Interview mit Oliver Kalkofe zum „Gernsehclub“ 2016-11-15T04:35:13+00:00

Der folgende Bericht mit Interview stammt von Gian-Philip Andreas, der ihn für für wunschliste.de schrieb. Wir danken für die Erlaubnis, ihn hier wiederzugeben, da er sehr gut spiegelt, was die Berliner Kultshow ist und was sie Kalkofe bedeutet.

Gian-Philip Andreas

Gian-Philip Andreas

Auf dem niedrigen Tisch, gleich hinterm Eingang, ist das Essen angerichtet. Röstzwiebeln, Gurken, Bockwürste, Brötchen, Senf und Ketchup für die Hot-Dog-Selbstbedienung. Daneben, in großen Schüsseln, Weingummi aller Art, Erdnüsse, Chips und Flips, Smarties. Fehlt nur noch ein Käse-Igel. Riesige Kellen liegen bereit und verleiten dazu, den Süßkram in betont ungesunden Mengen auf die kleinen Plastiktablettchen zu schaufeln, die am Ende des Tisches auf Mitnahme warten. Zwei Mädchen in der beachtlich langen Schlange zum Hot-Dog-Glück sorgen sich um ihr Gewicht – und langen trotzdem nach Kräften zu. Willkommen im Berliner „Gernsehclub“. Seit vielen Jahren beglückt er jetzt schon Freunde des besseren Fernsehens. Kein einsames Glotzen mehr, so lautet das Club-Prinzip, lieber fröhliches Gruppengucken in offensiv nostalgischer Atmosphäre. Also das 80er-Party-Motiv übertragen aufs Sitzen vor der Mattscheibe: Fernsehen wie damals, als man noch zu Hause gewohnt hat und Mutti das Knabberzeug bereitstellte.

In der Mitte des Saals ist ein Rondell aus großzügigen Flachbildfernsehern aufgebaut; aus jedem Winkel des Raums hat man Sicht auf mindestens einen dieser Screens. Darüber hängt – denn heimelig muss es sein! – ein riesiger Lampenschirm wie aus Omas Fernsehstube. Bald schon, es geht auf 20.15 Uhr zu, mahnen freundliche Durchsagen zur Eile, doch die Schlange zum Knabber-Büfett (im Eintrittspreis inbegriffen) und zur Bar (nicht inbegriffen, klar) ist nach wie vor lang.

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Dann geht es irgendwann los. Rund hundert Leute haben auf Stühlen und – denn bequem muss es sein! – Sitzsäcken Platz genommen, Chips und Bier und gegebenenfalls Partner fest im Griff. Oliver Kalkofe und Oliver Welke, beide in Lederjacken, treten ein, moderieren den Abend und rotieren dabei immer wieder mit Freude am kommunikativen Chaos um den Flachbildfernseherkreis herum. Zwei junge Nackenmasseure sind ebenfalls unterwegs, zur zeitweisen Linderung der gewohnheitsmäßig verspannten Couchpotato-Hälse.

Der „Gernsehclub“ zeigt heute eine Art „Best Of“ der umwerfenden englischen Comedyserie „Little Britain“ von und mit Matt Lucas und David Walliams, abgerundet mit einer Episode aus dem nach Amerika verfrachteten Nachfolgeprojekt „Little Britain USA“. Letzteres ist nämlich soeben auch in Deutschland auf DVD erschienen, und wie schon in der britischen Fassung haben Kalkofe und Welke sowohl synchronisiert als auch das dazugehörige Buch verfasst. Eine schwere Aufgabe war das, wie jeder weiß, der das Original kennt. Und eine mehr als respektabel gelöste.

