541. Die Poesie des Pöbelns (TVS 26/15)

Der Mensch liebt es, seine Meinung kundzutun. Das ist ja auch sein gutes Recht, schließlich hat er lange genug um das Recht kämpfen müssen, dies überhaupt zu dürfen. Verblüffend ist allerdings, dass die Lautstärke einer Meinungsäußerung und deren Inhalt sich gewöhnlich nicht kongruent sondern eher reziprok zueinander verhalten. Einfacher gesagt: je unreflektierter und gedankenloser die Aussage, desto vehementer und lautstarker wird sie meist in die Öffentlichkeit getragen. Verbindet man die jeweilige Inhaltsleere noch dazu mit passenden Emotionen wie Wut, Verbitterung oder einfach lang angestauter Frustration, so entsteht die poetischste Form der Aggressions-Artikulation: die so genannte ‚Pöbelei’.

Rein subjektiv scheint es davon heutzutage wesentlich mehr zu geben als irgendwann früher mal – was wahrscheinlich vor allem mit der Erfindung des Internets und den dort vermehrt angebotenen Plattformen zur bequemen Pauschalpöbelei zu tun hat. Wollte man sich beispielsweise vor 30 Jahren beim Fernsehen beschweren, musste man mühsam eine Postkarte beschriften, sogar noch selbst bezahlen und zum Briefkasten tragen – wohlwissend dass wahrscheinlich nur ein gelangweilter Hilfsmitarbeiter sie kurz halbherzig überfliegt, bevor er sie in den nächsten Papierkorb segeln lässt. Wozu also all die Mühe? Heute kann man sich einfach spontan, ungewaschen und nach ein bis zwei Fläschchen Empörungsbeschleuniger an den PC hocken, unter albernem Pseudonym in eine beliebige Community oder Kommentarleiste einloggen und dort mit verwegener Orthographie plus verschwenderischer Fülle an Großbuchstaben und aufmerksamkeitssteigernden Ausrufezeichen seine konstruktive Kritik absondern, wie z.B. ‚ey SCHEIS, SENNDUNG ir opfah!!!11!!1!1 gehddoch varrecken oder stirbt dafür zall ich kein geböhrn mea11!111!!!!!!112’ oder ‚warum macht ihr eigenlich immer nur so welche Sendungen die wo ich nich mag und nich sowas wie früher wo Fensehn noch schön war? AMES DEUTSCHLAND’ Nur wer extrem übermotiviert ist, keinen Computerzugang hat oder ganz dringend mal an die frische Luft muss, der begibt sich zudem noch mutig auf eine politisch motivierte Demonstration und skandiert dort im emotional aufgeheizten Empörungs-Chor ‚LÜ-GEN-PRES-SE’, das passt eigentlich immer irgendwie. Aber am schönsten ist es ja doch daheim.

Doch selbst wenn man sich manchmal über die Troll-Exzesse und Hass-Gewölle der wunderlichen Verbal-Wilderer fassungslos ärgert – freuen wir uns über den theoretischen Frieden, der uns vielleicht durch diese Möglichkeit des anonymen Auslebens unmotivierter Angrifflust beschert wurde. Denn wer sich an der Tastatur auskotzen kann, bleibt drinnen und hält vielleicht draußen dafür seine Fresse. Und die meisten Menschen wären sicher auch nicht in den Krieg gezogen, wenn sie gewusst hätten dass man ihn auch schriftlich erledigen kann. Also Smiley – Herzchen – Smiley, Leute!

Verfluchung

Die ARD-Anstalten sind mit einem furchtbaren Fluch behaftet, der sie dazu verdammt mit absolut jeder Entscheidung rund um den EUROVISION SONG CONTEST immer irgendwie ganz tief in die Scheiße zu greifen! Nur als sie mit dem diabolisch erfolgreichen Grinsekobold Raab kollaborierten war der Bann kurzzeitig gebrochen. Nach Ihrer Verkündung, den musizierenden Verschwörungstheoretiker Xavier Naidoo ungefragt zum deutschen Vertreter zu küren und die nervenden Zuschauer lediglich über seinen vorzutragenden Schwurbelsong abstimmen zu lassen, wehte ihnen der Publikums-Shitstorm allerdings erneut mit derartiger Wucht ins verdutzte Gesicht, dass sie nur einen Tag später kleinlaut alles zurücknehmen und ihn wieder ausladen mussten. Wo ist eigentlich Ralph Siegel wenn die Nation ihn mal braucht?

Verblödung

Da RTL sich weiterhin strikt weigert, irgendwelche neuen Ideen zu entwickeln, werden halt die alten Formatkühe ausgemolken bis das Euter quietscht. So quält man uns nach dem Ende der aktuellen BAUER SUCHT FRAU – Staffel nun auch noch mit drei Farmer-Restwaren-Specials: BSF – EINE CHANCE FÜR DIE LIEBE und zweimal DIE BAUERN AUF GROSSER URLAUBSTOUR. Landwirtschaftliche Liebesdienst-Loser zum Auslachen in der herzlich herzlosen Bause-Sause mit Fremdscham-Krönchen – so schön ist Fernsehen!

Verödung

Kurz vor dem Jahreswechsel beweisen die Öffentlich-Rechtlichen erneut ihre kreative Frische im Bereich Unterhaltungskompetenz. Um das verwirrte Gebührenzahlvieh gar nicht erst in unnötige Entscheidungskonflikte zu stürzen, bringen die beiden cleveren Hauptsender nämlich einfach quasi dasselbe! Im ERSTEN bietet die STADLSHOW SILVESTER fröhlich-volkstümliche Schlagermusik aus der fehlgepimpten Designer-Hütte, parallel präsentiert im ZDF Tischfeuerwerk Johannes B. Kerner bei GUTEN RUTSCH! fetzige Schlager mit Volksmusik-Touch ‚in entspannter Hütten-Atmosphäre’. Übrigens auf beiden Sendern gefolgt von jeweils einer großen Schlagerparty! Prost.

2017-02-10T01:40:02+00:00

Über den Autor:

Hier schreibt der Chef.

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