455. Mediale Karussellbremser (TVS 17/12)

Viele Menschen fragen sich: was macht eigentlich so ein Fernseh-Redakteur in der Führungsebene? Kurze Antwort: nichts! Also jedenfalls nichts, was man ohne zu lachen als wirkliche Arbeit bezeichnen könnte. Auf gar keinen Fall hat es irgendwas mit Fantasie oder der Herstellung innovativer Programminhalte zu tun. Heutzutage könnte man seine Tätigkeit vielleicht am ehesten umschreiben mit ‚Medialer Karussellbremser’. Nicht falsch verstehen, früher benutzte man diesen Begriff oft als scherzhafte Beleidigung, so wie ‚Automatenaufsteller’ oder ‚Spargelstecher-Azubi’, aber diese ehrbaren Berufe sollen hier keineswegs verspottet werden. Gemeint ist jene Verrichtung im wahrsten Sinne des Wortes: die einzige Aufgabe eines führenden Fernsehschaffenden der Gegenwart besteht im Ausbremsen der Kreativität, schnell aussehendem Stillstehen und dem Anhalten des geistigen Schwungs, der sonst versehentlich etwas Neues entstehen lassen könnte – was nun wirklich keiner haben will! Spricht man mit Produzenten, Autoren und Künstlern über ihre Erfahrungen beim Präsentieren neuer Projekte, so kristallisiert sich übereinstimmend eine von allen erlebte Verfahrensweise heraus.

Laut Senderleitungs-Lehrbuch muss es einen ultimativen Leitfaden für den professionellen Umgang mit unerwünschten Kreativ-Terroristen geben: 1. Großes Interesse bekunden. Wegen aktuellem Chaos in der Programmplanung ein halbes Jahr Aufschub erbitten. Sich ganz still verhalten, bei Nachfragen auf (fiktiven) Rückruf vertrösten. 2. Ein Jahr später aktuelles Update anfordern, da die Führungsetage seit dem letzten Treffen zweimal ausgewechselt wurde. Erneut Begeisterung vortäuschen, um Abgang zur Konkurrenz zu verhindern. Beteiligten versprechen, jetzt richtig Vollgas zu geben! 3. Nach weiterem Jahr gelungenen Hinhaltens neues Meeting mit wieder neuen Mitarbeitern. Neustart. Mitgefühl für die finanziell angespannte Lage im Sender erzeugen. Vorschlagen, das Projekt ruhig schon mal auf eigene Kosten weiter zu entwickeln. So lang wie möglich alle weiter arbeiten lassen und sich still verhalten. 4. Nachfragen bis zum Äußersten aussitzen. Wenn wirklich gar nichts mehr geht: mit Bedauern absagen (kurze e-mail). Ende und Tschüß! Mag für Außenstehende verrückt klingen – aber so und nicht anders funktioniert Fernsehen. Noch Fragen?

STARS AM ENDE

1. Busen-Begleitung

Weil doofe Dokusoaps über unangenehme Menschen, die man auf keinen Fall persönlich kennenlernen möchte, ja so ‚voll im Trend’ liegen, erwartet uns mal wieder eine neue Herausforderung zwischen Ekel und Egozentrik: Mia Gray & die Modelmacher. Ein blasmöpsiges Ex-Playmate präsentiert uns ihr irre spannendes Alltagsleben, vom Dirndl-Shooting mit Töchterchen bis hin zum Poledance-Learning für einen Werbedeal. Danke RTL2 – das wollten wir doch alle schon immer noch nie wissen!

2. Nachbar-Bestreitung

Juhu, das Qualitätsfernsehen schläft nicht! Schon wieder ein neuer Fake-Doku-Programm-Popel aus der Rübennase der SAT1-Strategen: Nachbar gegen Nachbar! Alles wie immer: schlecht gespielt, mies produziert und beschissen geschrieben – wobei es schon fast beleidigend ist, für diesen aufgeschütteten Sendekompost überhaupt jene drei Verben zu verwenden. Ab August dann im Doppelpack mit der neuen Scripted Reality Schicksale – und plötzlich ist alles anders (über Schicksale bei denen irgendwie durch irgendwas plötzlich alles anders ist). Im Grunde möchte man nur noch laut schreien und das Sendegebäude mit Hundekot bewerfen!

3. Krimi-Ermordung

Als nicht ausschließlich clever darf man die Strategie der ARD bezeichnen, an allen Tagen zur gleichen Zeit immer das gleiche Format-Genre zu senden, damit ja keine Abwechslung aufkommt. So wie z.B. die Telenovelas, Spät-Talk-Shows und jeden Vorabend eine ulkig gemeinte Krimiserie mit Schmunzeltitel, bis einem der Mordsspaß aus den Ohren quillt. Bislang gibt es sechs Formate in der Reihe Heiter bis tödlich, von denen jetzt mindestens zwei abgesetzt werden, wofür aber gleich drei neue wieder nachwachsen. Nicht wirklich erfolgreich das ganze Unternehmen, aber scheinbar auch nicht tot zu kriegen. Trotzdem immer noch bequemer als sich um neue Ideen zu bemühen…

2017-02-10T01:40:08+00:00

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Hier schreibt der Chef.