346. Wo ist die Kamera? (TVS 11/08)

Ich verstehe die ganze Aufregung nicht. Auf einmal entrüsten sich sämtliche Menschen im Lande und alle Daten-,  Mitarbeiter- und Tierschützer darüber, dass bei Lidl & Co seit Jahren professionell die Angestellten bespitzelt werden. Ja und? Ganze Nationen und Diktaturen funktionieren so, kaum ein Staat verzichtet freiwillig auf das Überwachen seiner minderbemittelten Bürger, wieso soll dann eine kleine wurstige Dosenfraß-Kette das nicht genau so machen? Spionieren und denunzieren ist eine ehrenhafte Tätigkeit auf möglichst freiwillig anmutender Basis, die von den meisten Regierungen dieser Erde sehr geschätzt wird, so lange es in ihrem Sinne geschieht. Es ist nicht nur international beliebt, sondern zudem auch eine grunddeutsche Tugend, wie unsere Vergangenheit beweist. Nicht nur in ideologischem oder regional-historischem Sinne, die Neugier am Leben der Anderen in Verbindung mit genetisch begründetem Hang zum Denunziantentum beginnt meist schon ganz privat beim eigenen Nachbarn.

Wieso sollen wir also Plus, Penny, ikea, Burger King, Edeka und wie sie alle heißen mögen, deswegen böse sein, nur weil sie aus Mangel an sinnvollen Tätigkeiten ihre Aktenordner mit unwichtigen Informationen über das Leben ihrer Lohnsklaven füllen, um sich dadurch in ihrer eigenen Erbärmlichkeit ein wenig überlegen zu fühlen? Ist ja doch eher ein Armutszeugnis, vielleicht wäre kollektives Bedauern über derart mentale Kleinwüchsigkeit viel angebrachter. Wenn Schäuble und seine Spießgesellen in regelmäßigen Abständen mit neuen crazy Überwachungs-Ideen um die Ecke kommen, kann man ihnen zumindest zugute halten, dass sie im besten Falle versuchen, einen terroristischen Anschlag vereiteln zu wollen. Wenn bei Aldi oder Netto dank IM Fleischereifachverkäufer oder Live-Stream ins Damenklo brisante Informationen wie die Darmprobleme des Kassenfrolleins, die Anzahl gerauchter Zigaretten des Praktikanten oder die Bandscheibenprobleme des Mannes der Tante vom Onkel des Einkaufswagenzusammenschiebers in die Top Secret – Akten der Geschäftsführung wandern, fragt man sich als Außenstehender schon ein wenig, wieso eigentlich. Geht die doch eigentlich einen feuchten Scheiß an, denkt man da ja irgendwie, und die Bedrohung für die nationale Sicherheit erscheint einem selbst bei bösem Willen nur so mittel. Also wozu eigentlich der ganze Mumpitz?

Vielleicht war es ja im Grunde alles nur nett gemeint. Vielleicht dachte man in den Vorständen, die Mitarbeiter würden es mögen, wenn Ihr Tun mit Kameras festgehalten würde, weil man sich dann ein bisschen vorkommt wie im Fernsehen. Ein Hauch von Big Brother, ein Touch von Doku-Soap, das unerklärliche Gefühl, interessant und so was wie prominent zu sein, wenn sich eine Kamera schon die Mühe macht, einen abzufilmen. Wahrscheinlich war es gedacht als ein Akt der Wertschätzung gegenüber den Angestellten: ‚Hallo, hier sind wir, Eure Chefs, und wir haben Euch lieb. Wir interessieren uns für Euch. Auch für Euer Privatleben. Und nur deshalb zeichnen wir so viel wie möglich von Euch auf und sammeln Informationen in dicken Ordnern. Als Erinnerung. Wenn Ihr mal nicht mehr da seid. Zum Beispiel weil wir Euch entlassen mussten, weil wir gesehen haben, dass Ihr immer fünf Minuten zu lang Pause macht. Aber in unseren Herzen und Dateien bleibt Ihr auf ewig bei uns. Und vielleicht seht Ihr Ausschnitte aus Eurer Arbeit demnächst sogar bei ‚Upps, die Pannenshow’ oder auf youtube.’  Also ich finde das prima. Kann gar nicht verstehen, wieso RTL da noch keine Show draus gemacht hat!

STARS AM ENDE

1. Schöner stillstehen

Jetzt haben wir es wenigstens schriftlich: RTL hält die deutschen Zuschauer für geistig zurückgebliebene Langweiler! Okay, etwas freundlicher versuchte es Anke Schäferkordt schon auszudrücken mit ‚Das Publikum lässt sich nur ungern auf Neues ein’ und all den anderen Sätzen, mit denen sie die eigene Kreativlosigkeit im Interview begründen und auf uns konservativ stursinnigen Glotzköppe abwälzen wollte. So eine Aussage klingt allerdings schon arg nach ‚Gib dem Opa seinen Brei, der kriegt das eh alles nicht mehr mit!’ Ich jedenfalls möchte mich mit Nachdruck von diesem traurigen Publikumsbild distanzieren. Und ich glaube, der Rest von uns auch.  Bitte nicht immer von der eigenen Kopfstarre auf andere schließen!

2. Taxi-Panne

Zuviele Taxen verderben den Markt! Promi-Quiz-Taxi schon tot, Hape-RTL-Taxi auf Gnadenstrecke, und jetzt erwischt es auch die alte Tante Quiz Taxi von Kabel 1. Nach treuen Diensten fährt es nicht mehr die Quoten ein wie früher, das Taxameter steht auf Flop, und deshalb muss es jetzt in die ‚kreative Sommerpause’. Aha. Die dann zur ‚Optimierung genutzt werden soll’. Hört hört! Im Fachjargon ist das meistens die freundliche Umschreibung für aktive Formatsterbehilfe und Zwangsverschrottung.  Na dann schönen letzten Urlaub!

3.  Power Off!

Man fragt sich ja schon, ob bei VOX eigentlich allen Ernstes irgendjemand geglaubt hat, dass eine nicht unangenehme, aber doch hochgradig unspektakuläre Durchschnitts-Quiz-Show wie Power of Ten am späten Abend wirklich ein Quotenhit sein könnte. Und dann auch noch täglich! Warum denn nicht am Vorabend oder späten Nachmittag, wo sie theoretisch sogar so etwas wie Sinn gehabt hätte? Oder war es ein kalkulierter Flop, um für die nächsten Jahre Kreativstopp eine Entschuldigung zu haben? Schäferkordt, ick hör Dir trapsen…

2017-02-10T01:40:19+00:00

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Hier schreibt der Chef.