604. Das Echo der eigenen Sprachlosigkeit (TVS 10/18)

Oops, mit so einem Shitstorm der Stärke Uiuiui! wie dieses Jahr nach der ECHO-Verleihung hatte die deutsche Musikindustrie nicht gerechnet! Dabei lief doch eigentlich alles wie immer: ohne künstlerisch-moralisch zu bewerten oder vorher überhaupt mal in das Geträller und Gelulle reinzuhören, wurden ausschließlich jene Künstler-Darsteller gewürdigt, die am besten verkauft und der Industrie somit die meiste Kohle in die Geldspeicher eingefahren hatten. Trotz zahlreicher Warnungen im Vorfeld wurden auch zwei gedankenlos rüpelnde Kleingangsta-Rap-Rabauken namens ‚Fahrrad Bums und sein Kollege’ oder so ähnlich ausgezeichnet, die mit ihren stumpfdoof dahingestammtelten Wort-Gewöllen eine regelrechte Lawine an Beschwerden, Empörungen und Preis-Rückgaben auslösten. Zwischen zahlreichen Zeilen voll gewohnt übertriebener Brutalität und genereller Menschenfeindlichkeit, (die eher von geringster Bildung, hoher Ignoranz und ausgeprägter Brägenleere zeugen denn von intendierter Genre-typischer Provokation) löste vor allem der Satz ‚Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen’ eine veritable Antisemitismus-Debatte aus, während das arhythmische Unsympathen-Duo ihre knalldoofe Geschmacklosigkeit mit der musikalischen Meinungsfreiheit zu erklären versuchte. Wo einer der Knackpunkte liegen mag, denn weder sie selbst noch ein Großteil ihrer bildungsresistenten Anhänger dürfte den Inhalt des Texts wirklich verstanden haben. Man kann sich sein Publikum halt nicht aussuchen – aber ohne dumme Fans gibt es auch keinen Erfolg für dumme Texte. Der Grat zwischen Kunstfreiheit und Kommerzkacke ist nun mal ebenso schmal wie zwischen Kränkung und Verletzung oder Haltung und Heuchelei. Der Schlüssel zu allem bleibt letztendlich immer nur der eigene Verstand – aber oft ist der leider gerade dann nicht zu finden, wenn man ihn am meisten braucht.

Viel schwerer wiegt die Frage: wieso gibt man solchen Möchtegern-HipHop-Honks überhaupt einen Preis? Ganz einfach: weil es voll geil ist, sich an den Erfolg anderer anzubiedern – egal woher er kommt! Solche Halbwelt-Typen bringen Geld, junges Publikum, und wenn man ein Selfie mit ihnen bekommt, gewinnt man vielleicht sogar einen Hauch Respekt bei den eigenen Kids zurück. Der Echo – so wie ein Großteil all unserer Preise aus den medialen Welten – hatte nie etwas mit Kunst oder Kreativität zu tun, sondern immer nur mit Umsatzzahlen – das Pendant zum stolz eingerahmten Kontoauszug über dem eigenen Kamin. Und bisher ging es ja auch immer gut. Die Herz- und Gedankenlosigkeit in diesem Jahr ließ allerdings Preisträger, Publikum und die gesamte Branche gemeinsam in das selbst aufgeklappte Messer laufen. Gekrönt von totaler Hilflosigkeit der Verantwortlichen, mit der berechtigten Kritik umzugehen, erwies sich die Verleihung als das handgeschriebene Armutszeugnis einer in der untergehenden Erfolgs-Sonne schmelzenden Branche, die ihre Seele verkauft hat, um zumindest noch für eine kurze Zeit die eigene vorgetäuschte Bedeutsamkeit fühlen zu dürfen. Nur um sich dann am Ende aus unfähiger Sprachlosigkeit lieber komplett selbst abzuschaffen. Ende.

Liebe mit Gesang

Mein Tipp an alle Leser/Innen: Suchen Sie sich besser ganz schnell einen festen Lebenspartner! Denn sonst landen Sie noch ohne es zu ahnen ratzfatz in irgend so einem furchtbaren Vorführ-Verkupplungsformat von einem der zahlreichen privaten Bematschtenblamiersender. Nach potentiellen Bauernopfern, Bachelor-Bumsbeilagen, Schwiegertöchtern und endlosen sonstigen Kopulations-Kandidaten, werden nun die großen Lieben für Schlagersänger und Innen gesucht. Von Tim Toupet bis Hütten-Helmut ist fast der gesamte musikalische Mitklatsch-Underground dabei – es fehlen nur noch halbfreiwillige potentielle GV-Partner. Singles, lauft schnell weg – sonst erwischen Sie euch noch!

Hypno-Wünsche

RTL wagt ein neues Experiment: Zuschauer hypnotisieren und nach den geheimsten Wünschen aus ihrem Unterbewusstsein graben, sie später erneut damit konfrontieren und zum Abschluss vielleicht sogar erfüllen. Soll alles so geschehen in MEIN VERBRORGENER WUNSCH mit Hypno-Kröte Martin Bolze aka ‚Pharo’. Bin mal gespannt was passiert, wenn die Kandidaten den innigen Wunsch offenbaren, dass RTL endlich besseres Programm macht, aufhört die Zuschauer zu verarschen oder einfach  komplett den Pöter zukneift.

Sensible Sendungen

Wenn sämtliche Oberflächlichkeiten abgeschabt sind, versuchen selbst die lautesten Krawallsender aus Verzweiflung thematisch in die Tiefe zu tauchen. So plant RTL2 mit DIE GRUPPE – SCHREI NACH LIEBE ein Format über Menschen mit psychischen Problemen wie Zwangsstörungen, Depressionen und Panik-Attacken, sowie die Begleitung todkranker Menschen beim Erfüllen ihrer letzten Wünsche in VOLLER LEBEN – MEINE LETZTE LISTE. Schwierig, aber ambitioniert. Wenn allerdings ein intellektueller, hoch sensibler Emotion-Channel wie RTL2 diese Themen behutsam mit filigranen Fingern anpackt, kann ja nichts schiefgehen. Oops – irgendwie klingt falsch an diesem Satz…

 

2018-05-08T03:10:05+00:00

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Hier schreibt der Chef.