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633. Vorsicht vor YouTubern! (TVS 13/19)

Deutschland muss sich mit einer neuen, ernsthaften Bedrohung auseinandersetzen: die so genannten ‚YouTuber’. Für alle analogen Leser: gemeint sind jene komischen Vögel, die in diesem Junge-Leute-Fernsehen namens Internet ihre Sendungen machen. Also keine wirklich richtigen mit Moderator, Quizfragen und Gesangsauftritt von Hansi Hinterseer, sondern einfach so wild zusammenhangloses Gesabbel und Gefuchtel, bei dem man die letzten Drogerie-Einkäufe präsentiert, sich den Körper mit Nutella und Hackfleisch einreibt oder den Vorschul-Kids erklärt, wie man sich mit Muttis Make-up in nur fünf Minuten nuttig schminkt. All diese ulkigen medialen Nichtsnutze haben häufig Tausende oder gar Millionen Fans, größtenteils bei Kindern und Jung-Jugendlichen, weil es halt kein ZDF-Ferienprogramm oder andere Alternativen mehr gibt.

Während man in den übrigen Medienbereichen zunehmend bemüht ist, sich bei den pfiffigen Fame-Vortäuschern archkriecherisch anzubiedern, um dadurch vielleicht wieder ein paar jüngere Zuschauer anzulocken, sehen viele Erwachsene diese eher kritisch. Fürchtete man bisher allerdings hauptsächlich die Influencer-Beeinflussung unserer Jugend in Richtung rauschhafte Konsum-Animation, Hirn-Einlullung und generelle Doofwerdung, so haben sich die vormals inhaltsleeren Digitalwelt-Trolle jetzt zu einer massiven Gefahr für die Demokratie gemausert. So ruinierte beispielsweise ein einziges Laber-Zappel-Filmchen eines unbekannten YouTube-Spaßvogels namens Rezo den kompletten grandios geplanten Mega-Sieg der CDU und der meisten ihrer beliebten Volkspartei-Kollegen bei der Europa-Wahl. Hatte man die (für eine seriöse Partei selbstredend nicht ernstzunehmenden Äußerungen) des blauhaarigen Kindskopfs mit seinen knapp 30 Lenzen zuerst lächelnd ignoriert und später ignorant belächelt, so erfreuten sie sich bei vielen unter 70-jährigen Netznutzern großer Beliebtheit und regten viele junge Menschen zu politischen Diskussionen an, die vorher doch immer so erfrischend uninteressiert ihre Klappe gehalten hatten. Die tiefsympathische Unions-Vorsitzende AKK reagierte auf diese ungewohnte Reaktion der aufmüpfigen Bevölkerung mit trockenpfläumischer Gelassenheit und der Ankündigung, dass man zukünftig vor den Wahlen populären Medienvertretern und journalistischen Schwergewichten wie Rezo zum Wohle des Volkes besser höflich aber bestimmt untersagen solle, nicht mehr einfach so ihre Meinung zu sagen, außer sie ist neutral positiv oder objektiv lobend der Regierung gegenüber. Denn Pressefreiheit ist zwar wichtig und schützenswert, aber nur wenn man sie nicht übertreibt. Zudem kritisierte sie zu Recht die zahlreichen Fehler im Video, allein schon im Titel – so handelte es sich schließlich nicht um die ‚Zerstörung der CDU’, sondern vielmehr um die ‚Vorlage zur Selbstzerstörung der CDU’ – die dann am Ende auch noch frecherweise von der SPD vorweggenommen wurde.

Eine durchaus bemerkenswerte Entwicklung – verbunden mit der erstaunlichen Erkenntnis, welch gewaltige Sprengkraft ein harmlos anmutendes Tischfeuerwerk doch entwickeln kann, wenn man seine mögliche Auswirkung überheblich abstreitet, es trottelig handhabt und am Ende unbeholfen in der eigenen Fresse explodieren lässt.

