496. Die große WETTEN DASS – Krise (TVS 06/14)

STARS AM ENDE

Politiker sind vielleicht nicht die hellsten Kerzen auf der Geburtstagstorte der Evolution, aber sie wissen wie man adäquat mit Krisen umgeht. Unruhen in und um die Regierung herum gehören zum Alltag, und die meisten hauptberuflichen Diätensauger haben sich genügend Hornhaut am pickeligen Politpöter wachsen lassen, selbst größte Schwierigkeiten lässig auf einer Arschbacke absitzen zu können. Die Bevölkerung weiß dass sich im Grunde nichts verbessert, kann sich aber zumindest entspannt zurücklehnen und auf immer neue kreative Ausreden freuen.
Viel beunruhigter bin ich, wenn ich von einer geplanten Krisensitzung beim Stillstandsbewahrer ZDF auf dem Luschenberg erfahre. Vor allem wenn es auch noch um das lahmende Schlachtross WETTEN DASS geht, den einstigen einzigen Stolz der medialen Dauerwurstmanufaktur. So langsam kann man sich aber selbst dort die Sturzflug-Quoten nicht mehr schön saufen bzw. mit Kamille aufbrühen, und nun soll darüber mal ganz offen gesprochen werden. Was bedeutet: ein Teil der Zuständigen wird sich unter dem Konferenztisch verstecken, die besser vorbereiteten werden grinsende Redakteurs-Attrappen mit Wackelköpfen auf ihren Drehstühlen platzieren und der Rest hat sich schon längst mit neuer Identität in das Versagerschutzprogramm vom mdr aufnehmen lassen. Schuld am Schlamassel wird definitiv niemand sein, höchstens dieser ominöse Lanz, gegen den es ja sogar schon demokratische Wut-Petitionen im Internet gegeben haben soll. Man wird darauf kommen dass für das rückschrittsverwöhnte ZDF-Publikum seit Gottschalks Abschied einfach viel zuviel erneuert wurde (Scheinwerferlampen ausgetauscht, andere Snacks im Backstage-Bereich, neue Sofakissen, Haarfarbe des Moderators) und es wohl Sendungen gegeben haben muss, in denen weder Peter Maffay noch Til Schweiger, Udo Jürgens oder Veronica Ferres eingeladen waren. Als Innovationskonzept wird derzeit diskutiert, in Zukunft die ewig gleichen Gäste als Hologramme zu verwenden, auf die Wetten zugunsten aktueller Programm-Trailer komplett zu verzichten und Markus Lanz auf der Bühne vom Publikum mit Eiern bewerfen zu lassen. Plan B ist ein Hypnotiseur am Anfang jeder Sendung, der das Publikum drei Stunden schlafen und glauben lässt, eine moderne tolle Show gesehen zu haben. Wer auf dem Krisengipfel die Worte Modernisierung, frisch oder neue Ideen benutzt, wird fristlos gekündigt oder muss bis zur Pensionierung als Mainzelmännchen in der Fußgängerzone Luftballons verteilen.

Innen Hohl

Wer vor ca. einem Jahr versehentlich die Testfolge der Personality-Doku um das popelige Leben von Fantasy-Autor Wolfgang Hohlbein & Family sehen musste, der fand sich hilflos gefangen und gepiesackt von den Dämonen der Dämlichkeit in den unendlichen Dimensionen der fiesen Fremdscham-Zwischenwelt. Aber zum Glück war es ja nur eine Folge. Doch nun ist das Böse wieder erwacht und hat eine ganze Serie daraus gemacht: DIE HOHLBEINS – EINE TOTAL FANTASTISCHE FAMILIE geht ab März bei RTL2 on air und zerstört die letzten Illusionen, die man vielleicht noch von der Figur des cool-mysteriösen Bestsellerautors gehabt haben mag. Denn Banalität ist nun mal der Tod der Fantasie. Und der Teufel wohnt im Reihenhaus.

Allein geblieben

Gab es früher eigentlich auch so viele Werbespots für Partnervermittlungen im Fernsehen? Also gefühlt in jeder Sendung mehrfach? Und immer nur für Elite-Partner, Top-Geräte, Superlover und sonstige Beziehungs-Filetstücke? Haben die etwa früher nur den ollen Gammel vermittelt, den keiner haben wollte? Und plötzlich gemerkt: hey, warum holen wir nicht mal die Sahnestücke aus der Pralinenschachtel und bieten die an, statt immer nur den angetrockneten Mauerblümchen-Knorpel vom Boden der Single-Restmülltonne zu kratzen? Gute Idee, die Welt scheint ja voll von alleinstehenden Premium-Partnern, die nur durch die richtige Vermittlungs-Software gejagt werden müssen. Was übrig bleibt kann immer noch zu SCHWIEGERTOCHTER GESUCHT. Super Service – da soll noch mal einer sagen, es gäbe keine Menschenfreunde beim Fernsehen!

Tödlich heiter

Wenn Das Erste sich mal in eine mittelmäßige Idee verbissen hat, dann lässt sie nicht mehr los, wie ein Kampfhund bei einem abgenagten alten Knochen. Denn auch wenn sich das Publikum nur so kaum bis wenig für die inzwischen ZEHN (!) inhaltlich inzestuösen HEITER BIS TÖDLICH–Vorabendkrimis interessiert: der Deutsche liebt ja auch den Tatort, also muss das doch klappen! Und sonst gibt es auch keine Ideen mehr, also seid doch endlich mal zufrieden, Ihr doofen Zuschauer! Die ARD entwickelt inzwischen schon mal das nächste Dutzend Regionalableger – rasant und verrückt, dieser ständige Ortswechsel!

2017-02-10T01:40:04+00:00

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Hier schreibt der Chef.