630. Gebt mir mehr Daumen! (TVS 10/19)

Die Welt hat sich gewandelt, so schnell wie bizarr, vor allem in den Köpfen der Bewohner jener ironischerweise so genannten ‚zivilisierten Welt’.  Ohne Not gaben die Menschen das hohe Gut auf, das man früher unter dem Namen ‚Privatleben’ kannte. Jener gemütliche Teil der eigenen Existenz, in dem man tun und lassen konnte was man wollte, ohne dabei beobachtet oder dafür bewertet zu werden – banale Tätigkeiten wie Mittagessen, Morgentoilette oder Gammeln im Garten. Das machte man einfach nur so für sich, ohne Bekannte, Verwandte und Restwelt darüber zu informieren. Dann wurde das Handy mit Fotofunktion erfunden, dazu das Internet, die App und diverse Plattformen der Massenkommunikation. Theoretisch alles hübsche Ideen, hätte man früh genug die genetisch verborgene Gier nach Ruhm und Anerkennung sowie die Dummheit des Einzelnen in der großen Masse in die Gleichung einbezogen. Denn niemand hätte damals geahnt, welch Tsunami der Selbstdarstellung zuzüglich der damit verbundenen Neuausrichtung der menschlichen Psyche daraus erwachsen würde,

Heute existieren Millionen von eigentlich intelligenzbegabten Wesen, die ihr Seelenheil darin zu finden suchen, die unwichtigsten ihrer intimen Momente bildlich im virtuellen Nichts zu veröffentlichen und mit Rauf-Runter-Däumchen, Herzen und dusseligen Smiley-Fratzen valutiert zu bekommen. So zB den gebräunten Arsch vor dem Hotelzimmerspiegel, Knutschmund-Entenfresse mit Hintergrund aus Irgendwo oder Lecker Fressen auf Teller. Wenn die natürliche Scheißegaligkeit der nutzlosen Knips-Aktion dann mit ein bis vielen Symbolen von meist Unbekannten geadelt werden, badet sich der postende Poser kurzzeitig in einem irrwitzig irrelevanten Balla-Balla-Bad der vorgetäuschten Bedeutsamkeit. Und kriegt das verwackelte Restaurant-Futterfoto genügend erigierte Daumen, geht man wieder dort essen, selbst wenn es scheiße geschmeckt hat.

Der psychologisch Interessierte fragt sich derweil verwundert, wie dieser absurde Trend in so kurzer Zeit so lebenswichtig werden konnte. Erinnern sich Ältere doch kaum daran, dass es früher mal wünschenswert gewesen wäre, wenn täglich Dutzend Male das Telefon geklingelt, jemand kurz ‚Find dich klasse!’, ‚Dein Essen heute sah gut aus!’ oder ‚Dein Arsch ist zu dick!’ in den Hörer gebrüllt und wieder aufgelegt hätte. Selbst hunderte von Postkarten pro Woche mit aufgemalten Bildzeichen hätten weder Empfänger noch Briefträger erfreut. Vor allem aber hätte es keine Bedeutung für die eigene Existenz gehabt. Es reichte, wenn man echte Freunde plus Bekannte hatte, und wenn man jemand nicht mochte, ging man ihm aus dem Weg oder es gab kurz und höflich in die Fresse. Noten gab es in der Schule, das nervte genug, man brauchte sie nicht auch noch im Alltag. Selbst amtliche Überwachungs-Apps wie zB die Stasi, eine Art frühzeitliches Staats-Instagram für Negativ-Bewertungen, kam nicht wirklich gut beim Publikum an. Fragt man sich also, wieso Menschen mit intakter Privatsphäre den Drang verspüren, sich ohne Zwang zu Fake-Medienstars unter Dauerdruck psychisch bedrückender Bewertungs-Beobachtung zu machen. Ich geb dem HomoSapiens-Hirn einfach mal drei Daumen runter mit Kotze-Smiley und zwölf Ausrufezeichen!