Kalkofe war von Anfang an dabei beim „Gernsehclub“, er moderiert, oder besser: präsentiert ihn relativ regelmäßig. Oliver Welke sah man hier ebenfalls schon öfter, auch Bürger Lars Dietrich, Benjamin von Stuckrad-Barre und Tobi Schlegl waren hier. Was hier ausschließlich laufen soll, ist gutes, erlesenes Fernsehen, in Abgrenzung zum Routineschrott jenes täglichen TV-Schwachsinns, den Kalkofe schon seit 16 Jahren bekämpft, seit seine derzeit auf Eis liegende „Mattscheibe“ erstmals im Pay-TV-Sender Premiere lief, als unverschlüsseltes Satire-Fenster. Vor der Show setzt er sich in eine kuschelige Sitzecke, neben den kleinen Security-Hund mit dem „Gernseher“-T-Shirt, und beantwortet ein paar Fragen.

Oliver Kalkofe, heißt der Gernsehclub „Club“, weil man Mitglied werden muss, oder eher, weil es hier so nach Lounge aussieht?

Oliver Kalkofe: Erst mal heißt es „Club“, weil es loungig ist, aber wenn du dich richtig anmeldest, bist du automatisch auch im Club. Glaube ich jedenfalls. Auf Lebenszeit. Das ist so ein Club, da kommst du gar nicht mehr raus… Du musst aber nicht groß was bezahlen. Weiß ich jetzt gar nicht so genau, wie das funktioniert. Ich bin ja nur der Patenonkel, der hier immer wieder was präsentiert. Der Gedanke war: Man trifft sich in einer kleinen, verschworenen Runde, nur Leute, die auch Lust darauf haben. Aus einer hübschen, angenehmen Kleinigkeit macht man ein mittelgroßes privates Event. So dass man einfach ein bisschen Freude hat. Man kann natürlich auch alleine fernsehen – das ist allerdings auf Dauer langweilig. Und wenn man das wirkliche Fernsehen nimmt, dann ist das nicht nur langweilig, sondern frustrierend und furchtbar und gesundheitlich schädigend. Wenn du dann allerdings mit ein paar Leuten guckst und mal wieder Sachen siehst, die richtig Spaß machen, mal wieder so fernsiehst wie früher, nämlich einfach nur die Sendung, ohne dass sie dir jemand ausblendet oder Werbung reinquatscht oder irgendwelche Pling-Signale drübergehen, dann ist das ein richtig schönes Erlebnis.

Und wie läuft’s?

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OK: Na, keiner hat gedacht, dass das so toll anläuft. Es ist fast immer rappelvoll, und es spricht sich rum. Die Leute kommen jetzt auch zu den Sachen, die nicht die ganz großen Events sind. „Little Britain“ haben wir schon dreimal gemacht, das ist immer klasse, dann sind Oli Welke und ich da und erzählen ein bisschen was dazu, weil wir das synchronisiert haben. Aber es funktioniert eben auch, wenn es eine Nummer kleiner ist und man sich einfach alte Serien anguckt. „Mit Schirm, Charme und Melone“ habe ich schon dreimal präsentiert, und beim letzten Mal hatten wir mit den neuen „Doctor Who“-Folgen Besucherrekorde.

Wer kommt denn zu Euch in den Club?

OK: Es ist immer ein ganz gemischtes Publikum. Ich mach am Anfang jedes Mal den Test, weil ich wissen muss: Haben wir hier jetzt nur Hardcore-Fans sitzen, kennen alle das schon? Dann will man ja nicht langweilen und immer wieder das Gleiche erzählen. Und fast jedes Mal ist es so, dass man zur Hälfte Fans hat, die ganz häufig hier sind, und die andere Hälfte kennen die Serie, um die es geht, und kommen deshalb. Davon wiederum die Hälfte war noch nie hier. Es ist eine Mischung, und die schwappt immer weiter. Das Schöne ist, dass wir mit allen Serien, die wir bisher hier gezeigt haben, einerseits Fans eine Freude gemacht haben und neue Fans dazugewonnen haben, weil jedes Mal Leute sagen: „Ich hab ‚Mit Schirm, Charme und Melone‘ noch nie gesehen früher, nur davon gehört, das ist ja cool.“ Oder auch „Doctor Who“: Die Hälfte waren Hardcore-Fans, und die andere Hälfte hatte das noch nie gesehen. Für die Fans war es wirklich genauso spannend zu sehen: Wie reagieren denn jetzt die Neuen darauf? Und wenn danach die Leute kommen und sagen: „Hey, das war ja echt klasse, das habe ich nie gewusst, tolle Serie, danke, da muss ich ja gleich mal weitergucken“, dann hat man, finde ich, was erreicht. Das ist echt schön, wenn man Leuten mal gute Sachen näher bringen kann.

