Der Fressesprecher – Echo-Beef 2018 – Zwischen Kunstfreiheit und Kommerzkacke

Sehr verehrte Damen & Herren, liebe Freunde der gepflegten Unterhaltung, Bros & Bitches,
Chefs & Schlampen, hallo Kinder. Als inoffizieller Fressesprecher der Preisevergebenden
Entertain-ment-Industrie möchte ich mich kurz und ungewohnt ehrlich in unser aller Namen
zum sogenannten Echo Skandal äußern.

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Ja nee, is klar.

Was ist eigentlich passiert? Fahrid Bang und Kollegah, zwei derzeit schwer erfolgreiche Rüpel-Rapper, bekamen den Echo 2018 für ‚Hip Hop national’, was so viel bedeutet wie: deutsche ‚IschfickdeiMudda’-Sprechgesänge.

Und obwohl vorher deutlich darauf hingewiesen wurde, merkten die Verantwortlichen leider erst Tage NACH der Verleihung und den daraus resultierenden Kulturkrawallen, dass man Textzeilen wie ‚Mein Körper definierter als Auschwitz-Insassen’ sehr wohl auch kritisch sehen kann. Bzw. sollte. Oder besser gesagt: sogar muss.

Lassen Sie uns trotzdem kurz einiges klarstellen. Hip Hop ist eine eigene Kunstform, eine Musikrichtung aus dem afro-amerikanischen Ghetto, die sich dadurch definiert, zu provozieren, zu pöbeln, übertrieben gewalttätige Drohungen und Mega-Beleidigungen aus der frustrierten Kehle zu kotzen. Vergleichbar vielleicht mit einer AfD-Wahlkampf-Rede – allerdings mit mehr Reim und Rhythmus, gewöhnlicherweise auch nicht ganz so ernst gemeint und künstlerisch dann doch meist wertvoller.

War diese Zeile nun geschmacklos? Ja. Ohne Frage. War sie antisemitisch? Kann man nicht eindeutig sagen. Eher generell aggressiv menschenfeindlich. So wie der ganze Rest des Songs ‚08-15’, aus dem sie stammt. Da findet man sogar fast noch Schlimmeres. Weniger ein Zeichen von bewusst artikuliertem Judenhass, vielmehr von fehlender persönlicher und emotionaler Intelligenz ganz allgemein. Musikalisch verpackte Aggression jedem Lebewesen gegenüber, das nicht man selber oder sein Kumpel ist.

Aber wie gesagt: Das ist nun mal so beim Hip Hop. Wie bei Gorillas, die sich brüllend auf die Brust schlagen oder Affen, die sich gegenseitig mit Kot bewerfen. Kann man mögen, muss man nicht. Gehört aber zu ihrer Natur, bzw. Ausdruckskunst. Aber je mehr einem so genannten ‚Künstler’ Hintergrundwissen und Mitgefühl fehlen, desto leichter gehen ihm halt solch gedanken- wie geschmacklose Zeilen über die Lippen. Vor allem auch wenn man weiß, dass viele Schul-Kids oder Großhirn-Kleinanleger, die einen abfeiern, eh gar nicht wissen worüber man hier überhaupt rappt. Denn ohne dumme Fans gibt es nun mal auch keinen Erfolg für dumme Texte. Man kann sich seine Kunden nun mal nicht aussuchen, und solange sie brav zahlen, kann man eine Menge Ignoranz verzeihen. Auch als Plattenfirma, wenn man gut daran verdient – aber schnell den Stecker zieht, wenn die Luft zu dünn oder zu dick wird. Der Grat zwischen Kunstfreiheit und Kommerz-kacke ist nun mal fast so schmal wie zwischen Provokation und Verletzung oder Haltung und Heuchelei. Der Schlüssel zu allem bleibt letztendlich immer nur der eigene Verstand.

Doch egal wie gut oder schlecht, cool oder ekelhaft man solch lyrische Absonderungen nun findet, lassen Sie uns feststellen – aufgrund nur einer Zeile ohne Zusammenhang eine immer wilder werdende Wut-Debatte zu führen, ist so wenig sinnvoll wie einst im Falle des Böhmermann-Schmähgedichts die Reduzierung auf eine Diskussion ums Ziegenficken.