Losing Leipzig

Eine Träne Richtung Osten: RTL2 hat dem dritten Doofdoku-Scripted-Stümper- Hohlbirnen-Soap-Serienformat aus den deutschen Hauptstädten eine Absage erteilt. Es bleibt bei BERLIN – TAG & NACHT und den KÖLN 50667 -Knallköppen, ‚LEBEN. LIEBEN. LEIPZIG.’ allerdings wird erst mal wieder in die Mülltonne zurück gedrückt. Also keine neuen Abenteuer der lustig unlustigen Weiber-WG und ihrem schwulen Freund Jeremy zwischen der pinken Würstchenbude ‚Fritty in Pink’ und dem coolen Club ‚L1’ in Leipzig. Da würd ich doch mal sagen: war knapp, aber Schwein gehabt!

Beauty Battle

Es rennen einfach zu viele hässliche Leute in der Gegend herum, bzw. zu viele die sich einfach zu wenig schick machen und nicht das perfekte Outfit am Body tragen. Zum Glück hilft denen jetzt Pro7 mit ALL ABOUT YOU – DAS FASHION DUELL, wo jeweils zwei Promi-Model-Blogger-Wichtigtuer-Mentoren einen Beauty-defizitären Normalo umstylen und diesen dann im Catwalk-Battle gegeneinander schaulaufen lassen. Der Walk-Winner bekommt dann einen Shopping-Gutschein zum Selber-Anziehsachen-Kaufen. Da rutscht mir vor Aufregung doch glatt die Hose in die Kniekehlen!

Sturm-Rosen Nachschub

Na Gottseidank, im Ersten kommt  so bald keine unerwünschte Kreativität am Nachmittag auf, für die Zukunft bleibt erst mal noch schön beruhigend lange Zeit alles beim Alten. Die Ideen-Wirbelwinde im ARD-Gremium haben zumindest je flotte 400 neue Folgen von jeweils STURM DER LIEBE und ROTE ROSEN geordert, das reicht bis mindestens Ende 2021. Dann hat jeder der Serien-Saurier um die 3700 Episoden auf dem Buckel – da lohnt sich eine Absetzung dann auch nicht mehr. Geplant ist derzeit, dass beide Serien bis mindestens drei Jahre nach dem Weltuntergang weiter laufen.

630. Gebt mir mehr Daumen! (TVS 10/19)2019-05-14T16:58:58+02:00

629. Eine Frage der Zeit (TVS 9/19)

Die Zeit ist schon eine komische Sache: sie ist irgendwie immer da, meist hat man aber keine oder viel zu wenig davon, obwohl sie im Grunde endlos ist, auch wenn sie oft viel zu schnell vergeht, selbst wenn sie zwischendurch manchmal quälend lang erscheinen kann. Man kann sie messen, nehmen, geben, haben, verlieren, gewinnen, aufholen oder sogar umstellen. Letzteres allerdings soll jetzt in Europa endlich aufhören, denn die Bevölkerung wie auch die Politiker haben endgültig die Schnauze voll von der ewigen Zeitumstellerei. Seit den Achtzigern wurden wir in Deutschland nämlich nervigerweise gezwungen, zweimal im Jahr alle Uhren um eine Stunde vor oder zurück zu stellen. Die einen sagen, dies geschah um der Bevölkerung abends etwas länger das kostbare Tageslicht zu schenken und dadurch Energie zu sparen, andere sehen darin einfach eine boshaft irrwitzige Verschwörung der Regierung, Illuminaten und Echsenwesen, um die Bewohner der Scheibenerde zu verwirren und zu manipulieren. Egal – was auch immer der wahre Grund gewesen sein mag, spätestens im nächsten Jahr soll damit Schluss sein. Dann darf sich jedes EU-Land eine Zeit aussuchen und diese dann für immer behalten, egal ob hell oder dunkel oder gefühlt zu früh oder eigentlich schon viel später.

