543. Die Definition von Erfolg (TVS 02/16)

RTL ist entsetzt. Und enttäuscht. Was haben sie nur falsch gemacht? Gerade als sie eigentlich ausnahmsweise mal alles richtig machten! Viele nennen sie schon die Merkel der Medienbetriebe. Was war geschehen? Da ließen sie eine neue Serie namens DEUTSCHLAND 83 produzieren und die wurde – völlig überraschend für alle – richtig gut! Sowohl die filmische Qualität wie auch der inhaltliche Mut waren so vollkommen untypisch für RTL und wurden sogar im Ausland in höchsten Tönen gelobt. In den USA lief sie bereits erfolgreich lange bevor man sich in Köln endlich traute, sie auch dem so schwierigen deutschen Publikum zu zeigen. Wie würde das bloß damit umgehen? Die war doch eigentlich viel zu intelligent für die stumpfen Allesglotzer hier, und dazu auch noch irgendwie ‚anders’, das mögen die Deutschen nicht. Erst recht nicht auf einem strikt durchformatierten immer gleich schmeckenden Fastfoodsender wie McRTL. Deutsche Zuschauer sind nämlich besonders kritisch, lassen sich aber auch sehr leicht blenden, sie fressen brav jeden Scheiß, sind theoretisch allerdings wahre Gourmets, dazu sind sie hoch intelligent und ebenso saublöd, wie man an der stummen Akzeptanz des meist lieblos dahin gegöbelten Restprogramms erkennen kann. Vor allem aber ist der deutsche Zuschauer verdammt undankbar. Was sich in den erschreckend schlechten Einschaltquoten für die Serie zeigte – und wahrscheinlich bei RTL zu der so falschen wie dummen Einsicht führen wird, dass sich Qualität und Experimente eben doch nicht lohnen.

Wobei das wirkliche Übel im Grunde nur in der Fragestellung liegt: wie definieren wir eigentlich Erfolg? Als Fernsehsender gibt es da im Grunde immer nur eine Antwort: durch die Quote! Und den Marktanteil! Und auch nur von der völlig unbegründet einzig wahren Werberelevanten Zielgruppe zwischen 19 und 49! Die von ihrer Aussage her absurdesten Zahlen in den deutschen Medien: jene (bei gerade mal knapp 6000 Haushalten) nach alter Väter Sitte gemessene, lineare TV-Nutzung des Familien-Fernsehempfängers. So als wäre die Erfindung von Internet, Tablets, Zweitgeräten, Festplattenrecordern, Streaming-Diensten, DVDs usw. bloß eine Erfindung der Lügenpresse. So als würden wir uns in Wirklichkeit alle noch immer wie in den 70er und 80er Jahren mit Eltern, Kindern und Großeltern gemütlich bei Fanta und Salzgebäck um die verrückte Flimmerkiste versammeln um uns genau das anzuschauen, was dort gerade über den Äther in unser heimeliges Wohnzimmer gestrahlt wird. Es mag für viele moderne TV-Sender jetzt befremdlich klingen und für manche ist es sicherlich ein Schock: das ist gar nicht mehr so! Da hat sich was geändert in den letzten dreißig Jahren! Fragen Sie mal Ihre Kinder. Oder geben Sie besser noch eine sehr teure Studie dazu in Auftrag, dem eigenen Verstand glaubt man ja so ungern beim Fernsehen.

Wie schön könnte das Leben doch für Sender und Publikum sein, wenn man sich den Begriff Erfolg nicht mehr von einem derart hanebüchen hirnrissigen Steinzeit-Schätzwert mit vollkommen irreführender Aussagekraft diktieren ließe und es statt einer ‚Einschaltquote’ eine Art ‚Aufmerksamkeitsquote’ gäbe? Die nicht am nächsten Morgen schon vor dem Stuhlgang bereit steht, sondern vernünftigerweise erst nach einem längeren Zeitraum ermittelt wird. Gerade bei Serien gilt doch: wie oft wurde sie außer im TV auch zeitversetzt auf den unterschiedlichsten Medien gesehen, gestreamt oder aufgezeichnet? Wieviel wurde in der Presse darüber berichtet, was geschah bei Twitter, Facebook und sonstige sozialen Netzen? Wie war die Resonanz? Hat es vielen Nutzern (aber bewusst nicht allen!) gefallen? Was sagen ganz normale Menschen wie zB Freunde und Bekannte (wahrscheinlich ohne Quotenmessgerät ausgestattet) eigentlich dazu? Und nur mal nebenbei: wie hat es mir als Mitarbeiter des Senders eigentlich gefallen? Zack – plötzlich wäre so mancher Erfolg auch wirklich einer. Und manch dampfender Kackhaufen mit guter Quote verdientermaßen keiner mehr.

Label Killing

Die ARD überrascht mit einem ungewohnt wagemutigen Schritt: Nach nur vier Jahren schafft das waghalsige ERSTE das Schmunzelkrimi-Logo HEITER BIS TÖDLICH ab, das bislang dem Zuschauer so wunderbar erklärte, dass es sich beim darauf folgenden Schmunzelkrimi um einen Krimi zum Schmunzeln handelt. Ein heiterer Schmunzeltitel, der mich persönlich immer zum Schmunzeln brachte, manchmal machte ich dazu sogar noch einen kleinen Augenknieper, einfach so für mich. Schade dass mir diese pfiffige Orientierungshilfe jetzt genommen werden soll. Hoffe nur dass ich das auch allein irgendwie mitbekomme, ob und wann ich schmunzeln darf.

Langeweile Showing

Was gibt es Schöneres, um der persönlich erlebten Langeweile zu entgehen, als prominenten Langweilern bei ihrem langweiligen Leben zuzuschauen? RTL2 weiß uns da immer wieder zu überraschen. Neuester Coup: die Ex-DSDS-Beinahe-Bekanntheiten Sarah & Pietro fahren drei Wochen mit Oma und Opa im Wohnmobil durch Italien. Wow. SARAH & PIETRO… IM WOHNMOBIL DURCH ITALIEN lautet der reißerische Titel, der Lust auf Bitte-nicht-noch-mehr macht. Ab Januar im Knalltüten-Marathon immer nach den GEISSENS. Ich erhitze schon mal ne Dose Ravioli im Wasserbad um das zu feiern!

Promi Verschickung

Wie stets zum Jahreswechsel ist es an der Zeit, sich mental auf den Einmarsch der Doofpromis in das Dschungelcamp vorzubereiten. Bisher so halb bestätigt sind die stolze PromiBigBrother-Winnerin Jenny Elvers, irgendeine TopModel-Tusse, der zauselige Zacher-Rolf, Bühnen-Bigfoot Gunter Gabriel, das Rotlicht erprobte Bollerbusen-Weib des Boulevard-Luden Wollersheim, Ex-RTL-Anwaltsgehilfin Helena Fürst, Wiederkehrerin Brigitte Nielsen und Ricky, der zahnlückige Kurzzeit-Talkmaster mit der explodierten Ratte auf der Rübe. Kurz gesagt: klingt eigentlich genau so öde wie immer. Doch sobald erst einmal der gesammelte Wahnsinn beim Ego-Trip gemeinsam am Lagerfeuer sitzt, wird die Vernunft keine Chance mehr haben – könnte also doch ganz lustig werden!

2017-02-10T01:40:02+00:00

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