585. Das Böse unter der Haube (TVS 17/17)

Der Deutsche hatte im Ausland schon immer ein gewisses Imageproblem. Zwar wurde er stets für seine Pünktlichkeit, seinen Fleiß und die fast schon wieder lustige Humorlosigkeit geschätzt, und auch im Bereich Bier und Fußball musste ihm durchaus ehrfürchtige Anerkennung entgegengebracht werden. Einige politisch wie zwischenmenschlich durchaus bedenkliche Entscheidungen in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts sorgten jedoch kurzzeitig für einen gewissen Knick in der Beliebtheitsskala, worunter wir gelegentlich auch heute noch durch satirisch nachgeäfftes Stimm-Schnarren oder spöttische Scheitelschnauz-Karikaturen zu leiden haben. Aber komm, Schwamm drüber, ist ja schon lange her, da muss man jetzt nicht auch immer wieder mit anfangen. Inzwischen hatten wir uns glücklicherweise durch ein relativ verlässliches Auftreten gekoppelt mit der resolut einschläfernden Mutti-Merkel-Polit-Power international eine ganze Menge an Respekt zurück erobert.

Jetzt allerdings drohen wir all diese Achtung erneut zu verlieren und einmal mehr in die Liga der weltweiten Über-Oberschurken aufgenommen zu werden – und das alles ausgerechnet auch noch durch fiesen Pfusch bei einer unserer früheren Kernkompetenzen: dem Auto-Bau! Deutsche Kleinwagen galten lange Zeit als Musterbeispiel für das Zusammenspiel von Qualität, Eleganz und Ehrlichkeit. Jetzt wurde es entzaubert als böswillig betrügerisches Teufelswerk, das seinen naiven Kunden schon lange lachend die tödlichen Abgase direkt ins Gesicht furzt. Ja konnten wir Narren das denn wirklich all die Jahre glauben, dass man ohne Beschiss so umweltfreundliche und dennoch bezahlbare Kleinwagen herstellen und dabei auch noch unfassbar reich werden kann? Natürlich nicht – aber wir wollten es halt glauben! Da kann man den Herstellern wahrhaft keinen Vorwurf machen, die versuchten ja nur dass wir uns etwas besser fühlen beim Umwelt vergiften. Während ein egomanischer Klima-Godzilla wie Trump einfach sagt: ‚Mir doch egal, fuck the Klimawandel, leckt mich doch am Wetter!’ haben wir noch ein moralisches Gewissen und tun nach außen geheuchelt zumindest so, als würden wir uns um die sensible Loser-Umwelt kümmern, auch wenn wir ihr in Wirklichkeit mit Anlauf lachend in die Eier treten.

Erst dachte man es wäre bei VW ein dummes Versehen oder bedauerlicher Einzelfall gewesen. Inzwischen wissen wir: nein, quasi alle germanischen Motor-Monster-Mogule steckten unter einer diabolischen Decke, eng angekuschelt an die politischen Freunde mit Hör- und Sehschwäche. Deutsche Autohersteller sind die neuen Fahrzeug-Frankensteine, Betrugs-Oberligisten und Umwelt-Vergewaltiger von heute. PKW aus der BRD müssen nachträglich aus allen TV- und Filmproduktionen gepixelt und durch Fahrräder, Mazdas oder Fußgängergruppen ersetzt werden. Und in 50 Jahren wird im Remake ‚Jäger des verlorenen Auspuffs’ ein junger Indiana Jones gegen sinistre Schurken in Maßanzügen mit Automarken-Armbinden die Peitsche schwingen und sagen: ‚Ich hasse Deutsche Autohersteller!’ Während wir unseren asthmatisch hustenden Kindern erklären, dass wir ja von allem nichts gewusst haben.