Noch lässt sich nicht sagen, ob diese Abschaffung wirklich sinnvoll ist und wie die Rückabwicklung der Sommer- und Winterzeit genau ablaufen soll. Ein Antrag sieht vor, einen Kompromiss auszuhandeln und statt zweimal im Jahr um eine Stunde die Uhr einfach viermal im Jahr um nur dreißig Minuten zu verstellen. Oder aber auch täglich um eine Minute, damit sich der Organismus besser an die Verschiebung gewöhnen kann. Andere fordern, eher auf eine individuelle Lösung zu setzen, die jedem Bürger die Freiheit lässt, seine Zeit selbst zu bestimmen, so wie er die Uhr gern für sich persönlich stellen möchte. Vorteil wäre, dass jeder dann immer überall zur richtigen Zeit wäre, unpünktlich wären nur alle anderen. Eine endgültige Entscheidung kann allerdings erst gefällt werden, wenn die Autoindustrie bekannt gibt, wie sie es am liebsten hätte, damit der Wirtschaft nicht geschadet wird. Möglich wäre zum Beispiel, dass die Arbeitszeit in den Fabriken für die Angestellten mit halber Geschwindigkeit gerechnet wird, damit die Leistung verdoppelt werden kann.

Ein weiteres Problem, das durch die andauernden Umstellungen von Winter- auf Sommerzeit erzeugt wird, betrifft das Fernsehen und das damit verbundene natürliche Körpergefühl, beispielsweise wenn plötzlich der TATORT eine Stunde später anfängt oder schon lange läuft wenn man einschaltet. Eine Initiative sieht daher als Regelung vor, dass einfach immer wenn irgendwo ein Tatort im Fernsehen läuft, die Uhr auf Sonntag 20.15 gestellt wird. Oder zu jedem Rosamunde Pilcher – Film im ZDF um 75 Jahre zurück, alternativ bei DSDS oder GERMANYS NEXT TOP MODEL jeweils zum Beginn um drei Stunden vor, damit es sofort vorbei ist.

Wie man sieht, gäbe es zum Thema Zeit jede Menge Diskussionsbedarf, wenn man nur die Zeit dafür hätte. Oder wie ein großer Philosoph einmal sagte: ‚Wer hat an der Uhr gedreht? Ist es wirklich schon so spät?’ – worüber wir alle vielleicht einmal in Ruhe nachdenken sollten. Time out.

Scheiße-Stopp

Zur Abwechslung mal eine wirklich gute Nachricht: darf man den jüngsten Äußerungen der neuen Führungs-Spitze glauben, dann ‚hat Scripted Reality bei RTL keine Zukunft mehr’! Unglaublich! Das klingt so schön dass man es kaum zu glauben wagt – so als käme nach ewigen Jahren der vollgekackten Wohnung die Nachricht, der darmkranke Hund sei endlich stubenrein! Stattdessen setzt man in Köln jetzt lieber wieder auf Trödel-Shows und Doku-Soaps. Gut, ein klein bisschen Müffelgeruch bleibt halt immer im Teppich… aber wie herrlich dass nicht mehr täglich die Haufen dampfen!

Trödel-Tonne

Oops, was ist denn da passiert? Das Erste bringt seinem nach flotten Flohmarkt-Altwaren ausgehungerten Publikum endlich ein neues Trödel-TV-Format – und keiner schaut zu? Denn kaum ist die Plunder-Aufpolier-und-Verscherbel-Show HALLO SCHATZ! gestartet, da wird sie aus akutem Quotenmangel auch schon wieder vorzeitig aus dem Programm gekegelt. Wüsste man es nicht besser, könnte man fast eine Art Genre-Übersättigung vermuten – was aber natürlich gar nicht möglich ist bei den vielen Krempel-Kellern in Deutschland. Also besser schnell was nachlegen – für jede gescheiterte Gerümpel-Sendung brauchen wir ganz dringend mindestens drei neue!

