Wir überholen die Amis bald in der Scheinheiligkeit

DWDL.de/Thomas Lückerath Auf dem Kaffee steht die Warnung „Vorsicht, heiß“, wurde gerade der Boden gewischt, warnen Schilder davor, dass es rutschig sein könnte. Braucht das deutsche Fernsehen einen Warnhinweis und wenn ja welchen?

Das ist eine gute Frage. Eigentlich müsste so ein „vorsichtig giftig“, „gehirnzersetzend“ oder „Vorsicht, kann langfristig zu Gehirnschäden führen“ drauf stehen. Oder wie in diesen Jugendschutz-Trailern: „Dieses Programm ist für Menschen mit einem IQ über 20 nicht geeignet“. Das deutsche Fernsehen auch im Jahr 2012 ist leider beschämend.

Einen Jugendschutz haben wir. Aber inhaltlich reguliert niemand…

Die Landesmedienanstalten tun nichts, weil sie ja gar nicht gucken, was sie eigentlich kontrollieren sollen. Tut ja auch keiner freiwillig. Aber dort müsste es eigentlich rund um die Uhr eine Programmbeobachtung geben. An Mitarbeitern wie Landesmedienanstalten mangelt es doch nicht. Wir haben eine Aufsicht, die nur reagiert, wenn sich jemand beschwert. Aber auch das muss massiv und über einen langen Zeitraum geschehen, bevor dann wirklich etwas passiert. Sehen Sie sich das Beispiel 9Live an, wie ProSiebenSat.1 dort die Menschen jahrelang betrügen und bescheißen konnte. In der Fußgängerzone hauen die Hütchenspieler ab, wenn die Polizei kommt. Aber da konnte ungehindert mit breitem Grinsen betrogen werden. Wie lange das gedauert hat, bis da überhaupt mal jemand reagiert hat. Und dann gab es ein paar kleine Strafen, die lachend aus der Portokasse bezahlt werden konnten.

Das ist ja immerhin vorbei…

…aber es geht ja immer irgendwo weiter. Die komplette Daytime, die zahllosen Nachmittags-Billigformate – die checkt doch auch keiner. Die Sender hatten sich doch mal angeblich zu einer freiwilligen Selbstkontrolle verpflichtet. Aber was da heute über den Sender geht, dürfte bei keiner Prüfung durchgehen. Es fließt vielleicht kein Blut, aber sämtliche moralischen und inhaltlichen Grenzen des Jugendschutzes werden täglich überall durchbrochen und verspottet. Entweder die Kontrolleure sind betriebsblind oder blöd oder beides. Und die Sender wissen doch inzwischen ganz genau wie sie sich möglichst hart an der Grenze des Erlaubten bewegen, um sich immer rauswinden zu können.

Und was erlaubt ist und was nicht, das ist ja auch sehr kurios…

Wenn im deutschen Fernsehen mal ein Pimmel zu sehen ist, dann hyperventiliert die FSK. Aber wenn es bei „We love Lloret“ eine Stunde lang um nichts anderes als Saufen und Ficken geht, dann ist das okay. Wenn sich nicht gerade jemand sturzbesoffen vor die Füße kotzt, geht es nur um Gang Bang, Blow Jobs, Dreier und dicke Titten. Und ich behaupte: So ein Schund setzt sich doch massiver in deinem Kopf fest als wenn einmal in einem Film oder einer Serie mal kurz ein Schwanz oder ein paar Brüste zu sehen sind. Wir überholen die Amerikaner bald in der Scheinheiligkeit: Wir empören uns über unanständige Symbolik aber merken gar nicht, wie unser Umgang miteinander immer roher und gedankenloser wird! Es muss doch irgendwo eine moralische und intellektuelle Grenze geben, vor allem für ein Massenmedium wie das Fernsehen. Und liebe Sender: Es geht nicht nur um das, was man darf oder nicht. Sondern auch – und jetzt bitte nicht lachen – um so etwas wie Verantwortung dem Publikum gegenüber.

Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Aber zugenommen hat auf jeden Fall die Distanz von Machern und Publikum, was abseits von geschmäcklerischen Fragen einfach eine Reihe von grundsätzlich fragwürdigen Formaten hervorgebracht hat….

