345. Alles so wie immer! (TVS 10/08)

Immer wenn es einem Sender eigentlich extrem peinlich ist, was für eine kreuzbescheuerte Vollbunken-Sülze er da mal wieder in den Äther abgeseilt hat, zieht er mit lässig anmutender Hilflosigkeit die ultimative Rechfertigungs-Trumpfkarte aus der Phrasenfibel für Scheisseschönredner: ‚Aber das Publikum will ja genau das sehen!’  Tja, was kann man darauf schon antworten? Vielleicht ‚Sprich nicht für mich, Du arrogantes Arschloch, ich bin auch das Publikum und will ganz bestimmt nicht, dass deine verdreckte Hirngrütze meinen Bildschirm besudelt!’ So was in der Art wäre zumindest inhaltlich korrekt, wenngleich wahrscheinlich zu höflich, aber der clevere Redakteur würde als Erwiderung nur feist grinsend einen Ordner mit krickeligen Verlaufskurven, Rezipienten-Analysen und Einschaltquoten-Diagrammen auf den Tisch legen und uns darauf punktgenau und zweifelsfrei beweisen, dass genau die gleiche Lulle zu anderer Zeit auf einem anderen Programm in einem fernen Land hinter dem Regenbogen aber ganz besonders dolle super abgeschnitten hat. Und was das Publikum einmal irgendwie toll fand, will es in seiner tumben Einfältigkeit ja ganz bestimmt immer wieder exakt genau so noch mal sehen und nix anderes, oder?  Macht zwar wenig Sinn, aber so lange das keiner merkt, vermindert es für den Redakteur die Eigenverantwortung und er kann früher ins Wochenende.

Ein bisschen herrscht bei den TV-Verantwortlichen die Mentalität eines Achtjährigen, der den Erwachsenen beim Familienfest einen Witz erzählt und dafür freundliches Kichern erntet, diesen dann im Laufe des Abends noch ein paar Dutzend mal wiederholt und einfach nicht verstehen kann, warum irgendwann keiner mehr lacht und er bloß noch den Arsch versohlt bekommt. Der maximale Effekt beim Gewinnen der Publikums-Sympathie ist nun mal nicht die Wiederholung, sondern die Überraschung! Der Zuschauer lässt sich in erster Linie begeistern von dem was NEU ist und von dem er vorher noch gar nicht wusste, dass es das überhaupt geben würde. Zu glauben, sobald ihm einmal etwas gefallen habe, wolle er von nun an alles andere immer auch exakt genau so haben, wäre ungefähr so klug, wie alle Kindern im Hochsommer in Schal und Wollmütze zu wickeln, weil das im Winter ja so gut getestet hat. Die tollste Statistik kann eben nur helfen, wenn man nicht zu blöd ist, sie auch richtig zu lesen. 

Aber da das leider kompliziert ist und das Abschalten des Autopiloten im bequem dahindämmernden Restverstand bedeuten würde, bleibt für uns beim Beschreiben deutscher TV-Ware wohl weiterhin nur der eine Satz relevant: ‚Das ist so ungefähr wie …’! Nur eigentlich immer ohne das, was das jeweilige Original eben überraschend oder überragend machte. Probieren Sie es ruhig mal selber aus, das ist ein schönes Partyspiel. Nehmen Sie irgendeine neu startende deutsche Serie, lesen Sie die Info oder schauen Sie eine Folge und dann los, es wird immer funktionieren. ‚Das ist ungefähr wie CSI trifft sieben, aber mehr so mit Schauspielern zwischen GZSZ und Salesch, voll düster, aber trotzdem hell und mit tollen Wendungen, die man aber sicherheitshalber schon alle am Anfang ahnt’. Oder ‚so was zwischen Sex in the City und Desperate housewives, nur ohne Sex und ohne City und ohne Hausfrauen, mehr so junge Mädchen, die noch weniger können als sie anhaben, mit ohne Gags oder störender Handlung, im Industriegebiet von Düsseldorf statt New York’.  Und der Hauptdarsteller ist so ne Mischung aus Dr. House und Monk, nur nicht so zynisch oder gestört, mehr so Richtung nett und austauschbar, eigentlich auch ne Frau, lesbisch, steht aber auf Männer, und das ohne Drehbuch als Doku-Soap, ist billiger. Aber sonst genau so, das MUSS einfach ankommen!

Irgendwie schon traurig, wenn man keine eigene Identität hat.

STARS AM ENDE

1. Geburtenkontrolle

Toll, endlich mal wieder eine Doku-Soap über das Privatleben von so was ähnlichem wie Promis, wenn man dieser Behauptung Glauben schenken darf. Jana Ina und Giovanni Zarrella (das können Sie jetzt selber googeln!) kriegen ein Kind, juchheißa!, und Pro7 ist glücklicherweise dabei. Schwitzige Schwangerschaftskurse, spannendes Windeln kaufen und tolle Hormonkoller mit Leuten, die man weder kennt noch kennen lernen möchte – die Stufe zwei der intergalaktischen Entertainment-Rakete ist gezündet! Ich schlaf gleich ein vor Freude!

2. Gut für niemand

Da dachte man schon, schlimmer als die total vermurkste Styling-Grütze mit dem armen Bruce kann die peinliche Privatsender-Anbiederei der ARD gar nicht werden. Aber Irrtum: mit Ich weiss, wer gut für Dich ist konnte man sich doch glatt noch eine größere Wurst vor die eigene Tür legen. Inszenierte Blind Date – Vorbereitungen, bei denen man durch die Wohnung der möglichen Beziehungsopfer schleicht und in die Schubladen glotzt. Lustig wie eine Hausdurchsuchung, könnte man glatt für eine Erfindung der noch nicht entdeckten Stasi-Mitarbeiter beim Ersten halten. Wenn man das Format nicht schon in zig Varianten bei MTV, Pro7  und sonst wo gesehen hätte. Glück gehabt!

3.  Ladenschluss

Oh wie schade! Der total verrückte, täglich stundenlang in sympathischer Einfalt vor sich hin sendende RTL-Shop mit dem alten Kante-ans-Bein-Laberer Walter Freywald und seinen tapferen Ramsch-Verscherblern macht endgültig dicht! RTL trennt sich nach Jahren finanzieller Freundschaft von seinen lustigen Bananenverkäufern und muss jetzt stattdessen wieder mehr eigenes Programm machen. Was uns allen allerdings noch viel mehr Angst machen sollte!

2017-02-10T01:40:19+00:00

Über den Autor:

Hier schreibt der Chef.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen hier in unserer Datenschutzerklärung

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen