529. Gewaltloser Widerstand (TVS 13/15)

Na das war ja mal ein Ding! Nur eine Stunde lang lief auf ProSeven das unvermeidliche Finale der langweilig latschenden Laufsteglatten bei GERMANYS NEXT TOP MODEL, dann wurde es unerwartet spannend, denn plötzlich kam nur noch Werbung und am Ende sogar ein richtiger Film mit Inhalt. Grund für diese höchst willkommene Programm-Änderung war eine anonyme Bombendrohung, die telefonisch in der Zeigezicken-Zuchthalle eingegangen war und den Veranstalter zum spontanen Abbruch der pompösen Platthühner-Parade nötigte. Glücklicherweise kamen weder Models noch Menschen zu Schaden und der feige Anruf entpuppte sich als überdurchschnittlich schlechter Scherz. Doch auch, wenn der Klumitus Interruptus an sich in der Öffentlichkeit eher freudig begrüßt als bedauert wurde, muss man natürlich festhalten dass Gewalt oder die Androhung selbiger in jeglicher Form absolut unakzeptabel, höchst verachtenswert und ein Zeichen kapitaler Dummheit ist. Und bevor die vielen jungen Mädchen vor den TV-Geräten ins Grübeln kommen: Nein, man kann das nicht ‚ja einfach auch mal so’ bei anderen langweiligen Programmen machen. Und ja, diese Leute von der Polizei können den Anruf zurück verfolgen und plötzlich steht die GSG9 bei Euch im rosa Kinderzimmer! Also Finger weg vom Telefon!

Traurig ist allerdings, dass dem Zuschauer kaum noch eine wirksame Form des aktiven friedlichen Widerstands dem TV gegenüber bleibt. Der Nichtseher wird de facto nicht registriert und findet somit auch nicht statt. Großmäuliges Pöbeln im Internet oder orthografisch herausfordernde Hasstiraden bei Facebook führen meist eher zur kompletten Ignoranz der vielleicht sogar begründeten Kritikpunkte. Der Plan, Heidi Klum als ‚Real Shitstorm’ kollektiv vor die Tür zu kacken, wäre sicherlich spaßig und als Protest inhaltlich perfekt auf den Punkt gebracht. Andererseits wäre ein Flug nach New York oder L.A. lediglich zur gemeinschaftlichen Wut-Abstuhlung den meisten dann wohl doch etwas zu kostspielig. Und am Ende würde Heidi eh nur die Nanny oder ihren Schnabel-Knutschbären mit der Schippe zum Saubermachen raus schicken.

Wie wäre es stattdessen, einmal gemeinsam gegen die Verblödung durch das Fernsehen auf die Straße zu gehen oder vor den zuständigen Sendeanstalten zu demonstrieren? Man könnte auch eine Organisation gründen wie zum Beispiel die BeZuGIDA (Besorgte Zuschauer Gegen die Idiotisierung Der Abendunterhaltung). Oder eine ernsthafte individualisierte Protestnote entwerfen, die gebündelt an die TV-Stationen geht. Auf jeden Fall wäre es mehr als sinnvoll, sich endlich einmal gegen den permanenten Angriff auf den eigenen Verstand zur Wehr zu setzen. Denn einen Schnupfen erkennt man durch lautes Niesen, die langsame Verstumpfung des Gehirns bemerken meist nur die anderen, wenn es beim Patienten selbst leider schon viel zu spät ist.

Nullrunde

Bittere Niederlage für Deutschland beim diesjährigen Eurovision Song Contest: Allemagne – pas de points! Zum ersten Mal seit 50 Jahren stolze Null Punkte, Respekt. Dabei lag es nicht an der tapfer durchschnittlichen Ann Sophie, die brav und professionell performte. Es bewies sich nur leider mal wieder die alte Misserfolgsformel: wer es immer allen recht machen will, den will am Ende keiner haben. Denn niemand wählt das Mittelmaß aus einem großen Topf der Mittelmäßigkeiten. Damit viele Menschen sich für eine Person richtig begeistern können, müssen im Grunde ebenso viele Menschen sich ehrlich über sie aufregen. Die laue Lulle in der Mitte wird einfach weg gespült. Könnte man ja so langsam auch mal in Deutschland lernen.

Millionengrab

Na endlich wissen wir, warum die Öffentlich-Rechtlichen trotz Milliarden unserer TV-Gebühren immer jammern, dass sie kein Geld für gute neue Programme haben: weil sie die Kohle mit der breiten Schaufel aus dem Fenster in das lodernde Irrsinns-Feuer schippen! So wurde jetzt bekannt, dass Thomas Gottschalk für seinen spektakulären ARD-Vorabend-Flop plus zwei geplante Shows schlappe fünf Millionen Euro ausgezahlt wurden – obwohl mehr als die Hälfte der vorgesehenen Sendungen gar nicht stattfand und man über die Shows mit ihm nicht mal mehr sprach. Wer so saudämlich arrogant bescheuert und großkotzig mit unserem Geld umgeht, um sich die Gunst von Superstars zu erkaufen, während alle anderen finanziell schön weiter in die Knie gezwungen werden, muss sich nicht wundern, wenn ihm irgendwann der selbst vergoldete Arsch auf Grundeis geht!

Sendeschluß

Traurige Nachricht: Sky beendet erneut seinen kultigen Nischen-Klassiker ZAPPING. Offiziell damit begründet, dass durch den Zuwachs an Scripted Reality und perfektionierten Sendungen nicht mehr genügend Patzer passieren. Wobei man sich ja inhaltlich nicht nur auf Pleiten, Pech und Pannen versteifen müsste, sondern allgemein die irrsinnigsten Momente des Vortags präsentieren könnte – denn daran herrscht wahrlich kein Mangel. Schade. Daher zum zweiten Mal: Bye Bye, Zapping! Auf die nächste Wiedergeburt!

2017-02-10T01:40:02+00:00

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Hier schreibt der Chef.