Promi-Scherze

Auch ProSieben hat mal wieder tief gegraben und eine erst wenige tausend Mal reanimierte Formatvorlage zur Neubelebung ausgebuddelt, nämlich die immer frischen Verarschungen mit versteckter Kamera! Diesmal allerdings wieder als ultralange Samstagabend-Show mit so irgendwie halbwegs pseudo-prominenten Gesichtsvermietern als Fallensteller und/oder Opfer. MEIN BESTER STREICH – PROMINENT UND REINGELEGT heißt der staubfrische Spaß und soll laut P-Seven die ‚vielleicht schnellste Versteckte-Kamera-Show der Welt’ werden. Unter Umständen aber auch nur die ‚am schnellsten wieder abgesetzte’

629. Eine Frage der Zeit (TVS 9/19)2019-04-20T17:25:10+02:00

628. Ein Vierteljahrhundert Wahnsinn (TVS 8/19)

Dieser Tage feiere ich mein persönliches TV-Jubiläum in Form von 25 Jahren Aufarbeitung deutschen Fernseh-Wahnsinns in KALKOFES MATTSCHEIBE. Danke für die Glückwünsche. Und in der Rückschau ist es wahrhaft verblüffend, wie sich das Medium seit der Anfangszeit verändert hat. Man stelle sich vor: es war inmitten der semi-wilden Neunziger. Kabelfernsehen war gerade der hotteste shit in Town und so langsam konnte fast jeder diese verrückten neuen Privatsender empfangen. Die von RTL im Vollsuff erfundene ‚werberelevante Zielgruppe der 14 bis 49-jährigen’ war existent aber weniger bedeutsam als die Gesamtzuschauerzahl, weshalb auch die älteren Humpel vor der Glotze für den Markt noch interessant waren und die Entertainmentwelt von der Volksmusik im festen Schunkelgriff gehalten wurde. Nach drögen Dekaden stocksteif-verspannter Bildungsfernseh-Diktatur der Öffentlich-Rechtlichen mit nur äußerst sparsam zugeteilten Unterhaltungs-Rationen, versuchten die Privaten anfangs die verlorenen Jahre mit einem knallbunt-irrwitzigen Vergnügungs-Tsunami zu kompensieren. Man wollte zeigen was man konnte und dass wir uns wahrlich nicht hinter dem Spaßfaktor anderer Nationen verstecken mussten.

Wie in jeder vollen Badewanne bei zu viel Übermut schwappte das Wasser des Wahnsinns irgendwann allerdings über und das Publikum begann sich zu fragen: ‚Sagt mal, wollt Ihr uns eigentlich verarschen? Und haltet Ihr uns für total behämmert?’ Die Antwort hieß leider schon bald: Eindeutig JA! Denn aus dem Streben nach kompromissloser Zuschauerbespaßung als oberste Direktive wurde zum Millenniumswechsel der Wunsch mit möglichst geringen Kosten und Mühe möglichst viel Gewinn zu erwirtschaften. Das funktionierte kurzfristig recht gut mit der Reduktion auf den moralisch-intellektuell geringsten gemeinsamen Nenner – die größte Dummheit wurde zur höchsten Messlatte. Die internationale Finanzkrise führte kurz darauf zur radikalen Drosselung sämtlicher Eigenproduktions-Etats und der Konzentration auf so sinnfrei wie menschenverachtende Scripted Reality-Formate ohne jeglichen Qualitätsanspruch. Die waren herrlich billig und trotzdem guckten sie irgendwelche Idioten, was die Redaktionen über die schon immer so behauptete Blödheit des Publikums herzlich lachen ließ. Verachtung und Faulheit übernahmen die Programmleitung, und wer Fernsehen mit Inhalt liebte und die Möglichkeit dazu hatte, verabschiedete sich von seinem ehemaligen Lieblingsmedium. Den zynischen TV-Machern war das wumpe – jedenfalls bis sie in realen Zahlen bemerkten wie viele Zuschauer zu Streamingdiensten abgewandert waren und dort genau die intelligente Unterhaltung suchten, für die man sie bislang als zu doof gehalten hatte.

