608. Der Promi zum Lesen (TVS 14/18)

Ein bizarr-befremdlicher Trend hat still und leise seine vom Irrsinn infizierten Eier in der Medienwelt abgelegt und brütet nun die vom Publikum ungewollten Kinder aus: das namensgleiche Print-Magazin zum schief lächelnden Schablonen-Promi! Keiner weiß so recht von wo diese mysteriöse Medien-Modewelle zu uns herüber schwappte und was sie eigentlich von uns will, aber plötzlich war sie da und inzwischen vermehren sich ihre Auswüchse auf dem Zeitschriftenmarkt so zahlreich wie riemig dahingerammelte Karnickelkinder. BARBARA – das schöne Schöneberger-Heftchen. Jokos bedrucktes Brillenputztuch JWD. Der Katzenberger ihre zusammengetackerte knallbunte Klopapiersammlung DANIELA. Lukullisches Lesefutter mit Lirum-Larum-Löffelstiel-Leckermaul LAFER. Der kleine Alltags-Arzt zum Abheften mit ECKHART VON HIRSCHHAUSENS GESUND LEBEN. Gerade frisch angekündigt das Fun-Over-Fifty-Frauenmagazin BIRGIT SCHROWANGE – LUST AUF MEHR.

In manchen Fällen (wie zB bei Schro und Hirsch) versuchte man, einem bereits länger dahin dümpelnden Ladenhüter durch einen pfiffigen Famous-Face-Zusatz einen neuen Verkaufs-Drive zu verpassen. Bei anderen Titeln wiederum hoffte man, diverse diffus umherirrende Artikel und Themen durch eine passende Prominenz-Patenschaft einfach unter einem schützenden Schirm des schönen Scheins unbemerkt verstauen zu können. Am Ende aber blieb alles meist nicht mehr als ein belanglos buntes BlaBla-Blätterwerk mit bizarrem Bekanntfressen-Aufdruck, dessen Sinn und Zweck sich selbst dem treuesten Papierstapel-Kunden der alten Schule nicht so recht erschließen mag. Und dennoch ist ein Ende des Hypes um das prätentiös personenprotzige Print-Produkt noch lange nicht abzusehen.

Glaubt man gewöhnlich unzuverlässigen Quellen, so befinden sich bereits diverse brandneue Personality-Illustrierte in Vorbereitung. LIES DEN HENSSLER! – DAS FACHORGAN ZUM FISCH EINWICKELN steht kurz vor der Veröffentlichung, ebenso SYLVIE MEIS – DER HEISSE SCHEISS wie auch BORIS’ BECKERBLUME – TIPPS FÜR EHE, IMAGE UND FINANZEN. Aus dem Bereich der Politik erwarten uns SÖDER! – NOTHING ELSE MATTERS, Angela Merkels Monatsheft MUTTI IM LEERLAUF – DAS PHLEGMAGAZIN FÜR FLOTTEN STILLSTAND UND LETHARGIE und von Seiten der AfD die germanisch-geriatrische Geronten-Gazette GAULAND – DER VOGELSCHISS IM BLÄTTERWALD. Wobei verständlicherweise auch diverse TV-Sender ihre zotteligen Zugpferde mit dümmlichem Druckwerk unterstützen wollen, so wie DIE GEISSENS – ÜBERTEUERT-ÜBERHEBLICH-ÜBERBEWERTET, das Klum-Journal HEIDIS HEROES – SEI SCHÖN UND GEHORCHE! oder auch THE BOYS & BABES OF BACHELOR – BUMS MICH BERÜHMT! Bei der Menge der zu erwartenden Produkte dürfte es keine Überraschung sein, dass auch ich meine eigene Personality-Publikation plane. Allerdings schwanke ich noch zwischen den Titeln KALK-ANZEIGER, MOPS IM SPIEGEL oder FAT FOR FUN.