Hautmalereien

War das tintengespritzte Körpergemälde einstmals noch vornehmlich Seeleuten, Gang-Mitgliedern und Knast-Insassen vorbehalten, so fand das Tattoo über den Umweg falsch geschriebener Fremdsprach-Sinnsprüche, schwurbeliger Fantasy-Tribals und aus Damen-Tangas flatternder Riesen-Arschflügel allmählich den Weg zum Szene-Must-Have. Da die Rezeptionen der künstlerisch wie flächenmäßig immer ausufernderen Body-Bemalungen zwischen Faszination und Fassungslosigkeit schwanken, es aber für alles ja immer irgendeinen Grund gibt, beleuchtet RTL2 die spannenden Geschichten hinter den Körperkrickeleien jetzt dokusoapig in TATTOO-STORIES – DAS GEHT UNTER DIE HAUT. Ritzig, witzig und spritzig – that’s Tatootainment!

Rechenfehler

Armes Deutschland! Hätte Madonna beim EUROVISION SONG CONTEST nicht gnädigerweise für Ablenkung gesorgt, wäre unsere erneute Komplett-Abkackung wahrscheinlich die größte Zielscheibe des Spottes geworden. So bekam unsere eigentlich maschinell einwandfrei abgespulte Pillepalle-Pop-Performance als einzige von sämtlichen (!) europaweit teilnehmenden Publikums-Votings Null Punkte, was uns auf den drittletzten Platz katapultierte. Als Krone der Demütigung wurde dieses Ergebnis wenige Tage später wegen eines Rechenfehlers aber korrigiert, wodurch unsere S!sters noch eine Nummer tiefer rutschten. Kommt schon – jetzt seid wenigstens so fair und gebt uns den allerletzten Platz! So wirkt das irgendwie halbherzig.

Horrorverlängerung

Das Grauen kennt keine Gnade und kein Ende! So wurde bekannt, dass Heidi Klum bei Pro7 für furchtbare weitere sechs Jahre ihrer maliziösen Mutantinnen-Show zur militärischen Erotik-Umformung unschuldiger junger Mädchen zu willfährig latschenden Lustobjekten unterzeichnet hat. An alle Eltern knapp geschlechtsreif gewordener Töchter: wenn ein GNTM-Wagen durchs Dorf knattert oder in der Ferne die fiepsende Heidi-Quäke ertönt – versperrt die Türen und versteckt Eure Mädels! Der Model-Gollum darf sie nicht erwischen!

633. Vorsicht vor YouTubern! (TVS 13/19)2019-06-16T03:47:27+02:00

632. Ein Dank an die Langeweile (TVS 12/19)

Streamingdienste, youtube und das Internet – sie alle sind Mörder! Denn zusammen haben sie hinterrücks ein lebenswichtiges menschliches Grundbedürfnis getötet, das eine enorme Wichtigkeit für Seele und Geist darstellt: die gepflegte Langeweile! Gemeint ist nicht das Gefühl kurzzeitiger Unterforderung des sonst durchgängig überreizten Synapsensystems, zB wenn man mehr als eine Minute ganzen Sätzen zuhören muss oder in einem Film ein Bild länger als drei Sekunden ohne Schnitt die Geduld des jüngeren Publikums auf die Probe stellt. Zwar wird gern bei solchen Gelegenheiten ein entnervtes ‚Laaangweilig!’ in den Raum geworfen, aber diese belanglos flüchtigen Momente vorübergehender Lebens-Action-Verlangsamung haben nichts mit der echten und wahren Langeweile zu tun, die viele von uns Älteren noch mit Körper und Seele fühlen, schmecken und durchleben durften. Wer seine Jugend in den 70er/80er Jahren verlebte, dazu vielleicht noch in einem Dorf oder einer Kleinstadt, der weiß was ich meine. Die Langeweile war allgegenwärtig, sie war übermächtig und omnipräsent, sie wartete an jeder Ecke, um sich auf einen zu stürzen und im lähmenden Klammergriff von jeder Form des sinnlichen Erlebens fernzuhalten.