Kinderträume

In SAT1 ist endlich wieder Zeit für eine Ladung künstlicher Fake-Gefühle und die Extra-Portion Schleimigkeit, dauerlächelnd dargereicht von Grinse-Gremlin Thore Schölermann. Der krabbelt nämlich in DER WUNSCHBAUM auf den selbigen und pflückt niedliche Kinderwünsche, welche die kleinen Racker nicht für sich, sondern knuddeligerweise für andere aufgeschrieben haben. ‚Ehrliches Fernsehen mit einem positiven Kern’ verspricht der emotionale Buntball-Sender, aber wer ihnen das glaubt, der denkt auch in Süßstoff wären Vitamine.

Frauengeschäfte

Small Business, Big Business, Show Business – kaum etwas scheint derzeit das Publikum so sehr zu interessieren, wie Leute die ein Geschäft retten, verbessern oder eröffnen möchten und dazu von Profis beraten, beurteilt oder zusammengeschissen werden. Daher zieht RTL2 jetzt die Alt-Joop-Tochter Jette aus der Designer-Tüte und stellt sie jungen Frauen als coolen Coach zur Seite auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit. JUNG, WEIBLICH, BOSS! soll das Format heißen, und die Produktionsfirma hat bereits tolle Erfahrungen mit Melanie Müller- und Katzenberger-Dokus gesammelt hat. Die liefen allerdings eher unter dem Arbeitstitel DUMM, PEINLICH, LOST!

Familiengespräche

Show-Idee: Kinder von Promis betrachten Gegenstände, die zur Zeit ihrer Eltern zum gewöhnlichen Alltag gehörten, heute aber als altmodisch ausgestorben gelten – und entscheiden dann in sympathischer Arroganz, was davon noch mal eine zweite Chance verdient hätte. Klingt im ersten Moment gar nicht so uninteressant – aber wenn man dann hört dass das Ganze COMEBACK ODER WEG! heißen, auf RTL laufen und wieder mal nur von den üblichen Forever-Famous-Family-Flatulenzen von Verona Pooth bis Janine Kunze präsentiert werden soll, hat man im Kopf schon längst auf (bloß schnell!) WEG gedrückt.

585. Das Böse unter der Haube (TVS 17/17) 2017-08-12T04:10:28+00:00

584. Gewalt verbindet die Welt (TVS 16/17)

Der G20-Gipfel in Hamburg liegt bereits einige Wochen zurück, aber nach Auswertung aller Fakten kann abschließend ein für alle Seiten höchst erfreuliches Fazit gezogen werden. Der offizielle Zeitplan wurde ordentlich eingehalten, ein Großteil der Staatschefs war bei den meisten Veranstaltungen anwesend, President Trump bei einigen sogar persönlich, die kulinarischen und musikalischen Preciosen von Beethoven bis zu den Ochsenbäckchen erfreuten die Seele, und ein paar wenige der gemeinsam verabschiedeten Ergebnisse hielten sogar mehrere Stunden.

Besonderer Dank gilt an dieser Stelle den beherzten Bürgerinnen und Bürgern, die gemeinsam mit Faust, Stein und Benzin dafür sorgten, Hamburg wieder in die Medien und das öffentliche Bewusstsein zu krawallen. Mit so aufregenden wie auch anheimelnden Bildern von eskalierenden Straßenschlachten, festlich brennenden Kleinwagen und marodierenden Diebeshorden hat sich die fast vergessen geglaubte maritime Weltstadt mit Herz und Wumms auf der Liste der internationalen Power-Metropolen wieder ganz nach oben katapultiert. Zudem gelang es durch die nicht enden wollenden sinnlosen Gewalt-Eskalationen ganz vortrefflich, von den mehr als mauen Ergebnissen des eigentlichen Gipfels abzulenken, auch dafür noch einmal ein zusätzlicher Dank an alle Beteiligten. Ohne die unterhaltsamen Massenschlachten und bildgewaltigen Brandanschläge hätten die Journalisten kaum etwas unterhaltsames zu berichten gehabt und wären gezwungen gewesen, uns mit der drögen Politik zu langweilen. So spielte diese glücklicherweise nur die zweite Geige und alle Teilnehmer konnten ohne unerfreulich bindende Beschlüsse wohlgenährt und angenehm ergebnisarm nach Hause reisen.

