560. Fernsehen macht doof! (TVS 18/16)

Wenn man sich dieser Tage in der Welt so umschaut, muss man sich unwillkürlich wundern, Sorgen machen und Fragen stellen. Überall wuchert der Wahnsinn, Aggression und Gewalt eskalieren, gefährlich egomaische Alpha-Männchen-Karikaturen reiten ganze Nationen in die Jauche, selbst ernannte Terroristen töten wildfremde Menschen, weil sie zu dumm für ihr eigenes Leben sind, und die individuelle Kreativität der meisten Menschen beschränkt sich auf die Auswahl des passenden Emojis zur ihren überflüssigsten sms-Nachrichten. Während die Möglichkeit zur Kommunikation und Information auf der Erde heute größer ist als jemals zuvor in ihrer Geschichte, scheinen die Menschen zumindest in der großen Masse immer abgestumpfter und blöder zu werden. Woran liegt das?

Damals, als das unser gesamtes TV-Entertainment noch aus circa zwei Sendern bestand, gab man für alle intellektuellen und emotionalen Mängel der Bürger gern dem Fernsehen die Schuld. Völlig zu Unrecht, denn durch den überhöhten Bildungsanspruch der öffentlich-rechtlichen Zeigefinger-Wedler galt einfach alles, was auch nur entfernt nach Unterhaltung roch und nicht das klassische Schulwissen erweiterte, per se als minderwertig und hirnzersetzend. Grundlose Heiterkeit und sinnfreies Schmunzeln waren Gründe zum Schämen, das Fernsehen sah sich selbst als eine Art zusätzlicher Volks-Lehrkörper im heimischen Wohnzimmer. Heute hat sich das Bild gedreht: jegliche Form von Moral oder Bildungs-anspruch sind was für alberne Spießer und verdienstfeindliche Loser, jedenfalls im Privatsektor. Programm wird nicht mehr von Produktiven mit Visionen gemacht, sondern von Controllern mit Taschenrechnern. Die Geschmacksgrenze nach oben wird danach definiert, wie tief man sie nach unten legen kann. Besonders beliebt ist dabei das würdelose Vorführen der ‚Anderen’, egal ob real, fiktiv, prominent oder aus dem Volke. Wichtig ist nur ihre Demontage und dass selbst der dusseligste Zuschauer sie noch hämisch auslachen kann. Inhalte sind irrelevant – Hauptsache es ist schnell, bunt und so lachhaft billig, dass am Ende selbst bei mieser Quote noch ein Plus in den Büchern steht. Da die öffentlich-gemächlichen dieses Denken verständlicherweise missbilligen, wehren sie sich mit dem anderen Extrem der kreativen Feigheit, nämlich der lauwarmen Einlullung. Den Blick in die Zukunft streng nach hinten gerichtet, wird mit brav ergebener Kompetenz informiert und überraschungsfreie Unterhaltung geboten, die sich Genre-technisch sklavisch gehorsam im ewig gleichen Kreise der Familiengeschichten, Krebsdramen und Polizei-Krimis bewegt.

Doch selbst wenn viele von uns das Fernsehen nicht mehr als solches nutzen und sich nur noch die Rosinen aus dem Streaming-Kuchen picken – für den Großteil Menschen ist das faule alte Stück dennoch das wichtigste Fenster zur Welt. Denn für den, der den ganzen Tag arbeitet oder medial eher desinteressiert ist, bleibt die bequeme Glotze selbst in ihrer offensichtlichen Schäbigkeit weiterhin der Kumpel, der ihm erzählt was da draußen so alles los ist und wie die Leute dort ticken. Und geben wir es zu: wer sich diese Infos aus den aktuellen TV-Programmen holt, muss sich nicht wundern wenn er bescheuert wird und auf diese hässliche Welt keinen Bock mehr hat. Die einstmals scherzhafte Warnung dass Fernsehen doof macht, hat sich trauriger weise bewahrheitet. Selber schuld.

Tanzmarathon

Während sich die prominenten Teilnehmer von LET’S DANCE noch die geschwollenen Promi-Mauken kühlen, wird bei RTL gerade das Parkett frisch gewachst für das neue Promi-Tanzformat DANCE DANCE DANCE (weil die andere Promi-Tanz-Show STEPPING OUT im letzten Jahr gefloppt ist). Damit die Zuschauer aber zwischendurch nicht in ein Tanzloch fallen und völlig underdanced ohne Bilder von rhythmisch zappelnden Pseudo-Promis ins Bett gehen, zeigt sich Pro7 als Retter in der Not und bringt uns jetzt den großen ‚BundesTanzContest’ – natürlich auch mit tanzenden Promis (obwohl man dort im letzten Jahr mit der Promi-Tanz-Veranstaltung GOT TO DANCE ebenfalls kein Glück hatte). Total irre Idee: wie wäre es zur Abwechslung mal mit einer Promi-Tanz-Show ohne Promis? Und ohne Tanzen? Okay, ist ZU verrückt…

Autokorso

Während Pro7 und RTL versuchen, sich mit Tanzpromiformaten gegenseitig zu überbieten, plant RTL2 seine Zukunft als Auto-Format-Sender. Im wilden Wechsel platziert man nun sonntags MEIN NEUER ALTER, GRIP, HELDEN DER STRASSE und jetzt ganz neu die GARAGE GIRLS. Dort versucht eine im Reifen-Biz wohl bekannte Profi-Schrauberin, teure Oldtimer aufzupeppen und umzugestalten – allerdings unter alleiniger Kontrolle der Ehefrauen der stolzen Besitzer. Was hoffentlich ganz schlimm und peinlich für alle wird, weil die ulkigen Weiber die tollen Autos bestimmt ganz furchtbar doof umstylen, haha hihi hohoho. Kurz gesagt: wahrscheinlich stinklangweilig und überflüssig, aber bestimmt interessanter als noch ein Promitanzformat!

Arschgeigenauflauf

Sehen Sie auch so gern Berichte über neureich-überhebliche Angebermillionäre und ihre aufgepumpten Botox-Weiber mit Schlauchboot-Lippen, deren rotzig verzogene Blagen, untalentierte Möchtegern-Promis, die auf dekadenten Koks & Schampus-Partys die dumme Fresse in jede erdenkliche Kamera halten und sonstige unsympathische Blödhupen-Armleuchter-VIPs? Nein? Verständlich, aber aus reinem Trotz bringt Pro7 ein weiteres Magazin, das sich ausschließlich mit solchen Grenzgestalten aus dem Gruselkabinett der Wohlstands-Gesellschaft beschäftigt: CRAZY RICH… – immer gleich nach RED! Dann kann man sich doppelt ekeln, muss sich aber vielleicht nur einmal übergeben!

2017-02-10T01:40:00+00:00

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Hier schreibt der Chef.