377. Der Tag, an dem die Quote stillstand (TVS 16/09)

Die allerschlimmste Horror-Vision, die sich ein treuer Fernsehschaffender nur vorzustellen vermag, ist wahr geworden: am 1.7. dieses Jahres konnten auf Grund technischer Probleme keine Einschaltquoten bekannt gegeben werden! Furchtbarer geht es kaum, das gesamte Medium versank in einer universellen Sinnkrise: Warum haben wir dann überhaupt gesendet? Wozu die Mühe? Mit welchen Argumenten sollen wir unsere Verbrechen am Publikum legitimieren, wenn keine Zahlen für ihre Akzeptanz vorliegen? Etwa durch gesunden Menschenverstand oder unseren eigenen Geschmack? Vergiss es! Dann können wir ja gleich dichtmachen, bei der gequirlten Scheiße zwischen Hirntod und Augenkotze, die wir alle senden. Aber was, wenn gerade gestern die Folge 7243 von Richterin Barbara Walfisch (Samenraub mit Todesfolge durch homosexuelle islamische Fundamentalisten in einem Kölner Fitness-Center) von 96% der werberelevanten Zielgruppe gesehen worden wäre und es nun niemand erführe? Oh gütiger Gott der Marktanteilsmessung, wieso hast du uns bloß verlassen?

Zum besseren Verständnis ein paar Schritte zurück: da gibt es die GfK, das Zentrum zur Messung höchst veritabler Daten zur Media-Nutzung, die eine ganze Menge nützlicher und verlässlicher Informationen liefert. Nur halt nicht die reale Zuschauerzahl oder den wirklichen Marktanteil aller eingeschalteten Geräte. Das ist eher ‚ungefähr circa pi mal Daumen oder so’, da nur von 5640 Geräten auf uns alle hochgerechnet. Und dies quasi ohne Berücksichtigung der GEZ-befreiten Studenten, Rentner, Arbeitslosen, Ausländer, usw., oder der Nutzung über DVD, Internet, Festplatten-Aufnahme, etc. Lustigerweise ist allerdings eben jener höchst ungenaue Wert der GfK der einzige, der sowohl von sämtlichen Fernseh-Verantwortlichen als auch vom Publikum wider besseren Wissens stets als real angenommen und zitiert wird. Auf absurde Weise amüsant, aber im Grunde mehr als doof. Denn genau diese Zahl, die es im Grunde gar nicht gibt, ist die gültige Währung im täglichen TV-Geschäft und entscheidet über Ausrichtung, Leben und Sterben einer Sendung.

Nun versucht die GfK, ihre Datenerfassung zu modernisieren und der heutigen Zeit anzupassen. Was konkret bedeutet, dass jetzt auch bis zu 16 Gäste mit angemeldet werden können und DVD-Aufzeichnungen registriert werden, falls sie innerhalb von zwei Tagen angeschaut werden. Sehr vernünftig, denn wie oft sitzt man beispielsweise mit 16 Kumpels zusammen und schaut sich noch mal die besten Szenen aus den Tagesthemen von vorgestern an, oder feiert fröhlich in großer Runde, wie Giulia Siegel einen neuen Bumsgefährten sucht oder Schweiger ein williges Weibchen für einen Hollywood-Porno, oder wie irgendeine grinsende Furznasenfunzel die tollsten Funny-Video-Charts aus dem Internet präsentiert. Fernsehen ist ja immer ein Grund zum Feiern. Aber ohne extern ausgewiesene Existenzbegründung geht das nun mal nicht, wie irreal zusammengeschustert auch immer. Denn die ganze lieblos hirnfrei produzierte Zuschauerverarschung allein vor sich selbst und dem eigenen Gewissen zu verantworten, würde selbst ein geisteskrankes Borstenschwein vor Scham nicht aushalten. Geschweige denn ein eierloser Fernsehredakteur.

STARS AM ENDE

1. Stars zum Schnarchen

Wäre es nicht so tragisch, wie unsagbar träge die müde fette Schnecke ARD mit zehn Jahren Sicherheitsabstand jedem Trend hinterher schleimt, man könnte herzlich lachen über den neuesten Plan! Endlich auch mal eine Chart-Show: Die schönsten Hits der Deutschen zum Wählen im Internet, kommentiert von zahlreichen Alt-Promis aus den Aufenthaltsräumen der sendereigenen Senioren-Begegnungsstätten. Natürlich nur rein deutsche Schlager, von der deutschen Redaktion vor-ausgewählt, damit nicht irgendein undeutscher Unfug gevotet wird. Das Horst Wessel – Lied wurde aber anscheinend vergessen.

2. Peep-Recykling

Frage: was versteht man nach eigener Aussage bei RTL2 unter einem ‚leidenschaftlichen Programmerlebnis mit ultimativem Fun-Faktor’? Richtig! Die Wiederholung der bumspeinlichen Erotik-Schmonzette Peep!, jener schmierigen Schlüpfer-Talk-Show aus den verpimmelten 90ern rund um das Thema Geschlechtsverkehr, Pro und Contra. Wechselweise moderiert von Amanda Lear, die kein Wort Deutsch verstand, Verona Feldbusch, die keine Ahnung hatte worum es ging, und Naddel, die gar nicht wusste, wo sie überhaupt war. Amüsant allerdings, den jungen Pflaumes bis Pilawas beim stolz-naiven Gelaber über ihre persönlichen Knattervorlieben zuschauen zu dürfen. Ein schwanztastisches TV-Wixperience mit pornomativem Fuck-Fiktor!

3. Zuviel des Toten

Ich weiß nicht, ob Sie es mitbekommen haben, aber Michael Jackson ist gestorben. Und die Welt ist daraufhin leider verrückt geworden. Denn der tägliche Media-Overkill nach seinem plötzlichen Dahinscheiden war weniger respektvolles Gedenken denn hysterische Leichenfledderei im Quotenrausch der Irrsinnigkeit. Kaum ein Promi, der nicht schon mal eine Jacko-CD im Laden gesehen und deshalb etwas Profundes über sein besonderes Verhältnis zu ihm zu erzählen wusste. Kein Sender, der nicht planlos hinter der Berichterstattung der anderen hinterher hechelte. Und kein verlogenes Boulevard-Magazin, das nicht mit Krokodilstränen im Schritt bedauerte, dass ja letztendlich leider genau solche Armleuchter wie man selber ihn in den Tod getrieben hätten. Gönnt ihm doch endlich seinen Frieden!

2017-02-10T01:40:16+00:00

Über den Autor:

Hier schreibt der Chef.

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