Ohrenfolter

Impro-Comedy ist immer gern gesehen im Privat-TV: man holt die üblichen Schmunzelstars aus der Schublade, spart ein echtes Drehbuch und lässt sie ohne Plan irgendwas machen, seit SCHILLERSTRASSE am liebsten via Ohrknopf-Ansage. Wenn dem Publikum vorher gesagt wird, dass das lustig sein soll, lacht es meist brav mit, und selbst das schlechteste Ergebnis ist immer noch unterhaltsamer als die beste Scripted Reality vom Nachmittag. Jetzt versucht es auch RTL noch mal mit einer SAT1-Kopie und Kichermaschine Ralf Schmitz in HOTEL VERSCHMITZT – AUF DIE OHREN, FERTIG, LOS! Ich jedenfalls verspüre schon allein beim Titel intensives Hirnjucken.

Kuchenschlacht

Dass Kochen im Fernsehen ganz gut funktionieren kann, haben sämtliche Sender ja schon bis zum Erbrechen in allen Variationen durch exerziert. So langsam wird es allerdings langweilig an den Töpfen, daher wird nun immer öfter das Backblech gebuttert. Neuerster RTL-Kaffeeklatsch-Coup in puncto nachmittägliche Verzehrformate:  HAUTSACHE SÜSS, wo jeweils vier Profi- und Hobbybäcker sich ihre Tortenschlacht um die leckerste Backware liefern. In der Jury wechselnde begeistere Kuchenfresser und Süßspeisenvernichter aus der Region. Schon mal den Schnaps zur intellektuellen Verdauung bereitstellen!

Märchenmord

Schon vor über Ewigkeiten abgedreht, dann verschämt versteckt und jetzt zur Sommerversendung wieder aus der Gruft der Absonderlichkeiten zurückgeholt: ES WAR EINMAL… AUF IBIZA. Der mehr als gruselig klingende Versuch von RTL2, in gewohnt minderwertiger Qualität Märchenklassiker als moderne Scripted Reality zu verhunzen. So wie SCHNEEWITTCHEN UND DIE SEXY SEVEN, in dem eine dösige BERLIN – TAG & NACHT – Stammelschwester auf der Flucht vor der Schwiegermutter bei einer Gruppe sexy Mottoparty-Betreiber untertaucht. Klingt alles nach dem sehr fiesen Fluch einer besonders dummen Fernseh-Hexe – für das Publikum auf jeden Fall ohne Happy End.

608. Der Promi zum Lesen (TVS 14/18)2018-07-02T02:10:38+00:00

607. Abschalten zur Sommerpause (TVS 13/18)

Abschalten zur Sommerpause

Jedes Jahr das gleiche: kaum kommt die Sonne raus, legt sich das Fernsehen faul auf den Rücken und verfällt in stinfkaule Sommerstarre! Was soviel heißt wie: circa drei Monate keine neuen Programme, keine großen Shows, kaum Stars – nur jede Menge Wiederholungen, Wiederholungen der Wiederholungen und mittelmäßiger Murks, der schon ewig zu Recht im Giftschrank der Produzenten vermodert, aber jetzt schnell noch mal unauffällig versendet werden kann. Heidi Klum entführt plötzlich keine Möchtegern-Model-Hungerhaken mehr aus den Klassenräumen und checkt lieber ein im Tokio Hotel. Dieter Bohlen lässt sein aufgespritztes Gesichtsleder grinsend von der Mallorca-Sonne gerben statt hoffnungslose Hobbysänger zusammenzuscheissen. Alle sonst so geschwätzigen Talk-Tanten lassen ihre Stühle leer und tausende brennend unwichtiger Fragen ungestellt. Berge von Leichen faulen in der Sonne, da kein einziger Tatort-Kommissar mehr auf Streife ist. Zahllose potentielle Neu-Millionäre bleiben arm, weil RTL Günter Jauch irgendwo heimlich für seinen Aldi-Wein Trauben treten lässt. Sogar der Welke macht sich ein paar Wochen lang die Haare schön und lässt
das Volk mit dem politischen Alltagswahnsinn unkommentiert allein.