Ja, die Fernsehsender haben kein Verhältnis mehr zu ihren Zuschauern. Die hassen und verachten ihr Publikum. Die „Mattscheibe“ hatte auch in den 90ern schon genug zu tun, aber damals haben wir uns doch eher amüsiert über den übertriebenen Quatsch, den die Sender uns präsentierten. Es war Quatsch, aber die Macher glaubten fest daran und dachten, sie würden gerade das tollste Format ihres Lebens machen. Damals waren es diese festen Überzeugungen, die wir so lustig fanden. Das Wollen im Kontrast zum wirklichen Können. Heute hat kaum noch jemand eine wirkliche Überzeugung oder eine Haltung zum eigenen Programm. Man will gar nicht mehr unterhalten, informieren oder mit dem Publikum kommunizieren, man will nur noch senden und schnell nach Hause. Sowohl vor als auch hinter der Kamera arbeiten immer weniger Profis. Bekloppte spielen Bescheuerte nach und müssen verkorkste Proleten-Porno-Fantasien von gelangweilten Hilfsredakteuren und Teilzeit-Praktikanten umsetzen, die inzwischen das ersetzen was früher mal eine Redaktion war. Schauspieler, Autoren, Kostüm, Maske, Licht, Kamera – wozu dafür noch Profis beschäftigen? Das kann doch jeder – und irgendein Kumpel hat auf dem Rechner bestimmt auch ein Schnittprogramm.

Sie reden von Scripted Reality…

Ja, ganz furchtbar, was wir da derzeit sehen. Nichts spricht gegen Scripted Reality an sich, wenn man es vernünftig umsetzen würde. Wenn es noch irgendeine Aussage hat oder einen Sinn verfolgt, zum Beispiel wie man Probleme lösen könnte oder etwas besser machen kann, wie bei Coachingformaten – warum nicht. Auch öffentlich-rechtliche Servicemagazine arbeiten seit Jahrzehnten mit „Beispielfällen“. Wenn die zur Veranschaulichung verfilmt werden, um inhaltlich etwas zu transportieren, dann ist das ein adäquates Stilmittel, egal ob man das jetzt mag oder nicht. Auch bei Dokusoaps wie „Raus aus den Schulden“ oder „Rach der Restauranttester“ – da sind die Grenzen zwischen Realität und Inszenierung sicher häufig auch fließend, aber es geht immer noch zumindest teilweise um Themen, von denen auch der Zuschauer etwas für sich mitnehmen kann. Das trifft auf die aktuellen Scripted Reality-Formate in der Daytime überhaupt nicht mehr zu.

Was würden Sie den Verantwortlichen dieser Formate vorwerfen?

Was ihnen vollkommen fehlt ist Moral und Verantwortungsgefühl. Das ist in der heutigen Gesellschaft zwar total out. Aber da bleib ich konservativ. Fernsehen ist immer noch das stärkste Massenmedium und viel zu viele gehen damit grob fahrlässig um. Fernsehen an sich macht nicht blöd, aber die Programme, die wir momentan erleben, machen definitv langfristig dumm. Wenn das wirklich die Realität sein soll, die man uns da als solche vorgaukelt, dann will man doch gar nicht mehr auf dieser Welt leben! Dann will ich lieber weg. Ich weiß nur nicht wohin. Ich will diese Menschen in den Sendungen überhaupt nicht kennen lernen, weder real noch fiktiv.

Ich glaube auch, dass viele Teilnehmer solcher Sendungen gar nicht daran denken, dass möglicherweise gerade in deren sozialen Umfeldern diese Sendungen für echt gehalten werden…

Ganz klar: Die Menschen, die da mitmachen, werden übel vorgeführt. Die große Masse der Bevölkerung, die sich nicht im Detail mit dem Fernsehen auskennt, hält das meiste, was sie dort zu sehen bekommt, für echt. Und dabei trifft es auch noch die Ärmsten. Genau jene, die tagsüber zuhause sitzen weil sie entweder keinen Job haben, sich keine alternative Freizeitgestaltung leisten können, krank sind oder keine sozialen Kontakte haben. Die werden gleich doppelt verarscht: Entweder weil sie als Teil solcher Produktionen öffentlich vorgeführt werden oder weil sie nur noch solche Programme gezeigt bekommen. Und wenn ich den ganzen Tag nur Menschen sehe, die sich anschreien, bepöbeln, betrinken, streiten und schlagen und noch nicht einmal richtig Deutsch sprechen – natürlich färbt so etwas ab. Und dafür sind die Macher dieser Sendungen verantwortlich. Fernsehen ist so ein tolles Medium. Es kann informieren, unterhalten und den Horizont der Menschen erweitern, aber in diesem Fall schränkt er ihn ein. Ich höre mich schon an wie ein Moralapostel, obwohl ich nur ein ganz klein bisschen Anstand und Respekt gegenüber dem Zuschauer verlange, so weit ist es gekommen.

