435. Das Fernsehen von heute (TVS 23/11)

viele Sender forderten sogar so etwas wie ein Studium oder eine Ausbildung. Aber wenn man es erst mal geschafft hatte, konnte man dort mit etwas Glück auch wirklich Spaß haben und ordentlich was verdienen. Verrückte Zeiten waren das…

Heute kann absolut jeder ins Fernsehen, man muss es nicht mal wollen. Irgendwas findet man schon. Ein charmantes Äußeres ist dabei keine Voraussetzung mehr, zur Zeit sucht man eher ‚authentische Typen’. Also überbreite Mega-Fette, bis zum Sack Volltätowierte, Brust-/Kopp-und-Arschoperierte, zugepiercte Hackfressen und ganz generell Leute, denen die eigene Blödheit schon beim Atmen aus der Visage weht. Menschen wie Du und Ich halt. Abgeschlossene Schulbildung oder sonstige Beweise erfolgreicher Verstandsbenutzung gelten als Überqualifikation. Das große Publikum findet man schließlich nicht als Laber-Experte bei arte, sondern wenn man beim Supertalent mit dem Pimmel ein Bild malen oder dem Hintern Panflöte spielen kann. Dusselige Denkabstinenz ist gern gesehen, da sie die Fähigkeit zu eigenen Ideen und Widerworten auf ein angenehmes Minimalmaß reduziert und das Arbeiten erleichtert.
Diese neue Art des ‚Typen-Castings’ aus dem echten Leben eines erdähnlichen Parallel-Universums im Blödigkeitsnebel erlaubt des Weiteren den Verzicht auf handelsübliche Bezahlung. Wo früher der ‚Künstler’ eine üppige Gage erhielt, bekommen Mutti Speckwulst und Tante Vettel für ihren Auftritt in Frauentausch zusammen weniger als Warzen-Wilmas hässlicher Bruder für einen halbherzigen Handjob auf dem Herrenklo des Hildesheimer Hauptbahnhofs. Den Autoren reicht eine Banane am Tag und teure Kameraleute gibt es ebenfalls nicht mehr, das macht Papa selbst mit dem alten Camcorder von ebay und einer Hand in der Hose, für das Licht hält der bekloppte Schwager die Tchibo Taschenlampe an die Decke – kostet zusammen noch nicht mal nen Fuffi und dafür macht die getauschte Alte sogar noch für’s Team ne Dose Ravioli auf. Am Ende wird der gedrehte Mumpf vom Neffen des Redakteurs mit Schnitt-App auf dem Smartphone zusammengebastelt, fertig – selbst bei kleinster Werbeauslastung bleibt da noch ein sattes Plus. Kein Wunder, dass die Arbeitsplatzbeschreibung ‚beim Fernsehen’ heute irgendwo zwischen Automatenaufsteller, Straßenstrich und FDP-Zentrale rangiert.

STARS AM ENDE

1. Riesen-Bleiberei

In einer Welt der Unbeständigkeit ist es schön zu wissen, dass einige Dinge einfach für immer bleiben. Mainz bleibt Mainz zum Beispiel, das bleibt nicht nur Mainz, sondern auch noch wie es singt und lacht, und das sogar für mindestens sechs weitere Jahre als der Main-Event der fürchterlichen Fernseh-Fassenacht bei den Öffentlich-Lustlosen. In einem knallharten Wettstreit gegen null pappnasenharte Mitbieter haben sich ARD & ZDF nämlich gegen sich selber durchgesetzt und müssen den Määnzer Mega-Murks nun zur Strafe weiter senden. Da bleib ich doch auch gleich mal – und zwar fern!

2. Landlustlose Langeweile

Der NDR, Spezialist für todschnarchige Einlull-Formate mit heimeliger Schnulz-Attitüde und leckerem Fischgeruch, hat einen neuen Knaller aus dem Stützstrumpf gezogen: Landlust, der knospende 90-Minuten-TV-Ableger zum gleichnamigen Printmagazin. In ‚liebevoller Bildsprache’ sollen dem einschlummernden Publikum ländliche Traditionen und ‚die schönsten Seiten Norddeutschlands’ näher gebracht werden. Da schlaf ich ja schon bei der Beschreibung ein! Wird also bestimmt ein Riesenhit.

3. Furchtbare Verzeiherei

Aus Horrorfilmen wissen wir: das wahre Grauen lässt sich nicht vernichten, irgendwann kommt es immer zurück! So auch Verzeih mir auf RTL, ab jetzt moderiert von der schauerlichen Schwiegertochter-Sucherin Vera Int-Veen, obwohl der Entschuldigungs-Grusel eigentlich vor ein paar Monaten ja schon einmal aus dem verdienten Grab gestiegen ist. Allerdings damals noch mit Julia Leischik, die jetzt allerdings zu SAT1 ging, um dort Bitte melde Dich wiederzubeleben. Der Kampf der zurückkehrenden Zombie-Formate kann beginnen!

2017-02-10T01:40:10+00:00

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Hier schreibt der Chef.