Welch schändlicher Müßiggang und feiges Verpissertum! Und wir müssen darunter leiden. Niemand der TV-Verantwortlichen gibt sich mehr Mühe, das ohnehin schon träge Hirn stellt sich von Leerlauf auf Chill-Modus und lieblos wird Dienst nach Vorschrift aus den müden Anwesenheitskörpern gewrungen. Schuld daran ist allerdings wie immer nur das undankbare Publikum selbst, das in den heißen Monaten seiner Zuschau- und Einschaltpflicht wegen warmer Temperaturen oder vorgeschobenem Familienurlaub nicht wirklich ernsthaft genug nachzukommen scheint. Bleibt die Glotze kalt, wird sie halt auch nicht gefüttert.

Dieses Jahr allerdings liegt die gesamte Verantwortung im Bereich Unterhaltung allein auf den Schultern der Nationalelf. Wie alle vier Jahre herrscht wieder einmal der WM-Ausnahmezustand und es interessiert sich eh keine Sau für irgendwas anderes als Fußball. Wobei unsere Jungs diesmal als amtierender Weltmeister aufs Feld ziehen, was soviel bedeutet wie: kaum Luft nach oben! Alles außer Universumsmeister oder mindestens nochmaliger Weltmeister gilt da als Enttäuschung – keine wirklich entspannte Ausgangslage, die bei Jogi Löw sicherlich für einige nass geschwitzte Kaschmirpullis sorgen dürfte.
Nutzen wir, die sonst nur zum kommentar- und kritiklosen Kacke-Konsum verdonnerten User-Loser, doch einfach diese Zeit der medialen Muße einmal für etwas ganz anderes als immer nur dieses blöde Fernsehen! Die Welt hat so viel zu bieten. Netflix zum Beispiel. Oder Amazon Video, Sky, i-tunes und all die anderen Streamingdienste. Keine Angst, man muss wirklich nicht gleich aus Verzweiflung zum Buch greifen, wenn das Fernsehen einen mal verlässt – gerade für jüngere Menschen könnte das schnell den gesellschaftlichen Tod bedeuten. Und keine Angst: spätestens ab September wird wieder alles besser – bzw genau so furchtbar wie immer!

Ohrenfolter

Impro-Comedy ist immer gern gesehen im Privat-TV: man holt die üblichen Schmunzelstars aus der Schublade, spart ein echtes Drehbuch und lässt sie ohne Plan irgendwas machen, seit SCHILLERSTRASSE am liebsten via Ohrknopf-Ansage. Wenn dem Publikum vorher gesagt wird, dass das lustig sein soll, lacht es meist brav mit, und selbst das schlechteste Ergebnis ist immer noch unterhaltsamer als die beste Scripted Reality vom Nachmittag. Jetzt versucht es auch RTL noch mal mit einer SAT1-Kopie und Kichermaschine Ralf Schmitz in HOTEL VERSCHMITZT – AUF DIE OHREN, FERTIG, LOS! Ich jedenfalls verspüre schon allein beim Titel intensives Hirnjucken.

Kuchenschlacht

Dass Kochen im Fernsehen ganz gut funktionieren kann, haben sämtliche Sender ja schon bis zum Erbrechen in allen Variationen durch exerziert. So langsam wird es allerdings langweilig an den Töpfen, daher wird nun immer öfter das Backblech gebuttert. Neuerster RTL-Kaffeeklatsch-Coup in puncto nachmittägliche Verzehrformate:  HAUTSACHE SÜSS, wo jeweils vier Profi- und Hobbybäcker sich ihre Tortenschlacht um die leckerste Backware liefern. In der Jury wechselnde begeistere Kuchenfresser und Süßspeisenvernichter aus der Region. Schon mal den Schnaps zur intellektuellen Verdauung bereitstellen!

