593. Arm und fett auf dem Sofa (TVS 25/17)

Dumme Sache: Während einer Konferenz mit Börsenexperten und Analysten antwortete der ProSiebenSat1-Vorstandsvorsitzende Thomas Ebeling kürzlich auf die provokant-freche Frage, wieso es auf den Kanälen seiner Senderkette eigentlich so wenig Qualitätsformate wie z.B. auf Netflix und anderen Portalen gäbe, dass seine Kernzielgruppe nun mal aus Menschen bestünde, die ‚ein bisschen fettleibig und ein bisschen arm sind und gern auf dem Sofa sitzen und sich unterhalten lassen’. Oops – das war zwar ungeplant ehrlich, kam überraschenderweise aber gar nicht sooo super an in der Bevölkerung, dachten dort doch wirklich noch ein paar vereinzelte Naivlinge, die Fernsehmacher würden ihnen so etwas wie Sympathie oder Respekt entgegenbringen.

Dennoch kein Grund, vor Wut gleich von der Couch zu kullern – es ging bei dieser Beschreibung ja gar nicht wirklich um Gewicht und Einkommen des Quotenviehs, vielmehr sollte ‚fett & arm’ bloß sinnbildlich stehen für ‚blöd & faul’. Denn ganz genau so sehen die Privatsender schon lange ihr Publikum, frei nach dem Sat1-Pro7-Kantinen-Motto ‚Dicker Arsch, Hartz 4, ein Bier – komm und entertaine mir!’ Was im Umkehrschluss bedeutet: für das dösige Stumpfglotzer-Pack muss man sich auch gar nicht erst anstrengen, denen kann man auch einen fetten Furz ins Gesicht als frische Brise verkaufen, wenn Heidi Klum sie dabei anlächelt. Jedenfalls hat man sich sowohl bei der RTL- wie auch der P7S1-Gruppe seit Jahren die größte Mühe gegeben, die Zuschauer langsam aber stetig mit minderwertigem Fernseh-Gammelfleisch in die kritiklose Verblödung zu senden, bis in der kollektiven Schädel-Landschaft freiwillig die Lichter hinter den Augen ausgeknipst wurden. Denn wer ein paar Wochen AUF STREIFE, VERDACHTSFÄLLE, BERLIN – TAG & NACHT und MEIN DUNKLES GEHEIMNIS schaut, der kann danach gar keine komplexen Filme oder Serien mehr aufnehmen, weil diese vom Gehirn dann als Fremdkörper abgestoßen werden.

Dumm nur, dass dies alles jetzt öffentlich so plump herausposaunt wurde, wollte man die aufgequollenen Tüten voll fauligem TV-Müll doch möglichst weiter als prallgefüllte Entertainment-Bonbons deluxe verkaufen. Und gleichzeitig den hoch geschätzten Werbekunden den Eindruck vermitteln, man hätte ebenso ein überdurchschnittlich gebildetes, besserverdienendes Premium-Publikum vor den Bildschirmen sitzen, die in ungeduldigem Konsumrausch mit den Kreditkarten scharrend die angebotenen Produktinformationen aufsaugen. Pustekuchen, die faulen armen Fettsäcke auf dem Sofa kann man sich für die superschicken Luxus-Präsentationen bei GERMANYS NEXT TOP-MIEZE jedenfalls in die Kimme schmieren, die sind zu dick und kaufen eh nix.

Versuchen wir es einfach positiv zu sehen: vielleicht verachten uns die Sender ja gar nicht, sondern handeln aus reiner christlicher Nächstenliebe. Schon Jesus, der CEO des Neuen Testaments, soll ja gesagt haben: ‚Selig sind die Geistig Armen, denn Ihrer ist das Privatfernsehen.’ Und solange sie die Quote mitbringen, sind dort wirklich alle willkommen – die jungen Schlanken mit Vermögen genau wie die dicken, etwas Blöden mit Hackfresse. Wir sollten dankbar sein. Amen.

Umgekrempelt

Trödel-Shows sind der große Hit im deutschen TV, aber das RTL2-TRÖDEL-DUELL direkt gegen den Quotenkönig BARES FÜR RARES des Blutdrucksenkersenders ZDF zu setzen, war ein aussichtsloser Kampf. Deshalb kommt das TRÖDEL-DUELL jetzt in den Sperrmüll und wird durch eine coole Krempel-Show ersetzt: DEIN KREMPEL ODER ICH!, in der Wohnungen von Paaren mit Trödelwahn ausgemistet werden sollen. Klingt irre frisch und spannend – denn Krempel ist der neue Trödel!

Rausgeschmissen

Uninteressanten Menschen beim Wohnen zuzuschauen ist spätestens seit BIG BROTHER ein großer Knaller. Wenn diese dann auch noch wohloperiert sind, allergisch gegen Klamotten und gern noch ein bisschen fummeln und bumsen, werden in den jeweiligen Sendern die Prosecco-Fläschchen aufgeschraubt. Bei Pro7 erwartet uns jetzt eine neue Kampf-Wohn-Show-Variante: in GET THE F*CK OUT OF MY HOUSE werden 100 Kandidaten für vier Wochen in ein Einfamilienhaus gesperrt – und wer es in der vollen Stinkebutze am längsten aushält, gewinnt 100.00 Euro. Jetzt müssen wir nur noch herausfinden, welcher verdammte Buchstabe dieser * sein soll! Fuck!

Ausexperimentiert

Probleme beim TATORT! In den letzten Monaten gab es zahlreiche gewagte Experimente in puncto Erzählform des sonntäglichen Mord-Vergnügens, von Comedy über Grusel bis zu Musical oder unverständlichem Kunst-Geschwurbel. Meist gut gemeint, nur leider selten auch genauso gut umgesetzt. Da die meisten Zuschauer und Boulevard-Medien jedoch den klassischen TATORT zu bevorzugen scheinen (ein Toter, zwei Ermittler, ein Täter – Feierabend!), wird die Anzahl dieser Versuchsfilme jetzt strikt auf zwei pro Jahr reduziert. Man ist ja schließlich in der ARD und nicht bei den Fernseh-Hottentotten!

2017-12-02T00:09:17+00:00

Über den Autor:

Hier schreibt der Chef.

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