Lob auch an die zahlreichen offenbar links orientierten Cha- und Idioten, denen es bravourös zu beweisen gelang, dass Dummheit und generelle Menschenfeindlichkeit nicht nur im rechten Spekturm des politischen Regenbogens zu finden sind. Leichter und eleganter wurden den reaktionären Kräften die Argumente für mehr Überwachung, Demonstrationsverbote und generelle Einschränkungen persönlicher Freiheiten nur selten aufs Silbertablett gelegt, da klatschten nicht nur die AfD und Erdogan mit einem fröhlichen ‘Na siehste!’ aufgeregt in die Hände. Glücklicherweise kam bei den Demonstrationen gegen den Kapitalismus ja auch niemand Wohlhabendes zu Schaden. Erfrischend auch, wie lange die Diskussionen um diese kauzigen Krawalle rund um den Gewalt20-Gipfel nun schon die Medien beherrschen und selbst friedvolle Politik-Knuddel wie Wolle Bosbach sogar erzürnt zum hoch unterhaltsamen TalkShow-Walkout treiben, wenn man ihm eine fanatisch fehlgelenkte Labernagelbombe wie die nervzickige Ditfurth an die Seite setzt.

Wir lernen also: Egal ob rechts oder links, reich oder arm, Schwarz oder Weiß – Gewalt, Hass und Dummheit gibt es überall. Und wenn diese sich die Hand reichen, dann knallt es gewaltig und der angedachte Protest explodiert in der eigenen Fresse, während sich die jeweils falsche Seite ins Fäustchen lacht. Einfache Mathematik der Blödigkeit.

Konferenz-Abschaltung

Bei der Ankündigung klang es noch halbwegs originell, in der Realität war es schlimmer als selbst von den schwarzseherischsten Pessimisten befürchtet: die Pro7 GAMESHOW KONFERENZ! Alte ausgelutschte Show-Wiederholungs-Kamellen in kleine Teile zerschnippelt und pseudo-live mit einer schmerzhaft drögen Fake-Konferenzschaltung von Elmar Paulke zurück in die Restmülltonne moderiert. Hätte mit etwas Humor, Selbstironie und Charme durchaus funktionieren können, wurde so aber ein verdient fulminanter Flop und schon am nächsten Morgen komplett abgesetzt. Konferenz Ende.

Crossover-Soaping

Nach nur wenigen Jahrzehnten ewig gleichlulliger Softserienberieselung kam man im Ersten auf eine frische Idee: Zwei Figuren aus der LINDENSTRASSE schauen einfach mal bei der ARD-Soap IN ALLER FREUNDSCHAFT vorbei – und kurz darauf umgekehrt. Ein erster Schritt in neue Dimensionen der Kollaboration, zB zwischen TATORT und PAARDUELL, TAGESSCHAU und VERSTEHEN SIE SPASS? oder auch UM HIMMELS WILLEN mit der BÖRSE VOR ACHT. Macht wahrscheinlich nichts davon besser, weckt aber vielleicht wegen der unerwarteten Veränderung den einen oder anderen komatös eingschnarchten Zuschauer.

Kunstkatzen-Styling

Was tut eine Ikone des künstlichen Fake-Lebens wie Daniela Katzenberger, wenn sie nicht gerade ein Kind kriegt, heiratet, Weihnachtskekse backt oder sonst etwas Langweiliges tut, wobei man sich für die eigene Doku-Soap abfilmen lassen könnte? Klar, man startet eine neue Sendung, so wie jetzt FASHION IN THE BOX, in der man armen normalen Frauen hilft, sich von Catwoman und drei debilen Mode-Muschis in ein künstliches It-Weib umstylen zu lassen. Klingt brutal und grauenhaft, tötet Hirnzellen und führt zu Ohrenrauschen – ein weiterer Schritt in die freiwillige TV-Lobotomie.

