614. Das verlorene Rudel-Feeling (TVS 20/18)

Der Mensch ist ein Herdentier. So richtig wohl fühlt er sich nur in der Gruppe. Selbst der nörgeligste Querulant und vorgebliche Individualist braucht die Gemeinschaft, denn sonst hätte er ja nichts wovon er sich so leidenschaftlich abgrenzen könnte. Der Rest der Menschen sucht die Wärme der Meute, um dort ein Gefühl der Zugehörigkeit zu entwickeln, zu was auch immer. Ist er nicht durch genetisch bedingte Arschlöchrigkeit dauernd auf Krawall gebürstet, wünscht sich der Homo Sapiens im Grunde stets die Zustimmung und Akzeptanz seiner Umgebung. Auch wenn man die anderen noch gar nicht kennt – das Entdecken gemeinsamer Vorlieben, Meinungen, Erfahrungen oder auch bloß (derzeit bei kollektiven Gruppenmärschen wieder sehr angesagt) die gleiche Hautfarbe oder zufällig gleiche Nationalität, verbinden einfach irgendwie.

Früher gehörte auch das Fernsehen zu solch einem Quell der Verbundenheit. Nicht weil es damals besser war, sondern weniger. Bei nur zwei Sendern und einem eher beschränkten Angebot an Fun-und-Freizeit-Aktivitäten lag die Chance, dass der andere TV-Nutzer am Vortag die gleiche Sendung wie man selbst gesehen hatte, bei knapp fünfzig Prozent. (Zumindest bis zur bundesweiten Empfangbarkeit der Privatsender war auch bei Nachbarn und Kollegen kaum von einem so aufregenden Leben auszugehen, dass ein freiwilliger Verzicht auf das Fernsehen als möglich erschien. Und wer wirklich damit prahlte, lieber ‚ein gutes Buch zu lesen’ gehörte eh zur Gruppe der langweiligen Mittelschullehrer und Außenseiter, mit denen man nichts zu tun haben wollte.) Selbst heute, diverse Jahrzehnte später, können die früh genug Geborenen noch ihre nostalgisch verklärten Erinnerungen teilen. Auch wenn vieles davon – mit neutralem Abstand betrachtet – im Grunde recht popelig, spießig, albern oder nichtssagend war: es prägte unser Weltbild und schaffte Gemeinsamkeiten, denn durch das streng begrenzte Angebot nahm man einfach alles dankbar auf. Rosenthals Spitze-Sprung, Wums Thoelke-Ruf, die brennende Bonanza-Karte, ‚Gute Nacht, John-Boy!’ oder ‚Der Weltraum. Unendliche Weiten…’ – es gab kaum jemanden, der nicht sofort wusste wovon man sprach. Und am Tag nach DALLAS oder DENVER hatte man stets ausreichend Gesprächsstoff – was in den Achtzigern nicht immer selbstverständlich war.

Eine nicht immer großartige, aber dennoch innige Möglichkeit zum Gleichklang der Menschen untereinander, die heute fehlt und es nachfolgenden Generationen schwer machen wird, im schwärmerischen Schwarm der Nostalgiker mitzusummen. Große Familienshows sind out, und an die kurzzeitig gehypten Casting-Nulpen wird sich in zwanzig Jahren niemand mehr erinnern, an die meisten noch nicht mal mehr nach 20 Minuten. Heute können wir netflixen, amazonprimen, maxdomen, internetzen, i-tunen und bingestreamen – aber halt jeder zu einer anderen Zeit und mit unterschiedlichen Inhalten. Die Qualität und die Wahlfreiheit mögen gesiegt haben, das unschuldige Kollektivgefühl durch den eklatanten Unterhaltungsmangel haben wir jedoch verloren. Denn gemeinsames Leid kann auch zusammenschweißen.

Klum-Klum-Geschoss

Bisher boten die Streamingdienste vor allem eine willkommene, qualitativ hochwertige Alternative zu den übertriebenen Glamour-Grinsefressen der Privatfernseh-Shows und Castingformate. Jetzt aber plant ausgerechnet amazon ein neues internationales Format mit GNTM-Gruselmutti Heidi Klum, das einen ‚ganz besonderen Mix aus packenden Inhalten und Shopping’ bieten soll. Das macht vor allem uns Männern Angst. Ist man denn wirklich nirgends sicher vor der blondgefährlichen Klumisierung?

Programmliche Vollverblödung

Dass RTL2 für hochwertigen Journalismus oder innovative Informationsformate bekannt wäre, kann man dem Sender wahrlich nicht vorwerfen. Das nochmalige Zusammenkürzen der Feigenblatt-Fun-Tagesschau genannt RTL2-NEWS lässt jetzt allerdings die Aufsicht der Landesmedienanstalten prüfen, ob man sich dort immer noch als ‚Vollprogramm’ bezeichnen darf, da ein solches laut Definition ‚einen angemessenen Anteil an Information, Kultur und Bildung’ liefern soll. Wobei gerade diese drei Begriffe bei RTL2 schon immer als Beleidigung angesehen wurden und unter Strafe strengstens verboten waren. Wieso also etwas ändern, wenn das bisher doch noch nie offiziell gestört hat?

TV-Tanz-Duelle

Wenn ein Sender immer wieder Erfolge mit einem Show-Genre hat, lässt das die Konkurrenz meist nicht lange auf sich sitzen. Deshalb beschloss Pro7, das Tanzformatfeld nicht weiter allein RTL zu überlassen. Geplant ist nun der ultimative Einzeltänzer-Battle MASTERS OF DANCE, bei der alle antretenden Hoppel-Mover mindestens ein Jury-Mitglied überzeugen müssen, in dessen ‚Company’ aufgenommen zu werden. Quasi eine Art THE VOICE ohne Singen für die Füße. Nicht wirklich neu für den Kopf, aber locker in den Hüften!

2018-09-25T00:48:20+00:00