518. Fotografische Ego-Shooter (TVS 02/15)

Schon immer liebten es die Menschen in ihrer angeborenen Einfältigkeit, die eigene dusselige Visage selbst zu bewundern und für die Nachwelt zu bewahren. Da es aber umständlich ist, jahrelang mit gebleckten Zähnen vor dem Spiegel stehen zu bleiben, erfand man erst die Malerei und später die Fotografie. Für ein Selbstporträt benötigte man damals ein Stativ plus Kamera mit Zeitschalter, die baute man auf, stellte Blende, Belichtung und Objektiv ein, betätigte den Auslöser mit Verzögerung, rannte hektisch zurück auf den Platz, riss dabei alles um und legte sich auf die Fresse. Am Ende hatte man dann ein schräges verwackeltes Foto von einem Stück Arm und dem linken Fuß in der Luft und musste dafür auch noch bezahlen. Dieses Modell der Selbstknips-Kunst war schon früh zum Scheitern verurteilt und man ließ sich lieber von Familienmitgliedern oder unschuldig des Weges schlendernden Passanten ablichten, meist von der Hüfte aufwärts irrsinnig lächelnd vor einem schönen Hintergrund, der von der eigenen ästhetisch minderwertigen Bildpräsenz ablenken sollte.

Heutzutage wird jeder Mensch mit Handy geboren und lernt schon im Embryonalzustand wie er sich unter Maximal-Ausnutzung der kurzen Extremitäten selbst fotografieren kann. Obwohl man vor kurzem noch nicht einmal wusste dass es überhaupt so heißt, ist das SELFIE inzwischen so etwas die philosophische Existenzbegründung der Mobilfon-Generation: Ich kann dir Foto zeigen, also bin ich! Wenn ich mich eigenständig ohne Hilfe der Götter ablichten kann, dann muss ich ergo existieren, selbst wenn das mit dem Denken nicht zwangsläufig immer klappt. 97% aller Handyspeicher auf Erden sind deshalb gefüllt mit leicht von oben geschossenen Aufnahmen ihrer heiter-debil schmunzelnden Besitzerköpfe mit vorgeschobener Schulter plus Ansatz vom Oberarm. Bilder von unten erzeugen ein mehrfaches Doppelkinn und werden HALSIE genannt. Heimlich gemachte Aufnahmen von Promis privat nennt man STALKIE, Porträts von Mahlzeiten FRESSIE und wenn man sich versehentlich auf das Handy setzt entsteht ein ARSCHIE. Junge Mädchen favorisieren einen ganz besonders dümmlichen Gesichtsausdruck mit geschürzten Lippen, zusammengekniffenen Klüsen und Hohlnussblick, das sogenannte DUCK und/oder FUCK FACE, auf Deutsch einfach kurz VÖGELFRESSE. Das televisionäre Pendant des Selfies ist die Moderation von Boulevardmagazinen wie z.B. RED, BRISANT, TAFF, PUPS oder RTLexclusiv, in denen die am Boden festgenagelten Präsentatorenhülsen mit eingefrorenem Affengrinsen selbstverliebt in die Kamera glotzen und ungefragt sinnfrei vor sich her brabbeln. Bitte lächeln!

STARS AM ENDE

Zum Einschlafen

Gute Nachrichten für Freunde blutdrucksenkender Einschlummerhilfen für den gepflegten Mittagsschlaf: BARES FÜR RARES im ZDF geht weiter! Tolle Sendung: langweilige Leute kommen mit altem Gerümpel zu einer noch langweiligeren ‚Experten’-Runde semi-professioneller Lumpensammler, die den Gammel dann vielleicht abkaufen oder auch nicht. Und Zwirbelschnauz Lichter bringt die dann immer ins Studio rein und wieder raus. Ja, ich weiß – klingt irgendwie langweilig. Ist aber noch viel langweiliger! Spannend wie Opa unter der Achsel und so öde dass einem beim Zuschauen die Füße abfaulen – läuft aber wohl gerade deswegen im ZDF recht erfolgreich.

Zum Schmunzeln

Eins will man sich bei der ARD auf keinen Fall sagen lassen: dass man nicht innovativ sei und immer nur auf die gleichen Pferde setze! So heckte man folgenden verwegenen Plan aus: für den Vorabend, an dem ja täglich diese inhaltlich immer gleichen aber regional unterschiedlichen ‘Schmunzelkrimis‘ unter dem Kicher-Label HEITER BIS TÖDLICH laufen, produziert man einfach mal was ganz total anderes – nämlich zwei neue Schmunzelkrimis! Und aufgepasst: die laufen zur gleichen Zeit aber trotzdem OHNE dass HEITER BIS TÖDLICH darüber steht! Wow! So viel Mut und wilde Kreativität hätte ich den alten Schmunzelmonstern gar nicht mehr zugetraut! Kinder, das rockt!

Zum Würfeln

WETTEN DASS… ist beerdigt, aber die verrückten Hunde vom ZDF haben schon den potentiellen Nachfolge-Knaller mit Allround-Grinser Kerner auf der Pfanne: DAS SPIEL BEGINNT! – DIE GROSSE SHOW VON 3-99. Hier sollen Prominente und Kinder die beliebtesten alten Brettspiele nachspielen, allerdings mit ‚opulentem und modernem Look’. Ich erwarte vier Stunden ‚Mensch ärgere dich nicht’ mit Laser-Lightshow und Live-Musik-Acts nach jeder Runde, acht Meter hohen animierten 3D-Kegeln plus Hollywood-Promis in Kegelkostümen, nicht funktionierender Handy-App, Cindy aus Marzahn als Würfel, einer Kerner-Challenge beim Pasch und einer Schaltung zur Außenwette nach Österreich und der Schweiz bei jedem Rausschmiss.

2017-02-10T01:40:03+00:00

Über den Autor:

Hier schreibt der Chef.

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