391. Die Gnade der Dritten (TVS 05/10)

Wenn man die Ersten schon längst vergessen und die Zweiten unfreiwillig abgeworfen hat, dann bekommt man die Dritten. Der künstliche Kauleisten-Upgrade vor der Mümmelstarre, ein Anzeichen für den langsamen Übergang in die altersbedingte Gemütlichkeit. Mit jugendlichem Eifer gekämpft und sich die Zähne ausgebissen hat man früher, jetzt genügt man sich mit dem gemächlichen Lutschen an der Wurzel des Lebensbaums. Irgendwann wird einem einfach alles egal, man möchte bloß nicht mehr gestört werden. Was im Grunde auch die Funktion der Dritten Programme im maroden Kiefer der öffentlich-rechtlichen Ohrfeigenvisage ganz wunderbar umschreibt. Man muss sich schon wirklich sehr bemühen, plausible Gründe für ihr kostspieliges Dasein zu finden, die nicht aus dem Bereich der sozialen Altenpflege stammen. Dabei hatten sie früher sehr wohl eine Bedeutung neben der reinen Einlullung des Publikums. Auch wenn sie in den Siebzigern jedem gesunden Kind eine Heidenangst einjagten, weil auf ihnen hauptsächlich das berüchtigte ‚Schulfernsehen’ lief, in dem zauselige Oberlehrer-Karikaturen mit Kastenbrille und Filzbart in Cordsakkos neben bekrickelten Tafeln standen und für die Schulschwänzer den verpassten Unterrichtsstoff nachstammelten. Später allerdings überraschten uns die Dritten zunehmend mit kleinen aber feinen Unterhaltungsperlen, die einen wohltuenden Kontrast zum verängstigt biederen Hauptprogramm boten. Erfreuliche Serien-Wiederholungen, vergessene Spielfilme, und nicht zuletzt zahlreiche Nischenformate, in denen man neuen Moderatoren oder Ideen eine Chance gab. Man experimentierte und wagte das, was sich der große Bruder ARD nicht traute, sogar für junge Leute unter 60.

Sehr lange her. Die heutigen Dritten fürchten sich vor nichts mehr, als versehentlich etwas Neues, Spannendes oder Interessantes zu produzieren, das für eine Kontroverse oder zumindest Gesprächsstoff sorgen würde. Beherrscht von der Angst, jemand könne anrufen, weil er etwas nicht so doll mochte oder nicht verstand. Kein Programm ohne regionalen Bezug, damit niemand vergisst wo er wohnt, nichts was man nicht ohnehin schon weiß oder kennt, keine Probleme, die nicht mit einem Augenzwinkern gelöst werden, keine Gedanken, die an der Hirnrinde abprallen und ein weiteres Nachdenken verursachen könnten. Der Puls des Zuschauers darf niemals steigen, nur langsam in den Schlummerzustand sinken. Die Dritten sind die lange Unterhose der ARD, das warme Pullern ins intellektuelle Nichtschwimmerbecken, der vertraute Furz von Opa unter der Wolldecke am Kamin, der Oma wohlig schmunzeln lässt. Eingeschüchtert durch die blödige Ergebenheit an die imaginäre Quote und die Angst, die eigene Existenz vielleicht eines Tages ernsthaft rechtfertigen zu müssen, wenn diese den Menschen bewusst würde, sendet man lieber den gemütlichen Soundtrack zum gutbürgerlichen Spießbürgertum aus der Chill Out-Lounge der Mittelmäßigkeit. Aber ganz leise, damit keiner aufwacht. Pscht!

STARS AM ENDE

1. Quotenretter

Da der Versuch von Pro7 scheiterte, das Nachmittags-TV testweise mit den grottenschlechtesten ‚Scripted Reality’-Formaten der Welt ins Kultur-Koma zu furzen, greift man nun auf die gute alte doofe Doku-Soap zurück! Diesmal wird gerettet, und zwar bumsblöde Berufsverbocker aller Art. Vier verdammt clevere Jobretter sollen verranzte Friseur-Versager und faulige Nagelstudios wieder zum blitzenden Vorzeige-Business umschmirgeln. Und da wir bei Family-Entertainer P7 sind, stehen sicher bald auch der marode Puff am Stadtrand, der schwächelnde Swinger-Club im Gewerbegebiet und der blinde Brustvergrößerer neben der Grundschule auf der Rettungsliste. Die eigene Redaktion sollte man allerdings auch nicht vergessen!

2. Tölentrainer

Schon länger hechelt Der Hundeprofi durch das VOX-Programm und versucht verzweifelten Dackelbesitzern und ihren ruppigen Rüpelrüden zu einem harmonischen Miteinander zu verhelfen. Eine Art Supernanny für unerzogene Leinenkacker, so weit so gut, warum auch nicht. Jetzt aber kommt leider der unvermeidliche VIP-Hundeprofi – und wir müssen neben den netten Wuffis wieder einmal die üblichen unerträglichen Restpromi-Häufchen von Ross Anthony über Nina Ruge bis zu den Jacob Sisters ertragen! Kein Wunder dass die kleinen Flohtransporter da neurotisch werden… und bevor irgendein Pekinesenhirn auf die tolle Idee kommt: nein, ich möchte nicht mitmachen!

3. Frauenversteher

Sehr lustig: vor einiger Zeit kündigte der freundliche Abzocker-Channel 9live mit stolzen Fanfaren an, am späten Nachmittag den Publikumsbeschiss einzuschränken und ein dreistündiges Fenster namens Neun TV speziell für die Frau von heute zu entwickeln! Da wurde dann mal kurz Schreinemakers durchgewunken, dann lief irgendeine gefloppte Telenovela und alte Folgen von Kommissar Rex, zwischendurch vielleicht auch mal ein feminines Anrufspielchen für Damen, die sich gern verarschen lassen. Interessiert hat es jedenfalls niemand. Und nun kam heraus, dass der ganze Murks logischerweise eingestellt wurde. Allerdings schon vor über drei Monaten – nur hatte es bis jetzt noch keiner gemerkt! Ha-Ha! Frauen sind ja so oberflächlich…

2017-02-10T01:40:14+00:00

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Hier schreibt der Chef.