Jetzt hat das Fernsehen den Salat. Die nicht ganz so dusseligen Älteren mit Kohle sind verduftet und geblieben sind die gehorsam Desinteressierten und jung-gepimpten Hohlhirne. Ganz cool für ein schnelles Nümmerchen, auf Dauer aber eher peinlich und keiner von denen zahlt selber die Rechnung. Das verlorene Vertrauen zu erneuern und die einstmals Verschmähten wieder zurück zu holen dürfte jedoch schwierig werden. Eine Entschuldigung und ein paar Blumen sind trotzdem überfällig.

Österlicher Eiertanz

Wurde hier eigentlich schon einmal erwähnt dass wir viel zu wenig Dance-Shows im deutschen TV haben? Nun, über die Ostertage jedenfalls bittet RTL zum gemeinsamen Eiertanz mit Anfassen in einer rhythmischen Sendungs-Polonäse für Couch-Potato-Sitztänzer: zuerst ein LET’S DANCE – BEST OF mit den schönsten bisherigen Promi-Stolpereien, und danach bittet der Eitelkeits-marinierte Schlechtlaune-Lächler Joachim Llambi zu seinem Pöter-pudernden Solo-Abenteur LLAMBIS TANZDUELL, in dem Profi-Hüpfer in fernen Ländern lokale Tänze lernen und dann im Battle vorkaspern müssen. Galt am Karfreitag nicht früher mal das Tanzverbot? War nicht alles schlecht damals.

Auf- und Abdecker

Über Humor kann man streiten und jeder lacht halt über was anderes. Wenn aber die sich selbst belachende Flachwitz-Planierraupe Mario Barth in seinem brachial konsenskomischen Recherche-Format MARIO BARTH DECKT AUF als empörter Intelligenz-Abdecker über den angeblichen Wahnsinn der Grenzwerte für Stickoxide berichtet, und dabei mit brutaler Dummdreistigkeit, hanebüchen falschen Beispielen und anerkannten Fehlberechnungen um den zustimmenden Schenkelklopf-Applaus der Realiätsrenitenten Wackeldackel bettelt, dann schämt man sich als Zuschauer mindestens so wie der Sender für die peinliche Ausstrahlung… ach nein, lief ja bei RTL! Mein Fehler…

Haarloses Remake

Man hat sich ja daran gewöhnt, dass inzwischen jede erfolgreiche Serie der Vergangenheit ein zeitgemäßes Update im TV oder Kino erhält – und manchmal funktioniert es ja auch. Wenn allerdings der charmant-überlässige Eighties-Detektiv Thomas MAGNUM schnauzbartlos ohne Hawaiihemd neu aufgelegt wird, mit einem weiblichen Higgins als sexy junge Ex-MI6-Agentin, aufgepeppt mit überdrehter Fast & Furious–Cartoon–Action und zwangsmodernisierter Obercoolness – dann wünscht man den Produzenten nur noch einen kräftigen Arschbiss von Zeus & Apollo. Jetzt auf Vox – allerdings ohne mich!

628. Ein Vierteljahrhundert Wahnsinn (TVS 8/19)2019-04-18T02:13:20+02:00

627. Nackt und hilfsbereit (TVS 6/19)

Das deutsche Privatfernsehen hat oft zu Unrecht einen schlechten Ruf. Häufig werden Sendungen oder die Intentionen dahinter schlichtweg falsch verstanden. Nehmen wir z.B. die kürzlich gestartete Fremdgeh-Versuchs-Show TEMPTATION ISLAND auf RTL, in der vier junge knatterfreudige Kunstkörper-Pärchen voneinander getrennt auf sexuell stimulierende Sonneninseln verfrachtet werden – wo auf sie dann jeweils elf hochgradig begattungsbereite Callboy-Azubis mit vollgekrickelten Traumbodys und chronisch kopulationswillige Plastikmops-Ladys zur aggressiven Anbalzung losgelassen werden. Was natürlich detailliert abgefilmt und den enttäuscht-verstörten Partnern noch körperwarm vorgeführt wird. Wer dieses fröhlich-frivole Fickelanbahnungsformat nun aber als zynisch-sarkastische Titten-und-Arsch-Parade mit hochgradigem Häme-Faktor abkanzelt, liegt allerdings völlig falsch. Vielmehr handelt es sich, wie in der Sendung wiederholt logisch erklärt wird, um einen ‚Treuetest für Paare’, die einfach mal ungezwungen auf Kosten des Senders die Festigkeit ihrer Beziehung überprüfen wollen. Ein Service, den wohl jeder gerne in Anspruch nehmen würde, wäre doch die gleiche Versuchsanordnung privat im Puff mit jeweils einem knappen Dutzend Profi-Prostituierten und Vollzeit-Strichern eine relativ kostspielige Angelegenheit.

