558. Ich watche, also binge ich! (TVS 16/16)

Das lineare Fernsehen sollte sich um seine eigene Zukunft Sorgen machen. Immer öfter hört man den Satz ‚Ich schau ja gar kein Fernsehen mehr‘. Wie soll das gehen? fragt man sich da als besorgter Bürger. Wie soll ein normaler Mensch ohne televisionäres Bewegtbildfutter eine emotional gesunde Ernährung für seine Seelenaufzucht gewährleisten? Da das ja mal gar nicht möglich ist, muss also eine andere Quelle für den kulturellen Film- und Serien-Konsum gefunden werden. In diesem Zusammenhang fällt häufig die Antwort: ‚Ich streame jetzt‘ oder ‚Ich wotsch das dann Bindsch!‘ – was soviel bedeutet wie ‚ausgewählte Inhalte zeitunabhängig über einen der zahlreichen Online-Anbieter schauen‘. Im Grunde eine Frechheit und die pure Anarchie, man stelle sich nur vor, der Zuschauer würde die TAGESSCHAU nicht wie von Gott gewollt um 20 Uhr, sondern um 19.55 oder 21.25 anschauen, nur weil er gerade darauf Bock hat. Möglich ist das inzwischen allerdings, egal wie pervers es auch klingen mag.

Das so genannte ‚Binge-Watching‘ (übersetzt soviel wie ‚Exzessives Schauen‘ oder ‚Komaglotzen‘) beschreibt den Trend, ganz viele Folgen einer Serie hintereinander anzuschauen, ohne jeweils nach einer Episode eine Woche lang auf die nächste zu warten, so wie wir es als brave und geduldige Kinder gelernt haben. Demnach könnte man heutzutage also theoretisch endlich sämtliche bislang gelaufenen 1588 Folgen LINDENSTRASSE am Stück anschauen und müsste dafür nur knappe 800 Stunden (inkl. Pinkelpausen) bzw. etwas über einen Monat vergeuden – anstatt die bisherigen mühsamen 31 Jahre. Auch wäre es möglich, zB alle über 700 gedrehten Folgen VERDACHTSFÄLLE oder FAMILIEN IM BRENNPUNKT ansehen, nur müsste man dafür komplett geisteskrank oder klinisch tot sein, bzw. wäre es danach.

Was bedeutet das aber für die Zukunft des linearen Fernsehens? Zuerst einmal ermöglicht es dem Zuschauer, den Großteil des lieblos hin gerotzten TV-Abfalls endlich ignorieren zu können, da er sein Programm jetzt selbst bestimmen und sich daher frecherweise für Qualität zu jeder Zeit entscheiden kann, wenn er denn nicht zu faul oder zu blöd ist. Für die Macher einer Serie heißt es aber auch, immer schneller neuen Stoff für die süchtig werdenden Programm-Junkies herzustellen. Braucht man für das Erstellen einer Serien-Staffel mehrere Monate, so verteilte sich die Präsentation früher durch die wöchentliche Ausstrahlung über einen mindestens ebenso langen Zeitraum, dazu eine kleine Prise Geduld und schon war der Jahreszyklus vollendet. Schaut man heute sämtliche Folgen am Stück, ist man meist schon in weniger als einer Woche mit allem durch und brüllt ungeduldig ‚Fertig!‘ wie ein Kleinkind auf dem Klo. Dann muss dringend Nachschub her, und wenn der Dealer nicht liefert, geht man halt zum nächsten – bis der Markt leer gegrast ist. Und dann macht man aus reiner Verzweiflung auf Turkey wieder den Fernseher an. Womit sich die alte Kiste am Ende ihre Lebensberechtigung wieder zurück geholt hat – wenn auch nicht mehr am Kopf, sondern jetzt am Arsch der Nahrungskette.

Monstersuche

Der neue Unterhaltungstrend ganz ohne Fernsehen: nicht existierende hässliche Taschenmonster suchen! POKEMON GO heißt der aktuelle Bematschten-Trend, bei dem Leute starr auf ihr Handy stierend durch die Botanik stapfen, um in die Gegend gekrickelte Kackviecher auf dem Display zu fangen, ohne dabei direkt vor den Bus zu laufen. Was das soll, weiß zwar keiner, aber es scheint Spaß zu machen. Und besser als den Tag vor der Glotze mit Scripted Reality und unbegabten dummen Hackfressen zu verbringen, die man weder einsperren noch mit virtuellen Bällen oder Hundekot bewerfen kann, ist das allemal.

Monsterfund

Im September brauchen wir alle starke Nerven. Nicht nur weil PROMI BIG BROTHER wieder in SAT1 startet, sondern vielmehr wegen der moderativen Zweitbesetzung. Denn nachdem Pointen-Teelicht Cindy aus Marzahn ihren rosa Strampler dankenswerterweise endgültig in die Scheußlichkeiten-Schulbade zurück gelegt hat, fragte man sich wer wohl statt ihrer als humoristisch gedachte Kommentar-Beilage zum gewohnten Fernseh-Fast Food gereicht wird. Doch dass es so schlimm werden könnte, hat wohl keiner geahnt, denn die Nachfolge antreten soll niemand geringeres als Desiree Nick, die dort im letzten Jahr bereits als Wohnopfer sämtliche Sympathien verspielte und von jeher Bissigkeit mit herzloser Boshaftigkeit verwechselt. Hätte wirklich nie gedacht, dass ich mir vielleicht doch mal das humorfreie rosa Neutrum zurück wünschen könnte…

Monstercasting

Falls sich noch jemand erinnert: Kai Eins aka KAY ONE ist dieser mopsige Möchtegern-Gangsta-Rapper, erst Zögling und dann Intimfeind von Bushido, der mal kurz in der DSDS-Jury herumstammelte und später in einer schmerzhaft peinlichen Doku-Soap (glücklicherweise erfolglos) eine ‚Prinzessin’ suchte. Weil es letztlich nicht ganz so schlimm endete wie es begann, lässt man den kleinen Coolness-Azubi jetzt noch mal ran und in KAY ONE: SÄNGERIN GESUCHT möglichst lang und weilig nach einer Co-Heulerin für einen seiner Song-Versuche jagen. Obwohl sogar das letzte Popstar-Casting ohne ihn schon kläglich gescheitert ist. So was nennt man einen fetten Flop mit Ansage!

2017-02-10T01:40:00+00:00

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Hier schreibt der Chef.