Jahrzehntelang hat das Fernsehen versucht, den Zuschauern mit temporeichem Tempo und total verrückten Verrücktheiten den Atem zu rauben. Seit die Privaten sich in das muckelig warme Netz-Nest der verschlungenen Kabelwelten drängten und anschickten, den beiden zuvor allein im Gerät röhrenden Platzhirschen als Konkurrenten die Stirn zu bieten, hat sich die deutsche Medienlandschaft enorm verändert. Immer schneller, ausgefallener und irrwitziger mussten die Programme werden, um die Menschen bei Laune zu halten und der stetig ansteigenden Erwartungskurve des Publikums mit neuen Reizüberflutungen und bunten Beklopptheiten gerecht zu werden.

Jetzt aber ist Schluss mit der wilden Zappelei – denn der neueste Hot Shit im Flimmerkasten ist das so genannte SLOW-TV! Gemeint ist die gute alte miefige Langeweile, die unbeachtete Realität in ihrer realen Länge ohne künstliche Dramaturgie präsentiert. In Norwegen feiert man damit bereits seit langem gigantische Erfolge, zB mit sieben Stunden Zugfahrt in Echtzeit oder 18 Stunden Live-Lachsfischen, und das zur besten Sendezeit. Wer am Pfingstsonntag versehentlich den NDR einschaltete, konnte etwas Ähnliches erleben, nämlich ein paar Stunden nachmittägliches Boring-Bootfahren in Real-Time auf der Elbe, quasi das Traumschiff mit noch weniger Handlung, was vielen Stammzuschauern dann aber doch irgendwann zu aufregend wurde.

Die Öffentlich-Rechtlichen Sender in Deutschland sind nämlich bereits wesentlich weiter. Entspannungsfernsehen war von jeher die Devise, ganz bewusst versuchte man niemals mit den Entwicklungen auf dem Privat-TV-Sektor mitzuhalten oder sich veränderten Sehgewohnheiten des Publikums anzupassen. Die uns fast 20 Jahre lang nachts auf sicheren Schienen in den Schlummermodus transportierenden ‚Schönsten Bahnstrecken Deutschland‘ waren nur eine Fingerübung, die geplanten Nachfolger ‚Bottrops faszinierendste Bürgersteige‘, ‚Mit der Schnecke auf der Strecke‘ oder (für die jüngeren Zuschauer) ‚Die krass keimenden Kartoffeln der Uckermark‘ wurden nie realisiert, weil sie von den ARD-Anstalten als zu revolutionär und crazy eingestuft wurden. Denn selbst eine Vorwärtsbewegung in Zeitlupe ist zu schnell, wenn man in der Zeit rückwärts reist, beim Versuch den Standard der gloriosen Vergangenheit zu konservieren. So wurde das Gesamtprogramm vor allem tagsüber mit einer professionell produzierten Lulligkeit überzogen, die das Publikum in eine Art katatonische Starre versetzen soll. Blutdrucksenkende Begleitprograme mit der Lebendigkeit eines ausgestopften Frettchens, allerdings im optisch modernen Look, um der gefilmten Fäulnis eine gewisse falsche Frische zu verleihen. Die beruhigend dröge Stimme von Onkel Pilawa, das einschläfernde Dauerschmunzeln von Kai Pflaume oder die staubige Schnarchigkeit Horst Lichters – zehn Sekunden davon und das Leben drückt die Pausentaste. Wenn den alten Öffis in den letzten dreißig Jahren vielleicht nichts gelungen sein mag, was das Fernsehen inhaltlich nach vorne gebracht hätte, so schafften sie es doch, uns das gespielte Nichts als Event-Fernsehen, Stillstand als Fortschritt und das Koma als neue Partydroge zu verkaufen. Und das muss man ja auch erst mal schaffen – ohne selbst dabei einzuschlafen!

Anzieh-Hilfe

Viele Promis wissen oft nicht, was sie anziehen sollen oder haben keine Mutter mehr, die ihnen morgens die Sachen rauslegt. Und dann passieren häufig ganz schlimme Klamotten-Ausrutscher außerhalb der aktuell angesagten Trends, die danach über Wochen und Jahre in den sozialen Netzwerken diskutiert oder verspottet werden. Nicht selten das traurige Ende einer vielversprechenden Karriere. Pro7 hilft diesen armen Kreaturen und lässt die kleidungsunfähigen Stars jetzt von modebegeisterten Kandidaten für die Sendung STYLE YOUR STAR – IT’S ABOUT YOU neu anziehen, wo diese sich dann von einer Jury bewerten lassen, um zu erfahren ob sie das auch wirklich tragen dürfen. Ja, Fernsehen kann auch sinnvoll sein und Statements setzen!

Reportagen-Upgrade

Wow, RTL wird journalistisch immer relevanter und darf sich wohl bald ‚der SPIEGEL des politisch desinteressierten kleinen Mannes‘. Jetzt haben sie sogar ihren hauseigenen Relotius enttarnt, denn auch bei RTL-Nord gab es einen Reporter, der zahlreiche Beiträge nach eigenem Gusto mit falschen Bildern und Aussagen aufpeppte, um ihnen zielgruppengerecht ein bisschen mehr Pfeffer zu verleihen. Ein Vorgehen, das Zuschauer und Branchenkenner sehr überraschte und schockierte – also zumindest die Tatsache, dass das nicht Standard ist und im Sender nur ungern gesehen wird. So kann man sich täuschen…

Richter-Rückkehr

Zehn Jahre ist es bereits her, dass Richter Hold und Babsi Salesch die Nachmittage rockten und im Privatfernsehen ihren Hammer der Gerechtigkeit schwingen ließen. Dann entfernte man sich aus den geschlossenen Gerichtsgebäuden und verlagerte sich auf Alltags-Absurditäten auf der Straße und in den eigenen Privatwohnungen der vorgeführten Opfer. RTL will nun endlich mit Scripted Reality aufhören, aber bislang will das noch nicht so richtig klappen, da man das Publikum inzwischen dummerweise an das filmische Fast Food mit doppelt Ketchup und Sahne gewöhnt hat. Deshalb kehrt man jetzt mit GERICHTSREPORT DEUTSCHLAND zurück zur guten alten Judgement-Show – bleibt zwar der gleiche Scheiß, aber Scripted Reality im Gerichtssaal müsste man ja eher Scripted Richtering nennen, oder? Einspruch abgewiesen!