Gottseidank, wir sind auf der Zielgeraden, es dauert nicht mehr lang, dann ist Weihnachten! Zum Finale noch drei Tage Lebermüdes Lullesaufen plus Family & Friends-Dauerfressen bis der Enddarm qualvoll S.O.S. in die Keramik morst, aber dann ist endlich Ruhe im Karton und die Dauerstressphase für Körper und Geist kann einmal mehr im launischen Lebenskalender der alljährlichen Verpflichtungsrituale abgehakt werden. Vorher aber noch die Liste durchgehen! Genügend aufgewärmte Zuckerweinbrühe in den Schlund gekippt, minderwertiges Festfraßgebäck gemümmelt und Adventskalender leergegrast? Check! Geschenke gekauft, bekommen, vergessen, doppelt erhalten, zum Umtausch vorbereitet? Check! Mal ausnahmsweise zwei Euro bei einer schmalzigen Schluchzgala beim ZDF oder RTL gespendet, um das schlechte Geiz-Gewissen wieder für ein Jahr zu beruhigen? Check! Alle absichtlich vergessenen Verwandten vom doofen Teil der Familie zum X-mas-Horror-Essen getroffen (oder wenigstens Kurz-Anruf/Postkarte/Abwesenheitsmail)? Check! Aschenbrödels Nüsse, Muppets-Dickens, Lord Klein, Alleinwohner Kevin, den lebensmüden Jimmy Stewart, Tatsächlich Liebe, Chevy Chase-Bescherung, Stirb Langsam und alle anderen Filmklassiker quer durch alle Sender angeschaut? Check! Wenigstens einmal ein Weihnachtslied gesungen (egal wie und mit wem, selbst besoffen mit Helene Fischer als Background wird akzeptiert)? Check! Mindestens einmal lauthals vermeldet, wie sehr man sich darauf freut, wenn diese furchtbar anstrengende Zeit der verfickten Besinnlichkeit endlich vorüber ist? Check! Okay, soweit also fast alles abgearbeitet.

Bleibt wie immer nur noch die Frage: Heiligabend in die Kirche? Sonst natürlich nicht, aber an diesem Tag sollte man ja irgendwie schon als Christ, auch wegen Karma und der festlichen Stimmung und so. Dabei ist es immer unangenehm überfüllt, voller schreiender Kinder und seltsamer Menschen die man die restlichen Monate so schön hatte meiden können, und erzählt wird eh immer die gleiche Geschichte, die wir Älteren auswendig kennen und die man den Jüngeren heute auch viel kürzer in einer Handvoll Tweets erzählen könnte: Blogger Jo und die arbeitslose Influencerin Mary mit gesperrtem YouTube-Channel, ein frisch vermitteltes 11-Sekunden-Parship-Pärchen, sucht ne Bleibe zum Chillen, aber Airbnb ist down und sie kriegen nur eine alte Hütte ohne W-Lan. Mary hat nen dicken Bauch kurz vor’m Platzen und erzählt Jo, sie wäre durchs Internet schwanger geworden, was der naive Trottel ihr auch glaubt. Irgendwo kriegen ein Trio freundlicher Flüchtlinge durch Stimmen über ne geschrottete Alexa-Box Wind von Live-Birth-Party und fährt mit Hilfe von GoogleMaps mal kurz auf E-Rollern bei ihnen vorbei. Sie bringen selbst angebautes Rauchwerk, Haschkekse und Leckkröten mit und alle haben eine endlässige Zeit. Und der nebenbei geborene Dude wird irgendwann Gewinner beim Messias-Casting und macht mit seinen zwölf Top-Followern für ne kurze Zeit voll krasse Sachen, die selbst Tage später noch geteilt werden. Ende.

Wir sehen: wenn man will, kann man die ganze strapaziöse Christmas-Time auch leicht als Konzentrat auf das Wesentliche herunterbrechen, fix erledigen und den Rest überspringen. Spart ne Menge Stress, ist gesünder und macht nicht so dick. In diesem Sinne – Frohe Weihnachten!

Fernseh-Babies

Während sich Horst Lichter beim nachmittäglichen Garagen-Flohmarkt für TV-Sedierte im Quotenwahn lachend den Schnauzbart zwirbelt, versagen zur gleichen Zeit die Scripted Insanity/Doku-Shit-Formate der Privat-Konkurrenz immer mehr. RTL2 ist sogar so verzweifelt, nach massiven Flop- Wiederholungen trashig-tumber Kloaken-Knaller wie HILF MIR! DIE VOLLE DRÖHNUNG und WACHE HAMBURG nun alte Knuddel-Klassiker  wie BABYS! KLEINES WUNDER – GROSSES GLÜCK zu recyceln. Dürfte die im Stumpfsinn herangezüchteten Brüste-Brüll-Ballermann-Blöd-Bums-Fans allerdings auch nicht zurückholen.

Eiserne Silbertreue

Wir wussten es schon immer: Alle wollen Florian Silbereisen! Naja, jedenfalls die öffentlich-rechtlichen Sendesaurier vom Ersten und Zweiten Programm, die gerade beide brutal-beherzt um ihn für ihre Premium-Schlager-Shows buhlten. Doch obwohl die Ruheraum-Experten des ZDF ihm sogar als Bestechung die begehrte Kapitänsmütze des TRAUMSCHIFFS auf die freche Frise nagelten, sagte er den Mainzer Ermüdungsmeistern jetzt forsch ab und unterzeichnete in alter Treue für vier weitere Jahre bei seinen alten Schunkel-Chefs von ARD und MDR. Die Grundversorgung an flotten Florian-Volksmusikfesten und Schmalz-Schlagerpartys dürfte also gesichert sein!

Hausbesetzung

Der WDR bleibt dem selbst kreierten Genre des innovativen Immobilien-Talks treu! Nach zwanzig erfolgreichen Jahren charmant-investigativer Plaudereien mit vorgetäuschtem WG-Hintergrund in ZIMMER FREI, folgt nun das neue Gespräche-in-vier-Wänden-Format HAUSSITTER GESUCHT! Dort begrüßt Moderatorin Donya Farahani jeweils zwei Promis, die sich durch launige Labereien und heitere Hausarbeits-Challenges als vorübergehende Eigenheim-Betreuer qualifizieren müssen. Wohliges Wohnfühl-Entertainment als medialer Mietendeckel ohne staatlich verordnete Redezeitbremse – voll am Puls der Zeit!