537. Fifty years of Kalk (TVS 20/15)

Wenn Sie diese Zeilen lesen, dann ist es für mich vorbei. Dann hatte ich Geburtstag und habe das halbe Jahrhundert vollendet. Mathematisch weniger anspruchsvoll ausgedrückt: Ich bin 50 geworden. Was soviel bedeutet wie: ‚Tschüss, uralter Kalkofen, das war’s für dich! Jetzt bist du rausgewachsen aus der Werberelevanten Zielgruppe der 14 – 49jährigen. Verpiss dich aus unserem schönen Publikum, du irrelevanter alter Drecksack! Für dich unbedeutenden verrottenden Zellklumpen haben wir uns nicht den Arsch aufgerissen, um so ein cooles Entertainment-Programm auf die Beine zu stellen. Wir spucken auf dich!’

Wahrlich keine schöne Erfahrung, von seinem alten Kumpel Fernsehen plötzlich so respektlos behandelt und in die Unwichtigkeit entlassen zu werden. Vor allem wenn ich bedenke, wie viel es mir seit meiner Kindheit bedeutet hat und wie lieb ich es immer hatte. Sogar als es noch ein klobiger Kasten in einer hölzernen Truhe war, der bloß ein verschwommen rauschiges Schwarzweißbild mit schepperndem Mono-Ton lieferte und mich dazu noch in kackendreister Arroganz zwang, für das Umschalten aufzustehen und zu ihm zu kommen! Eine körperliche Demütigung sondergleichen. Auch wenn es damals glücklicherweise ja nur zwei wirklich relevante Sender gab, was das heut so beliebte ‚einfach mal durchzappen’ schon rein inhaltlich ziemlich erschwerte. Doch es gab sich Mühe, machte sich hübsch, legte Farbe auf und gebar uns die Fernbedienung, die plötzlich aus jedem faul vor sich hin fläzenden Zuschauer einen Medien-Beherrscher mit magischem Zauberstab machte. Das Fernsehen schaffte sogar etwas, das menschlichen Partnern nur selten gelingt: es wurde mit den Jahren immer attraktiver, schärfer und schlanker. Von einem alten buckeligen Röhrengerät mit dickem Arsch entwickelte es sich zu einem schlanken, ästhetisch ansprechenden Flatscreen-Supermodel. Nur inhaltlich veränderte es sich nicht zum Guten. Herz und Verstand wurden abgestoßen, Zynismus und Verachtung nahmen ihre Plätze ein. Die Seele wurde verkauft, die Optik optimiert und verjüngt – das Fernsehen wandelte sich zum Dorian Gray der Medienwelt. Und der Zuschauer vom geschätzten Kunden zum verspotteten Opfer.

Von dieser Seite her betrachtet, sollte ich meine neue Rolle vielleicht doch eher positiv sehen: Ab jetzt bin ich dem Fernsehen auch ganz offiziell scheißegal! Das bedeutet: ich kann endlich gucken was ich will! Ohne Gefühl von Verantwortung, der lebenswichtigen Quote vielleicht nicht genügend gedient oder die Werbekunden durch meine gehemmte Kauflust nicht befriedigend befriedigt zu haben. Keiner schert sich mehr einen feuchten Furz um mich – und ich bin endlich frei! Juhu! Und in nur knapp 15 Jahren bin ich sogar schon wieder alt genug fürs ZDF! Was für herrliche Zukunftsaussichten.

Sicherheits Talk

So was gibt’s nur bei den Öffentlich-Rechtlichen! Weil sich viele besorgte Bürger über einige Äußerungen zum Thema Gleichstellung von Mann und Frau im Plasberg-Talk HART ABER FAIR beschwerten, löschte man diese Folge aus der Mediathek. Damit das aber nicht nach Zensur ausschaut, lädt man alle Gäste von damals erneut ein und dreht das Gespräch jetzt einfach noch mal – diesmal dann aber bitte mit weniger provokanten und vorher getesteten Aussagen, damit sich keiner danach mehr über eine andere Meinung aufregen muss. Ein Hoch auf die theoretische Redefreiheit und konform angepasste Individualität!

Fernsehpreis Rückkehr

Die Geschichte des Deutschen Fernsehpreises ist eine Geschichte voller Missverständnisse: 1998 wurde er aus Telestar & Goldener Löwe zusammen geschmolzen und fortan jährlich verliehen. Leider wurde es immer schwieriger, überhaupt noch genügend preiswürdige Produktionen zu finden und zudem wurden die Verleihungen selbst (mit wenigen Ausnahmen) zunehmend peinlicher, bis kaum noch einer freiwillig zuschauen wollte. Daraufhin wurde der Preis 2014 beleidigt eingestampft. Jetzt aber soll er 2016 doch noch mal zurückkehren – jedoch heimlich ohne kostspielige TV-Übertragung verliehen, quasi als kleiner brancheninterner Schulterklopfer zur Motivation. 2017 gibt’s dann wahrscheinlich ein kopiertes Dankschreiben und eine Tafel Schokolade.

Cop-Schmerzen

Endlich wieder großes Fernsehen! Qualitäts-Garant RTL2 verblüfft seine Fans mit einer pfiffigen neuen Vorabend-Serie: DIE STRASSENCOPS – JUGEND IM VISIER! Echte Street-Bullen im Daily Einsatz für und gegen junge Leute. Voll echt im Feeling, aber – jetzt kommt der Clou – total gescripted und kostengünstig von Laiendarstellern gestümpert! Wow – auf so was muss man erst mal kommen! RTL2 – die ewig sprudelnde Gülle-Quelle der Kreativität.

2017-02-10T01:40:02+00:00

Über den Autor:

Hier schreibt der Chef.

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