Es war eine sehr spezielle Zeit. Nach dem Wiederaufbau des Landes in den Fünfzigern und den Revolutionen der Sechziger boten die Siebziger zum ersten Mal eine Phase relativer Ruhe und Beständigkeit. Plötzlich hatten die Menschen in bislang unbekanntem Übermaß etwas, das sich ‚Freizeit’ nannte und die es nun individuell auszufüllen galt. Allerdings gab es anfangs nur zwei richtige Fernsehprogramme, kein Handy und nirgendwo W-Lan. Das Entertainment-Angebot war in seinen aufregendsten Momenten vergleichbar mit einem heutigen Tag bei starkem Regen im Bett mit schwerer Grippe ohne Netzempfang bei Stromausfall – und im schlimmsten Fall auch noch mit Besuch von der Verwandtschaft. Der Videorekorder wurde gerade erst erfunden, Kinos konnte man an den Fingern einer Hand mit fehlenden Gliedmaßen abzählen, Musik wurde nicht gestreamt sondern mit einer Nadel aus den Rillen schwarzer runder Pfannkuchen gesogen. Viele waren derart entmutigt, dass sie sogar Bücher lasen. Trostlose Versammlungen trauriger Teenager in dunklen Reihenhauskellern, bei denen man stumpf blickend auf muffigen Matratzen hockte, billiges Bier trank und von einem spannenderen Leben träumte, nannte man ‚Coole Partys’.

Zugegeben, schön war das nicht wirklich. Andererseits beruhigte es auf angenehm betäubende Weise die Psyche. Man blieb bescheiden und selbst für die plumpste Vortäuschung von Vergnügen dankbar. Die aggressive Langeweile war gut und wichtig, denn sie zwang viele, aus reiner Verzweiflung das labberige Schicksal aktiv in die Hand zu nehmen. Man hatte ja nichts – außer sich selbst. Das war zwar meist nicht viel, aber manchmal doch mehr als man glaubte. Und wäre es draußen nicht dauernd so dösig und dunkel gewesen, hätte man gar nicht im eigenen Kopf nach dem Lichtschalter gesucht. Daher: Danke, Langeweile – ohne Dich in meiner Jugend wäre ich nie gezwungen gewesen, selbst kreativ zu werden. Und dann wäre mein Leben heute wahrscheinlich ziemlich langweilig!

Kopulationsküche

Da gingen anscheinend bei den Öffentlich-Rechtlichen an verschiedenen Stellen nach dem Mittagsschlaf zur gleichen Zeit die Ideen-Lampen im Kühlschrank an: sowohl der BR wie auch ZDFneo ‚überraschen’ uns jetzt nämlich mit einer krassen Kombi aus Koch- und Kuppelshow, in der liebeshungrige Singles für ihre Kopulationsanwärter zur Knatter-Anbahnung beim Flirten erst mal kochen müssen. Den Anfang machen die Bayern mit dem mega-originellen LIEBE GEHT DURCH DEN MAGEN, denn dort wusste man schon immer: Vor dem Bumsen – nicht vergessen, gibt es erst mal was zu essen! Mit dem ZWEITEN isst man später, deren DINNER DATE steckt noch im Kreativ-Kochbeutel. Ich wünsche guten Appetit und empfehle den GV-Partner-Bringdienst.

Gesprächsbedarf

Im Ersten wird zu wenig geredet, vor allem am späten Abend. Also jedenfalls mit Prominenten, die nicht Politiker sind. Deshalb möchte die ARD jetzt dem Laber-Lanz im Zweiten keck über den Mund fahren und bringt ab Herbst vier Freitags-Talkshows aus den Dritten spätabends ins glamouröse Erste. NDR-TALKSHOW, KÖLNER TREFF und 3 NACH 9 bekommen ein Sender-Update, der kleine RBB darf in der Kreativ-Krabbelgruppe sogar was ganz Neues basteln. Tietjen, Bommes und die Riverboat-Piraten aus dem Osten müssen allerdings weiter allein im Regionaltümpel plantschen. Vielleicht sollte man darüber mal in einer Talkshow ganz offen reden…