Märchenmord

Schon vor über Ewigkeiten abgedreht, dann verschämt versteckt und jetzt zur Sommerversendung wieder aus der Gruft der Absonderlichkeiten zurückgeholt: ES WAR EINMAL… AUF IBIZA. Der mehr als gruselig klingende Versuch von RTL2, in gewohnt minderwertiger Qualität Märchenklassiker als moderne Scripted Reality zu verhunzen. So wie SCHNEEWITTCHEN UND DIE SEXY SEVEN, in dem eine dösige BERLIN – TAG & NACHT – Stammelschwester auf der Flucht vor der Schwiegermutter bei einer Gruppe sexy Mottoparty-Betreiber untertaucht. Klingt alles nach dem sehr fiesen Fluch einer besonders dummen Fernseh-Hexe – für das Publikum auf jeden Fall ohne Happy End.

607. Abschalten zur Sommerpause (TVS 13/18)2018-06-26T19:50:52+00:00

606. Quotenretter Royal Wedding (TVS 12/18)

Das lineare Fernsehen, also auf Deutsch gesagt das gute alte  ‚live in die Kiste glotzen’, hat im Zeitalter der Mediatheken und Streaming-Dienste viele Zuschauer verloren. Markterschütternde Quotenerfolge werden immer seltener, auch wenn diese Zahlen durch die realitätsfremd veraltete Daten-Messung eh nicht mehr aussagekräftig sind. Da man sich aber nun mal auf diese Art der bizarren TV-Bitcoin-Abrechnung geeinigt hat, ist die ominös im Raum schwebende ‚Quote’ immer noch das Maß aller Dinge. Nur woher nehmen und nicht stehlen? Es gibt ja leider kaum noch Ereignisse, die mehr als das bekannte Durchschnittspublikum vor den Kasten nageln. W oder EM ist nur alle zwei Jahre, belanglose Sing- und Model-Contests ziehen auch schon lange keinem mehr das Schnitzel vom Teller. Was also senden, um endlich mal wieder beim morgendlichen Quotencheck einen Grund zu finden, mit der Belegschaft ein Prosecco-Fläschchen aufzuschrauben?

Die Rettung kam ganz unverhofft aus Großbritannien. Dort heiratete kürzlich ein rotbärtiger Royal namens Harry eine US-Schauspielerin namens Meghan Markle, ganz still und einfach im Familienkreise. Obwohl es eigentlich ja nicht viel zu sehen gab und jeder im Grunde wusste, wie der Showdown in der Kirche ausgehen würde, waren doch einige zigtausende Schaulustiger und zahllose internationale Fernsehteams gekommen um ganz en passant darüber zu berichten. Die deutschen TV-Vertreter hatten ihre besten Leute geschickt: für RTL kommentierten Frauke Ludowig und Shopping Queen-King G.M. Kretschmer live die Klamotten aller Anwesenden vom Schlübber bis zum Faschingshut, während der singende Duracell-Hase Ross Anthony als wild gewordener Straßenrand-Reporter orgiastische Hysterie-Anfälle bekam, wenn er einen kurzen Blick auf die Kutsche des königlichen Knutsch- und Knatter-Pärchens erhaschen konnte. Auch das ZDF hatte seine ranzigsten Royal-Experten und Langeweile-Luschen aus dem Mittagsschlaf geweckt, um in altmodischem Kaffeeklatsch endlos über diese ‚bürgerliche Braut’ mit ihren ‚afroamerikanischen Wurzeln’ und den so wunderbar ‚schwarz singenden’ Gospel-Chor zu diskutieren, weil sie so etwas ‚Exotisches’ seit Roberto Blanco anscheinend nicht mehr auf dem Sender gesehen hatten.

