343. Früher war alles viel später (TVS 08/08)

‚Ach ja, das Fernsehen wird wirklich immer schlimmer!’ Zugegebenermaßen eine Plattitüde, aber inhaltlich trotzdem irgendwie richtig. Wohingegen der Umkehrschluss ‚Früher, da war das Programm noch viel besser’ nicht nur eine abgedroschene Phrase, sondern auch eine faktische Falschaussage darstellt. Egal was unser trügerisches Gedächtnis oder all die vielen Fernseh-Highlight-Memory-Shows uns weismachen wollen! Denn wenn wir älteren Säcke aus dem gerade noch akzeptierten Randsegment der Werberelevanten Zielgruppe einmal den Schleier der nostalgischen Verklärung vom persönlichen Erinnerungsspeicher lüften und versuchen, uns beispielsweise bewusst an die TV-Realität der 70er-Jahre zurück zu besinnen, werden wir vor allem das Gefühl von Unterhaltungsarmut, Einsamkeit und Mangelerscheinungen erfahren. Nicht dass ich mit dieser Aussage auch nur einen einzigen Kuli-Gag, Carrell-Sketch oder Rosenthal-Hüpfer herabwürdigen möchte, auf gar keinen Fall! Aber die Möglichkeiten zur mentalen Entspannung auf der Mattscheibe waren damals schon recht rar gesät. Dominiert wurde sie vom so genannten ‚Anspruchsvollen’, Fun-technisch im Bereich von drögem Dritte Welt-Fernsehen, liebevoll bedacht mit kleinen Care-Paketen aus Amerika und England. Aber immer nur in gut verdaulichen Portionen: ein US-Krimi-Häppchen pro Woche, ein Löffel Enterprise oder ein Scheibchen Bonanza am Sonntag. Und die selbst gemachte Gute Laune aus heimischen Landen zum gemeinsamen Familienverzehr am Samstagabend, zwischendurch bei guter Führung ein schneller Dalli-Dalli- oder Thoelke-Snack als Light-Produkt am Donnerstag. Alles streng rationiert nach dem Muster der altbewährten Essensmarken und schön ordentlich strukturiert, wie es sich für gute Beamte gehört.

Das Medium Fernsehen wurde damals halt noch nicht begriffen als Entertainer der Massen, denn eher als öffentlich-rechtliche Bildungsbürger-Begegnungsstätte mit nachgelagertem Lehrauftrag. Doch gerade wegen dieser rigiden spaßfeindlichen Programmpolitik mit der strengen Hand war das Publikum so dankbar und zufrieden. Jeder kleine Brocken unbeschwert anmutender Unterhaltung wurde glücklich und gierig aufgesogen, die Sender im Gegenzug mit güldenen Traumquoten überschüttet. Und die glücklich zwangsverknappte Bevölkerung teilte ein angenehmes Gemeinschaftserlebnis, das bis heute die Generation verbindet, denn wenn einmal ein interessantes Programm auf einem der zwei zahlenmäßig recht überschaubaren Kanäle lief (mit Leuten, die damals das Dritte guckten, redete man ja gar nicht, da lief doch nur Schulfernsehen, igitt!), hatte man bei seinem Gegenüber am nächsten Tag eine Chance von mindestens 50%, dass er das auch gesehen hatte. Diese Sache mit dem ‚Privatleben’ draußen und so steckte ja auch erst in den Kinderschuhen. Was lernen wir also daraus? Wenn man nix zu fressen hat, ist man auch dankbar für eine kleine Portion Nachtisch. Wenn man genau die richtige Menge hat und es schmeckt auch noch, ist man irgendwie unzufrieden. Und wenn alles im Überfluss hat, frisst man bis man kotzt, vor allem das billige ungesunde Zeug, was einem gar nicht bekommt, und denkt während der anschwellenden Übelkeit an die schöne Zeit des Hungerns. So blöd wie der Mensch möchte bestimmt manches Tier auch mal sein, wenn auch nur ganz kurz zum Spaß.

STARS AM ENDE

1. Die Akte Will

Die ARD erscheint einem wirklich zunehmend wie ein wilder Haufen wirrer Zauselköppe, der hauptberuflich damit beschäftigt ist, sich selbst arbeitsunfähig zu halten und das Leben zur Hölle zu machen. Nicht nur dass sie mit Innovationen umgehen, als handle es sich um Gedanken-Aids, und uns seit Jahren das wohl schnarchigste Programm präsentieren, das man für Gebührengelder kaufen kann – jetzt demontieren sie auch noch öffentlich ihre eigenen Leute. Lästern über Anne Will, lassen das auch noch protokollieren und sind dann sogar blöd genug, das an die Presse gelangen zu lassen. Mannomann, so langsam sollte man doch mal über die Entmündigung nachdenken.

2. Energieabfall

Schamloser Beschiss und kreative Beklopptenabzocke im Fernsehen sind ja wahrlich nichts Neues, aber der österreichische Astralsender Telemedial setzt dem ganzen die Dornenkrone auf! Da trommelt der Chef  Thomas Hornauer sich noch selber stundenlang nen Wolf, kassiert pro Anruf erstmal zwischen 10 und 30 Euro für den telefonischen Energieausgleich und schwadroniert stundenlang mit seinem mentalistischen Schwafel-Geschwader das Hilfe suchende Publikum ins Parallel-Universum des selbst erschaffenen Irrsinns. Im Ergebnis eine Mischung aus offenem Kanal, transzendentalem Mutantenstadl und Twilight Zone. Welche Nummer hatten noch mal die Ghostbusters?

3.  Brutale Ostern

Endlich wettert auch die Kirche mal wieder über das Fernsehen! Man dachte ja schon, der Klerus hätte seinen Kabelanschluss gekündigt. Aber jetzt hat sich Bishof Gebhard Fürst von der Deutschen Bischofskonferenz bitter darüber beschwert, dass das TV-Programm zu Ostern viel zu grausam und brutal war und dem Geist des Festes nicht gerecht wurde. Stirb langsam beispielsweise ist eindeutig ein Weihnachtsfilm, King Kong kein Hase und Mel Gibsons Die Passion Christi nichts als ein inhaltsloser Gewaltporno-Splatter ohne Bezug zum Ostermontag. Wahrscheinlich fehlen den Programmverantwortlichen einfach die Eier!

2017-02-10T01:40:19+00:00

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Hier schreibt der Chef.