Humorverbrechen

Die gefürchtete Flachwitz-Mafia AKV ist eine sehr mächtige Organisation, die geheim im Dunkeln operiert und den WDR streng im Würgegriff hält. Denn obwohl die komikfeindliche Zwangsbespaßungs-Zusammenkunft WIDER DEN TIERISCHEN ERNST seit Jahren massiv Zuschauer verliert, hat der  überaus einflussreiche Aachener Karnevals Verein den Kölner Sender dazu zwingen können, ihre Sendung zur versuchten Vernichtung des deutschen Humors mindestens zwei weitere Jahre auszustrahlen, um uns alle zu bestrafen. Wo bleibt die Spaß-Polizei, wenn man sie mal wirklich braucht?  

632. Ein Dank an die Langeweile (TVS 12/19)2019-06-01T01:34:51+02:00

631. Pimmel im Kopf! (TVS 11/19)

Mein Gefühl sagt mir, die Menschheit wird ganz generell immer blöder. Und auch wenn ich zur Stützung dieser These keine seriöse wissenschaftliche Studie zur Hand habe, leider noch nicht einmal eine unseriöse, befürchte ich dass mein Gefühl nicht täuscht. Nur wie kann das sein in der heutigen Zeit, in der fast jedem Menschen theoretisch doch sämtliche Informationen der Welt über die Medien seiner Wahl innerhalb von Sekunden zur Verfügung stehen? Zumindest teilweise könnte es daran liegen, dass wir alle permanent von den wirklich wichtigen Informationen abgelenkt und stattdessen unsere Köpfe mit unwichtigem Bumsbirnen-News-Müll zugekleistert bekommen. Zur Veranschaulichung ein aktuelles Beispiel:

Folgende kleine Geschichte aus dem Boulevard-Bereich der besonders bescheuerten Belanglosigkeiten besetzte breitärschig in den letzten Wochen diverse mediale Nachrichtenplattformen. Ennesto Monté, ein zu Recht weltweit unbekannter Garnichtskönner mit dem aus der eigenen Unfähigkeit resultierenden starken Drang zum Pseudopromi-Status, ließ sich den Penis vergrößern, indem er sich überschüssiges Bauchfett in den laschen Lulle-Lurch umleiten ließ. Meine erste Reaktion: na gut, jeder braucht ein Hobby, soll er doch! Er wird schon Gründe haben, wenn er seinen mutmaßlich mikroskopischen Uriniergnubbel zu einem handelsüblichen Schwengelschlauch langziehen lassen möchte. Nur warum soll mich das interessieren und wieso wird darüber berichtet? Befinden sich die Bekanntheitswerte der hochgradig unsympathischen Profi-Nulpe mit der hochtoupierten Trollfrisur doch unterhalb der menschlichen Wahrnehmungsgrenze. Auch wenn er es durch ein im Netz veröffentlichtes Überwachungsvideo mit heruntergelassener Hosen bei einem Steh-Quickie am Geldautomaten und eine Fremdscham-intensive Instagram-Love-Story mit Helena Fürst sogar einmal bis ins RTL-‚Sommerhaus der Stars’ geschafft hatte. Nun aber als Krönung und Raketenstart in die A-wie-Arsch-Prominenz die pressewirksame Lümmel-Extension, verbunden mit der (dann kurz vor dem Vollzug wieder zurückgezogenen) Ankündigung eines spektakulären Porno-Drehs, kompletter RTL2-Pimmel-OP-Dokumentation plus betreutes Blankziehen an der debil-erotischen Dating-Fleischtheke von NAKED ATTRACTION. Ich weiß: wem jetzt noch nicht übel ist, der hat keinen Magen und hält Ästhetik für eine Geschlechtskrankheit. Und ich möchte mich aufrichtig bei allen Lesern für das entstandene Kopfkino entschuldigen.

