493. Danke Privatfernsehen! (TVS 03/14)

Das Leben ist Veränderung. Aus Kindern werden Leute, aus Maden Würmer und aus kleinen Fürzen irgendwann große Arschlöcher, so ist der Lauf der Zeit. Und wer hätte das gedacht: RTL und SAT1 werden dieses Jahr beide schon 30 Jahre alt! Eigentlich Zwillinge im Geiste, jedoch bei der Zangen-Geburt gewaltsam getrennt und dann auf verschiedenen Seiten des Quotenflusses aufgewachsen, so dass aus den möglichen Kumpeln Dick & Doof am Ende doch eher das Nord- und Südkorea der deutschen TV-Landschaft wurde. Und während in Villa RTL schon gefeiert wird, zählt man bei SAT1 noch an den Fingern nach und wartet bis die Party vorbei ist, damit man sie später wie gewohnt kopieren kann.

So wollen aber auch wir dieser Tage innehalten und unseren lieb gewonnenen Privatsendern einfach einmal Danke sagen. Denn wie trist und grau sähe unsere Welt aus, wenn es sie nicht gäbe? Wir hätten immer noch bloß zwei Kanäle, mindestens einen davon in Schwarzweiß, ein Drittel am Tag Testbild, der Rest noch langweiliger. Im Bereich der Unterhaltung herrschte Dürre und Verzweiflung und nachts würden wir heimlich für Entertainment-Care-Pakete aus den USA beten. Samstags käme ab und zu mal Wetten dass, Sonntags immer Lindenstraße und später ein Tatort. Ach so, Entschuldigung… Statt des gestreckten Mittelfingers befände sich der erhobene Zeigefinger permanent vor unserer Nase, überall auf der Straße sähe man Leute mit Büchern und alle Kinder würden Anzüge tragen.

Dank des Privatfernsehens aber zogen irgendwann Spaß und Lebensfreude in unser Land, die Werbung half uns bei der sinnvollen Verteilung unserer Ersparnisse. Wir lernten die lebensrelevante Zielgruppe der 14-49jährigen kennen und begriffen endlich die Nutzlosigkeit der jüngeren und älteren Existenz-Schmarotzer. Prominenz wurde neu definiert und gleichzeitig einem jedem ermöglicht, Glück und Ruhm durch öffentliche Verspottung zu erfahren. Kontaktgestörte Homo Sapiens-Mutationen und asoziale Proll-Amöben mit angeborenem Brägenrost, die früher von ihren Eltern noch verantwortungsvoll im Keller eingesperrt wurden, bewiesen sich als unsere neuen Medienhelden. Das Fernsehen wandelte sich vom Medium, das uns einst die Flucht in andere, reizvollere Welten ermöglichte, zum Mahnmal des beschissenen Lebens der anderen – denn selbst in der dreckigsten Gosse des Schicksals bleibt einem beim dort dargebotenen Schwachsinn ein erleichterndes Gefühl der Überlegenheit. Danke Privatfernsehen, du bist ein echter Scheißtyp zum Knuddeln – weiter so!

2017-02-10T01:40:05+00:00

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