405. So macht man Fernsehen (TVS 19/10)

Manchmal, wenn ich entsetzt mit starrem Blick vor dem Fernseher sitze und spüre, wie meine vorher durchaus noch vorhandene Restintelligenz sich langsam in eine breiige Masse verformt und mir aus dem offenen Mund zu suppen droht, dann geistert mir eine Frage durch den Kopf: Wie konnte es so weit kommen? Wie um alles in der Welt ist es möglich, dass ein derart dampfender Haufen Quirlekacke es durch diverse Instanzen bis auf den Bildschirm geschafft hat? Da muss doch einer mal geschrien haben: ‚Nein, um Gottes willen, merkt Ihr denn nicht, das ist Scheiße! Für wie doof haltet Ihr die Leute eigentlich?’ Und wenn das einer gerufen hat – was geschah mit ihm? Wurde er ignoriert? Entlassen? Erschossen?
Nehmen wir mal als wahlloses Exempel die neuen Fun-freien RTL2-Fun-Formate wie zB Tatoo-Attack, Das Tier in mir, etc. Wahrscheinlich lief es so ab: Montagmorgen, Redaktionssitzung, langes Wochenende. Verkatert, verblödet, verzweifelt. Programmideen? Keine. Okay, Brainless Brainstorming! Jeder schreibt auf, was er so in der letzten Zeit mal irgendwie irgendwo gemacht hat: Streichelzoo, Frauenarzt, Einkaufen, Tattoo stechen lassen, Komasaufen, heimlich im Fahrstuhl furzen, Aufklärungsgespräch mit verblödetem Teenager, Windbeutel wettessen, Popel bei Fremden ans Sofa schmieren, Elternabend, Hämorrhoidenverödung beim Proktologen, Wurzelbehandlung, Mini-Kreuzfahrt auf Saufspaßdampfer, Penisverlängerung, bei Fremden heimlich ins Sofa gefurzt. Zettel einsammeln, eine Handvoll ziehen. Aus jedem davon eine Sendung machen. Promis anrufen. Absagen einsammeln. Zerknüllte Restpromi-Visitenkarten aus dem Mülleimer glatt bügeln. Carsten Spengemann (wer war das noch mal und vor allem warum?) und Alida Dingsbums überreden, sich ein Arschgeweih auf die Schulter knattern zu lassen. Olivia Jones simsen, dass sie sich Höcker umschnallen und mit Kamelkot einreiben muß. Schnell gemacht, keiner fragt warum. Sendungen in Auftrag geben. Nicht nachdenken, nicht hingucken, einfach machen. Jeder erledigt nur seinen Teil, niemals an das Ganze denken, keine Fragen! Irgendwie alles zusammendübeln. Groß bewerben und senden. Prosecco trinken. Vernichtende Kritiken und unterirdische Quoten kassieren. Doch mal selbst eine Folge anschauen, erblassen und sich sehr, sehr schämen. Unterhaltungs-Chefin feuern und öffentlich Besserung geloben. Dann ganz schnell das Ganze noch mal von vorn! So macht man Fernsehen.

STARS AM ENDE

1. Kahn versenkt!

Schon die Idee klingt langweilig: fünf Paare kämpfen im Auftrag von Fun-Versprecher RTL2 an Bord eines B-Klasse-Luxus-Liners tagelang bei tumben Trottel-Turnieren um den ehrenwerten Titel des Kreuzfahrtkönigs. Dazu dienen anspruchsvolle Doofen-Wettkämpfe wie Ziegen melken, Limbo tanzen und Sachen ausziehen. Ist dann in echt aber noch viel stinkend langweiliger als es sich schon vorher angehört hat. Dazu noch popelig gefilmt, humorlos überlabert und angefüllt mit schweinelangweiligen Dokufilmchen über die teilnehmenden Laien-Langweiler. Blödige Banalität auf hoher See, zu Recht bereits nach einer Woche vom Abend in den Flauten-Vormittag verbannt.

2. Sven gefunden!

Es sollte das TV-Experiment des Jahres werden: Wo ist Sven? Kerner schickte einen seiner unterbeschäftigten Redakteure raus in die Wildnis, wo er versuchen sollte, trotz moderner Ortungsmöglichkeiten drei Wochen abzutauchen, mit großer SAT1-Rundum-Begleitung. Problem Nr. 1: es interessierte in Wirklichkeit keinen. Problem 2: nach 4 Tagen wurde er schon gefunden. Als nächstes Suchprojekt geplant: Wo sind die Zuschauer? Da waren doch früher mal so viele, die müsste man doch auch orten können. Denn wenn von denen nicht langsam mal wenigstens ein paar wieder zurückkehren, heißt es wahrscheinlich bald in SAT1: Wo ist Kerner?

3. Alles vergeigt!

Selbst die größte Grütze ist nicht sinnlos, sie kann immer noch als schlechtes Beispiel dienen! So gesehen müssen wir dem für das Vierte produzierten Haus voller Töchter auf ewig dankbar sein, versammelt sie doch auf einmalige Weise alles und noch mehr, was man garantiert nicht tun darf! Denn einen so unfassbar schlechten Haufen Komödien-Kompost hat man wahrlich noch nie gesehen. Die erste Show, in der wirklich gar nichts stimmt: Schauspieler auf Handpuppen-Niveau, Bücher aus dem Klosett-Mülleimer der Praktikanten-Baracke im Autoren-Boot-Camp, Schnitt und Regie von zurückgebliebenen Schimpansen. Dazu als Krönung alle 10 Sekunden Megalacher vom Band, das einfach auf Zufall gestellt wurde, egal ob mitten im Satz oder wenn nur eine Frau einen Bleistift anspitzt. Das Wort ‚Scheiß-Fernsehen’ ist in einer neuen Dimension angekommen!

2017-02-10T01:40:13+00:00

Über den Autor:

Hier schreibt der Chef.

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