337. Fettes Vaterland (TVS 03/08)

337. Fettes Vaterland (TVS 03/08)

Diese Nachricht traf mich doch persönlich: laut irgendeiner hochbrisanten neuen Statistik ist jeder zweite Deutsche zu dick! Meine beiden Nachbarn links und rechts grinsen seitdem immer ziemlich überheblich, wenn sie mich sehen. Den Ergebnissen der Studie nach gibt es dabei ein deutliches Ost-West-Gefälle: die dicksten Menschen leben demnach im Osten. Damals vom Begrüßungsgeld wahrscheinlich gleich einen Eimer Schleckerkram gekauft. Und auf dem Lande ist man auch sehr fett, viel mehr als in der Stadt, wo man durchschnittlich dünner ist, weil man sich zwischen all den Autos durchschlängeln und in coolen engen Szene-Bars zusammenquetschen muss. In den ländlichen Regionen hat man körperlich mehr Platz, sich nach allen Seiten auszudehnen, da macht Fettleibigkeit deshalb erst richtig Sinn. In der Wildnis muss man sich außerdem einen Schutzpanzer gegen die Kälte zulegen und braucht zum Überleben eine körperlich mächtige Erscheinung als Einschüchterung gegen die Tiere, damit man nicht von einer wilden Kuh oder einem Mähdrescher gerissen wird. 

Die Bundesregierung (deren meisten Mitglieder übrigens selbst auch mehr in Richtung atmende Endmoräne gehen – was allerdings auch kein Wunder ist, wenn man sein Leben lang die Forderung nach neuen Diäten als ausstehende Gehaltserhöhung missversteht!) warnt jedenfalls und sagt, gesundheitlich gesehen ist Übergewicht nicht nur positiv zu bewerten. Dick sein ist kein Breitensport! Maßlos unkontrollierte Nahrungsaufnahme kann auch schädlich sein, so eine Art Rückwärts-Bulimie, ein Großteil der Ärzte rät davon ab. Nur was tun? Irgendwer muss das ja alles aufessen, was bei Kerner so zusammengerührt wird. Allerdings hat der gerade angekündigt, seinen freitäglichen Late-Night-Kamikaze-Koch-Overkill endgültig aufzugeben, wahrscheinlich um dem aufschwemmenden Publikum mal eine Spachtelpause zu gönnen. Das ZDF allerdings hat sofort gemeldet, dass es auch ohne ihn gnadenlos weitermachen will, bis jeder einzelne Deutsche an chronischer Herzverfettung krepiert ist. ‚Mit dem Zweiten frisst man besser’ soll der neue Senderclaim heißen, die ersten Fotos von Gottschalk, Vroni Ferres und Claus Kleber, die sich zwei Würstchen ans Auge halten, sind bereits produziert. Die Variante mit Zuschauern, die gleichzeitig in zwei Kübel kotzen, wurde von der Programmdirektion abgelehnt.

In diesem Zusammenhang fragt man sich, ob der plötzliche Rauswurf von Andrea Kiewel nach ihrem Weight Watchers–Outing wirklich Zufall war. Vielleicht musste die furchtlose Fettpolster-Fighterin aber auch nur deshalb als Werbehexe auf den Medien-Scheiterhaufen, weil sie dem sinistren ZDF-Masterplan im Wege stand: Weltherrschaft durch Züchtung eines lethargisch übermoppelten Publikums bei gleichzeitiger Neuerhebung der GEZ-Gebühren nach Kilogramm! So ist das derzeit produzierte Kabel-1-Großprojekt, bei dem ganz Langeoog sich einer XXL-TV-Diät unterzieht, wohl auch eindeutig als Gegenschlag zu verstehen. Eine komplett von der Außenwelt abgeschottete Insel schlank trainierter Übermenschen, von der aus später die private Revolution gegen das öffentlich-rechtliche Speck-Imperium gestartet werden soll, mit Tim Mälzer als König von Deutschland mit Pürrierstab-Zepter und selbstgebackener Verfassung aus der Mikrowelle.  Und das alles wie immer auf dem Rücken der armen dicken Zuschauer. Na dann Mahlzeit!

STARS AM ENDE

1. Zwei-Klassen-Blödheit

Gähn. Zum achten Mal hat die Big Brother-Voyeuristen-Villa also ihre Bewachungskameras angeschmissen und eine Herde verzweifelter Selbstdarsteller in den Beklopptenstall gepfercht. Diesmal wieder aufgeteilt in Arm und Reich, aber beide blöd, und eigentlich ist alles so stinklangweilig und ereignisfeindlich wie immer. Trotzdem schauen erneut ziemlich viele Leute dabei zu, wie andere Leute nichts tun, rauchen und darüber reden, wie man so sein Leben führen könnte, wenn man eins hätte. Von Außenreporter und Erststaffel-Zweitem Jürgen so überwichtig präsentiert, als handle es sich bei dem pompös aufgeblasenen Nichts um die Neuerfindung des Entertainments. Ein bisschen wie ein Furz, der vorgibt, eine Atombombe zu sein.

2. Deutschland sucht den Super-Uri

Das Mysterium schlägt zurück, denn der mentale Besteckbieger Uri Geller ist wieder da! Bloß gibt er diesmal nicht nur Löffel ab und lässt Zuschauer-Uhren anders ticken, sondern sucht mit Hilfe von Pro7 seinen Nachfolger. Obwohl er gar nicht vorhat aufzuhören. Aber The next Uri Geller klingt halt besser als Yet another mysterious Sackgesicht. Und deshalb dürfen wir nun für ein paar Wochen dem todernst blickenden Urinator dabei zuschauen, wie er auf seinem Hocker sitzt und gespenstischen Gedankenlesern, klingonischen Rabenflüsterern und pulspausierenden Eigenherzanhaltern bei ihrer Performance zuschaut. So eine Mischung aus Flohzirkus und Akte X mit Telefonvoting.

3. Angry Oetty

Mist, kaum sagt ein Politiker mal im Eifer des Gefechts aus Versehen die Wahrheit und lästert unbedacht über die ‚Scheiß-Privatsender’, da sind die speziell angesprochenen Super-RTL und RTL2 gleich stinkbeleidigt, schmollen und ernten unverdientes Mitgefühl aus der Bevölkerung. Klar, wer möchte schon freiwillig der schwarzen Schwaben-Eminenz Günther Oettinger Recht geben. Und ein Scheiß-Parteiprogramm ist letztendlich auch nicht besser als ein Scheiß-Fernsehprogramm. Dann vielleicht doch lieber noch ein Bier und ne Folge Frauentausch. Aber falsch war seine Aussage deshalb ja trotzdem nicht

2017-02-10T01:40:19+00:00
Hier schreibt der Chef.

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