Und trotzdem schaut das Publikum zu. Wie erklären Sie sich das?

Das wird ja immer gern als Rechtfertigung benutzt. Aber das stimmt genauso nicht wie der zynische Spruch das Publikum bekäme ja nur das Fernsehen, das es verdient. Eins wird dabei immer vergessen: In meinem Umfeld – und bestimmt auch bei Ihnen – schaut ja keiner mehr fernsehen. Jeder der es nicht muss und es sich leisten kann, schaut PayTV, Video-on-demand, DVD oder Bluray oder nutzt iTunes, was auch immer. Fernsehen auf vielen neuen Wegen, aber eben nicht klassisches lineares Fernsehen. Aber eben die, die sich das nicht leisten können, sind auf das Angebot angewiesen, das es gibt. Ob „Pures Leben“ oder „Mitten im Leben“, „Betrugsfälle“ oder „Verdachtsfälle“… man kann sich nur noch von einem Elend zum anderen zappen. Und bitte liebe Privatsender: Fangt da jetzt nicht ernsthaft an, auf Arte zu verweisen. Arte ist toll, aber nicht die Entlastung für Euer Gewissen. Und bei den restlichen Öffentlich-Rechtlichen kommt am Nachmittag doch auch nur Kochshow, Telenovela oder Boulevard-Tratsch-Magazine, dort bietet man keine wirkliche Alternative. Und so schaut jeder dann das für ihn kleinste Übel – weil die meisten Menschen sich ja mit irgendwas berieseln lassen wollen. Ich bin ja froh, wenn ich irgendwo versteckt noch eine gute alte Serie entdecke, z.B. bei Kabel Eins oder Tele 5.

Bleiben wir doch mal bei den Öffentlich-Rechtlichen. Die überzeugen Sie auch nicht?

Das Sehenswerte wird ja meist versteckt, aus Angst es könnte jemand nicht verstehen. Entweder tief in der Nacht oder auf den Digitalkanälen. Wir nutzen die vielleicht, aber die meisten Menschen haben die doch gar nicht auf der Fernbedienung, und das ZDF sendet auf ZDFneo all das, was eigentlich im Hauptprogramm ihre verdammte Pflicht wäre: Intelligente US-Serien und Eigenproduktionen für ein mündiges Publikum von höchster Qualität. Stattdessen gibt es das Traumschiff, Rosamunde Pilcher und Unser Charly. Meinetwegen auch ab und zu diese kleine Portion seichten Schwachsinn, in Maßen nichts dagegen – aber bitte nicht nur!  Wie die mit den „Sopranos“ umgegangen sind und jetzt wieder mit „Mad Men“ und „30 Rock“ ist wirklich jämmerlich.  Bestmögliches Verstecken. Ich könnt mich da tierisch aufregen.

Man bekommt ja inzwischen auch über die Social Networks täglich mit, wie Sie sich empören. Man macht sich da fast Sorgen um Ihre Gesundheit. War die Pause der „Mattscheibe“ für Sie eher Kur oder Entzug?

Eine kleine Pause tut immer gut. Aber irgendwann werde ich unruhig, weil keiner sonst dem Wahnsinn etwas entgegengesetzt hat. Ich mache das ja, weil ich das Fernsehen im Grunde wirklich liebe. Ich bin großer Fan und begeistere mich gerne, aber wenn ich dann sehe wie man als Zuschauer behandelt und missachtet wird, wie man mir förmlich und bildlich vor die Füße kotzt, dann will ich das eben nicht ohne Widerspruch hinnehmen.