584. Gewalt verbindet die Welt (TVS 16/17) 2017-08-07T03:40:08+00:00

583. Endlich Ehefrust für alle (TVS 15/17)

Wir anständigen Menschen mit pseudo-christlicher Erziehung erin-nern uns: der liebe Gott höchstpersönlich erschuf vor relativ langer Zeit in einer Art kreativem Überschwang die Erde inklusive Landschaften, Tiere und zum Schluss als derbe Pointe noch den Menschen bzw. Mann, inklusi-ve dem eingepflanzten Irrglauben, die Krone eben dieser Schöpfung zu sein. Weil zu jenem Zeitpunkt aber weder Bier noch Fußball erfunden wa-ren, langweilte er sich schon am ersten Abend und forderte von Gott je-manden, der ihn ausreichend bewundert, bei körperlichen Gelüsten hilf-reich zur Hand geht und sich um den Haushalt kümmert. Daher baute ihm der Herr aus einer abgebrochenen Rippe, einer Handvoll Lehm und herum-liegendem Restmaterial die sogenannte Frau – dem Manne in jeder Bezie-hung deutlich unterlegen und dementsprechend mit weniger Rechten als Pflichten ausgestattet. Dennoch war es ihr netterweise gestattet, bei gegen-seitigem Einverständnis ein freilaufendes Exemplar mit kirchlicher plus staatlicher Genehmigung zwecks Eheschließung vertraglich an sich zu bin-den. Ende der Geschichte. Eigentlich sehr einfach verständlich.

Das funktionierte viele tausend Jahre auch ganz wunderbar ohne Probleme, alle Menschen waren damit glücklich und zufrieden und nie-mand wäre jemals auf die verrückte Idee gekommen, etwas an diesen natür-lichen Regeln ändern zu wollen. Jedenfalls nicht bis kürzlich einige Ge-schlechts-Querulanten begannen, absurde Thesen darüber in den Raum zu stellen, dass man Gefühle auch allein unter Männern oder sogar unter Frau-en ohne männliche Leitung empfinden könne, sogar mit Anfassen und noch mehr, das will man sich ja gar nicht wirklich alles vorstellen, diese Sauerei-en. Jedenfalls nicht mit so behaarten Männern, höchstens mit sehr gut aus-sehenden Frauen, aber auch das nur theoretisch oder im Film.

Nun, es kam wie es kommen musste: trotz aller unnachgiebigen Ver-suche der Kirchen und frommen Parteien mit gottesfürchtigem C im Kürzel, diese bizarren Praktiken zu verbieten, rechtlich zu erschweren oder stur mit zugehaltenen Augen nicht als real anzuerkennen, breitete sich der unnatür-liche Trend zu gleichgeschlechtlichen Partnerschaften weiter aus. Doch ob-wohl die so gütig über uns regierende CDU/CSU in pflichtgetreuer Verar-schung ihres Koalitionspartners jahrelang verbissen alles versuchte es zu verhindern und die heilige Mutter Merkel ihre emotionalen Ablehnungslef-zen bei diesem Thema stets besonders tief gen Schlüpfer hängen ließ – jetzt haben wir den Salat: die Ehe für Alle wurde beschlossen!

Nach der aufgezwungenen Anerkennung von Physik, Evolution und Kugelform der Erde nun der nächste Rückschlag für die Bewahrer unserer schönen konservativen Werte. Machen wir uns auf viele herbe Veränderun-gen gefasst: Reduzierung der lustig-unschuldigen Homo-Witze, Vermeh-rung von langweiliger Gutmenschen-Toleranz und globaler Schwulisie-rung, und im Fernsehen muss so manche Sendung umgebaut werden, zB in SCHWIEGERDINGSBUMS GESUCHT, MENSCHENTAUSCH oder BAUER SUCHT FRAU ODER MANN (ODER SCHAF). Na dann Prost Mahlzeit. Werden schon noch alle sehen was sie davon haben!

Penis-Verlängerung

Das funktioniert nur bei Debiliums-Channel RTL2: Schamfrei peinliches IQ-FKK und Nacktblöden-Dating für zeigefreudige Schaubusenbesitzer und Penis-Präsentatoren. Denn bei NAKED ATTRACTION geht es nicht um unnützen Beziehungsballast wie Gefühle, Charme und tiefe Blicke, sondern um die reine Schwengel-, Hupen- und Arschfleischbeschau potenzieller Pimper-Partner. Und weil es sogar noch schlimmer war als es sich anhört, hatte der TV-Tiefpunkt gute Quoten, geht zur Belohnung in die zweite Staffel und dann sogar mit den obligatorischen Promi-Pimmeln und Sternchen-Glocken! Augen zu und durch.

