soll, aber laut Ankündigung soll es total toll und ‚High-End‘ werden! Mehr muss ich persönlich auch gar nicht wissen, um mich nicht weiter dafür zu interessieren.

Realitätsverdrängung

Es gibt manchmal auch gute Nachrichten! So hat SAT1-Chef Daniel Rosemann angekündigt, in Zukunft komplett auf Scripted Reality im Programm verzichten und auch keine neuen Folgen mehr produzieren zu wollen! Diese Verkündung ist so großartig wie überfällig – dennoch hier die Bad News: 1. Die Konkurrenz macht weiter wie bisher. 2. Es sind noch jede Menge Folgen zum Wiederholen vorhanden. 3. Wir wissen noch nicht, was stattdessen kommt! Aber was auch geschehen mag – gönnen wir uns diesen wunderbaren kurzen Moment der Hoffnung!