540. Irgendwasmitmedien (TVS 24/15)

Die Stimmung in den bundesdeutschen TV-Stationen ist derzeit nicht die beste. Auf einer Skala von TOLL bis NAJA liegt das allgemeine Befinden der Mitarbeiter meist irgendwo zwischen ZIEMLICH KACKE und BESCHISSEN. Irgendwie läuft der Betrieb nicht mehr so rund und flutschig wie früher einmal – so erzählen jedenfalls die alten Ü-20 Mitarbeiter, die sich noch an die ‚gute alte Zeit’ vor der Finanzkrise 2008 erinnern können, oft den staunenden Praktikanten am Lagerfeuer. Damals, so heißt es, gab es noch genug Werbung für alle, die meisten Sender verdienten recht gutes Geld und manche von ihnen gaben bisweilen sogar etwas davon wieder für das Programm aus. Alle paar Jahre, so raunt man sich zu, hätte es sogar hier und da mal so etwas wie eine neue Idee gegeben. Auch fiel der Begriff ‚Fernsehen’ in der Bevölkerung in jenen Tagen noch nicht ausschließlich in dem Satz ‚Ich schau ja gar kein Fernsehen mehr’, und dort zu arbeiten galt noch nicht unbedingt als etwas, wofür man sich bei seinen Mitmenschen schamvoll entschuldigen musste. Mit offenen Mündern hören die jungen unbezahlten Kollegen dann zu, wie diese alten Recken früher Serien (auch im Tagesprogramm!) entwickelten, für die es ganz verrückte Luxusartikel gab, die man ‚Drehbücher’, oder ‚Regisseure’ nannte, teilweise sogar Darsteller mit einer Art Berufsausbildung. Verrückte Zeiten damals…

Trifft man auf Lebewesen im Ü-30-Bereich, kommt man vielleicht in den Genuss schier märchenhaft klingender Geschichten aus dem alten Millennium. Über eine kindlich-naive Zeit, in der es trotz Privatfernsehen noch als moralisch bedenkliche Utopie galt, Bürger ohne mediale Ausbildung (sogenannte ‚normale Menschen’) in ein Kamera-überwachtes Haus zu sperren, sie kraft ihrer plumpen Geilheit oder Blödigkeit zu kurzlebigen ‚Promis’ werden zu lassen oder Ansätze ihres Lebens in bizarr-verzerrter Häme als Grundlage für abartige Alltagsgeschichten zu missbrauchen. Selbst australische Auffanglager als Foltercamp für schwer erziehbare Pseudo-Bekanntheiten waren nicht einmal erfunden, da die aufdringliche Prominenz-Präsenz-Kriminalität für das Publikum noch keinen Straftatbestand mit Handlungsbedarf darstellte.

Sollte Ihnen in einem modernen Sendebetrieb noch einer der wenigen Ü-50-Survivors aus dem Außenbereich der Werberelevanten Zielgruppe begegnen, werden Sie seine Erinnerungen wahrscheinlich für wahnwitziges Fabulieren halten. Denn eine Zeit, in der es nur zwei Sender und einen dritten als medialen Dienstbotentrakt gab, nur wenige Minuten Werbung vor 20 Uhr, dafür aber einen ‚Sendeschluss’ und ein ‚Testbild’ statt Werbung für perverse Sex-Hotlines oder Weltkriegs-DVD-Editionen, kann sich realistisch heute kein Mensch mehr vorstellen. Doch hören Sie diesen letzten noch lebenden Zeitzeugen trotzdem ruhig zu, denn selbst wenn es nicht wahr ist – in einer Welt ohne Zukunft bleibt manchmal als einzige Hoffnung die Verklärung der Vergangenheit.

Herren-Abend

Whothefuck war eigentlich noch mal Willi Herren? Ach ja, der Olli Klatt in der Lindenstraße, der sich dann durch viele peinliche Schlagzeilen und einen Kurz-Trip ins Dschungelcamp zu seiner neuen Karriere als Ballermann-Stimmungs-Klatschaffe rüber rettete. Wofür er jetzt zur Belohnung eine eigene RTL2-Doku-Soap über seine sicherlich wahnwitzig aufregende Alltags-Action-Abenteuer spendiert bekommt: DIE HERRENS, WILLIS WILDE WELT! Ja meine Herren, da würg mir doch einer den Willi – unser Fernsehen kann ja doch so richtig Rums-Bums-Crazy sein! RTL2 hat den Qualitätsbogen einfach raus!

Mila-Meltdown

Das haben die Privatsender nun davon: erst haben sie die Zuschauer über die Jahre an die Akzeptanz von so richtig beschissenen Programm-Ersatzstoffen in Form von lieb-und-hirnlos hingerotzten Reality Soaps und Pseudo-Dokus gewöhnt, bis die Masse diese aus Mangel an Alternativen für richtiges Fernsehen hielt. Was dann dazu führte dass inzwischen fast sämtliche Versuche, mal wieder zumindest Mittelmaß mit so was ähnlichem wie Handlung oder Handwerk zu etablieren, voll Karacho in die Hose gehen. So wie jetzt MILA bei SAT1, was sogar mehr als der davor liegende NEWTOPIA-Flop floppte, dann zu SIXX verschoben wurde, nur um dort noch weiter zu floppen. Selbst schuld!

Hot!-Kühlung

Würde man mich fragen: Was sind die Top 10 der Sendeformate, von denen wir ganz dringend viel mehr brauchen? – ich würde ‚Pfiffige Ranking-Shows mit coolen Countdowns’ sofort auf Platz 1 setzen! So mit lustigen abgelegten Archiv-Filmchen zu jedem möglichen banalen Scheiß, aber mit einem ironisch lächelnden Moderator und schnippischen Kommentaren in irgendeinen irrwitzigen Kontext genagelt und dann in eine ultimativ unbedeutende fiktive Reihenfolge gesetzt! Das brauchen wir unbedingt – und Pro7 hilft! Mit HOT! – DIE GRÖSSTEN BLABLAWASAUCHIMMER… in mehreren Folgen ab Dezember (übrigens einer der 12 beliebtesten Monate des Jahres)!

2017-02-10T01:40:02+00:00

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Hier schreibt der Chef.