Streamingdienste, youtube und das Internet – sie alle sind Mörder! Denn zusammen haben sie hinterrücks ein lebenswichtiges menschliches Grundbedürfnis getötet, das eine enorme Wichtigkeit für Seele und Geist darstellt: die gepflegte Langeweile! Gemeint ist nicht das Gefühl kurzzeitiger Unterforderung des sonst durchgängig überreizten Synapsensystems, zB wenn man mehr als eine Minute ganzen Sätzen zuhören muss oder in einem Film ein Bild länger als drei Sekunden ohne Schnitt die Geduld des jüngeren Publikums auf die Probe stellt. Zwar wird gern bei solchen Gelegenheiten ein entnervtes ‚Laaangweilig!’ in den Raum geworfen, aber diese belanglos flüchtigen Momente vorübergehender Lebens-Action-Verlangsamung haben nichts mit der echten und wahren Langeweile zu tun, die viele von uns Älteren noch mit Körper und Seele fühlen, schmecken und durchleben durften. Wer seine Jugend in den 70er/80er Jahren verlebte, dazu vielleicht noch in einem Dorf oder einer Kleinstadt, der weiß was ich meine. Die Langeweile war allgegenwärtig, sie war übermächtig und omnipräsent, sie wartete an jeder Ecke, um sich auf einen zu stürzen und im lähmenden Klammergriff von jeder Form des sinnlichen Erlebens fernzuhalten.

Es war eine sehr spezielle Zeit. Nach dem Wiederaufbau des Landes in den Fünfzigern und den Revolutionen der Sechziger boten die Siebziger zum ersten Mal eine Phase relativer Ruhe und Beständigkeit. Plötzlich hatten die Menschen in bislang unbekanntem Übermaß etwas, das sich ‚Freizeit’ nannte und die es nun individuell auszufüllen galt. Allerdings gab es anfangs nur zwei richtige Fernsehprogramme, kein Handy und nirgendwo W-Lan. Das Entertainment-Angebot war in seinen aufregendsten Momenten vergleichbar mit einem heutigen Tag bei starkem Regen im Bett mit schwerer Grippe ohne Netzempfang bei Stromausfall – und im schlimmsten Fall auch noch mit Besuch von der Verwandtschaft. Der Videorekorder wurde gerade erst erfunden, Kinos konnte man an den Fingern einer Hand mit fehlenden Gliedmaßen abzählen, Musik wurde nicht gestreamt sondern mit einer Nadel aus den Rillen schwarzer runder Pfannkuchen gesogen. Viele waren derart entmutigt, dass sie sogar Bücher lasen. Trostlose Versammlungen trauriger Teenager in dunklen Reihenhauskellern, bei denen man stumpf blickend auf muffigen Matratzen hockte, billiges Bier trank und von einem spannenderen Leben träumte, nannte man ‚Coole Partys’.

Zugegeben, schön war das nicht wirklich. Andererseits beruhigte es auf angenehm betäubende Weise die Psyche. Man blieb bescheiden und selbst für die plumpste Vortäuschung von Vergnügen dankbar. Die aggressive Langeweile war gut und wichtig, denn sie zwang viele, aus reiner Verzweiflung das labberige Schicksal aktiv in die Hand zu nehmen. Man hatte ja nichts – außer sich selbst. Das war zwar meist nicht viel, aber manchmal doch mehr als man glaubte. Und wäre es draußen nicht dauernd so dösig und dunkel gewesen, hätte man gar nicht im eigenen Kopf nach dem Lichtschalter gesucht. Daher: Danke, Langeweile – ohne Dich in meiner Jugend wäre ich nie gezwungen gewesen, selbst kreativ zu werden. Und dann wäre mein Leben heute wahrscheinlich ziemlich langweilig!

Kopulationsküche

Da gingen anscheinend bei den Öffentlich-Rechtlichen an verschiedenen Stellen nach dem Mittagsschlaf zur gleichen Zeit die Ideen-Lampen im Kühlschrank an: sowohl der BR wie auch ZDFneo ‚überraschen’ uns jetzt nämlich mit einer krassen Kombi aus Koch- und Kuppelshow, in der liebeshungrige Singles für ihre Kopulationsanwärter zur Knatter-Anbahnung beim Flirten erst mal kochen müssen. Den Anfang machen die Bayern mit dem mega-originellen LIEBE GEHT DURCH DEN MAGEN, denn dort wusste man schon immer: Vor dem Bumsen – nicht vergessen, gibt es erst mal was zu essen! Mit dem ZWEITEN isst man später, deren DINNER DATE steckt noch im Kreativ-Kochbeutel. Ich wünsche guten Appetit und empfehle den GV-Partner-Bringdienst.

Gesprächsbedarf

Im Ersten wird zu wenig geredet, vor allem am späten Abend. Also jedenfalls mit Prominenten, die nicht Politiker sind. Deshalb möchte die ARD jetzt dem Laber-Lanz im Zweiten keck über den Mund fahren und bringt ab Herbst vier Freitags-Talkshows aus den Dritten spätabends ins glamouröse Erste. NDR-TALKSHOW, KÖLNER TREFF und 3 NACH 9 bekommen ein Sender-Update, der kleine RBB darf in der Kreativ-Krabbelgruppe sogar was ganz Neues basteln. Tietjen, Bommes und die Riverboat-Piraten aus dem Osten müssen allerdings weiter allein im Regionaltümpel plantschen. Vielleicht sollte man darüber mal in einer Talkshow ganz offen reden…

Humorverbrechen

Die gefürchtete Flachwitz-Mafia AKV ist eine sehr mächtige Organisation, die geheim im Dunkeln operiert und den WDR streng im Würgegriff hält. Denn obwohl die komikfeindliche Zwangsbespaßungs-Zusammenkunft WIDER DEN TIERISCHEN ERNST seit Jahren massiv Zuschauer verliert, hat der  überaus einflussreiche Aachener Karnevals Verein den Kölner Sender dazu zwingen können, ihre Sendung zur versuchten Vernichtung des deutschen Humors mindestens zwei weitere Jahre auszustrahlen, um uns alle zu bestrafen. Wo bleibt die Spaß-Polizei, wenn man sie mal wirklich braucht?