Ein ähnlich komplexer Fall wie NAKED ATTRACTION – hier werden einem Single sechs mögliche Manns- oder Weibsbilder für ein spontanes Traumdate angeboten, allerdings splitternackt in einer gläsernen Fleischauslage stehend, ohne dass man die störenden Köpfe sehen muss. Viele diskriminierten diese Art Show als billig-voyeuristische Pöter-Pimmel-Hupen-Präsentation untersten Niveaus, aber nur weil den meisten Zuschauern das wahre Ziel des Formats vor lauter Empörung nicht gewahr wurde. Denn wie im Vorspann nachvollziehbar dargelegt wird, sind das Trügerischste beim Kennenlernen meist ablenkende Faktoren wie Augen, Lächeln, Kleidung oder sogar Charakter, obwohl es in Wirklichkeit doch einzig und allein auf den Körper ankommt. So nimmt man bei RTL2 mutig und moralisch aufrichtig die schwierige Aufgabe auf sich, die ‚ehrlichste Dating-Show Deutschlands’ zu produzieren, auch wenn es dafür von hochnäsigen Kritikern Verrisse hagelt.

Ebenso wie für LOVE ISLAND, wo man sich die undankbare Aufgabe aufbürdete, eine Art pornöses Pimperparadies für geistig Besitzlose zu schaffen, in dem die von gehobener Schulbildung freiwillig Ausgeschlossenen ungehemmt ihrer natürlichen Sexualität nachkommen können. Dass all diese humanistischen Experimente aufgezeichnet werden, geschieht aus rein wissenschaftlichen Gründen und um der Menschheit mit den dokumentierten Erkenntnissen in schwierigen emotionalen Fragen weiterzuhelfen oder auch einfach ein paar einsamen Onanisten vor dem Bildschirm einen Moment freudiger Entspannung zu schenken, was man durchaus als beidseitige Win-Win-Situation bezeichnen könnte. Wie auch immer: wir sollten aufhören, über Formate dieser Art aus reiner Unkenntnis zu spotten und den Sendern endlich etwas Dankbarkeit zollen. Sie wollen uns schließlich nur helfen – denn täten sie es nur für die Quote, würden sie ja auf keinen Fall eine derartige Scheiße produzieren!

Katzen-Comeback

‚Ja lebt denn die alte Katzenberger noch?’ haben sich bereits viele Fans gefragt. Nachdem sich die blondierte Schaubusenbesitzerin jahrelang rund um die Uhr selbst bei jedem noch so uninteressanten Scheiß von Filmteams hatte begleiten lassen, wurde es nach der Hochzeit mit dem kleinen Cordalis 2016 und einer Handvoll Quoten-Flops plötzlich überraschend ruhig um sie. Doch nun können die Freunde dusseldoof inszenierter Alltags-Abfilmungen von mäßig prominenten Kunstmedienwesen aufatmen, denn uns erwarten drei ungebetene neue Folgen von DANIELA KATZENBERGER – FAMILIENGLÜCK AUF MALLORCA. Ohne Kameras lohnt sich das ganze langweilige Leben ja nicht!

