340. Freiwillige Selbstaufgabe (TVS 05/08)

Wenn man dem alten Goethe glauben darf, so verkaufte vor langer Zeit ein eigentlich kluger, aber frustrierter Mann namens Faust seine Seele dem Teufel, um im Gegenzug auf Erden ein bisschen mehr Fun und Lässigkeit zu erfahren. Wie wir wissen, ging das gehörig in die Hose, und relativ lange hat man vom alten Seelensammler Mephistopheles keine öffentlichen Kaufgesuche mehr mitbekommen. Wahrscheinlich, weil die Hölle bereits voll ist und er seine Prioritäten inzwischen verlagert hat: Seelen nicht mehr erwerben und behalten, sondern brechen, verspotten und drauf pissen. Zu diesem Zweck hat er dann das Fernsehen erfunden. Inzwischen gibt es wohl keine einfachere Möglichkeit mehr, sich garantiert bei Freunden, Feinden und Familie auf alle Ewigkeit lächerlich und bereits das Leben auf Erden zur vorgezogenen Hölle zu machen, als ein Reality-Auftritt im TV. Von diabolischen Kräften mit der Aussicht auf eine Messerspitze Ruhm, Anerkennung und Coolness geködert, bewerben sich die Tele-Lämmer freiwillig zu Tausenden und legen sich selbstständig auf den Opferstein, entblößen öffentlich ihre Seelen und lassen sie zertrampeln, um dann benutzt und verlacht im Schlamm des Sendeabfalls liegen gelassen zu werden. Und das Schöne dabei: sie haben auch noch selber Schuld!

Denn im Grunde kann niemand Dieter Bohlen einen Strick daraus drehen, dass er fehlgeleiteten Talentzombies mit degenerierter Selbsteinschätzung ehrlich sagt, dass sie scheiße singen. Genauso wenig wie dem Publikum, das über sie lacht. Vielmehr dem Sender, der sie auf diese Plattform gelockt und ihnen nach der nicht gesendeten Vorauswahl auch noch Mut gemacht hat, sich überhaupt dem Jury-Triumvirat plus Kameras zu stellen, anstatt sie barmherzig und unbemerkt zurück nach Hause zu schicken. Ebenso wie den Eltern, Freunden und Pflegern, die nicht versuchten, sie von der massenmedialen Menschenwürden-Kastration abzuhalten. Doch welcher Schalter im Gehirn wird da eigentlich umgeschaltet und schickt den noch vorhandenen Restverstand in den Winterschlaf, wenn man sich entscheidet, bei einer dieser Sendungen mitzumachen? Welche Kavallerie des Irrsinns reitet im Schädel, wenn man sich für Schlüsselreiz auf Pro7 bewirbt und einer blöden Single-Ziege plus grinsender Begleitmoderationsbluse erlaubt, vor laufender Kamera eine Hausdurchsuchung plus Schulbladenschau in der eigenen Wohnung durchzuführen? Nur um die eigene Muffelbutze nach Sauberkeit, Stil und Erotikfaktor bewerten zu lassen, um dann vielleicht ein Date mit der neugierigen Kuh zu gewinnen! Von solch blöden Bürgern wagt der Verfassungsschutz nicht mal zu träumen.

Oder das neue Highlight der Eigendummheits-Präsentation Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit auf RTL2. Wo man an einen Lügendetektor angeschlossen persönliche Fragen beantworten muss, und am Ende beispielsweise heraus kommt, dass die Kandidatin ein behindertes Kind abtreiben lassen würde, ihre Verwandtschaft hässlich findet, schon mal in die Badewanne gekackt hat und sich selbst für die Klügste in der Familie hält. Wahrscheinlich weil alle anderen noch so doof sind, ins Klo zu scheißen. Gewonnen hat sie nichts und somit noch nicht mal Geld, um sich neue Bekannte zu kaufen. Aber dafür wird man sie wahrscheinlich ganz umsonst ein Leben lang hinter ihrem Rücken auslachen. Auch ein Service, den nicht jedes Medium bieten kann.

STARS AM ENDE

1. Auf Schmalz gebaut

Das war schon toll, damals auf Pro7 wochenlang der blondierten Singsang-Sarah Connor und ihrem igelhaarigen Ami-Schnuffel Marc Terenzi beim In-Love-Being und Pompös-Marrying zulooken zu dürfen. Ein Jahr später war es sogar noch toller, bei dem gackernden Duracell-Schnatterinchen Gülcan und ihrem Charisma-amputierten Feierabendbrötchen. Die mochte man alle schon vorher nicht und danach dann noch weniger. Und jetzt kommt endlich der nötige Promi-Reality-Nachschub mit Verona & Franjo bauen ein Haus! Supergeil, insolventen Jungmillionären beim vom Sender finanzierten Errichten der Luxusvilla zuzuschauen – genau solch ein Zeichen braucht unser Land. Da macht die eigene Armut doch gleich viel mehr Spaß, oder?

2. Holland-Hochzeit

Apopos: hätte Gülli das vorher gewusst, sie hätte sich und vor allem uns viele Stunden furchtbarer Sendezeit ersparen und ihre Traumhochzeit gleich beim holländischen Moderations-Gouda Linda de Mol ableisten können. Denn das megacoole ZDF traut sich in seinem total verrückten Jugendwahn jetzt doch tatsächlich, nur 15 Jahre alte RTL-Formate wieder aufleben zu lassen. Moderner und frischer geht’s ja wohl nicht! Aber vorsichtshalber erstmal nur für eine einzige Sendung, nicht dass vor lauter Craziness noch die Feder aus dem Stützstrumpf springt!

3. Funloser Freitag

Nur gefühlte hundert Jahre und knapp zweitausend furchtbare Humor-Folter-Flops hat es gedauert, bis Sat.1 endlich gemerkt hat, dass man einen Tag nicht zu seiner Lustigkeit zwingen kann. Aber wer hätte gedacht, dass wir dieses herrliche Ereignis wirklich doch noch erleben dürfen: das vom Publikum so sehr ersehnte Ende des unsäglichen Fun-Freitags! Endlich Schluss mit dem quälenden Endlos-Bespaßungs-Terror durch unterirdische Fließband-Sketch-Comedys und mies nachgespielte Auslandsformate im germanischen Einheitsbrei-Look! Bleibt zu hoffen, dass das Publikum sich nach dem Ende der amtlich verordneten Wochenend-Heiterkeits-Diktatur traut, endlich auch im Alltag wieder zu lachen.

2017-02-10T01:40:19+00:00

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