Doofen-Dokus

Mehr Knaller-News von RTL2, denn dort versucht man verstärkt, auf noch einem zweiten Gebiet der Fremdscham-Formate zu punkten: der überflüssigen Doku-Soap über unbedeutende Napfnasen, die niemand sehen möchte. Und da gibt’s gleich zwei im Doofendoppelpack: die sich selbst in den vorgetäuschten Fake-Ruhm vermarktenden RTL-Nackt-Insel-Pseudo-Promis JANNI & PEER… UND EIN BABY! mit der lückenlosen Niederkunfts-Berichterstattung ihrer zurückliegenden Begattungserfolge und eine ungefragte Dokumentation über den gesamten Familienclan um Ex-DSDS-Knastsänger MENOWIN FRÖHLICH. Danke für Nichts!

Traum-Tänzerei

Meanwhile on SAT1: hier probiert man es noch mal mit kitschig aufbereiteten Heldenreisen der Bedeutungslosigkeit. In JETZT ODER NIE – DAS 100-TAGE-EXPERIMENT müssen auserwählte Normalos versuchen, innerhalb von 100 Tagen einen persönlichen Traum zu verwirklichen, zB die Flugangst zu überwinden oder ‚musikalisch den Ballermann zum Beben zu bringen’. Mein Traum wäre ja, in 100 Tagen SAT 1 auf dem Flohmarkt zu verkaufen oder 90% der schuldigen TV-Redakteure ohne Rück-Ticket in ein Schimpansen-Reservat im Kongo zu verschiffen. Kriegen wir das irgendwie hin?

583. Endlich Ehefrust für alle (TVS 15/17) 2017-08-12T04:13:15+00:00

582. Die innere Fernseh-Uhr (TVS 14/17)

Für den modernen Menschen wird es zunehmend schwerer, sich in der Welt auf natürliche Art zurechtzufinden, denn er hat seine innere Uhr verloren. Gemeint ist nicht die biologische (Tag-Nacht-Essen-Kacken-Schlafen), die funktioniert ja zumindest in nüchternem Zustand meist noch so einigermaßen, sondern die mediale multifunktionale. Denn auch wenn heute fast jedes Individuum über Handy, Tablet, PC oder sonstige digitale Medien-Empfänger verfügt und sich jederzeit von einem Programm seiner Wahl unterhalten lassen kann, so ist ihm doch die lässige, innere Ruhe durch die unbarmherzig präzise Tageszeiten-TV-Körper-Uhr früherer Tage nicht mehr gegeben.

Wer in den Siebzigern und Achtzigern bereits lebte und bewusst mit Fernsehen und Fernbedienung umgehen konnte, der weiß genau was ich meine. Man benötigte im Grunde keinen Kalender oder Armbanduhr und konnte sich selbst die 23 Pfennig für die telefonische Zeitansage sparen – man musste nur die gute alte Flimmerkiste einschalten und schon wusste man genau welcher Tag und welche Zeit es ungefähr sein musste, denn die Programme waren exakt und zuverlässig durchgetaktet. Lief die TAGESSCHAU im Ersten, war es 20 Uhr, bei HEUTE im Zweiten hatte man noch eine Stunde bis zur TS, denn dann war es ja erst 19 Uhr. Eine der wenigen festen zeitlichen Orientierungsinseln, die selbst heute noch existieren, auch wenn das kaum noch jemand interessiert.