Es gibt also zwei Zielsetzungen: Einerseits das Fernsehen selbst zum gemeinschaftlichen Event zu machen, andererseits betont gutes Fernsehen zu zeigen, für das bei den Sendern sonst kein oder zu wenig Platz ist?

OK: Auf jeden Fall. Gute Sachen sind sowieso das Wichtigste daran. Oli Welke ist heute wieder einmal da, wir haben immer irgendwelche Gäste, Synchronsprecher, jemanden, der da schon mal mitgespielt hat oder eben Leute, die richtige Fans sind, so wie ich bei „Mit Schirm, Charme und Melone“. Weil ich mich da richtig auskenne. Es muss immer was sein, bei dem wir sagen: Das wollen wir mal wieder sehen oder Leuten zeigen. Wir zeigen hier nicht irgendeinen Scheiß, der sowieso läuft und uns auch sonst nervt, sondern nur das, was uns auch selber Spaß macht.

Es gibt angeblich auch Wunschfilme. Kann da jedes Clubmitglied Wünsche äußern oder nur die prominenten Gäste?

OK: Sowohl als auch. Meistens versuchen wir aber, irgendeinen Paten zu kriegen. Ich sag dann zum Beispiel: Ok, pass auf, in den nächsten drei Monaten habe ich noch drei Mittwochabende frei, buchen wir die mal, und dann gucken wir, was wir da machen. Das ist die eine Herangehensweise. Die andere ist: Es gibt was Aktuelles. Wie heute „Little Britain USA“. Die DVD ist endlich raus, deshalb machen wir einen „Little Britain“-Abend und präsentieren die DVD – und eben auch noch mehr. Oder „OSS 117″…

… diese jüngst als Parodie wiederaufgelegte französische Bond-Variante, die es schon in den Sechzigern gab?

OK: Genau, die zeigen wir beim nächsten Mal. Den Film habe ich synchronisiert. Der kommt nie ins Kino, deshalb machen wir eben hier so eine kleine Premierenfeier für uns selber. Da gibt’s ja schon einen Teil, da habe ich auch die Synchro gemacht. Und gerade habe ich den zweiten Teil fertiggestellt. Den gucken wir uns dann an.

Der Gernsehclub ist also auch ein bisschen Promo?

OK: Eine Mischung. Man muss wissen: Das ist hier keine Geld-Verdien-Veranstaltung, sondern eine Spaßveranstaltung, und wir sind darauf angewiesen, dass die Firmen das erlauben und vielleicht ein paar Dinger sponsern, damit wir hier auch was verschenken können. Deswegen nehmen wir hauptsächlich Sachen, bei denen es entweder gerade einen Anlass gibt – dann ist das einfacher, weil es auch was Aktuelles dazu zu berichten oder zu tun gibt – oder eben Geschichten, bei denen wir wissen, dass wir auch unterstützt werden. Wir haben bisher noch nicht wirklich Abende mit Sachen gemacht, die wir selber aufgenommen haben. Obwohl… Einmal hat Frank Zander Sachen aus seinem alten Archiv mitgebracht. Das war ein superlustiger Abend. Wir habe eine alte Folge „Plattenküche“ geguckt, „Vorsicht, Musik“ und alte „Hitparaden“-Auftritte, und er hat dann live dazu Hinter-den-Kulissen-Geschichten erzählt. Das war schweinelustig.