Fakt ist aber: während über all diese kriminell unappetitlichen Nichtigkeiten ausführlich bebildert berichtet wurde, versuchte man an anderen Orten der Welt, den Krebs zu besiegen und die Klimakatastrophe zu verhindern, in Krisengebieten Frieden zu schaffen oder Flüchtlinge vor dem Ertrinken auf dem offenen Meer zu bewahren. Selbst im Komposthaufen in unserem Garten oder in der örtlichen Kläranlage gab es wichtigere und gesellschaftlich relevantere Ereignisse als in der Hose von Ennesto Monté. Nur davon haben wir leider nichts erfahren.

Merken Sie auch, wie einem da plötzlich das Hirn anfängt, ganz heftig zu jucken? Nur leider kann man die sich langsam ausbreitende Dummheit nicht einfach so wegkratzen.

Knatterhotel

Wenn nicht mehr genügend belanglose Bumsanbahnungs-Shows ins lineare Hohlhirn-Fernsehen passen, kann man nun endlich auch in die Streamingwelt ausweichen. So plant RTL-Strömungsdienst TVNow für seine Abonnenten jetzt ein eigenes Meet-and-Popp-Format namens PARADISE HOTEL, in dem bedürftige Begattungswillige in einer liederlichen Luxus-Herberge Pärchen bilden und dann Zimmer plus Bett teilen müssen. Wer nicht erfolgreich knattert, wird durch einen neuen GV-Anwärter ausgetauscht – quasi wie LOVE ISLAND ohne Sonne, aber gegen Kohle vom Publikum. Wobei in einer gerechten Welt die Sender eigentlich ihre Zuschauer für solche Scheiße bezahlen müssten.

Hausabriss

Aus die Maus für Raus aus dem Haus! Die schon in Staffel Eins unerträglich unanschaubare Schwachmaten-Zusammenpferchung in der Pro7-Zwangs-bewohnungsbutze von GET THE F*CK OUT OF MY HOUSE (für * kaufen Sie bitte ein U) sorgte in der noch viel unfassbar unangenehmeren zweiten Staffel (inkl. penetranter Proll-Promi-Präsenz und powerpeinlicher Brainf*ck-Moderation von Gute-Laune-Terminator T-Schölermann & Who-the-F*ck-ist-eigentlich-Jana-Julie-Kilka) glücklicherweise für so schlechte Zahlen, dass die quotenliebenden P-Sevener den Knallchargen-Kackschuppen jetzt hoffentlich für immer zunageln. Kleiner Tipp: Wegsprengen wäre noch sicherer!

Rohrkrepierer

Kein Format der Welt ist alt und ausgelutscht genug, dass es nicht alle paar Jahre lauwarm-labberig wieder aufgewärmt werden könnte. So auch die gute alte Witze-Erzähl-Show, in der von diversen Promi-Scherzkeksen und/oder Normalo-Spaßvögeln die ulkigsten Humor-Kurzgeschichten aus alten Jokus-Grabbeltischbüchern nacherzählt werden. Nach RICHTIG WITZIG und der MARKUS KREBS WITZARENA zieht jetzt auch die Gaudimax-Fun-Station aka Bayerischer Rundfunk nach mit BAYERNS BESTE WITZE. Ich platziere mal ne hohe Wette darauf dass letztere die schlimmste von allen werden könnte!