Wie auch immer, das ganze stinklangweilige Geschwafel über die schleppend inszenierte Zeitlupen-Hochzeit brachte den beiden Kanälen zusammen über 60% Marktanteil und so viel Publikum wie lange nicht mehr.  Weshalb nun hektisch überlegt wird, wen man bei uns erfolgreich öffentlich verheiraten könnte. Selbstverliebte Pseudo-Promi-Paare bringen es leider nicht, das weiß man spätestens seit den pupsromantischen Wedding-Flops mit Sarah Connor, Gülcan und der Katzenberger. Richtige Adlige haben wir nur sehr wenig, und der Großteil davon ist meistens bekloppt oder besoffen oder beides. Deshalb soll jetzt die Politik ran, die GroKo ist ja gewissermaßen so was wie unsere Königsfamilie. Statt Harry & Markle müssen halt Horst & Merkel herhalten und knutschend mit der Kutsche um den Block fahren, um das deutsche Fernsehen zu retten. Was danach passiert ist eh wurscht, es zählt nur der schnelle Glamour zum Wohl des Landes!

Krass repeated

Die Squad vong RTL2 sind schon echt unlügbar lit! Da producen sie KRASS SCHULE, ne fette neue cheedo Soap über Lehrer, Refies und other School-Swaggernauts, aber dann läuft der Shit an manchen Tagen richtig schmoof und nicenstein, an anderen aber wieder voll belastend. Und ahnma – was machen die sahnigen Babos? Switchen simplig das komplette Afternoon-Programm und bringen vor jeder freshen Folge noch mal die abgeranzte vom Vortag als Double-Brainfuck-Burger zum Fermentieren vor dem Fernseher. Einfach den shit daily repeaten bis einer glotzt – echt übelst fly, die idea!

Klau mit Ansage

Wir erinnern uns: bei SAT1 gab es doch mal diese meist etwas zu laute Impro-Comedy namens SCHILLERSTRASSE, in der sich zu jener Zeit fast sämtliche Lohnarbeits-Spaßvögel der Republik über Live-Ohr-Ansagen durch wirre Handlungsfragmente steuern ließen. Im Taumel der Old-Fun-Renaissance des Bällesenders plante man dann KILLERSTRASSE – alles wie vorher, nur mit Krimi-Plot. Aber dann dachte man sich: Nee, noch besser, wir nennen es MORD MIT ANSAGE und behaupten einfach frech, das wäre unsere eigene Erfindung! Merkt ja keiner. Hat aber doch. Den Rest improvisiert man jetzt vor Gericht.

Schön im Web

Die militante Jungmädchen-Modelisierung der knallhart kapitalistischen Klum-Akademie für austauschbare Laufsteg-Luder wächst und gedeiht – und um neben TV-Nutzerinnen auch noch die Nur-Netz-Girls abzugreifen, bringt Pro7 dort jetzt die erste Web-exklusive Ablegerserie: LET’S FACE REALITY – VOM LAUFSTEG INS LEBEN. Wobei der Titel allerdings mehr verspricht als die inhaltsleere Hohlbratzenparade hält, denn letztlich gibt es nur sinnfreies Gelaber der dusseligsten Kandidatinnen, peinliches Power-Dauerposing und Werbung für die unnützesten Instagram-Accounts. Aufgeblasenes Nichts mit Make Up zum Anklicken.

606. Quotenretter Royal Wedding (TVS 12/18)2018-06-02T02:01:01+00:00

605. Das Land der ewigen Suche (TVS 11/18)

Den meisten Menschen wird es gar nicht bewusst sein, aber Deutschland ist zusammen mit dem humanitären Hilfs-Sender RTL auch im Jahr 2018 immer noch auf der Suche nach einem landeseigenen Superstar in den anspruchsvollen Kategorien Lautes Singen, Heftiges Hüpfen, Fan-Selfies-Machen und ohnmachtserregende Berühmtheit. Seit über 15 Jahren hält man nun bereits Ausschau nach einem neuen multimedialen Messias der Musikwelt, scheinbar aber leider ohne Erfolg, denn immer wenn man gerade denkt, es wäre vielleicht ein passender Hit-Heiland gefunden, wird schon die nächste Ausschreibung gestartet.