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Scheint bei Euch ja ziemlich viel möglich zu sein.

OK: Grundsätzlich wollen wir hier bloß gemeinsam fernsehen, aber wir haben ganz viele Ideen: Es soll mal einen Cartoon-Abend geben, wo es Tex Avery und andere kleine Filme gibt. Oder kleine Highlights aus Geschichten, die man aufgenommen hat. Bastian zum Beispiel, der viele Sachen sammelt, würde gern mal so einen Abend machen. Meistens bleibt die Frage: Was kriegt man, was macht man, was können wir vorbereiten, was klappt irgendwie? Aber wir probieren immer wieder was Neues aus.

Habt ihr denn die Fernbedienung in der Hand und könnt unterbrechen und kommentieren?

OK: Könnten wir theoretisch, aber nur, wenn es Sinn macht. Wenn man sieht, wie bei der Frank-Zander-Sache, es lohnt sich, dann können wir auch live kommentieren. Aber mir persönlich, wenn ich das mitmache, ist es schon wichtig, dass man in Ruhe fernsieht. Es nervt ja, wenn man was Gutes sehen will, das einen interessiert, und Leute quatschen rein – anders als bei „Muster Science Theater 3000“, wo wir Kommentare zu einem murkligen Film abgegeben haben. Das ist wieder eine andere Sache, da liegt der Spaß dann gerade darin. Ansonsten wollen wir die Filme so zeigen, wie sie sind, und ich werde auch immer sauer, wenn der Abspann hinten abgeschnitten wird. Ich sag dann immer: Stehen lassen! Wenigstens. Dann reden wir drüber. Nicht abwürgen! Ich werde dann fuchsteufelswild. Für mich gehört der Abspann genau so zum Film wie der Vorspann und alles andere.

Am heutigen Abend bleibt der Vorspann der „Little Britain“-Folgen unabgewürgt. Kalkofe und Welke sitzen selbst mit im Rund an kleinen Couchtischchen und zeigen sichtliches Vergnügen am selbstsynchronisierten Unsinn. Besonders als in „Little Britain USA“ der Sketch mit den beiden Bodybuildern kommt, deren mikroskopisch kleine Penisse unlängst bei der Ausstrahlung auf „Comedy Central“ verschämt weggepixelt wurden: „Dabei haben wir uns solche Mühe gegeben, diese Penisse zu synchronisieren.“

Gernsehclub-Mitgründer Jörg Strombach mit Simpsons-Zeichner Phil Ortiz

Gernsehclub-Mitgründer Jörg Strombach mit Simpsons-Zeichner Phil Ortiz

Zwischen den Episoden werden DVD-Boxen verlost an Leute, die mit nerdigem Insiderwissen punkten können und Fragen beantworten wie jene nach dem Erzähler der Originalversion (Tom „Dr. Who“ Baker) oder nach dem Alter seines deutschen Pendants Friedrich Schoenfelder (93). Und die echten „Gernsehclub“-Veteranen demonstrieren ihr taktisches Geschick: Sie holen sich bereits ein paar Minuten vor der Pause (nach der zweiten Folge) ihren Nachschub an Hot Dogs und Gummibärchen. Um die Schlangen zu vermeiden. Irgendwann ist das Menü dann aber trotzdem leergeräumt. Viele gehen mal kurz raus, für eine Zigarette in lauer Kreuzberger Luft.

Der Gernsehclub ist meistens hier in Berlin, geht aber gelegentlich auch auf Tour. Ist das dann genau so wie hier, nur eben woanders?