Kuppel-Freunde

Glückliche Paare für eine kleine Knutscherei, ein wenig zwangloses Gebumse oder eine lang anhaltende Partnerschaft zusammenzuführen, war stets ein dringendes Anliegen sämtlicher Fernsehsender, falls quotentechnisch lohnenswert. Da man bereits fast alle Variante durch hat, versucht es Pro7 nun mit freundschaftlicher Blind-Kontakt-Vermittlung in MATCHMAKERS – HEIMLICH VERKUPPELT, wo ahnungslose Singles mit Hilfe Ihrer vermeintlich besten Freunde ahnungslos vor versteckten Kameras ihre zukünftigen Begattungs-Beihilfen anbaggern sollen. Das wünscht man selbst seinen schlimmsten Feinden nicht – klingt also nach perfekter TV-Unterhaltung!

Kinder-Ableger

Da ‚Neue Ideen’ im deutschen Fernsehen von jeher ein sehr heikles Thema sind, versuchen die meisten Sender alle erfolgreichen Formate so langfristig und kräftig wie möglich auszupressen, solange sie den ersehnten Quoten-Nektar liefern. Sollte das nicht reichen, macht man einfach die gleiche Show noch mal mit einer anderen Teilnehmergruppe, zB Frauen, Männer, Rentner oder – derzeit besonders beliebt – Kinder. So folgt nach THE VOICE KIDS bei Verzweiflungstäter SAT1 nun auch THE TASTE KIDS! Sollten die Mini-Köche erfolgreich sein, wird die Konkurrenz nicht lange warten. Bestimmt bereits in Planung: ALARM FÜR BABY-COBRA 11, GERMANYS NEXT KLEINKIND-MODEL und ADAM SUCHT EVA KIDS. Süüüß!

627. Nackt und hilfsbereit (TVS 6/19)2019-03-23T01:36:28+02:00

626. Mit dem Ersten sprichst Du schöner (TVS 5/19)

Eine interne Workshop-Unterlage der ARD von 2017 sorgte kürzlich für überraschenden Medienwirbel. Es handelt sich um das ‚Framing Manual’ einer renommierten Linguistin, die ein wissenschaftliches Gutachten über den Sprachgebrauch rund um die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender erstellte. Okay, das Blättchen kostete rund eine Viertelmillion unserer fast freiwillig eingezogenen Gebührengelder, aber immer noch besser als dafür Programm zu machen. Die daraus resultierende Enttäuschung der Chef-Etage war nur allzu verständlich, stellte sich doch heraus dass die ARD immer häufiger mit negativen Begriffen wie ‚Lügenpressen-Hackfressen-Staatsfernsehen’ oder ‚verkacktes Zwangssteuer-Schnarchprogramm’ belegt wurde, und das nur von den eigenen Mitarbeitern. Was die Zuschauer sagten, lässt sich hier gar nicht erst abdrucken.

Um das Offensichtliche wissenschaftlich zu beweisen, nämlich dass sich so frech-fiese Worte irgendwie voll gemein anfühlen für einen Sender, musste also schnell ein möglichst teures Papier erstellt werden, inklusive einem Leitfaden, was man denn dagegen tun könne. Die Lösung liegt im so genannten ‚Framing’ – das ist Englisch und bedeutet sowohl Rahmen wie auch formulieren, gestalten oder einfach manipulieren und reinlegen. Gemeint ist allerdings ganz einfach: wenn man sich selbst in seiner Sprache schön genug redet und die Konkurrenz subtil lingual in den Arsch tritt, allerdings sprachlich elegant und möglichst unauffällig, dann glauben die Leute irgendwann, man wäre viel toller als man eigentlich ist. So wurde der ARD geraten, öfter frische und positive Wortkombinationen für den alten TV-Runzelrochen zu benutzen, wie zB ‚unser gemeinsamer, freier Rundfunk ARD’ – das klingt doch gleich nach dem Wind von Freiheit und Abenteuer, der dem Zuschauer um die Nase weht, gemeinsam errungen im gerne doch gebührenfinanzierten Kampf gegen die diktatorische Knechtschaft der tyrannischen Privat-Stationen. Diese darf man ruhig auch mal als ‚profitwirtschaftliche Sender’ oder ‚medienkapitalistische Heuschrecken’ bezeichnen, damit man sich schon beim Hören ein bisschen vor ihnen ekelt. Allerdings ohne sie wirklich zu beleidigen, man sollte dabei stets irgendwie noch halbwegs sachlich klingen: ‚geldgeile amoralische Quotenhuren’, ‚teuflische Verstands-Vernichtungsmaschinen’ oder ‚brandschatzende Qualitäts-Vergewaltiger und TV-Terroristen’ sind daher nur sparsam und in bereits erkennbar gelockerter Atmosphäre zu verwenden.