631. Pimmel im Kopf! (TVS 11/19)2019-05-14T17:09:52+02:00

630. Gebt mir mehr Daumen! (TVS 10/19)

Die Welt hat sich gewandelt, so schnell wie bizarr, vor allem in den Köpfen der Bewohner jener ironischerweise so genannten ‚zivilisierten Welt’.  Ohne Not gaben die Menschen das hohe Gut auf, das man früher unter dem Namen ‚Privatleben’ kannte. Jener gemütliche Teil der eigenen Existenz, in dem man tun und lassen konnte was man wollte, ohne dabei beobachtet oder dafür bewertet zu werden – banale Tätigkeiten wie Mittagessen, Morgentoilette oder Gammeln im Garten. Das machte man einfach nur so für sich, ohne Bekannte, Verwandte und Restwelt darüber zu informieren. Dann wurde das Handy mit Fotofunktion erfunden, dazu das Internet, die App und diverse Plattformen der Massenkommunikation. Theoretisch alles hübsche Ideen, hätte man früh genug die genetisch verborgene Gier nach Ruhm und Anerkennung sowie die Dummheit des Einzelnen in der großen Masse in die Gleichung einbezogen. Denn niemand hätte damals geahnt, welch Tsunami der Selbstdarstellung zuzüglich der damit verbundenen Neuausrichtung der menschlichen Psyche daraus erwachsen würde,

Heute existieren Millionen von eigentlich intelligenzbegabten Wesen, die ihr Seelenheil darin zu finden suchen, die unwichtigsten ihrer intimen Momente bildlich im virtuellen Nichts zu veröffentlichen und mit Rauf-Runter-Däumchen, Herzen und dusseligen Smiley-Fratzen valutiert zu bekommen. So zB den gebräunten Arsch vor dem Hotelzimmerspiegel, Knutschmund-Entenfresse mit Hintergrund aus Irgendwo oder Lecker Fressen auf Teller. Wenn die natürliche Scheißegaligkeit der nutzlosen Knips-Aktion dann mit ein bis vielen Symbolen von meist Unbekannten geadelt werden, badet sich der postende Poser kurzzeitig in einem irrwitzig irrelevanten Balla-Balla-Bad der vorgetäuschten Bedeutsamkeit. Und kriegt das verwackelte Restaurant-Futterfoto genügend erigierte Daumen, geht man wieder dort essen, selbst wenn es scheiße geschmeckt hat.

Der psychologisch Interessierte fragt sich derweil verwundert, wie dieser absurde Trend in so kurzer Zeit so lebenswichtig werden konnte. Erinnern sich Ältere doch kaum daran, dass es früher mal wünschenswert gewesen wäre, wenn täglich Dutzend Male das Telefon geklingelt, jemand kurz ‚Find dich klasse!’, ‚Dein Essen heute sah gut aus!’ oder ‚Dein Arsch ist zu dick!’ in den Hörer gebrüllt und wieder aufgelegt hätte. Selbst hunderte von Postkarten pro Woche mit aufgemalten Bildzeichen hätten weder Empfänger noch Briefträger erfreut. Vor allem aber hätte es keine Bedeutung für die eigene Existenz gehabt. Es reichte, wenn man echte Freunde plus Bekannte hatte, und wenn man jemand nicht mochte, ging man ihm aus dem Weg oder es gab kurz und höflich in die Fresse. Noten gab es in der Schule, das nervte genug, man brauchte sie nicht auch noch im Alltag. Selbst amtliche Überwachungs-Apps wie zB die Stasi, eine Art frühzeitliches Staats-Instagram für Negativ-Bewertungen, kam nicht wirklich gut beim Publikum an. Fragt man sich also, wieso Menschen mit intakter Privatsphäre den Drang verspüren, sich ohne Zwang zu Fake-Medienstars unter Dauerdruck psychisch bedrückender Bewertungs-Beobachtung zu machen. Ich geb dem HomoSapiens-Hirn einfach mal drei Daumen runter mit Kotze-Smiley und zwölf Ausrufezeichen!

Losing Leipzig

Eine Träne Richtung Osten: RTL2 hat dem dritten Doofdoku-Scripted-Stümper- Hohlbirnen-Soap-Serienformat aus den deutschen Hauptstädten eine Absage erteilt. Es bleibt bei BERLIN – TAG & NACHT und den KÖLN 50667 -Knallköppen, ‚LEBEN. LIEBEN. LEIPZIG.’ allerdings wird erst mal wieder in die Mülltonne zurück gedrückt. Also keine neuen Abenteuer der lustig unlustigen Weiber-WG und ihrem schwulen Freund Jeremy zwischen der pinken Würstchenbude ‚Fritty in Pink’ und dem coolen Club ‚L1’ in Leipzig. Da würd ich doch mal sagen: war knapp, aber Schwein gehabt!