OK: Von der Art her ist das das Gleiche. Wir haben mal auf dem Verkaufsgelände von Mini einen „Monty-Python“-Abend gemacht, weil es England-affin war und super passte. Dann gab’s in Frankfurt zum Beispiel mal einen „Die Simpsons“-Abend mit dem „Simpsons“-Zeichner Phil Ortiz. Aber eigentlich ist der Club in Berlin. Es bleibt ja vor allem immer die Frage, was man vom Aufwand her machen kann.

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„Little Britain“ habt Ihr sozusagen nach Deutschland geholt. Das war vor Eurer Synchronisation hier ja gar nicht zu haben. „Mystery Science Theater 3000“ hast du auch schon genannt. Guckst du gezielt britische oder amerikanische Comedy? Wie bleibst du auf dem Laufenden?

OK: Ich gucke momentan ohne Ende Serien aus England und Amerika. Da gibt es ja so großartige Geschichten, nicht nur im Bereich Comedy. Aber ich komme überhaupt nicht hinterher: Meine Schränke sind voll mit eingeschweißten DVD-Boxen von Serien, von denen ich nur weiß: Oh, die sollen ganz toll sein und ich muss endlich hinterherkommen – weil ich nur wenig Zeit habe und immer nur abends spät gucken kann. „Little Britain“ machen zu können, war daher natürlich ein großer Spaß, weil ich schon vorher Fan war. Und ich habe auch nichts gegen Synchronisation, im Gegenteil. Tolle Synchronisationen sind super, wir sind ja alle damit aufgewachsen. Die alten Sachen von früher kann ich mitsprechen mit den deutschen Texten. Die möchte ich auch immer nur so hören. Das gehört dazu, das ist ein Stück Kindheit.

Ich hab das bei „Twin Peaks“. Das will ich im Nachhinein auch nicht auf Amerikanisch hören, weil die deutschen Stimmen so super waren.

OK: Ja, weil die Stimmen einfach dazugehören, das kenne ich auch. Ich gucke aber auch wahnsinnig gerne Sachen im Original, vor allem, wenn ich Angst haben muss, dass sie mir die versauen. Und das passiert auch häufig. Es gibt ganz viele, ganz furchtbare Fälle, bei denen großartige Serien durch die Synchronisation leider echt kaputt gingen. Und bei „Little Britain“ wollte ich das nicht, obwohl ich sehr schnell auch an die Grenzen stieß. Weil ich, als ich dann versuchte, die Sachen zu übersetzen, ganz fix merkte: Die sprechen die ganze Zeit alle möglichen englischen Dialekte, was machst du da? Dann kamen die ersten: Sprecht doch Bayerisch und Hessisch und so. Aber das geht nicht. Das macht das kaputt. Dann noch die ganzen Bezüge aus England, die da kommen. Daraus deutsche Sachen zu machen, das ist genauso tödlich. Wenn man hier plötzlich über die „Schwarzwaldklinik“ redet und man ist in England, dann weiß man: Das stimmt nicht. Das wurde früher bei „ALF“ viel gemacht, da gingen mir immer die Nackenhaare hoch.

Wie hast du das gelöst?

OK: Ich musste versuchen, Sachen zu nehmen, die passen, die also „England“ sind oder wenigstens englischsprachiger Raum, die man hier aber trotzdem kennt. Und da war viel, was man umbauen musste oder im Text so zu erklären versuchen musste, dass man’s versteht. Man kann schließlich auch den besten Gag versauen, wenn man die Pointe falschrum erzählt. Das war hier der Hauptanspruch: Dass es so authentisch wie möglich bleibt und wir beide versuchen, es so gut wie möglich rüberzuretten, auch wenn wir auf Dialekte und sowas verzichten. Und ich finde, das ist geglückt, obwohl auch ich sagen muss: Das Original ist unschlagbar, keine Frage. Aber: Wie viele Menschen ich kenne, die das sonst nie gesehen hätten! Da muss ich sagen: Hauptsache, es hat geklappt. Hauptsache, es haben Leute geguckt.

