519. Das elfte Gebot (TVS 03/15)

Wahrscheinlich ist Folgendes passiert: eines Nachmittags im Finanzministerium, als man gerade gemütlich bei frisch gebrühtem Filterkaffee und selbst gebackenen Kartoffelbärlauchplätzchen der Kanzlerin beisammen saß und gut gelaunt über die Vorteile von Steuererhöhungen und Fußgänger-Maut schwatzte, öffnete jemand einen Mahnbrief der GEZ mit einer gepfefferten Nachzahlungs-Forderung, weil in den 25 Jahren vor der Beitragsumstellung versäumt wurde, die Rundfunk-Röhrenempfänger auf den Gästetoiletten des Bundestags ordnungsgemäß anzumelden. Und da räusperte sich einer am Tisch und sprach: ‚Äm, Entschuldigung, ich weiß, so etwas fragt man nicht, aber trotzdem: hat eigentlich schon mal einer darüber nachgedacht, ob das mit der Rundfunkgebühr so heute noch wirklich sinnvoll ist? Weil sich in den letzten Jahrzehnten ja auch so generell einiges geändert hat im Medienbereich, meine ich… oder nicht?’ Der Kaffee wurde bitter, die Plätzchen zerfielen vor Schreck zu Staub und man fasste den kecken Entschluss, ein Gutachten erstellen zu lassen!

Nun, dieses Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats wurde inzwischen ganz leise veröffentlicht und kam – kurz zusammengefasst – zu genau den überraschenden Ergebnissen, die uns allen der gesunde Menschenverstand eigentlich schon immer leise mahnend ins Ohr brüllte: Nö, eigentlich ergibt diese Gebühr absolut keinen Sinn, aber es war halt schon immer so und deshalb hat das Anstalts-Kuratorium beschlossen dass es am besten einfach so bleibt und basta! Geld könnten wir laut Analyse auch in Zukunft theoretisch gern weiter geben, dann aber eigentlich auch gleich offiziell als Steuer statt durch so eine verschwurbelt-verlogenen Zwangsabgabe oder ruhig auch freiwillig für die Sender, die man wirklich möchte. Und wenn schon öffentliche Kohle, dann müssten ARD, ZDF und ihre Spießgesellen dafür vor allem das produzieren, was auf den Kommerz-Kanälen fehlt – und nicht die Inhalte der Privaten in bieder nachäffen oder an Seichtigkeit unterbieten und dabei geifernd auf die imaginäre Quote starren.

Huiuiui – klingt alles erschreckend plausibel. Und wird genau deswegen wahrscheinlich noch mal kurz weg diskutiert und dann für immer im Schreibtisch vergessen werden. Denn wenn es um die Selbsterhaltung des Systems und die Alpha-Stellung im Machtgefüge geht, sind die Öffentlich-Rechtlichen quasi die Katholische Kirche der Medienwelt. Und sie werden alles dafür tun, dass die Erde für uns alle auf ewig eine Scheibe und die Rundfunkgebührenabgabe ein Gebot Gottes bleibt. Amen.

STARS AM ENDE

Glotzkreislauf

Wann immer eine echt granatendoofe Programmidee auf der Straße liegt, kann man sicher sein, dass sich RTL und SAT1 darum streiten wie zwei Dorftrottel um einen frischen Hundehaufen! Neuester Fall: Publikum beim Glotzen im Wohnzimmer inszenieren und dabei abfilmen! RTL langweilte uns mit den schier unerträglichen SOFA STARS, aber schon eine Woche vorher legte SAT1 mit den WOHNZIMMERHELDEN den quasi gleichen Quality-Köttel. So konnten also die Zuschauer anderen Zuschauern beim Zuschauen zuschauen – da beißt sich die Schlange der Doofheit in den eigenen Schwanz!

Familienzuwachs

Es wird langsam eng: die Geissens werden immer reicher, dadurch aber weder schöner noch sympathischer. Die Wollnys werden immer weniger und älter und sobald die Blagen groß genug sind, droht der Serie die große Kameraflucht. RTL2 hat die Gefahr frühzeitig erkannt und bringt deshalb rechtzeitig die nächste Großfamilien-Doku an den Start: DIE HARTMANNS! Nach Senderangaben eine liebevoll-chaotische Neunkopf-Schaustellerfamilie, die auf chaotisch-liebevolle Art ihren teils liebevollen, teils chaotischen Alltag bewältigt. Eine chaotische Ode an die Großfamilie und liebevolle Dauerwerbung für Verhütungsmittel.

Reporterfake

Da inzwischen fast das gesamte Tagesprogramm des Privat-TV aus inszenierten Fake-Reality-Doku-Soaps besteht, wird es für RTL-Reporter natürlich langsam schwierig, zwischen Fiktion und Realität zu unterscheiden. Deshalb kam ein besonders gewitzter Hilfsjournalist auf die blitzbirnige Super-Idee, für einen coolen Beitrag über eine Pegida-Demo am besten einfach selbst einen debilen Demonstranten zu spielen und damit für sich und die Reporter-Kollegen richtig knackige O-Töne abzusondern. Scheiß auf die Realität, Hauptsache die Reportage knallt voll rein! Endete dann aber doch mit einem Arschtritt plus Rausschmiss, weil es blöderweise rauskam und die von RTL sich voll spießig anstellten. Dabei hatte Doofie es doch nur gut gemeint!

2017-02-10T01:40:03+00:00

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Hier schreibt der Chef.