Herrschte ausgelassene Heiterkeit mit klatschendem Publikum in der ARD, dann war es Samstagabend. Ebenso im ZDF, außer man erspähte ein zu einer Sirene hüpfendes kleines Männlein oder ein stoisch sprechendes Felsmassiv bei der heiter-verkrampften Konversation mit einem gezeichneten Hund und Elefanten oder einem runzeligen Briefträger in historischer Post-Uniform – dann war es nämlich zwischen 19.30 und 21 Uhr am Donnerstag. Ritten hüftsteife Cowboys mit oder ohne Rinderherden über den Bildschirm, redeten dabei allerdings mehr als dass sie schossen, dann lief BONANZA, RAUCHENDE COLTS oder DIE LEUTE VON DER SHILOH RANCH und es musste Sonntag kurz vor 19 Uhr sein. Entdeckte man einen schielenden Löwen plus ausgelassenen Schimpansen, war man in Wameru bei DAKTARI zur fast gleichen Zeit am Samstag und musste danach in die Badewanne. Flog ein GMC Pickup über allerlei Hindernisse und eine attraktive Blondine im Bikini schritt lächelnd durch eine hölzerne Schwingtür, befand man sich bereits in den Achtziger Jahren, Montag 17.50, denn da regierte EIN COLT FÜR ALLE FÄLLE. Stritt man sich um Öl und Millionenbeträge, musste man genau aufpassen: trugen die Männer große Hüte und soffen Whisky aus Kristallkaraffen, war man bei DALLAS und es war Dienstag, liefen überall aufgedonnerte Tanten in Glitzerkleidern herum und irgendwer küsste den Prinzen von Moldawien, war bereits Mittwoch im ZDF beim DENVER CLAN. Und gab es überhaupt kein bewegtes Bild, sondern bloß eine Anordnung farbiger Balken, dann war es Nacht und Sendeschluss – für TV-Höhlenmenschen späterer Generationen der bekannte Tummelplatz für Sexy Clips, Telefonsex-Werbung und Hitler-Dokus.

Ja, es war so herrlich leicht, sich damals zurechtzufinden, auch ohne komplizierte Pseudo-Rituale wie Sonnenauf- und untergang, denn jeden Tag zur selben Zeit gab es zuverlässig die immer gleichen Programme. Überraschungen waren ebenso unerwünscht wie Veränderung. Man benötigte keine unnützen Kalender oder Einteilungen in Jahreszeiten, denn wir hatten ja die Advents-Vierteiler und das Sommer-Ferienprogramm. Das Fernsehen war ausgestrahlte Beständigkeit und sagte uns immer, wann und wo wir uns befanden – denn es sorgte dafür dass die Zukunft nur ganz langsam und behutsam kam. Vor allem aber nicht so bald.

Schwer verschätzt

Das Erste mausert sich immer mehr zur medialen Zeitmaschine mit eingehaktem Rückwärtsgang. Neuester Nachmittags-Coup der backwards gerichteten Boredom-Bande: SCHÄTZEN SIE MAL – ein kreuzbraver Langeweile-Quiz-Trip ein knappes halbes Jahrhundert zurück mit altbackenen Zahlen-Ratereien zum Schlafen und Schmunzeln in grellbunten Spektralfarben, die plumpe Modernität vorgaukeln sollen. Inhaltlich eine knochentrockene Adaption des gleichnamigen DDR-TV-Formats aus den Siebzigern, erschreckend belanglos mit einer Extra-Portion Moderator-Grinsen. Erfrischend wie eine warme Dusche aus Staub an einem ereignislosen Sommertag.

Clever recycelt

Wenn im Fernsehen das jährliche, vom Publikum so gefürchtete Sommerloch der Langeweile und des Sendungsreste-Recyclings beginnt, überrascht Pro7 dieses Jahr mit einer zumindest recht originellen Idee zur Präsentation der aufgewärmten Ursuppe: in der PROSIEBEN GAMESHOW KONFERENZ wird in einer Art vorgetäuschten Konferenzschaltung angeblich live von Highlight zu Höhepunkt acht verschiedener gleichzeitig laufender Super-Shows hin- und her-geswitcht. Natürlich kompletter Beschiss und alles aus der Altshow-Tonne – vielleicht aber wenigstens etwas amüsanter als uns wie sonst einfach nur die olle Mülltüte vor die Füße zu schütten, drauf zu pinkeln und weg zu laufen.

