Seit Erfindung der Sprache fragen sich die Menschen, wie man diese im Umgang miteinander korrekt anwenden sollte. Im größten Teil der zivilisierten Welt einigte man sich im alltäglichen Gebrauch auf respektvolle Höflichkeit bis hin zu übertrieben freundlicher Schleimerei. Die konkrete und persönliche ‚In-the-Face‘-Beleidigung des Gegenübers beschränkt sich meist auf das Nötigste und wird nur in besonders dringenden Fällen benutzt, denn in solch einem Fall ist als Replik eine manuelle ‚In-die-Fresse‘-Antwort oder gerichtliche Klage zu befürchten. Ob und inwieweit eine verbale Verunglimpfung justiziabel und bußgeldpflichtig ist, hängt dabei von Person, inhaltlicher Nachprüfbarkeit und kontextuellem Zusammenhang ab. Stefan Effenberg musste zB für ein angebliches ‚Arschloch‘ einem Polizisten gegenüber 10.000 Euro zahlen. Andere Insultierungen gegen Beamte sind allerdings auch billiger zu haben: ein saloppes ‚Leck mich doch‘ beispielsweise kostete nur knappe 500, ein ‚Du Wichser‘ gerade mal 1000 Euro. Man gönnt sich ja sonst nichts. Das eigene Einkommen und der Kontext bleiben hierbei weiterhin ein wichtiger Maßstab. So wurde der an einen Ordnungshüter gerichtete Satz ‚Du armes Schwein, du hast doch ne Mattscheibe‘ in einem Fall mit 350 Euro berechnet – würde man ihn mir sagen, wäre es eine zutreffende Berufsbeschreibung und daher umsonst.

Durch die Kommentarfunktion auf den sozialen Plattformen im Internet eröffneten sich dem ambitionierten Hobby-Pöbler und niederträchtigen Heimlich-Hetzer allerdings ganz neue, fantastische Möglichkeiten der boshaften Verhöhnung. Die wundervolle Chance, trotz aller Feigheit mutig geduckt und durch den Tarnumhang des Falschnamens geschützt aus dem Hinterhalt absolut jeden anpissen zu können, ohne dass der pestende Strahl je zu einem zurückverfolgt werden kann, erlaubte jedem noch so dämlichen Vollidioten endlich, seine zuvor im Rektum aufgestaute Wut gegen wen und was auch immer laut knallend an die Luft zu lassen und die Welt mit dem Gestank der eigenen fauligen Gedanken zu verpesten. Noch erfreulicher für alle schmäh-aktiven Schattenscheißer ist natürlich, dass sogar das Berliner Landgericht kürzlich urteilte, Facebook-Äußerungen gegen Grünen-Politikerin Renate Künast wie ‚Alte perverse Drecksau‘, ‚Stück Scheisse‘, ‚Drecks Fotze‘ und ‚als Kind ein wenig zu viel gef….‘ seien als noch hinnehmbare ‚legitime Meinungsäußerungen‘ zu werten, da ohne Sachbezug eine Diffamierung ihrer Person nicht feststellbar ist.

Vielleicht müssen wir es einfach nur lernen zu verstehen: Pöbeln ist der Smalltalk der Idioten, ein trauriges Betteln um Aufmerksamkeit und letztlich nur ein Schrei nach Liebe. Nachdenken macht Aua im Kopf, aber die Wut gegen die Welt muss halt raus und je lauter der Blöde schreit, desto mehr glaubt er an die Richtigkeit seiner galligen Hirnflatulenzen. Die Anzahl aggressiver Ausrufezeichen, Einsen und Großbuchstaben im Text sollte uns als Gradmesser seiner intellektuellen Impotenz dienen und zur Barmherzigkeit erbarmen. Statt sich über solch belanglose Hass-Masturbationen zu ärgern, sollten wir den erbarmungswürdigen Absender lieber bedauern und im Geiste sanft umarmen. Denn im Grunde ist er zwar ein dummes, aber doch vor allem auch sehr armes Schwein.

Schrottcycling

Wenn sonst nichts funktioniert, kann man immer noch irgendwas Langweiliges mit ollem Gammel machen! Seit dem Überraschungs-Erfolg der Koma-Entertainment-Sause BARES FÜR RARES hängt dieses Motto als Stickerei gerahmt in fast allen deutschen TV-Sendern. Und weil RTL gerade diverse Nachmittagsformate im Quotensumpf versenkt hat, wird nun das aufregend belanglose SCHÄTZE AUS SCHROTT aus dem Gerümpelkeller geholt. Darin (bei hohem Blutdruck besser nicht weiterlesen!) wird alter Müll aufgehübscht, bis man ihn wieder toll findet. Das ist so wahnsinnig stinklangweilig, dass man es ‚Upcycling‘ nennt, damit man nicht schon bei der Beschreibung einschläft.

Band-Casting

Endlich wird auf RTL2 wieder mal was gecastet, überraschenderweise aus dem musikalischen Bereich. Die erwählten Jungs und Mädels sollen in BATTLE OF BANDS je eine Boys- und Girls-Band bilden, die dann sechs Wochen lang Reality-Soap-mäßig in ein Loft gesperrt und mit ‚Format-Bombs‘ (was auch immer das bedeuten mag) und ‚spaßigen Challenges‘ überrascht werden. Dabei können die Bands zusammenwachsen oder (hoffentlich) von ‚Rivalitäten und Intrigen durchgeschüttelt und auseinandergerissen‘ werden, aber mit dem ‚besonderen RTL2-Fit‘ – was wahrscheinlich soviel bedeutet wie Tattoo-und-Busen-OP-Pflicht, Asi-Pöbel-Bitchfights, Zwangspärchen-Bildung, peinliche Sex-Spiele und Geschlechtsverkehr mit Nachtsichtgeräten. Ach so, und etwas Musik könnte vielleicht auch dabei sein.

Bachelor-Recycling

Wer beim Bachelor oder der Bachelorette ausgemustert wurde, muss keine Angst haben, sich einen richtigen Job suchen zu müssen, bis er oder sie zu Promi Big Brother oder ins Dschungelcamp darf. Denn zum Glück hat RTL 2018 dafür BACHELOR IN PARADISE erfunden, wo man als ausgemusterter Ex-Pimperwilliger noch mal antreten kann. So werden auch dieses Jahr wieder 33 Immernoch-Singles auf einer Insel zusammengepfercht, um dort die große Liebe zu finden oder sich durch Fremdschamintensive Verhaltensauffälligkeiten für den Ballermann oder ein anderes Reality-Brainfuck-Format zu qualifizieren. Viel Glück!