510. So sehen uns die Sender (TVS 20/14)

Jeder Sender hat eine ganz bestimmte Vorstellung von seinem Publikum. Damals im Präkabeläum, als ausschließlich die beiden öffentlich-rechtlichen Königshäuser über den Äther regierten, stellte man sich seinen Zuschauer ungefähr so vor: gehobene Schulbildung, interessiert an Weltgeschehen und Hochkultur, lernbegierig, einer homöopathischen Dosis Unterhaltung dennoch nicht gänzlich abgeneigt. So irgendwo zwischen Mittlere Reife plus Volkshochschul-Kurs und Gymnasial-Lehrer mit Operetten-Abo. Das änderte sich mit Auftauchen der Privaten, die erst einmal alle unter 14 und über 50 als irrelevante Programm-Parasiten aus der erwünschten Zielgruppe warfen und begannen, sich das Publikum nach den Anforderungen der Werbekunden umzuformen. Schnell kam man zu einer neuen Einschätzung des durchschnittlichen Zuschauers: nicht die hellste Kerze auf der Torte aber finanziell unabhängig, Unterhaltungs-technisch ausgehungert, an den Problemen der realen Welt nur mäßig interessiert. Eine Mischung aus gut gelauntem Bildungs-Allergiker mit Bausparvertrag und Grundschul-Direktor mit Kino-Jahreskarte.
Heute hat sich diese Sichtweise komplett geändert. Jeder Sender sieht seinen Rezipienten anders, nur in einem sind sich alle einig: der Zuschauer ist doof. Ein hohl vor sich hin sabberndes Gefäß der Blödigkeit, jegliche Programmbemühung ist daher die sprichwörtlich geworfene Perle vor die Sau mit der Fernbedienung. Für RTL ist er zusätzlich noch fantasielos, leicht begeisterungsfähig und liebt die Sicherheit des ewig Gleichen, der atmende McDurchschnitts-Bürger mit Bild-Zeitung auf dem Klo. Bei Pro7 klassifiziert man den typischen Kunden als herausragend dämlich mit Hang zur chronischen Debilität, aber knackfrisch jung und mit reichen Eltern. Als Junge dauergrinsender sportlicher Schulschwänzer mit Komasauf-Dipolom, als Mädchen bumsbares Möchtegern-Model mit Großhirn-Tinnitus. SAT1 hat keine Ahnung, wie seine Zuschauer aussehen, weil ja keine mehr da sind, da nimmt man einfach dankbar alle Doofen, die am Rand liegen bleiben. Die Dritten konzentrieren sich auf alle selig Bekloppten mit extrem eingeschränktem Horizont, die einfach lachend in die Hände klatschen, wenn in jedem Beitrag die Gegend erwähnt wird, in der sie wohnen. ARD und ZDF glauben weiterhin, von den Dummen nur die Klügsten bei sich zu versammeln, bzw. alle Schlauen von damals, die noch leben. Nur die können sich inzwischen an ihre ehemalige Intelligenz leider nicht mehr erinnern. Fazit: für blöd halten sie uns alle. Nur die Geschmacksrichtung variiert.

STARS AM ENDE

Heinohilfe

RTL in Not! Wen soll man denn noch neben Dauerwurst Bohlen in die DSDS-Jury setzen, damit sich die Zuschauer endlich wieder für die ausgelutschte Casting-Kamelle interessieren? Selbst der Hirn-entkernte Spätpubertierer Kay One, der sämtliche Kandidatinnen nur nach potenieller Pimperfähigkeit bewertete, brachte keinen Aufschwung. Also holt man sich nun die ultimative Wasserstoffbombe der deutschen U-Musik: Heino! Der hat bisher noch jeden platt gesungen. Außerdem ist er massenkompatibel: die Jugend hält ihn respektvoll für eine Art Schlager-Cyborg aus der Zukunft, die ganz Alten für eine urgermanische Gottheit für Wanderlieder und die Generation in der Mitte kennt ihn noch aus den Alpträumen ihrer Kindheit. Perfekt!

Gesetzeslücke

Bisher dürfen TV-Sender ihre Zuschauer ja verarschen was das Zeug hält und kein Schwein kümmert sich darum. Aber immer wenn ein erfolgreicher Beschiss-Trend schon fast vorüber ist, wacht auch die Landesmedienanstalt kurz auf und fordert irgendwas. So wie jetzt nach Jahren der Untätigkeit, die komplett geschriebenen und unechten Pseudo-Dokus doch bitte auch irgendwie zärtlich als Inszenierung zu kennzeichnen, möglichst freiwillig, man will ja nicht gleich böse werden. Die Sender reagieren nicht und suchen noch nach passenden Formulierungen, wenn ‚Scripted Reality’ schon nicht ausreicht. Wie wär’s mit Fake-Fuck, Braindead Fiction oder einfach Erfundener Scheißdreck?

Promibutze

Erschreckende Nachricht: die aktuelle Staffel von PROMI BIG BROTHER war für SAT1 ein voller Erfolg! Okay, es war nicht so unerträglich vergeigt wie das Jahr davor, Kicher-Pocher musste zuhause bleiben und es gab einen dezenten Hauch von Konzept. Aber die schlecht gelaunte Witzroulade Cindy aus Wasweissichwo war immer noch unlustig wie eine rosa bemalte Endmoräne, Schwiegermutter-Begrinser Schropp spielte mit ermüdender Jovialität den charmant gemeinten Häme-Kasper und ganz grundsätzlich passierte absolut gar nichts! Ein Haufen abgelutschter Medien-Nulpen mit ranziger Bekanntheits-Restkruste lebte so vor sich hin und laberte kübelweise Dünnschiss. Trotzdem gute Quoten. Zur Strafe kommen sie jetzt immer wieder. Unsere eigene Schuld!

2017-02-10T01:40:04+00:00

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