599. Eine Woche ohne Quote (TVS 05/18)

Während die kecke Welt sich einfach ignorant weiter drehte und das arrogante Leben pfeifend geradeaus schlenderte, ereignete sich Mitte Januar – vom Publikum unbemerkt – in der Fernsehwelt eine Katastrophe biblischen Ausmaßes, die das unschuldige TV-System in seinen Grundfesten erschüttern sollte: knapp eine Woche lang standen den deutschen Sendern keine täglichen Messungen der Einschaltquoten zur Verfügung! Entsetzt höre ich da Kinnladen gen Boden sacken und Herzen mitten im Schlage stehen bleiben – wie kann das sein, wie ist das möglich, kann ein Medium so einen Schicksalsschlag überhaupt überstehen? DARF so etwas noch passieren in unserer modernen aufgeklärten Welt?

Doch auch wenn Sie sich gerade in gerechtem Zorn empört echauffieren, vergessen wir lieber das Lamentieren und Anprangern dieser digitalen Unfassbarkeit. Es hat eh keinen Sinn. Im Grunde hat es ja auch gar keiner mitbekommen, jedenfalls kein Zuschauer. Die Einzigen vom Schrecken der Unsicherheit gezeichneten waren die Redakteure und ein paar Nasen in den Marketing-Abteilungen. Urplötzlich hatten sie alle keine Ahnung mehr, was sie denken, fühlen oder vehement behaupten sollten, da sie keine vage geschätzten Zahlen mehr als beweiskräftige Begründung für was auch immer hatten. Auf einmal mussten sie nach persönlichen Emotionen oder eigenen Meinungen forschen bzw. herausfinden ob sie überhaupt je welche gehabt hatten. Wie soll man denn das eigene Programm ganz ohne irgendwelche Zahlen bewerten, wie ungenau und unsinnig diese auch immer sein mögen, immerhin waren sie aber schwarz auf weiß und von allen so in ihrer vermutlichen Falschheit bewusst akzeptiert! Ein Horrorszenario für jeden Fernseh-Verantwortlichen. All jene, die ihre Seele schon lange an den Satan des Kommerzes und der grinsenden Gefälligkeit verkauft hatten, merkten wie schön es doch wäre, jetzt noch eine zu besitzen. Nach Überwindung des ersten Schocks dachten einige sogar kurz verwirrt darüber nach, vielleicht mal etwas ganz Neues oder zumindest ein wenig Anderes im Programm auszuprobieren, etwas das sie persönlich begeisterte, sie aber aus Quotenangst nie zu realisieren wagten – doch meist waren es nur kurze Anflüge schwärmerischen Irrsinns, die im Augenblick der Nachricht verpufften, dass die GfK jetzt doch wieder die gewohnt verlässlichen So-Pi-mal-Daumen-Schätzwerte liefern könnten.

Eine Woche dauerte diese schockierende Phase der inneren Unruhe, der Verlust des sicherheitsspendenden Meinungs-Suspensoriums zur Vortäuschung eigener Eier. Und am Ende stellte sich heraus: schön war’s! Eine herrliche Zeit ohne übereilte Absetzungen, wild fabulierte Inhalts-Analysen anhand bunt gefärbter Zackenbahn-Diagramme, Tage ohne Furcht und Dummschwätzerei. Für einen winzigen Augenblick zählte nur Gut oder Schlecht, Gefallen oder Nicht-Gefallen, kurz gesagt das Programm an sich und nicht seine geschätzte Performance. Und Fernsehen durfte wie früher mal einfach wieder Fernsehen sein. Welch wundervoll naiver Traum.

Trottelige Tarnung

RTL hält nicht viel davon, sein Publikum mit neuen Ideen oder Formaten zu überfordern. Stattdessen bringt man lieber lauwarme Variationen vom Altbekannten, meist mit Promis. So gibt es demnächst bei PROMI UNDERCOVER BOSS den Promi-Boss Detlef D. Soost zu bewundern, der bis zur Soforterkenntlichkeit verkleidet wurde und am Ende aussah wie Detlef D. Soost mit Brille und Karnevalsperücke. Aber okay, ein albern aussehendes Detlef D. Soost-Doof-Double plus begleitendes RTL-Kamerateam – da kommt sicher nie einer drauf dass da irgendwas dahinter steckt!

Flinke Vermählung

Auch wenn man bei RTL2 nicht gerade für hohe Moral-Standards über dem Jauchespiegel bekannt ist, so möchte man doch dass wenigstens die Zuschauer nicht in wilder Ehe leben. Deshalb kommt jetzt Susan Sideropoulus mit TRAUT EUCH! IN 12 STUNDEN ZUM ALTAR und bietet Pärchen 15.000 Euro Ringprämie an, wenn sie es schaffen dafür innerhalb dieser Zeit spontan eine Art Traumhochzeit aus der Lende zu juxen. Wobei der Stresslevel dabei wahrscheinlich so hoch kocht, dass man spätestens in der zweiten Tageshälfte über die Scheidung oder Mord nachdenkt. Glückwunsch!

Vorsätzlicher Humormord

Während auf öffentlich-rechtlichen Sendern in zahlreichen Karnevals-Shows böswillig auf den Humor gespuckt und uriniert wurde, sprang ihm RTL via Markus Krebs mit dem nackten Arsch ins Gesicht, aber erst auf Pro7 wurde mit DIE COMEDY SHOW seine mutwillige Ermordung eingeleitet. Aufgedrehte Nachwuchs-Comedy-Klone erzählen grottenschlechte Stand Up – Nummern mit nachgefilmten Einspielern und eingespielten Lachlawinen, am Ende soll man raten welche Nummer gelogen war. Ist leider egal, beschissen waren sie alle!

2018-02-28T23:46:44+00:00

Über den Autor:

Hier schreibt der Chef.

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