Böse verwettet

Wetten dass… wir aus allen erfolgreichen Samstagabend-Shows der letzten Jahr-zehnte einfach wild die wichtigsten Elemente zusammenklauen können, ohne dass der blöde Zuschauer das merkt? So just geschehen bei RTL und heraus kam WOLLEN WIR WETTEN?! BÜLENT GEGEN CHRIS – ein mehr als freches Best-of-Everything-Püree aus DUELL UM DIE WELT, SCHLAG DEN RAAB, WETTEN DASS… und was man sonst noch so ungestraft schänden konnte. Eine Schurken-Wette, die allerdings nicht aufging, denn diese räudige Räuberei konnte selbst dem Allerdümmsten nicht verborgen bleiben. Einzige gerechte Strafe für alle Beteiligten: Eselsmütze auf den Kopf, in Großbuchstaben DIEB drauf schreiben, sich lange still in eine Ecke stellen und sehr, sehr doll schämen!

582. Die innere Fernseh-Uhr (TVS 14/17) 2017-07-04T05:24:21+00:00

581. Mach es gut – werde Rekrut! (TVS 13/17)

Unsere Bundeswehr hat große Probleme: Waffen, die nur bei gutem Wetter in Friedens-Situationen funktionieren. Veraltete Hubschrauber, die den Pi-loten während des Flugs unter dem Hintern wegrosten. Militärdienstleis-tende, die versuchen ihre Kasernen mit illegalen Wehrmachts-Devotionalien, Führer-Fotos und Hakenkreuz-Schnitzereien gemütlicher zu machen, obwohl das in Wirklichkeit gar nicht gemütlich ist. Und (wie ge-sagt) sogar rechtlich gesehen a bisserl grenzwertig, wenn man pingelig sein möchte. Ein offensichtlich deutscher Soldat hatte sich letztens sogar auf seinem Stützpunkt als syrischer Flüchtling ausgegeben, um dort einen vor-getäuscht islamistischen Terrorakt zu planen. Unverhohlener Rechtsextre-mismus, schwere sexuelle Belästigungen, Erniedrigungen und psychischer Missbrauch von Untergebenen – alles weder Einzelfälle noch wirklich neue Phänomene, welche die bereits überlange Negativliste allerdings stolzen Schrittes weiter Richtung Unendlichkeit marschieren lassen.Erschreckend – doch wer trägt eigentlich die Schuld an diesem plötz-lich so überquellenden Sammelsurium der Unglaublichkeiten? Leichter ge-fragt als beantwortet. Über dem gesamten schillernden Kaleidoskop der Un-fähigkeiten thront auf der Spitze des Chaoten-Haufens die lebende Haar-spray-Sturmhaube und gestrenge Kompanie-Mutter Ursula von der Leyen, die allerdings durch einen strategisch sauberen General-Anschiss an alle anderen den eigenen Namen vorerst aus der Schusslinie zu rücken ver-mochte. Cleveres Krisen-Management aus dem VW-Lehrbuch, was zumin-dest bereits dazu führte, dass die Kanzlerin ihr das volle Vertrauen aus-sprach. Was übersetzt in den Militärjargon jedoch leider so viel heißt wie: ‚Ein geladener Revolver liegt in der Schublade. Wir warten draußen.’
Quo vadis also, Bundeswehr? Erschwert wird die Krise ja zusätzlich auch noch dadurch, dass nicht nur die Qualität und Qualifikation der Bun-deswehrlinge abnimmt, sondern auch noch ihre reine Anzahl. Früher zu Zeiten der Wehrpflicht war das ja kein Problem, da kriegte einfach jeder volljährige Volltrottel-Anwärter männlichen Geschlechts einen zünftigen Zwangs-Arschtritt mit dem dicken Regierungsstiefel in die Kimme und flog in hohem Bogen bis zur Pforte der nächsten überfüllten Kaserne. So er denn nicht in einem interrogativen Folter-Verhör einer kleinen Gruppe emotionsloser Hochleistungs-Skeptiker mühsam seinen krankhaften ange-borenen Pazifismus glaubhaft machen konnte.
Die letzte Rettung für die BW liegt nun überraschenderweise in einem Projekt, mit dessen Erfolg wohl wirklich niemand zu rechnen gewagt hatte: DIE REKRUTEN! Diese unterhaltsame kleine Reality-Soap-Reihe realis-tisch anmutender Videotagebücher von den verschiedenen Ausbildungs-Stufen auf dem Weg zum Generalfeldmarschall war weit weniger peinlich als befürchtet und mauserte sich im Internet zu einem veritablen Überra-schungserfolg. Und da es ja nun schon mal da ist und nichts extra kostet, hat RTL2 sich schnell die Rechte für die TV-Auswertung dieser dumm-dreisten Dauerwerbesendungs-Reihe unter den Nagel gerissen. Sehr pas-send, werden es die meisten Stammzuschauer ohne Ton doch meist für eine neue Folge von X-DIARIES, BERLIN – TAG & NACHT oder THE WALKING DEAD halten. Und wenn Duckface-Drohne Bibi H, die Helene Fischer von YouTube, den Titelsong zur Serie singen würde (That’s just how it is – wap bap badadida Peng Peng), dann hätte auch der Rest der Welt endlich wieder die nötige Mischung aus Furcht und Respekt vor unse-rem Militär. Wie in der guten alten Zeit.