Sie kritisieren ja schon gerne im Ton eher deftiger. Und trotzdem mag die Branche Sie durchaus. Wie erklären Sie sich das?

Weil die insgeheim wissen, dass ich recht habe. Ich moderiere ja ab und an auch mal Veranstaltungen der Medienbranche. Aber statt da die Eier der Anwesenden zu kraulen, was alles so furchtbar bedeutungsschwanger macht, mache ich lieber ein paar Witze über sie. Und es scheint für viele in der Branche dann auch ein Ventil zu sein, endlich mal über die eigenen Fehler lachen zu dürfen. Wenn man über sich selbst lachen kann, ist alles nur halb so schlimm, weil das zeigt, dass man den Kern der Kritik verstanden hat. Ich halte der Branche gern den Spiegel und diskutiere auch gerne darüber, wie es besser werden könnte. Weil mir das Fernsehen noch wichtig ist und ich gern gute Programme hätte, so wie Sie auch. Ich bin ja nur so wütend, weil man gerade uns, die wir das Fernsehen lieben, für so bescheuert hält.

Hat das Internet da eigentlich der TV-Kritik geholfen? Es gibt dank des Internets zwar eine öffentliche Plattform zum Austauch, aber oftmals auch in zweifelhaftem Tonfall…

Tja, es hat Vor- und Nachteile. Erst mal die Vorteile: Es gibt den Zuschauern ein Forum, in dem sie überhaupt wieder ihre Meinung sagen können und wahrgenommen werden. Über kritische Post mit Drohungen wie „Ich schalt den Sender nie wieder ein“ haben die TV-Sender in früheren Tagen doch im Zweifel nur gelacht. Wer keine dieser GfK-Boxen zu Hause hat, ist als Zuschauer irrelevanter als der umkippende Sack Reis in China, weil man nicht gemessen wird. Man ist weniger wert als ein Nichtwähler, weil als Verweigerer zumindest noch statistisch erfasst wird. Im Netz bündelt sich Kritik öffentlich und kann somit nicht komplett ignoriert werden.  Bei der Abschlussfeier der Olympischen Spiele, die von den ARD-Kommentatoren völlig taktlos und dümmlich zerquatscht wurden, gab es beispielsweise eine Riesenbeschwerdewelle auf der ARD-Facebook-Seite – und auf einmal wurden die Moderatoren still. Die Wirkung war verblüffend, auch wenn die ARD natürlich später alles leugnete.

Das ist die gute Seite. Und die schlechte?

Im Internet darf natürlich jeder Pöbler, der sich sonst nicht traut zu seiner Meinung zu stehen und sie auch niemals jemanden persönlich ins Gesicht sagen würde, plötzlich das Maul aufreißen. Da wimmelt es manchmal vor schlechter Laune und selbstgerechten Leuten, die einfach nur meckern wollen, und oft löst das ganze Lawinen unreflektierter Beleidigungen aus.  Das mag ich nicht. Ich mag es auch nicht, wenn man von mir verlangt, dass ich den Hass und die Wut anderer weitertransportieren soll. Wenn ich dann mal sage, dass ich das eine oder andere gar nicht so schlimm finde oder sogar mag, dann wird mit oft sofort Verrat oder Käuflichkeit vorgeworfen. Mein Gott, ich mache das doch nicht, weil ich alles blind hasse oder eine persönliche Fehde austrage. Ich mag das Fernsehen und hätte gern mehr gutes davon, also habe ich auch das Recht, Sendungen oder Menschen zu mögen oder zumindest nicht sofort kritisieren zu wollen.

Ach, das liebe Fernsehen. Woran genau krankt es denn?

Die Quote an sich ist das Grundübel. Geld und Wille kommt später, aber die Wurzel allen Übels im deutschen Fernsehen ist der Glaube an die Quote. Dabei geht das jetzt überhaupt nicht gegen die Messung und die GfK an sich. Die machen im Rahmen ihrer Möglichkeiten einen guten Job. Das Problem ist: Knapp 6.000 Haushalte haben so eine Box neben dem Fernseher im Wohnzimmer stehen. Wenn einer neu reinkommt ins Wohnzimmer, muss der sich mit der Fernbedienung anmelden, wenn er geht auch wieder abmelden. Und so wird ganz genau gemessen, wer wann was im Wohnzimmer geschaut hat. Wunderbar, alles prima. Nur das Problem ist doch: Diese Messung entstand zu einer Zeit zu der die Mediennutzung noch eine ganz andere war. Heute sagt mir die Quotenmessung doch überhaupt nichts darüber, ob die Menschen nebenher nicht mit Smartphone, Tablet oder Notebook beschäftigt sind. Die Quotenmessung geht davon aus: Wer im Wohnzimmer sitzt, der guckt auch.