Wieso bloß will uns die simple Kür eines nulpigen  National-Barden einfach nicht gelingen, obwohl sich wöchentlich tausende Freiwilliger als mögliche Megaprominenz-Märtyrer anbieten und nur die größten Topstars, qualifiziertesten Experten und verhaltensauffälligsten NewMedia-Influencer in der Taxierungs-Jury sitzen? Der wachsvisagige Chef-Ermittler Dieter Bohlen, seit Anbeginn unangefochtener Vorsitzender der mürrisch-mafiösen Quest-Kommission, erscheint dem mitleidigen Betrachter inzwischen wie ein ausgemergeltes Wrack, physisch wie auch psychisch, von den ergebnislosen Strapazen der Vergangenheit schwer gezeichnet: ein wirrer, desillusionierter alter Mann, der seinem Enkel die Klamotten klaut. Die restlichen Teilzeit-Fahnder, die im Laufe der Jahre auf der Strecke blieben, sind längst vergessen, ebenso wie die kurios krakeelenden Karaoke-Kollateralschäden. Geblieben ist nach all der Zeit lediglich ein Bild des Jammers und des Versagens.

Dem trikonsonantigen Kölner Qualitätskanal kann man allerdings keinen Vorwurf machen. Gerade auf dem Sektor der sinnlosen Suche ist er seit Ewigkeiten ganz vorne dabei. Egal ob schmusige Schwiegertöchter, begattungsbereite Bauersfrauen, tapsige Tanztrottel, demütigungsresistente Dschungel-Deppen, nichtssagende Nacktinsel-Nulpen oder ballerblöde Bachelor-Bumsbücken – nach all dem und noch viel mehr wird dort seit Ewigkeiten gefahndet. Doch gleichsam noch immer ohne Erfolg.

Woran mag diese dauerhaft blindwütige Orientierungslosigkeit einer ganzen Nation nur liegen? Schließlich herrscht auch in Fragen der politischen Landeslenkung ähnliche Konfusion: alle vier Jahre wird erneut mit großem Aufwand gewählt, um eine kompetent-charismatische Führungsperson für die Leitung unserer zukunftsrenitenten Republik zu finden, aber am Ende ist es doch immer wieder nur dieselbe alte maulfaule, mieslaunige Mutti mit den Mopsmundwinkeln. Doch trotz des anscheinend unveränderbar in Starrheit verharrenden Ergebnisses werden stets erneut die Wahlzettel ausgelegt, wie sinnlos und kostspielig dies auch immer sein mag.

Vielleicht sollten wir einfach lernen, die Wahrheit zu verstehen und zu akzeptieren, wie ernüchternd sie auch sein mag: Deutschland ist das Land des ewigen Suchens, nicht des Findens. Nicht das Ziel ist das Ziel, sondern die Suche danach – denn nur wer niemals ankommt (und am besten ohne zu wissen, wo überhaupt) bleibt trotz lähmender Trägheit immer in Bewegung.

Gefrierbrand

Der Sommer steht noch an der klimatischen Türschwelle, aber der kluge Buntballsender SAT1 plant schon für den Winter vor: nämlich die lang nicht ersehnte Rückkehr von DANCING ON ICE! Ja stimmt, zucken da die Synapsen erschreckt zusammen, da war doch irgendwann mal so was gewesen… quasi LET’S DANCE auf Schlittschuhen, mit Promis beim graziös ungelenken Gruppen-Gleiten und Dönerspießigen Pirouetten-Drehen. Schon damals langweilig, wird aber diesmal auch nicht besser, versprochen! Allerdings: Wenn man verzweifelt ist und nix Frisches hat, greift man halt in die Tiefkühltruhe!

