582. Die innere Fernseh-Uhr (TVS 14/17)

Für den modernen Menschen wird es zunehmend schwerer, sich in der Welt auf natürliche Art zurechtzufinden, denn er hat seine innere Uhr verloren. Gemeint ist nicht die biologische (Tag-Nacht-Essen-Kacken-Schlafen), die funktioniert ja zumindest in nüchternem Zustand meist noch so einigermaßen, sondern die mediale multifunktionale. Denn auch wenn heute fast jedes Individuum über Handy, Tablet, PC oder sonstige digitale Medien-Empfänger verfügt und sich jederzeit von einem Programm seiner Wahl unterhalten lassen kann, so ist ihm doch die lässige, innere Ruhe durch die unbarmherzig präzise Tageszeiten-TV-Körper-Uhr früherer Tage nicht mehr gegeben.

Wer in den Siebzigern und Achtzigern bereits lebte und bewusst mit Fernsehen und Fernbedienung umgehen konnte, der weiß genau was ich meine. Man benötigte im Grunde keinen Kalender oder Armbanduhr und konnte sich selbst die 23 Pfennig für die telefonische Zeitansage sparen – man musste nur die gute alte Flimmerkiste einschalten und schon wusste man genau welcher Tag und welche Zeit es ungefähr sein musste, denn die Programme waren exakt und zuverlässig durchgetaktet. Lief die TAGESSCHAU im Ersten, war es 20 Uhr, bei HEUTE im Zweiten hatte man noch eine Stunde bis zur TS, denn dann war es ja erst 19 Uhr. Eine der wenigen festen zeitlichen Orientierungsinseln, die selbst heute noch existieren, auch wenn das kaum noch jemand interessiert.

Herrschte ausgelassene Heiterkeit mit klatschendem Publikum in der ARD, dann war es Samstagabend. Ebenso im ZDF, außer man erspähte ein zu einer Sirene hüpfendes kleines Männlein oder ein stoisch sprechendes Felsmassiv bei der heiter-verkrampften Konversation mit einem gezeichneten Hund und Elefanten oder einem runzeligen Briefträger in historischer Post-Uniform – dann war es nämlich zwischen 19.30 und 21 Uhr am Donnerstag. Ritten hüftsteife Cowboys mit oder ohne Rinderherden über den Bildschirm, redeten dabei allerdings mehr als dass sie schossen, dann lief BONANZA, RAUCHENDE COLTS oder DIE LEUTE VON DER SHILOH RANCH und es musste Sonntag kurz vor 19 Uhr sein. Entdeckte  man einen schielenden Löwen plus ausgelassenen Schimpansen, war man in Wameru bei DAKTARI zur fast gleichen Zeit am Samstag und musste danach in die Badewanne. Flog ein GMC Pickup über allerlei Hindernisse und eine attraktive Blondine im Bikini schritt lächelnd durch eine hölzerne Schwingtür, befand man sich bereits in den Achtziger Jahren, Montag 17.50, denn da regierte EIN COLT FÜR ALLE FÄLLE. Stritt man sich um Öl und Millionenbeträge, musste man genau aufpassen: trugen die Männer große Hüte und soffen Whisky aus Kristallkaraffen, war man bei DALLAS und es war Dienstag, liefen überall aufgedonnerte Tanten in Glitzerkleidern herum und irgendwer küsste den Prinzen von Moldawien, war bereits Mittwoch im ZDF beim DENVER CLAN. Und gab es überhaupt kein bewegtes Bild, sondern bloß eine Anordnung farbiger Balken, dann war es Nacht und Sendeschluss – für TV-Höhlenmenschen späterer Generationen der bekannte Tummelplatz für Sexy Clips, Telefonsex-Werbung und Hitler-Dokus.

Ja, es war so herrlich leicht, sich damals zurechtzufinden, auch ohne komplizierte Pseudo-Rituale wie Sonnenauf- und untergang, denn jeden Tag zur selben Zeit gab es zuverlässig die immer gleichen Programme. Überraschungen waren ebenso unerwünscht wie Veränderung. Man benötigte keine unnützen Kalender oder Einteilungen in Jahreszeiten, denn wir hatten ja die Advents-Vierteiler und das Sommer-Ferienprogramm. Das Fernsehen war ausgestrahlte Beständigkeit und sagte uns immer, wann und wo wir uns befanden – denn es sorgte dafür dass die Zukunft nur ganz langsam und behutsam kam. Vor allem aber nicht so bald.

Schwer verschätzt

Das Erste mausert sich immer mehr zur medialen Zeitmaschine mit eingehaktem Rückwärtsgang. Neuester Nachmittags-Coup der backwards gerichteten Boredom-Bande: SCHÄTZEN SIE MAL – ein kreuzbraver Langeweile-Quiz-Trip ein knappes halbes Jahrhundert zurück mit altbackenen Zahlen-Ratereien zum Schlafen und Schmunzeln in grellbunten Spektralfarben, die plumpe Modernität vorgaukeln sollen. Inhaltlich eine knochentrockene Adaption des gleichnamigen DDR-TV-Formats aus den Siebzigern, erschreckend belanglos mit einer Extra-Portion Moderator-Grinsen. Erfrischend wie eine warme Dusche aus Staub an einem ereignislosen Sommertag.

Clever recycelt

Wenn im Fernsehen das jährliche, vom Publikum so gefürchtete Sommerloch der Langeweile und des Sendungsreste-Recyclings beginnt, überrascht Pro7 dieses Jahr mit einer zumindest recht originellen Idee zur Präsentation der aufgewärmten Ursuppe: in der PROSIEBEN GAMESHOW KONFERENZ wird in einer Art vorgetäuschten Konferenzschaltung angeblich live von Highlight zu Höhepunkt acht verschiedener gleichzeitig laufender Super-Shows hin- und her-geswitcht. Natürlich kompletter Beschiss und alles aus der Altshow-Tonne – vielleicht aber wenigstens etwas amüsanter als uns wie sonst einfach nur die olle Mülltüte vor die Füße zu schütten, drauf zu pinkeln und weg zu laufen.

Böse verwettet

Wetten dass… wir aus allen erfolgreichen Samstagabend-Shows der letzten Jahr-zehnte einfach wild die wichtigsten Elemente zusammenklauen können, ohne dass der blöde Zuschauer das merkt? So just geschehen bei RTL und heraus kam WOLLEN WIR WETTEN?! BÜLENT GEGEN CHRIS – ein mehr als freches Best-of-Everything-Püree aus DUELL UM DIE WELT, SCHLAG DEN RAAB, WETTEN DASS… und was man sonst noch so ungestraft schänden konnte. Eine Schurken-Wette, die allerdings nicht aufging, denn diese räudige Räuberei konnte selbst dem Allerdümmsten nicht verborgen bleiben. Einzige gerechte Strafe für alle Beteiligten: Eselsmütze auf den Kopf, in Großbuchstaben DIEB drauf schreiben, sich lange still in eine Ecke stellen und sehr, sehr doll schämen!

2017-07-04T05:24:21+00:00

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