Beauty Battle

Es rennen einfach zu viele hässliche Leute in der Gegend herum, bzw. zu viele die sich einfach zu wenig schick machen und nicht das perfekte Outfit am Body tragen. Zum Glück hilft denen jetzt Pro7 mit ALL ABOUT YOU – DAS FASHION DUELL, wo jeweils zwei Promi-Model-Blogger-Wichtigtuer-Mentoren einen Beauty-defizitären Normalo umstylen und diesen dann im Catwalk-Battle gegeneinander schaulaufen lassen. Der Walk-Winner bekommt dann einen Shopping-Gutschein zum Selber-Anziehsachen-Kaufen. Da rutscht mir vor Aufregung doch glatt die Hose in die Kniekehlen!

Sturm-Rosen Nachschub

Na Gottseidank, im Ersten kommt  so bald keine unerwünschte Kreativität am Nachmittag auf, für die Zukunft bleibt erst mal noch schön beruhigend lange Zeit alles beim Alten. Die Ideen-Wirbelwinde im ARD-Gremium haben zumindest je flotte 400 neue Folgen von jeweils STURM DER LIEBE und ROTE ROSEN geordert, das reicht bis mindestens Ende 2021. Dann hat jeder der Serien-Saurier um die 3700 Episoden auf dem Buckel – da lohnt sich eine Absetzung dann auch nicht mehr. Geplant ist derzeit, dass beide Serien bis mindestens drei Jahre nach dem Weltuntergang weiter laufen.

630. Gebt mir mehr Daumen! (TVS 10/19)2019-05-14T16:58:58+02:00

607. Abschalten zur Sommerpause (TVS 13/18)

Abschalten zur Sommerpause

Jedes Jahr das gleiche: kaum kommt die Sonne raus, legt sich das Fernsehen faul auf den Rücken und verfällt in stinfkaule Sommerstarre! Was soviel heißt wie: circa drei Monate keine neuen Programme, keine großen Shows, kaum Stars – nur jede Menge Wiederholungen, Wiederholungen der Wiederholungen und mittelmäßiger Murks, der schon ewig zu Recht im Giftschrank der Produzenten vermodert, aber jetzt schnell noch mal unauffällig versendet werden kann. Heidi Klum entführt plötzlich keine Möchtegern-Model-Hungerhaken mehr aus den Klassenräumen und checkt lieber ein im Tokio Hotel. Dieter Bohlen lässt sein aufgespritztes Gesichtsleder grinsend von der Mallorca-Sonne gerben statt hoffnungslose Hobbysänger zusammenzuscheissen. Alle sonst so geschwätzigen Talk-Tanten lassen ihre Stühle leer und tausende brennend unwichtiger Fragen ungestellt. Berge von Leichen faulen in der Sonne, da kein einziger Tatort-Kommissar mehr auf Streife ist. Zahllose potentielle Neu-Millionäre bleiben arm, weil RTL Günter Jauch irgendwo heimlich für seinen Aldi-Wein Trauben treten lässt. Sogar der Welke macht sich ein paar Wochen lang die Haare schön und lässt
das Volk mit dem politischen Alltagswahnsinn unkommentiert allein.

Welch schändlicher Müßiggang und feiges Verpissertum! Und wir müssen darunter leiden. Niemand der TV-Verantwortlichen gibt sich mehr Mühe, das ohnehin schon träge Hirn stellt sich von Leerlauf auf Chill-Modus und lieblos wird Dienst nach Vorschrift aus den müden Anwesenheitskörpern gewrungen. Schuld daran ist allerdings wie immer nur das undankbare Publikum selbst, das in den heißen Monaten seiner Zuschau- und Einschaltpflicht wegen warmer Temperaturen oder vorgeschobenem Familienurlaub nicht wirklich ernsthaft genug nachzukommen scheint. Bleibt die Glotze kalt, wird sie halt auch nicht gefüttert.