Und wenn es sogar so weit kommt, dass die Geissens – selbst die mediale Personifikation von Geldgier, Geltungssucht und gigantischer Dusseligkeit – fassungslos faselnd ihrer Empörung auf Facebook ebenso ausländer- wie auch Grammatik-feindlich Ausdruck verleihen, und sich die biedere Boulevardpresse dann auf diesen billigen Beef der beidseitig bekloppten Schwätzer stürzt wie ein ausgehungerter Kampfhund – spätestens dann weiß man, dass die Absurdität das Ruder übernommen hat und am Ende nur die Dummheit gewinnen wird. Egal auf welcher Seite.

Aber zurück zur Anfangsfrage: war es richtig, Fahrrad Bums und seinem Kollegen den Echo zu geben? Spätestens jetzt wissen wir: Nein. Sorry… Aber den Echo für die Amigos damals hat auch nicht jeder verstanden. Wir konnten ja nicht ahnen, dass Leute wirklich zuhören und sich aufregen! Hätte man diesen Eklat verhindern können? Auf jeden Fall. Wenn nur einer der Verantwortlichen vorher mal die Texte gehört oder gelesen hätte – anstatt nur erotisch elektrisiert auf deren Verkaufszahlen zu starren. Aber lassen Sie mich zur Verteidigung meiner Kollegen sagen – Sie wissen es selbst: Nachdenken macht weder schöner, noch wird es extra bezahlt. Haben Sie bitte Verständnis.

Die Frage allerdings, ob der Echo durch diese Aktion seine Seele verloren oder die eigene Kunst verraten hat, ist absolut albern. Denn er hatte noch nie etwas mit Seele oder Kunst zu tun. Nur mit Kommerz. Der Rest war uns schon immer scheißegal. Wer gut verkauft, der kriegt die abgebrochene Zielscheibe mit dem Hühnerei in der Mitte – fertig, Tschüß, bitte schön. Der Echo ist quasi das Pendant zum eingerahmten eigenen Kontauszug über dem Kamin. Die geknüllte Socke in der Hose des Kleinpimmeligen vor dem ersten Date. Aber das Ergebnis zählt!

Wie bei den meisten Preisen der deutschen Unterhaltungs-Industrie zählten bei uns stets weder Kunst noch Kreativität, Inhalt oder sonst irgendsoein unnützer Scheiß, sondern nur, wer die meiste Kohle in den Stall gebracht hat. Kollegah ja schon zum dritten mal übrigens, wie auch schon zwei mal Bushido, Preisträger des sagenumwobenen ‚Integrations-Bambis’!  Entschuldigung, aber die alten Rehkitz-Wämser sind einfach ungeschlagen, das sind die besten, da muss so ein Echo noch lange für stricken! Auch unvergessen: der Mut-Bambi für Tom Cruise, weil er einen mutigen Menschen gespielt hat. Und der Kommunikations-Bambi für Joseph Goebbels, weil er durch seine mitreißenden Reden… nee, ich glaub das hab ich nur geträumt. Mein Fehler.

Wir müssen es an dieser Stelle ehrlich und reumütig zugeben: der Echo hat sich komplett enteiert. Weil er die eigene Gedankenlosigkeit und das schon lange fehlende Herz durch arrogante Ignoranz selbst offenbart hat. Unser Fehler. Statt die eigene behauptete Würde ernst zu nehmen, setzten wir auf ‚An den Erfolg anbiedern um jeden Preis’ – und ließen dadurch Preisträger, Publikum und die gesamte Musikindustrie blindlings in das vorher selbst aufgeklappte Messer laufen. War aber vorher immer gut gegangen!

Wir müssen es zugeben: egal was er mal war – der Echo ist inzwischen nichts mehr als der traurige, klangliche Widerhall der eigenen inhaltlichen Leere. Das handgeschriebene Armutszeugnis einer in der untergehenden Erfolgs-Sonne schmelzenden Branche, die ihre Seele verkauft, um sich zumindest noch eine kurze Zeit lang für so wichtig fühlen zu dürfen, wie man sich früher mal hielt.

Deshalb dürfen Sie uns ihren Echo auch gern zurückgeben. Uns ist im Grunde danach alles genau so egal wie vorher. Und wir sparen! 7 Stück zurück von Marius Müller Westernhagen – mit Eding den Namen durchstreichen, zack, haben wir fast die Jahresration für Helene Fischer zusammen. Sollten Sie also noch irgendwo alte Echos zwischen den Goldbarren liegen haben, die Sie loswerden möchten, stellen Sie sie einfach in einem gekennzeichneten Sack für Sondermüll an die Straße. Der örtliche Echokot-Wagen wird ihn so schnell wie möglich abholen und spätestens bei der nächsten Verleihung entsorgen.

Vielen Dank.

 

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Über den Autor:

Hier schreibt der Chef.