552. Leitfaden zur Beleidigung (TVS 10/16)

Die absurd unkomische Staatsaffäre um einen falsch verstandenen TV-Satire-Beitrag im so genannten ‚Fall Böhmermann’ hat Deutschland wieder einmal hitzig diskutieren lassen: Wo sind die Grenzen des Humors? Warum sind die so verdammt unsichtbar? Kann der Scherzbeauftragte der Bundesregierung diese nicht endlich mal definieren und mit Buntstift im Autoatlas eintragen? Und wieso gibt es kein GPS im Schädel, das den schelmischen Sprecher warnt wenn sie überschritten werden?
Insbesondere aber bleibt die wichtige Frage: bis wann ist noch Spaß und ab wo ist Beleidigung? Der in seiner fast femininen Zerbrechlichkeit hoch sensible türkische Präsidenten-Wutschlumpf Erdogan fühlte sich jedenfalls in seiner Ehre schwer getroffen und persönlich beleidigt von einem deutlich als Ironie ausgewiesenen ‚Schmähgedicht’, in dem ihm unter anderem scherzhaft der theoretische Geschlechtsakt mit einem Paarhufer aus der Gattung der Hornträger unterstellt wurde.

Grundsätzlich sollte man sich bei einer jeden Beleidigung stets zuerst die Frage stellen: Warum werde ich hier eigentlich so dummdreist angegangen? Soll ich vielleicht einfach nur provoziert werden? Und falls ja, möchte ich meinem Gegenüber seinen Triumph gönnen? Vor allem: beruht die Behauptung überhaupt auf Tatsachen? Ruft beispielsweise jemand auf der Straße: ‚Ey Kalkofe, du alter Ziegenf*cker!’ (fehlendes i bitte selbst einfügen), so kann meine Antwort nur lauten: ‚Entschuldigung, aber Sie müssen mich verwechseln!’ Anders natürlich wenn ich gerade eine leidenschaftliche Affäre mit einem erotisch-drahthaarigen Huftier hinter mir hätte und dabei sogar Liebe und ein Kinderwunsch im Spiel waren – dann könnte mich diese so plump auf den reinen Geschlechtsakt reduzierende Anrede vielleicht wirklich verletzen. So gesehen können wir uns in der Affäre Erdogan natürlich auch kein Urteil erlauben, bis wir die persönlichen Hintergründe und die ganze Wahrheit kennen.

Ähnlich verhält es sich mit den in einigen Ländern gern genutzten Beleidigungsformeln rund um das Sexualverhalten der Mutter eines jeweiligen Aggressions-Adressaten. ‚Du Sohn einer räudigen Hure!’ würde an mir ebenso abperlen wie der zuvor genannte Geißen-Besamer, da ich definitiv weiß, dass meine Mutter niemals auf diesem Arbeitssektor tätig war. Hätte sie andererseits viele Jahre fleißig zur Zufriedenheit aller im aktiven Kopulations-Management gearbeitet, um so die Familie über die Runden zu bringen, empfände ich die intendierte Abwertung (vor allem in Verbindung mit einer infektiösen Milbenerkrankung) schon unpassend bis unhöflich.

So bleibt zusammenfassend die Erkenntnis: eine wirklich gute Beleidigung sollte inhaltlich fundiert und im Ausdruck präzise sein. Sich über wahllos-sinnfrei daher geplapperte Übertreibungen aufzuregen, ist so dumm wie überflüssig. Wegen unzutreffender Verbalattacken gar physische Gewalt einzusetzen, ist nichts als der traurige Beweis der eigenen Blödheit. Denn angewendete Intelligenz entfernt selbst die größten eingebildeten Flecken auf dem imaginären Umhang der persönlichen Ehre – sogar noch bevor sie überhaupt entstehen!

Superviecher

Wenn einem so langsam die Promis ausgehen und die Normalos zu langweilig werden, alle nicht völlig Blöden von denen auch bereits für irgendwas gecastet wurden, was macht man dann als TV-Sender? Genau, man lässt die Tiere aus dem Stall! Deshalb sucht RTL2 jetzt in der Show mit dem tierisch-schweinewitzigen Schmunzeltitel OBERAFFENGEIL! nach niedlichen Viechern mit ungewöhnlichen Fähigkeiten (bohnernde Hamster, knutschende Elche, pfeifende Schweine, zweihörnige Einhörner, etc) und lässt diese dann von einer typisch heiteren Fun-Jury (Zietlow, Katzenberger, Chris Tall) bewerten. Die Gewinner kommen weiter, die Verlierer ins Catering. (Spaß!)

Hypno-Heinis

Verwirrung bei RTL: erst wurde eine große Hypnose-Show angekündigt, dann wieder abgesagt und jetzt wieder neu, aber völlig anders angekündigt. Also immer noch mit Hypnose und dem ganzen Brimborium, aber jetzt als Unique Selling Point mit einer irrwitzig innovativen Neuerung, nämlich mit (Trommelwirbel, kurze Pause) Prominenten! (Tusch, Applaus) Denn Promis, die sich unwissend zum Affen machen, sind nun mal lustiger als diese boring Normalos, die eh keiner mehr sehen mag, außer sie sind richtig bekloppte Freaks und lassen sich für miese Scripted Reality-Shows missbrauchen. Das Tolle an dieser spektakulär unbedeutenden Ankündigung – noch bevor ich schnipse, haben Sie sie schon wieder vergessen!

Promi-Paarung

Was macht eigentlich Oliver Pocher? Also mit wem, denn ‚was’ interessiert ja schon lange nicht mehr wirklich. Daher hat man nun erst mal die Boulevard-Blätter heiß gemacht, dass er vielleicht endlich ein neues Promi-Girlfriend für ein paar scharfe Schlagzeilen zu bieten hätte, nämlich das heiße Tattoo-Rocker-Red-Carpet-Luder Sophia Thomalla! Wie sich herausstellte, vorerst aber leider nur platonisch, denn man plane eine gemeinsame Show für irgendwen, aber auf keinen Fall Pro7: DER SCHÖNE UND DAS BIEST! Ja, stimmt – die aufgeregte Vorfreude des Publikums kann man direkt schmecken und riechen… oh, Verzeihung, doch nicht. Mein Hund hat einen fahren lassen.

2017-02-10T01:40:01+00:00

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Hier schreibt der Chef.