Dieses Jahr allerdings liegt die gesamte Verantwortung im Bereich Unterhaltung allein auf den Schultern der Nationalelf. Wie alle vier Jahre herrscht wieder einmal der WM-Ausnahmezustand und es interessiert sich eh keine Sau für irgendwas anderes als Fußball. Wobei unsere Jungs diesmal als amtierender Weltmeister aufs Feld ziehen, was soviel bedeutet wie: kaum Luft nach oben! Alles außer Universumsmeister oder mindestens nochmaliger Weltmeister gilt da als Enttäuschung – keine wirklich entspannte Ausgangslage, die bei Jogi Löw sicherlich für einige nass geschwitzte Kaschmirpullis sorgen dürfte.
Nutzen wir, die sonst nur zum kommentar- und kritiklosen Kacke-Konsum verdonnerten User-Loser, doch einfach diese Zeit der medialen Muße einmal für etwas ganz anderes als immer nur dieses blöde Fernsehen! Die Welt hat so viel zu bieten. Netflix zum Beispiel. Oder Amazon Video, Sky, i-tunes und all die anderen Streamingdienste. Keine Angst, man muss wirklich nicht gleich aus Verzweiflung zum Buch greifen, wenn das Fernsehen einen mal verlässt – gerade für jüngere Menschen könnte das schnell den gesellschaftlichen Tod bedeuten. Und keine Angst: spätestens ab September wird wieder alles besser – bzw genau so furchtbar wie immer!

Ohrenfolter

Impro-Comedy ist immer gern gesehen im Privat-TV: man holt die üblichen Schmunzelstars aus der Schublade, spart ein echtes Drehbuch und lässt sie ohne Plan irgendwas machen, seit SCHILLERSTRASSE am liebsten via Ohrknopf-Ansage. Wenn dem Publikum vorher gesagt wird, dass das lustig sein soll, lacht es meist brav mit, und selbst das schlechteste Ergebnis ist immer noch unterhaltsamer als die beste Scripted Reality vom Nachmittag. Jetzt versucht es auch RTL noch mal mit einer SAT1-Kopie und Kichermaschine Ralf Schmitz in HOTEL VERSCHMITZT – AUF DIE OHREN, FERTIG, LOS! Ich jedenfalls verspüre schon allein beim Titel intensives Hirnjucken.

Kuchenschlacht

Dass Kochen im Fernsehen ganz gut funktionieren kann, haben sämtliche Sender ja schon bis zum Erbrechen in allen Variationen durch exerziert. So langsam wird es allerdings langweilig an den Töpfen, daher wird nun immer öfter das Backblech gebuttert. Neuerster RTL-Kaffeeklatsch-Coup in puncto nachmittägliche Verzehrformate:  HAUTSACHE SÜSS, wo jeweils vier Profi- und Hobbybäcker sich ihre Tortenschlacht um die leckerste Backware liefern. In der Jury wechselnde begeistere Kuchenfresser und Süßspeisenvernichter aus der Region. Schon mal den Schnaps zur intellektuellen Verdauung bereitstellen!

Märchenmord

Schon vor über Ewigkeiten abgedreht, dann verschämt versteckt und jetzt zur Sommerversendung wieder aus der Gruft der Absonderlichkeiten zurückgeholt: ES WAR EINMAL… AUF IBIZA. Der mehr als gruselig klingende Versuch von RTL2, in gewohnt minderwertiger Qualität Märchenklassiker als moderne Scripted Reality zu verhunzen. So wie SCHNEEWITTCHEN UND DIE SEXY SEVEN, in dem eine dösige BERLIN – TAG & NACHT – Stammelschwester auf der Flucht vor der Schwiegermutter bei einer Gruppe sexy Mottoparty-Betreiber untertaucht. Klingt alles nach dem sehr fiesen Fluch einer besonders dummen Fernseh-Hexe – für das Publikum auf jeden Fall ohne Happy End.

607. Abschalten zur Sommerpause (TVS 13/18)2018-06-26T19:50:52+02:00