Klassenwechsel

Quoten machen glücklich, das weiß jeder Sender – aber Geld auch? Konzernen ist das bekannt, die ernähren sich von ihrer Gier danach, doch wie läuft es bei diesen ‚ganz normalen’ Menschen? Manche glauben, ein Extra-Eimer Kohle könne die emotionalen Löcher im Seelenmantel abdichten, andere mit vergoldetem Silberlöffel im Po wünschen sich die gute alte Bodenständigkeit der monetären Unsicherheit zurück, da sich das persönliche Glück trotz Kontostands-Erektion immer noch nicht eingestellt hat. In PLÖTZLICH ARM, PLÖTZLICH REICH, wo sehr und weniger wohlhabende Familien mal kurz das Leben tauschen, wird uns Sozialexperimentsender SAT 1 diese Frage endlich endgültig beantworten. Wir danken.

Ablegerwahn

Und noch mal SAT1 im TV-News-Hattrick! Um das Portfolio der so schwach-sinnigen wie auch Quoten-schwächelnden Scripted Reality-Kackformate elegant zu erweitern, hat man bei CSI und SOKO abgekupfert: einfach alles kopieren und fast identische Ableger davon machen! So gesellt sich zur KLINIK AM SÜDRING jetzt nicht der Nordring, sondern KaS – DIE FAMILIENHELFER, AUF STREIFE bekommt die INSPEKTION 5 – KÖLN-MÜHLHEIM und die ranzige RUHRPOTTWACHE das knallercool klingende DRINGEND TATVERDÄCHTIG – DUISBURG CRIME STORIES. Ist dennoch nix anderes als fauliges Gehirngammelfleisch und stinkender alter Müll in neuen Tüten.

605. Das Land der ewigen Suche (TVS 11/18)2018-05-22T02:04:43+00:00

604. Das Echo der eigenen Sprachlosigkeit (TVS 10/18)

Oops, mit so einem Shitstorm der Stärke Uiuiui! wie dieses Jahr nach der ECHO-Verleihung hatte die deutsche Musikindustrie nicht gerechnet! Dabei lief doch eigentlich alles wie immer: ohne künstlerisch-moralisch zu bewerten oder vorher überhaupt mal in das Geträller und Gelulle reinzuhören, wurden ausschließlich jene Künstler-Darsteller gewürdigt, die am besten verkauft und der Industrie somit die meiste Kohle in die Geldspeicher eingefahren hatten. Trotz zahlreicher Warnungen im Vorfeld wurden auch zwei gedankenlos rüpelnde Kleingangsta-Rap-Rabauken namens ‚Fahrrad Bums und sein Kollege’ oder so ähnlich ausgezeichnet, die mit ihren stumpfdoof dahingestammtelten Wort-Gewöllen eine regelrechte Lawine an Beschwerden, Empörungen und Preis-Rückgaben auslösten. Zwischen zahlreichen Zeilen voll gewohnt übertriebener Brutalität und genereller Menschenfeindlichkeit, (die eher von geringster Bildung, hoher Ignoranz und ausgeprägter Brägenleere zeugen denn von intendierter Genre-typischer Provokation) löste vor allem der Satz ‚Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen’ eine veritable Antisemitismus-Debatte aus, während das arhythmische Unsympathen-Duo ihre knalldoofe Geschmacklosigkeit mit der musikalischen Meinungsfreiheit zu erklären versuchte. Wo einer der Knackpunkte liegen mag, denn weder sie selbst noch ein Großteil ihrer bildungsresistenten Anhänger dürfte den Inhalt des Texts wirklich verstanden haben. Man kann sich sein Publikum halt nicht aussuchen – aber ohne dumme Fans gibt es auch keinen Erfolg für dumme Texte. Der Grat zwischen Kunstfreiheit und Kommerzkacke ist nun mal ebenso schmal wie zwischen Kränkung und Verletzung oder Haltung und Heuchelei. Der Schlüssel zu allem bleibt letztendlich immer nur der eigene Verstand – aber oft ist der leider gerade dann nicht zu finden, wenn man ihn am meisten braucht.