Und die TV-Nutzung über andere Geräte wird ja auch noch nicht gemessen…

Ja, eben. Fernsehen wird zu einem sehr großen Teil, vor allem von jüngeren Menschen, gar nicht mehr live, nicht mal mehr im Wohnzimmer oder an einem Fernseher gesehen, es wird aufgezeichnet, zeitversetzt gesehen oder über das Internet. Doch all diese Arten der TV-Nutzung werden derzeit nicht erfasst, bzw. haben in der Auswertung keinerlei Relevanz….

…also schlägt die Quote nur dann nach oben aus, wenn ich mich auf die konzentriere, die nicht jung und nicht aufgeschlossen sind. Vereinfacht gesagt.

So könnte man es zusammenfassen. Die Quotenmessung schenkt uns zahlreiche wichtige Erkenntnisse, z.B. die ungefähren Alters- und Bildungsstrukturen der Nutzer, Einschalt- und Abschaltfaktoren und ob die Leute nach der Werbung auch wieder zurück kommen oder nicht. Das sind ganz wichtige Informationen. Aber für das große Ganze – also die Frage, wie erfolgreich Sendungen im Wettbewerb miteinander sind – fehlt leider Aussagekraft, denn die so genannte Quote ist ein irrealer Schätzwert. Diese Messung hat mit der wahren Nutzung nichts mehr zu tun. Das immerhin beklagen die Sender ja inzwischen auch, nur tun sie nichts dagegen, denn es ist die einzige existierende Währung im TV-System, selbst wenn sie unlogisch ist.

Die Quote und die Öffentlich-Rechtlichen. Auch ein schönes Thema…

Die Öffentlich-Rechtlichen haben einen Auftrag. Wir alle bezahlen sie, damit sie diesen Auftrag ausführen. Die Privaten können ja theoretisch machen was sie wollen, wenn sie wirklich nur noch ihre Aktionäre befriedigen wollen, ist das ihre Entscheidung. Da kommt dann eben Billig-Scheiß plus endlose Wiederholungen bei raus. Solange am Jahresende ein Plus in der Bilanz steht, haben die Privatsender zumindest theoretisch ihren Job richtig gemacht. Ihnen ist der Inhalt egal, es zählt nur der Gewinn am Ende der Bilanz. Aber die Öffentlich-Rechtlichen können sich damit nicht herausreden. Deren Job wäre es, uns jeden Tag und jeden Monat mit neuen Ideen zu überraschen. Die haben keinerlei wirtschaftlichen Druck, sondern sollten der Kreativität und dem Publikum verpflichtet sein. Was für eine traumhafte Voraussetzung für Innovationen! Aber wenn wir uns die letzten fünfundzwanzig Jahre anschauen: Jeder einzelne TV-Trend, unabhängig von der Qualität, kam von den Privaten. Selbst Quizshows, Telenovelas und Infotainment. Wo sind die Ideen der Öffentlich-Rechtlichen? Wo haben ARD und ZDF Trends gesetzt? Sie haben nur kopiert, und das meist viel zu spät und dann auch noch schlecht.

Gut, das ist jetzt zugespitzt formuliert. Aber es ist schon enttäuschend wie wenig Kreativität bei so viel Mitteln herauskommt…

Die BBC schafft es doch. Und das obwohl die auch sparen müssen, man ist in England nicht reicher oder begünstigter als bei uns. Wenn man BBC einschaltet, kann man zwar auch bei einer beschaulichen Garten-Sendung landen oder dröge Streifzüge durch britische Landschaften erwischen. Aber eben nicht nur. Die BBC weiß wie man verschiedene Geschmäcker bedient und die eigene Kreativität fördert. Da kommen dann auch Perlen wie „Sherlock“, „The Office“, „Doctor Who“ und andere Highlights bei heraus – so viele geile Serien, die um die ganze Welt gehen. Plus Shows, Dokumentationen und andere Formate, die Qualitätsstandards neu definieren und vorgeben. Es ist einfach diese spürbare Mischkalkulation zwischen Brot-und-Butter-Produktionen und bewussten Highlights, die das Publikum – übrigens deutlicher als bei ARD und ZDF – auch schon mal intellektuell fordert anstatt nur einzulullen. Man spürt drüben auf der Insel den stetigen Wunsch, immer wieder etwas Neues zu entdecken und auszuprobieren.

