712 | TVS 15/22

Auch wenn es oft nicht so erscheint: der Mensch an sich ist ein vernunftbegabtes Wesen. Das heißt, er ist zu intelligentem Denken und Handeln imstande, kann sich aber dagegen entscheiden. Manchmal hat er auch einfach keinen Bock.  Zudem besitzen wir die überaus hilfreiche Fähigkeit des Ausblendens und Verdrängens unangenehmer Umstände, falls es mental zu anstrengend wird. Das merkt man vor allem in Krisen, die länger dauern als die individuelle Aufmerksamkeitsspanne es zulässt. Eine kurzfristige und temporäre Unregelmäßigkeit lässt sich dank Überraschungseffekt, Adrenalin und erkennbarem Ende gerade noch meistern. Schwierig wird es jedoch bei langwierigen Problemen, vor allem bei solchen, die einen nicht direkt, aber sehr wohl indirekt betreffen, und wo eine klare Strategie zur Lösung fehlt.

Nehmen wir zB die Klimakrise – seit Ewigkeiten wissenschaftlich bewiesen und weltweit spürbar, aber es gibt für sie keinen definierten Endpunkt. Doch obwohl ihre verheerenden Konsequenzen allen bewusst und logisch nachvollziehbar sind, wird von vielen lieber versucht, die reale Bedrohung klein zu reden, nicht so viel daran zu denken oder Experten zu bezahlen, die das Gegenteil behaupten. Auch wenn sich die Umwelt von dieser Taktik nicht beeindrucken lässt – egal, man hat zumindest eine Zeit lang über die Wirklichkeit spotten und die unangenehme Wahrheit in die geistige Abstellkammer schieben können. Während man den Umgang mit diesem Dilemma jedoch immer noch ausdiskutierte, wurde die Menschheit auch schon hinterrücks vom tückischen Corona-Virus überrumpelt, die das Klima vorübergehend zum Wetter degradierte, weil man jetzt ganz andere Sorgen hatte, die man ebenfalls nur so mittel in den Griff bekam. Aber der Homo Sapiens bewies ein weiteres Mal seine große Fähigkeit zur absurden Kreativität im Erschaffen alternativer Fakten, globaler Verschwörungs-Theorien und Mythen zur heldenhaften Verherrlichung der eigenen Untätigkeit und Realitätsverleugnung. Dabei zeigte sich erneut, dass wie einst im Klassenraum die Konzentration immer stärker nachließ, je länger die Pandemie dauerte. Irgendwann wird nun einmal jede Gefahr zwar nicht kleiner, aber boring!

Obwohl diese Herausforderungen längst nicht bewältigt sind, hat die Welt aktuell durch Putins Angriffskrieg und dessen Konsequenzen bereits ihre nächste Scheiße am Hacken. Und wieder läuft der Umgang der Menschen damit wie nach dem Lehrbuch, von Panik über Verleugnung und Verdrängung bis zur einsetzenden Kriegsmüdigkeit durch mediale Übersättigung, weil irgendwann selbst das allerschlimmste Grauen nicht mehr ganz so schlimm ist, wenn es sich beständig wiederholt.

Die Regierung arbeitet deshalb derzeit an einem neuen Krisen-Laufzeit-und-Abfolge-Gesetz, mit dem gesichert werden soll, dass kein Notstand die zulässige Akzeptanzdauer der BürgerInnen überschreitet und jede neue Problemsituation erst dann beginnt, wenn die vorherige offiziell als beendet erklärt wurde. Die FDP ist allerdings noch dagegen, weil dies einen Eingriff in die freien Krisenmärkte bedeuten würde. Bis die Verordnung in Kraft tritt, hilft leider nur, sich selbst wach zu halten und aktiv gegen die Einlullung anzukämpfen. Oder wie in der Kindheit  einfach Augen und Ohren zuzuhalten. Hat meistens funktioniert. Und wer besonders mutig ist, kann ja die Zunge rausstrecken!

Wett-Kopie

RTL hat eine sehr innovatives, brandneues Show-Konzept mit Guido Cantz  angekündigt: ICH SETZ AUF DICH! Menschen wetten, etwas Einzigartiges oder Verrücktes zu können – und Prominente müssen dann einschätzen, ob ihnen das gelingt oder nicht. Klingt kreativ und frisch – fragt man sich, warum da eigentlich noch niemand vorher drauf gekommen ist. Aber WETTEN, DASS das ZDF oder irgendein anderer Junge-Leute-Sender das sofort nachmachen wird? Bestimmt wie immer mit Gottschalk, so wie ich die kenne… Typisch!

Promi-Buße

Im Grunde keine schlechte Idee, diverse Reality-Prominenz-Imitatoren für ihre zahlreichen Verfehlungen und Publikums-Nervereien in einem kargen ‚Camp der Schande‘ büßen zu lassen – nur nicht unbedingt im Fernsehen, wo am Ende ja nur wir Zuschauer ein weiters Mal mit ihrer Präsenz gepeinigt werden! Pro7 kennt da allerdings keine Gnade und quält uns nun mit DAS GROSSE PROMI-BÜSSEN, was eigentlich für SAT1 gedreht wurde und dort schon ein Jahr lang im Sendekeller vor sich hingammelte. Ist aber bestimmt wie bei gutem Wein: je länger sie im Giftschrank schlummern, umso besser werden sie! Prost!

Richter-Revival

14 Jahre hatten die Laiendarsteller ihre Ruhe, jetzt müssen sie wieder zurück in den Gerichtssaal! Denn nach einer Ära judikativer Ruhe und zahlreicher Nachmittags-Flops holt RTL erneut den Holzhammer aus der Schublade und plant zwei neue Justiz-Shows. Größter Coup: nicht nur STRAFGERICHT-Judge Ulrich Wenzel kehrt zurück, sondern auch die rothaarige Roben-Legende Barbara Salesch persönlich, die nun allerdings erstmals für Köln statt für SAT1 vorgespieltes Recht sprechen wird. Case Closed – Einspruch abgelehnt!