Was auf der DVD steht, finde ich gut: „Enthält auch die deutsche Fassung“. Wie ein Bonus, doch im Vordergrund steht das Original.

OK: Ich bin echt gut im Englischen, hab’s studiert und Dolmetscher gelernt, aber als ich „Little Britain“ geguckt habe und danach rangegangen bin, es zu übersetzen, habe ich gemerkt: Ich hab nur die Hälfte verstanden. Zum Beispiel die Figur Vicky Pollard. Da hast du schon auf Deutsch kaum eine Chance, das zu verstehen. Die kannst du einfach nicht verstehen.

Es gibt ja auch Engländer, die Probleme haben mit Vicky Pollard!

OK: Das ist echt hart. Du lachst nur darüber, weil es so schnell und so viel ist und bist froh, wenn du drei, vier Worte verstanden hast. Ich find’s gut, wenn man es einmal auf Deutsch guckt und weiß, worum es geht, und dann guckt man’s auf Englisch. Dann kannst du dich darauf konzentrieren und weißt, worum es geht. Es gibt viele englische Serien, die ich ganz toll finde, bei denen ich aber im Original echt Schwierigkeiten habe, sobald es nur um Politik oder um irgendeine Fachsprache geht, egal, ob das nun vor Gericht ist, Polizei oder Mafia. Da bist du manchmal schon froh, wenn du gute Untertitel hast.

Kalkofe mit Matt Lucas (in "Little Britain" u.v.a. "Vicky Pollard")

Kalkofe mit Matt Lucas (in „Little Britain“ u.v.a. „Vicky Pollard“)

Helfen gute Untertitel zum Beispiel auch bei „Dr. House“ oder „Müd Meng“?

OK: „Müd Meng“ gehört zum Beispiel zu den Geschichten, die bei mir im Schrank stehen und die ich noch gucken muss. Ich guck immer auf Englisch mit englischen Untertiteln, und das kann ich auch nur jedem empfehlen. Ich ärgere mich immer und frage mich: Warum machen das nicht die Schulen, dass die mit den Kindern englische Filme oder Serien mit englischen Untertiteln gucken? Das ist echt das Allerbeste zum Lernen. Man liest, was man hört, man versteht dadurch, was man hört, man lernt lesen, man lernt Grammatik, man lernt Vokabeln, weil man dann nachguckt, wenn man was nicht kann. Und man lernt verstehen, weil man sieht, was die reden. Das dauert einen Moment – und plötzlich versteht man’s auch ohne Untertitel.

Anderseits: Synchronisation kann auch Bindung herstellen. Ben Stiller zum Beispiel ohne Oliver Rohrbeck, der auch beim Gernsehclub dabei ist, das geht doch kaum.

OK: Klar, wenn du einen tollen Sprecher hast, dann ist das absolut okay. Eine Menge deutsche Stimmen sind ganz toll und super gewählt. Da können wir sehr dankbar sein, das haben die anderen Länder nicht. Also wenn in anderen Ländern synchronisiert wird… Gut, die Franzosen machen’s auch noch ganz gut, aber die Engländer und Amerikaner, die kriegens ja gar nicht hin. Das ist schon klasse hier. Ich habe jetzt auch gesehen, wie sich das geändert hat. Wenn du dir die alten Bud-Spencer-Terence-Hill-Filme anguckst, wo sie einfach gesprochen haben, egal ob der Mund zu ist oder auf oder ob die überhaupt im Bild oder in der Szene vorkommen, da wird einfach drübergeredet! Und heute – da ich in letzter Zeit viel synchronisiert habe, kann ich das wirklich sagen – wird das unglaublich genau gemacht! Die achten darauf, dass das wirklich exakt so ist wie im Original. Bei „OSS 117“ habe ich mit Frank Schaff, einem der besten Synchronregisseure, wie ich finde, auch das Buch gemacht. Ich war für die Pointen-Sachen zuständig, er achtete darauf, dass es so synchron ist wie nur möglich. Und er hat mich diesmal auch wirklich gequält bei der Synchronisation: „Dieses Wort hier, ein ganz klein bisschen mehr am Ende nach unten gehen! Und hier, die letzte Silbe, ein bisschen hauchen!“ Nur damit es wirklich so exakt wie möglich dem Original angeglichen wird. Wer da noch sagt, das wäre alles so anders als im Original, dem kann ich nur sagen: Mal lieber die Fresse halten, denn da hat sich inzwischen wirklich viel geändert!