Gut, jetzt hat die BBC eben den gewissen Vorteil der internationalen Vermarktbarkeit der Produktionen durch die englische Sprache. Aber ich stimme da zu: Fiction von der BBC bedeutet eine sehr breite Palette. Und in Deutschland zeigen ARD und ZDF fast ausnahmslos Krimi…

Genre-Produktionen existieren in Deutschland fast gar nicht. Thriller, Fantasy, Science Fiction, Horror, schräger Humor oder ein Mix aus verschiedenen Genres wird man bei uns kaum finden.

Wie sind denn die Gespräche mit Tele 5 zustande gekommen?

In den wichtigsten Momenten meines Lebens und meiner Karriere hat das Schicksal immer nachgeholfen. Wir haben über Jahre mit vielen Sendern gesprochen. Es gab mehrfach sehr ernsthaftes Interesse, aber immer wurde an irgendeiner Stelle plötzlich der Stecker gezogen. Meist für uns völlig verblüffend in letzter Minute. Und fast immer war das Budget schuld. Es hieß dann meist: „Wir glauben total daran, aber lassen Sie uns lieber nächstes Jahr nochmal reden.“ oder aber „Also wir haben das nochmal nach oben gegeben und da hieß es, dass wir doch vielleicht erst einmal nur eine Folge machen und schauen wie die Quote ist“. Wir haben daraus irgendwann die Konsequenz gezogen, dass wir das wirtschaftliche Risiko einfach selbst eingehen und eigene Partner suchen, wenn es schon kein Sender allein tragen will. Rat Pack finanziert die neue „Kalkofes Mattscheibe“-Staffel also quasi wie einen Film, mit Rückstellungen. Produktion, Regie und auch ich selbst sind nicht in der ersten Ausschüttung dabei, wir gehen mit ins Risiko. Zur Finanzierung suchten wir dann mehrere Partner für eine möglichst umfassende Verwertungskette. Tele 5 hat die FreeTV-Rechte gekauft – aber das reicht zum Beispiel noch nicht ganz, damit es sich rechnet, wir haben immer noch eine Lücke. Es wird noch einen exklusiven Online-Partner geben und wir suchen noch in Richtung PayTV. Aber wir alle glauben an das Produkt und sind sicher, dass sich der Mut am Ende lohnen wird.

Und wie kamen Sie jetzt ausgerechnet auf Tele 5?

Die hatten wir anfangs gar nicht auf der Uhr. Aber das Schicksal führte uns durch eine ganz andere Tätigkeit zusammen und ich erzählte nebenbei, dass wir gerade am Revival der Mattscheibe arbeiten – und Tele 5 zeigte plötzlich Interesse. Erst haben wir das gar nicht ernst genommen, aber lustigerweise hat Tele 5 nicht nur geredet sondern sehr zügig gehandelt. Und sie teilten unsere Auffassung, dass es nicht wie vorher bei ProSieben halbstündige Folgen sein müssten, sondern lieber kürzere, dafür aber regelmäßig und länger als nur ein paar Wochen. Ich glaub das ist der erste Privatsender, der eine 15-minütige Sendung kauft, die nicht mal mit Werbung unterbrochen wird. Das ist Fernsehen, bei dem der Sender noch selbst von dem Produkt überzeugt ist und dem Publikum wieder eine gewisse Zuverlässigkeit bietet.