Erforscht wird auch, wie man gegebenenfalls bestimmte Namen oder Titel abändern könnte, um eine größere Akzeptanz beim Zielpublikum zu erreichen. So klingt ‚Kai Pflaume’ beispielsweise ungewollt albern und weiblich, spannender und männlicher wäre für den Moderator ein Name wie ‚Ringo Banana’ oder ‚Karl Knüppelwurst’. Geeigneter als die sperrige Bezeichnung der ‚Öffentlich-Rechtlichen’ wären wahrscheinlich die ‚Freiheitlich-Demokratischen’, ‚Heldenhaft-Rechtschaffenden’ oder einfach die ‚Vorbildlich-Unfehlbaren’. Und statt ‚Das Erste’ ergäbe vielleicht ‚Das Allererste’ oder ‚Das Einzige’ eine sinnvolle Alternative. Das ZDF könnte sich dann ‚Das Zweite Erste’ nennen.

Maskierte Promis

Der neueste Irrsinns-Knaller kommt aus Korea: ein Sänger-Wettstreit mit Promis in knallbunt-bekloppten Tierkostümen! Der Witz: niemand weiß, welche Berühmtheiten unter den Verkleidungen stecken – quasi ein Mix aus Voice of Germany, Promi-DSDS und Kinderkarneval. Pro7 wird demnächst THE MAKED SINGER zu uns holen, aber so originell und verrückt das Format auch klingen mag, scheitern wird es wieder mal an unserem eklatanten Mangel an interessanten Stars – denn bei den meisten der üblichen Verdächtigen aus dem bekannt unbekannten Pseudo-Promi-Dumpfnasen-Pool wünscht sich wahrlich niemand, dass sie am Ende die Masken abnehmen!

Return of Superball

Bewegt-Buntball-Fans und Freunde dösig-charmanter Popeligkeit können aufatmen: nach dreizehn drögen Jahren ‚without balls’ hat das kernige SAT1-FRÜHSTÜCKSFERNSEHEN sein Mojo wiedergefunden und bringt den kultig verehrten SUPERBALL zurück! You remember: da musste immer so ein verrückter Multi-Color-Ball von links nach rechts und umgekehrt an Hindernissen vorbei bewegt werden, indem ein Zuschauer einem Moderator mit Bewegungs-Dildo über Telefon Richtungsbefehle gab. Schweißtreibende Action mit Schmunzelfaktor und hohe Thriller-Spannung am frühen Morgen – willkommen zur Rückkehr des intelligenten Qualitätsfernsehens!

Paar-Therapie

RTL ist und bleibt der Philantrop unter den Privatsendern: aus reiner Menschenfreundlichkeit schickt er glückliche junge Paare für seine fröhliche Flirt-Fickel-Versuchungs-Show TEMPTATION ISLAND auf eine paradiesische Trauminsel – allerdings getrennt voneinander. Und auf die frisch Separierten warten jeweils diverse attraktive und hoch begattungsbereite Single-Boys & blankbusige Knatter-Girls zur erotischen Anmache in Dauerschleife, was natürlich gefilmt und dem Partner brühwarm vorgeführt wird, hihihi. Verzweifelte Wut, furiose Eifersuchts-Szenen und tränenreiche Beziehungs-Trennungen vorprogrammiert. Endlich wieder modernes Fernsehen mit Dramatik, Titten und Niveau, fast noch geiler als der SAT1-Superball!

626. Mit dem Ersten sprichst Du schöner (TVS 5/19)2019-03-12T01:04:33+02:00