Viel schwerer wiegt die Frage: wieso gibt man solchen Möchtegern-HipHop-Honks überhaupt einen Preis? Ganz einfach: weil es voll geil ist, sich an den Erfolg anderer anzubiedern – egal woher er kommt! Solche Halbwelt-Typen bringen Geld, junges Publikum, und wenn man ein Selfie mit ihnen bekommt, gewinnt man vielleicht sogar einen Hauch Respekt bei den eigenen Kids zurück. Der Echo – so wie ein Großteil all unserer Preise aus den medialen Welten – hatte nie etwas mit Kunst oder Kreativität zu tun, sondern immer nur mit Umsatzzahlen – das Pendant zum stolz eingerahmten Kontoauszug über dem eigenen Kamin. Und bisher ging es ja auch immer gut. Die Herz- und Gedankenlosigkeit in diesem Jahr ließ allerdings Preisträger, Publikum und die gesamte Branche gemeinsam in das selbst aufgeklappte Messer laufen. Gekrönt von totaler Hilflosigkeit der Verantwortlichen, mit der berechtigten Kritik umzugehen, erwies sich die Verleihung als das handgeschriebene Armutszeugnis einer in der untergehenden Erfolgs-Sonne schmelzenden Branche, die ihre Seele verkauft hat, um zumindest noch für eine kurze Zeit die eigene vorgetäuschte Bedeutsamkeit fühlen zu dürfen. Nur um sich dann am Ende aus unfähiger Sprachlosigkeit lieber komplett selbst abzuschaffen. Ende.

Liebe mit Gesang

Mein Tipp an alle Leser/Innen: Suchen Sie sich besser ganz schnell einen festen Lebenspartner! Denn sonst landen Sie noch ohne es zu ahnen ratzfatz in irgend so einem furchtbaren Vorführ-Verkupplungsformat von einem der zahlreichen privaten Bematschtenblamiersender. Nach potentiellen Bauernopfern, Bachelor-Bumsbeilagen, Schwiegertöchtern und endlosen sonstigen Kopulations-Kandidaten, werden nun die großen Lieben für Schlagersänger und Innen gesucht. Von Tim Toupet bis Hütten-Helmut ist fast der gesamte musikalische Mitklatsch-Underground dabei – es fehlen nur noch halbfreiwillige potentielle GV-Partner. Singles, lauft schnell weg – sonst erwischen Sie euch noch!

Hypno-Wünsche

RTL wagt ein neues Experiment: Zuschauer hypnotisieren und nach den geheimsten Wünschen aus ihrem Unterbewusstsein graben, sie später erneut damit konfrontieren und zum Abschluss vielleicht sogar erfüllen. Soll alles so geschehen in MEIN VERBRORGENER WUNSCH mit Hypno-Kröte Martin Bolze aka ‚Pharo’. Bin mal gespannt was passiert, wenn die Kandidaten den innigen Wunsch offenbaren, dass RTL endlich besseres Programm macht, aufhört die Zuschauer zu verarschen oder einfach  komplett den Pöter zukneift.

Sensible Sendungen

Wenn sämtliche Oberflächlichkeiten abgeschabt sind, versuchen selbst die lautesten Krawallsender aus Verzweiflung thematisch in die Tiefe zu tauchen. So plant RTL2 mit DIE GRUPPE – SCHREI NACH LIEBE ein Format über Menschen mit psychischen Problemen wie Zwangsstörungen, Depressionen und Panik-Attacken, sowie die Begleitung todkranker Menschen beim Erfüllen ihrer letzten Wünsche in VOLLER LEBEN – MEINE LETZTE LISTE. Schwierig, aber ambitioniert. Wenn allerdings ein intellektueller, hoch sensibler Emotion-Channel wie RTL2 diese Themen behutsam mit filigranen Fingern anpackt, kann ja nichts schiefgehen. Oops – irgendwie klingt falsch an diesem Satz…

 

604. Das Echo der eigenen Sprachlosigkeit (TVS 10/18)2018-05-08T03:10:05+00:00