Aber auch Tele 5 zeigt am Vormittag und in der Nacht Werbespots oder Programmfenster, die Sie schon süffisant parodiert haben…

Ja, aber eben nicht nur. Und sie zeigen auch keine publikumsverachtenden Sendungen, in denen die Zuschauer selbst lächerlich gemacht werden. Es gibt Serien, Filme oder Produkte die man gut oder schlecht finden kann. Aber Tele 5 liebt noch sein Publikum und sieht sich selbst als Teil davon – das sollte selbstverständlich sein, ist aber keineswegs üblich. Wir haben auch noch mehr miteinander vor als nur die „Mattscheibe“. Wir denken über einen Jahresrückblick nach und wollen das große Potential von Tele 5, also all die B-Movies, besser nutzen. Die besten Filme hat jeder, aber ich werde „Die schlechtesten Filme aller Zeiten“ präsentieren und kommentieren. Auch daran arbeiten wir. Man sieht: wenn sich derzeit was im deutschen Fernsehen bewegt, dann bei den kleinen Sendern. Im PayTV oder halt bei Nischensendern wie Tele 5. Die holen sich jetzt einfach mal vier neue Leute und trauen sich was. Das ist Fernsehen, das wieder einfach Spaß macht, auch wenn vielleicht nicht gleich alles funktioniert, mit Menschen, die noch Lust auf ihre eigene Arbeit haben. Sowas kannte ich gar nicht mehr.

Zum Ende hin würde mich noch etwas Persönliches interessieren: Sie kritisieren viele Fernsehschaffende oder nehmen Sie in der „Mattscheibe“ auf den Arm. Legen Sie sich da für persönliche Begegnungen mit diesen Menschen bei Branchen-Events eine dicke Haut zu?

Also gegen die meisten hab ich ja gar nichts persönlich, im Gegenteil. Ich mache mich lustig über die Marotten, Fehltritte oder Übertreibungen und Moderatoren, die sich selbst zu ernst nehmen. Viele der früheren „Opfer“ kenne ich inzwischen sehr gut und bin mit einigen auch gut befreundet. Aber man hat natürlich auch ein paar Menschen, die ich bitte nie treffen will. Aber ich nenne da jetzt keine Namen.

Gibt es denn Hoffnung für das deutsche Fernsehen?

Es gibt so kleine versteckte Inseln der Hoffnung, vereinzelt sprüht mal irgendwo ein Funke. Dass das ZDF nach vielen Jahren so etwas wie die „heute show“ hat entstehen lassen zum Beispiel. Hätte man ja nie gedacht, aber schade, dass aus dem Funken noch kein Feuer geworden ist. Der Weg ist der richtige, aber er führt auf dem Lerchenberg leider doch lieber immer über den Umweg ZDFneo, wo man sich mal heimlich was zu wagen traut. Sonst gibt es leider nur sehr vage Versuche und meist reißen die Sender gleich mit dem Arsch wieder ein, was sie gerade aufgebaut haben. Andere verlieren vor lauter Angst ihre eigene Identität, so wie gerade Sat.1, das eigentlich schon längst von einer Rating-Agentur auf Sat.2 runtergestuft werden müsste.

Sat.1 geht gerade durch ein tiefes Tal….

Und dann kommen sie in einer Mischung aus Panik, Unfähigkeit und Verzweiflung sogar noch auf die schwachsinnige Idee einer gescripteten Talkshow! Wenn wir mal ganz weit zurück gehen: DailyTalk an sich war ja gar nicht schlimm. „Hans Meiser“ und „Ilona Christen“ hatten am Anfang fundierte Themen und passende Gäste – weil man damals sogar noch Redaktionen hätte. Deswegen hätte mich ein echter DailyTalk fast gefreut. Sogar durchgeknallte echte Asis beim gescheiterten Dialogversuch wären noch irgendwie interessant gewesen – aber was dann abgeliefert wurde war für mich der absolute Tiefpunkt des momentanen Fernsehens, ein selbst ausgestelltes Armutszeugnis. So traurig es ist, ich sehe derzeit keinen allgemein positiven Trend. Mein Lösungsvorschlag wäre, alle verantwortlichen Redakteure an einen Stuhl gefesselt zu zwingen, sich in unbezahlten Überstunden ihre eigenen Sendungen komplett selbst anzuschauen. Das könnte Wunder bewirken, niemand würde sich die eigene Lebenszeit weiterhin derart versauen wollen.

Herr Kalkofe, herzlichen Dank für das Gespräch.

2017-02-10T01:40:07+00:00

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