Jünger, dümmer, geiler!

714 | TVS 17/22

 

Zuerst die gute Nachricht: Corona, Klimawandel, Putins Krieg gegen die Ukraine – alles vorbei! Spielt in den Medien jedenfalls derzeit kaum noch eine Rolle, scheint sich also erledigt zu haben. Jetzt die schlechte: das deutsche Volk ist zerstrittener und gespaltener als jemals zuvor! Schuld daran ist die verbitterte Diskussion um das angedrohte Verbot eines schwungvollen Ballermann-Gassenhauers über eine junge Organisations-Fachkraft im professionellen Orgasmus-Management. Oder wie es wörtlich in den Lyrics heißt: ‚Ich hab nen Puff und meine Puffmama heißt Layla, sie ist schöner, jünger, geiler!‘

Unklar ist bei der öffentlichen Kontroverse allerdings, wieso genau diese musikalische Nahtod-Erfahrung eigentlich als sexistisch einzuschätzen ist, da das Problem ja kaum die grundsätzlich ehrbare Tätigkeit einer Frau als bezahlte Samenerguss-Assistentin an sich sein kann. Geht es darum, dass jene spezielle Dame von einigen Hörern als zu jung für eine Führungsposition im Koitalkonsumgewerbe angesehen wird? Oder dreht es sich um die offenkundige Reduzierung auf ihre rein körperlichen Vorzüge, ohne auch ausreichend ihre Kompetenzen als erfolgreiche Geschäftsfrau zu würdigen? Manche behaupten hingegen, es handle sich um latenten Rassismus, da der Name Layla eindeutig arabischer Herkunft sei. Bleibt die Frage, warum sich dann die geschmacksresistenten Ausnahmekünstler DJ ROBIN & SCHÜRZE gerade für diese Text-Variante entschieden haben. Wäre der ganze Ärger vielleicht vermeidbar gewesen, wenn sie stattdessen gesungen hätten ‚Ich hab‘ ein kostenpflichtiges Geschlechtsverkehrs-Kontaktzentrum und meine Geschäftsführerin heißt Hilde, die ist ne dicke, alte, wilde‘?

Keine Ahnung, aber jetzt ist es zu spät, die Nutte ist bereits in den Brunnen gefallen, wie der Volksmund sagt. Nur wieso überhaupt die Aufregung? Unangenehm schlüpfrige Fickel-Fantasien waren von jeher die DNA des deutschen Schlagers. Ein Großteil der vermeintlich braven Schunkel-Balladen der 60er bis 90er handelt von bierseligen Knatter-Abenteuern alter weißer Schmierlappen auf Pauschalreise, die zum Abschied noch schnell ein selbstverständlich wunderhübsches (häufig auch minderjähriges) Mädchen flachlegen, es in ihrem Liebesschmerz angebumst zurücklassen und ihr als Dank ein Klischee-triefendes Kitschlied widmen (ohne Tantiemen-Anspruch!). Egal ob nun die Mexican Lady, kleine Eva oder Lotosblume der Flippers, Udo Jürgens‘ 17-jährige Blondine oder jene blutjunge, unbekannte Inselschönheit, der Roland Kaiser auf Santa Maria das sexuelle Upgrade ‚vom Mädchen bis zur Frau‘ verpasste. Von Rosis legendärem Sperrbezirks-Freudenhaus und den kotzgrenzwertigen bis durchaus justiziablen Verbal-Demütigungen der Frauen im heimischen Protzpimmel-HipHop und Kleingangster-Rap mal ganz zu schweigen.

Vielleicht sollten wir einfach keine Zeit mehr mit Schein-Debatten verschwenden, ob deutsche Sauf-Schlager und Stimmungs-Gröler sexistisch sind, sondern lieber fragen, wieso sie immer derart unbarmherzig kackendämlich, schmerzhaft stumpf und grenzenlos beschissen sein müssen! Das frage ich mich nämlich schon seit Jahrzehnten.

Bohlen-Rückführung

Alte TV-Regel: sinken die Quoten, verabschiedet sich auch die Haltung! Gerade deutlich zu sehen bei RTL, wo man sich im Zuge einer neuen Qualitäts-Offensive vor einem Jahr lautstark für immer von DSDS-Drill-Sergeant Dieter Bohlen trennte und ihn durch seinen Gute-Laune-Gegenpol Florian Silbereisen ersetzte. Die vermeintliche Verbesserung wurde allerdings vom Superstarsuch-übersättigten Publikum nicht wirklich angenommen, weshalb man nun für die vielleicht vorläufig finale Staffel reumütig den alten Meckerrochen zurückholte, der seinerseits niemals wiederkommen wollte. Schwamm drüber, am Ende zählt eh nur die Kohle! Klassische Lose-Lose-Situation für beide Seiten.

Abschieds-Essen

Alte Lebensweisheit: eine gescheiterte Beziehung ist erst dann wirklich vorbei, wenn beide Partner im Fernsehen vor Tausenden von Fremden alle intimen Details noch einmal für Geld qualvoll ausdiskutiert haben. Was man genau so mit echten Menschen wie auch unvermeidlichen Pseudo-Promis jetzt beim Streamingdienst Discovery+ beobachten kann, denn dort wird bei EATING WITH MY EX mit eben jeweils exakt der oder dem ein letztes Mal gemeinsam gefressen und gefrustet. Denn persönliche Krisen machen schließlich erst mit Publikum richtig Spaß! Und das unnötige Privatleben wird eh überschätzt.

Promi-Geißelung

Im Grunde eine schöne Idee, all die unerwünschten Trashformat-Pseudo-Promis aus eigener Arschgeigen-Züchtung für all ihre Taten mal gemeinsam über ihre zahlreichen Verfehlungen reflektieren und Buße tun zu lassen. Aber wer das nur schwer erträgliche GROSSE PROMI-BÜSSEN auf Pro7 schaut, der weiß, diese Prämisse ist wie immer nur ein zynischer Vorwand, die armen Idioten ein weiteres Mal bis aufs Blut zu quälen, zu demütigen und wie egomanische Kampfköter im Aufmerksamkeits-Blutrausch gegeneinander zu hetzen. Wäre schön, als nächstes gleich die Produzenten, Senderverantwortlichen und den ekelhaft süffisanten Off-Kommentator ins Folterlager hinterher zu schicken. Beim Fernsehen muss so eine Anlage doch im Grunde niemals leer stehen!