Heute Abend stellt Ihr auch „Little Britain USA“ vor, das du mit Oliver Welke zusammen synchronisiert hast.

OK: Genau. Als alle dachten, es gibt nichts mehr, kam plötzlich die Nachricht: Doch, die sind nach Amerika gegangen und haben noch einmal sechs Folgen „Little Britain USA“ gemacht. Für HBO. Das ist mehr oder weniger die vierte Staffel, die jetzt aber in Amerika spielt. Das heißt, man sieht die Hälfte der alten Bekannten – Vicky Pollard, Lou und Andy usw. – und auch ganz viele neue Figuren. Es gibt ein paar ganz kleine Doppler, wo sie Teile von Sketchen quasi noch einmal bringen, aber es ist zu 98 Prozent neu, davon mit etwa 60% alten und 40% neuen Figuren. Exakt genauso gemacht, mit dem Vorspann und dem Sprecher, nur eben in Amerika.

Und durch den Ruhm in Amerika darf Matt Lucas jetzt in einem Film wie „Alice im Wunderland“ mitspielen.

OK: Ja, und da fand ich es sehr schade, dass man mich nicht gefragt hat, ob ich ihn synchronisieren will. Aber das hat wohl keiner gemerkt. Ich glaube, da wusste gar keiner, wer das ist.

Du hättest ja anrufen können!

OK: Ich hab ja keine Ahnung, wer da was wo synchronisiert. Als ich davon hörte, war’s schon zu spät. Schade. Aber es hat mich sehr gefreut, ihn dort zu sehen.

Ein schlaksiger Mann mit Schnauz tritt hinzu und sagt zu Kalkofe: „Wollt ma janz kurz stören. Wenn man seit 19 Jahren Fan ist, darf man da kurz mal die Hand drücken?“ OK: „Was, so lange schon? Da fühle ich mich jetzt gerade sehr alt. Als diese tolle Wende kam, hab ick gleich det richtige Programm jehört und jekuckt. Das war mein Begrüßungsgeschenk!“ Der Mann mit Schnauz will später noch von Fußballexperte Welke wissen, wer denn nun demnächst wohl Weltmeister wird. Welke sagt: England. Es ist ja schließlich ein „Little Britain“-Abend. Der Mann mit Schnauz scheint zufrieden. Dann bringen die Gernsehclub-Mitglieder und ihre Gäste schon die abgegrasten Plastiktabletts wieder nach draußen, und die Tagesthemen-Fanfare schmettert rausschmeißend aus den Boxen. Wie früher nach der großen öffentlich-rechtlichen Samstagabend-Unterhaltung für die ganze Familie.

Beim Rausgehen: glückliche Gesichter überall. Bei den Pärchen, den allein gekommenen Thirtysomethings, bei den „Little Britain“-Fans und bei jenen, die wirken, als seien sie „Little Britain“ direkt entsprungen. Bei jenem jungen Mann zum Beispiel, der sich zuvor am Buffet das aufgeschnittene Hot-Dog-Brötchen mit Senf, Ketchup, Zwiebeln und auch Gurken vollstopfte, die Bockwurst aber kurioserweise wegließ. „Ich bin Vegetarier“, erklärte er auf Nachfrage. „Aber Essen ist hier ja inklusive.“

Fotos: Sven Knoch, http://grafik-und-redaktion.de