375. Betreutes Leben (TVS 14/09)

Es tut mir wirklich leid das sagen zu müssen, aber ich kann einfach die Fresse von Boris Becker nicht mehr sehen! Ich habe das Gefühl, ich leide unter akuter Beckophobie, einer Art allergischen Reaktion mit Juckreiz, Übelkeit und Erbrechen, wann auch immer er wieder unaufgefordert seine emotionslos lächelnde Rotrübe durch irgendein Boulevard-Magazin in welchem Medium auch immer spazieren führt. Also momentan mehrmals täglich. Wenn nicht gar durchgehend. Um ehrlich zu sein, ich fühle mich persönlich belästigt und verfolgt. Kann er sich nicht bitte nur ein ganz klein wenig zurückhalten und vielleicht auch mal aufs Scheißhaus gehen, ohne die Presse zu informieren? Ich kann keine Zeitung aufschlagen, keinen Sender einschalten und nicht einmal gefahrlos durchs Internet surfen, ohne sehen zu müssen, wie der sommersprossige Stammelmaxe Eheringe kauft, die Hose anprobiert, ungestottert das Ja-Wort geben übt, heiratet, sich von der Heirat erholt oder sich beim Atmen filmen lässt. Ich will das aber gar nicht sehen!

Warum auch? So eine Hochzeit sollte schließlich seine Privatsache sein, ein wunderschöner, intimer Moment mit der zukünftigen Frau seines Lebens, ich glaube, Lily heißt sie gerade. Aber stattdessen verscherbelt er ihre gemeinsame Privatsphäre exklusiv an Bild und RTL und prostituiert sich wie ein hyperaktiver Exhibitionist, der gerade seinen letzten Mantel verschenkt hat. Wie kann ein einstmals respektierter Weltspitzensportler bloß auf die Idee kommen, sein Leben freiwillig auf Schritt und Tritt von voyeuristischen Kamera-Affen aufnehmen und auf einer eigenen Website in Kurzfilmen veröffentlichen zu lassen? Wenn eine hohlbirnige Bumsnuß wie Paris Hilton sich beim Poppen oder Baurernhof-Praktikum ablichten läßt, um irgendwann einmal in einer Sinnkrise sich selbst den Beweis für ihre substanzlose Existenz vorlegen zu können, okay. Ich werde fotografiert, also bin ich – der erste philosophische Grundsatz der Blödigkeit. Nur welche traurigen emotionalen Defizite und Neurosen müssen an der Seele eines Super-Promis nagen, um freiwillig überall lachend seinen Pillermann rauszuholen? Bildlich gesprochen.

Das wirklich Furchtbare ist, dass uns vermeintlich öden Normalos mit all diesen nutzlosen Promi-Dokus aus der Kloake der inszenierten Nichtigkeit mehr und mehr suggeriert wird, so bescheuert wie bei den Dumpfnasen sähe das wirkliche Leben aus. So wie das Bobbelsche müsse man heiraten, wenn man was auf sich hält. So künstlich verkitscht und intelligenzfrei wie einst bei Gülcan und ihrem tumben Brötchenmillionär sähe romantische Liebe aus. Oder so unsympathisch egomanisch wie Gulia Siegel müsse die selbstbewusste moderne Frau auf Männerfang gehen. Um Gottes willen, wie furchtbar sähe unser Leben aus – selbst der liebe Gott müsste sich übergeben! Vielleicht sollten wir deshalb alles, was wir von den tollen Prominenten sehen, für uns wirklich als absolutes Vorbild nehmen. Um es exakt so nicht zu machen!

STARS AM ENDE

1. Armutszeugnis

Klar, die böse Finanzkrise macht allen das Leben schwer, und selbst die herzensguten Volksbespaßer der vielfältigen Medienunternehmen müssen den kreativen Gürtel enger schnallen. Nur dass Pro7 und Kabel 1 jetzt damit anfangen, ihre durch Werbespot-Unterversorgung entstandenen Programmlücken mit 9live-Mini-Telefon-Flipchart-Idioten-Betrugs-Formaten zu kompensieren, lässt den Zuschauer vor Fremdscham für sie im Sessel versinken. Die traurige Tatsache, dass durch eine idiotische Gesetzes-Novelle zeitweise sogar Minderjährige im lustigen Quiz Break verarscht und abgezockt wurden, nur um die leeren Senderkassen wieder aufzufüllen, macht das ganze allerdings nicht nur peinlich, sondern erbärmlich.

2. Pornocasting

Da das deutsche Fernsehen ohne Casting-Shows inzwischen nicht mehr überlebensfähig wäre, hat RTL dankenswerterweise die Klum-Bohlen-Lücke mutig mit Mission Hollywood geschlossen. Til Schweiger erfüllt einem ‚Mädel’ den großen Traum, internationaler Filmstar zu werden, wofür die Kandidatinnen strippen, sich Zungenküsse geben und Orgasmen vorspielen müssen. Angelehnt an Szenen aus seriösen Filmen, versteht sich. Und wenn der Lümmel von Heiner Lauterbach und anderen sabbernden ‚Top-Experten’ ausschlägt, geht es eine Runde weiter. Alt-Herren-Fleischbeschau auf dem Niveau einer dörflichen Miss-Wahl für den lokalen Wurstfabrikanten. Übrigens mit exakt den gleichen Spielchen vom Star-Casting auf dem Beate Uhse – Kanal vor ein paar Jahren. Nur da ging es um die Rolle in einem Pornofilm. Aber in Hollywood gibt es anscheinend auch nur Wichser!

3. Dschungelpause

Oh, wie schade! Weil selbst RTL, dem großmäuligen Marktführer mit der ewig dicken Hose, langsam die Kohle ausgeht, müssen wir nächstes Jahr leider auf das fröhlich-sadistische Umerziehungslager für deutsche Unterhaltungsverbrecher verzichten! Das heißt: trotz großen Erfolgs gibt es 2010 kein Dschungelcamp, weil es einfach zu teuer ist, die bekloppte Arschgeigenbande samt Überwachungskameras im Busch einzusperren. Sehr ärgerlich – wieder ein Jahr unverdienter Haftaufschub für den ganzen Entertainment-Herpes! Jetzt könnte man all die aufmerksamkeitsgeilen Grinsefressen höchstens noch mit Nichtachtung strafen… aber das tut ja leider keiner.

2017-02-10T01:40:16+00:00

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Hier schreibt der Chef.