562. Das schöne einfache Leben (TVS 20/16)

Rein politisch gesehen befindet sich Deutschland derzeit in einer Art orientierungsloser Schreckschockstarre. Das seit Jahrhunderten so beliebte wie auch bewährte Kanzlerinnen-Emoticon mit der Beständigkeits-Raute verliert mehr und mehr an Zustimmung, die Koalitions-Farbspiele werden immer bunter und dunkler, und die alt hergebrachten Fraktionen fühlen sich vom einst so braven Wahlvolk dreist überrumpelt, denn überall wo dieser Tage zur Urne gerufen wird, macht sich auf einmal die vorlaute kleine AfD-Partei in den Parlamenten breit wie der feucht-freche Fußpilz im Hallenbad. Auch in den Medien gibt es kaum noch ein anderes Thema als die unverständlichen Überraschungs-Blitzsiege dieser wuseligen Bande hetzfreudiger Politik-Laiendarsteller. Wobei sich eigentlich gar keiner mit ihnen so ausführlich auseinandersetzen möchte, nicht mal die Satiriker, denn bedingt durch chronischen Verfolgungswahn und komplett fehlende Selbstironie ist für sie jeder Anders Denkende eh gleich ein ‚Volksverräter der Lügenpresse’ oder ‚linksgrün versiffter Systemclown und linientreuer Merkel-Bückling’. Am liebsten würde man solch trotzige Kindergarten-Plumpheit einfach ignorieren. In der Schule wollte man sich ja auch nicht jede Pause mit den Doofen kloppen. Aber was tun, wenn die einfach keine Ruhe geben? Und wie lässt sich das deutschlandweite AfDerjucken nun erklären? Der Auftritt ist laut und polternd, die Kandidaten schmerzhaft unsympathisch, inhaltlich wird viel sehr Altes und wenig Neues geboten, außer dass alle anderen Parteien doof sind und stinken. Für sämtliche komplizierten Probleme der Welt hat man genau eine Lösung (keine Flüchtlinge mehr!) und wirklich mit regieren möchte man auf keinen Fall. Bleibt die Frage: wieso ist gerade solch eine Partei derart erfolgreich?

Antwort: eben genau deswegen! Weil sie das Leben so schön simpel macht. Man braucht nicht nachzudenken, das macht eh nur Aua im Kopf, empört nicken und in der Gruppe laut Parolen grölen reicht völlig aus. Beim Fußball schauen weiß man zuhause ja auch meist alles besser, aber mitspielen möchte man trotzdem nicht. Ein Großteil der Menschen will endlich mal einfach nur ihren Frust loswerden ohne sich dabei anzustrengen. Und dabei ist nicht immer Subtilität gefragt. Wenn früher im Mathe-Unterricht einer stets nur mit selbst gedrehten Popeln geschossen hat, war das im Grunde auch doof und eklig. Aber 12% fanden es immer noch besser als Unterricht und hielten es irgendwann für einen mutigen Protest gegen das Schulsystem. Im Grunde lieben wir alles was uns das mühsame Denken abnimmt, die harte Brotkruste von der Realität abschneidet und die komplexe Welt einfacher verdaulich macht. Auch im Fernsehen. Die beliebtesten Sender sind immer die, die uns am wärmsten einlullen und wo die Moderatoren am breitesten grinsen. Denn ist das Gehirn erst mal sanft entschlummert, können die unterdrückten Urinstinkte endlich wieder ausgelassen auf dem Tisch tanzen. Nachdenken wird eh überbewertet und ist nur was für Spießer!

Freitagsfreude

Endlich hilft die ARD ihren komplett verwirrten Zuschauern, die bisher jeden Freitag den Freitagsfilm schauten und gar nicht wussten, was Sie da eigentlich sehen, das ganze Durcheinander zu verstehen. Denn ein Film ohne eine spezielle Labelbezeichnung wie GigaBlockbusterHammerfilm, MegaFilmFilmSuperFilm oder ‚Montagskino am Dienstag’ ist letztlich nichts als einfach nur irgendein furziger Allerwelts-Film, den das Publikum gar nicht einordnen kann. Deshalb spendiert das Erste den sympathisch eindimensionalen Degeto-Freitagsfilmen nun ein positiv einstimmendes Wohlfühl-Label: ENDLICH FREITAG IM ERSTEN! Das öffnet Herz und Hose, schaltet das Hirn auf Durchzug und zaubert ein herrlich dösiges Lächeln auf das stumpfe Gesicht. Wochenende!

Sprechstunde

Auf der Suche nach langweiligen Scripted-Fake-Reality-Formaten, die unsere Intelligenz aushöhlen und den guten Geschmack rasant durch den Harnleiter jagen, ist SAT1 bereits vor einiger Zeit mal wieder im Müllsack fündig geworden. In AUF STREIFE und selbiger in BERLIN schickt man teils echte Polizisten durch saudumme Blödbullen-Geschichten, und weil das genügend arme Schweine gucken, schiebt man jetzt auf die gleiche Art noch ein paar bekloppte Hospital-Stories hinterher. Freuen wir uns nun also (nicht wirklich) auf KLINIK AM SÜDRING, wo ziemlich echtes Krankenhaus-Personal auf ganz echt beschissene Laienschauspiel-Nulpen plus Streife-Pseudo-Polizei und komplett hirntote Doofgeschichten trifft. Operation misslungen – Verstand tot!

EinsKay-Ende

Dass die oberpeinliche Suche nach einer temporären Kopulations-Unterlage für Aushilfs-Rapper Kay One in PRINZESSIN GESUCHT mit Krawumms in die Hose ging, überraschte eigentlich keinen, außer vielleicht RTL2. Weil am Ende aber doch noch irgendwer versehentlich zuschaute, ermutigte dies den verzweifelten Sender zu einem zweiten, ähnlich unnötigen Format: KAY ONE – SÄNGERIN GESUCHT. Das lief dann wie erwartet doch noch mal so richtig beschissen, wieso es schnell und heimlich in Doppelfolgen versendet wurde. Bin mal gespannt, was sie als nächstes für den Einser-Kai suchen, um den Flop-Hattrick zu vollenden. Nur weil etwas total erfolglos ist, muss man ja längst nicht damit aufhören, wenn es dafür inhaltlich zumindest richtig schlecht ist!

2017-02-10T01:40:00+00:00

Über den Autor:

Hier schreibt der Chef.

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