Senioren-Verkupplung

Was wäre das Fernsehen bloß ohne seine vielen Verkupplungs-Shows, in denen auf amüsant-anrüchige Art liegengebliebene Singles zur Freude des bräsig-hämischen Publikums zur theoretischen Zwangsverpaarung getrieben werden. Da allerdings fast alle alleinstehenden Bürger bereits vor die Knatter-Kameras gezogen wurden, freuen sich die Sender immer wieder ein Loch in den Kopp, wenn sie eine noch unverbrauchte Opfer-Gruppe zum liebevoll-seelenlosen Vorführen entdecken. SAT1 trumpft nun auf mit der deutschen Version der belgischen Rentner-Dating-Show HOTEL RÖMANTIEK, in der Ü60-Single-Senioren noch mal eine Chance für die Liebe bekommen sollen. Natürlich mit Niveau, charmant und respektvoll – dafür steht SAT1 mit seinem guten Namen. Ach so, haben sie ja gar nicht mehr… dann halt furchtbar wie immer!

Eier-Beichtstuhl

In Spanien gibt es ein neues Format namens OVO, bei dem eine Art eiförmiger Beichtstuhl mit Kamera in die Füßgängerzone gestellt wird, in dem dann Passanten ihre Meinung loswerden, ihre Sorgen artikulieren oder private Geheimnisse ausplaudern dürfen. Das soll nun bald ebenso in Deutschland geschehen, denn auch hier gibt es mit Sicherheit viele Leute, die gern ungefragt dummes Zeug labern und kostenfrei ein paar Stunden Sendezeit voll quatschen. Noch hat kein Sender zugeschlagen, aber wenn es so billig wird wie es klingt, werden wir es demnächst wahrscheinlich auf allen Kanälen sehen.

Augen-Duell

Feelings-Fernsehen ohne viel Labern: zwei Leute, die sich mal irgendwie nahe standen und bei denen es dann aber mal irgendwann richtig gerummst hat, erzählen im Fernsehen ihre Geschichte, setzen sich dann einander gegenüber und glotzen sich zehn Minuten nonstop in die Klüsen ohne was zu sagen. Das läuft dann in Slow-Motion im Vorabendprogramm von SAT1 und heißt DER AUGENBLICK – VERZEIHEN OHNE WORTE. Bis einer weint. Aber das tut wahrscheinlich nur der Zuschauer. Aus Verzweiflung. Und darf dafür dann zehn Minuten lang schweigend den SAT1-Hüpfball böse anschauen.

581. Mach es gut – werde Rekrut! (TVS 13/17) 2017-06-17T01:05:20+00:00

Oliver Kalkofe