469. Fremdkörper “Zuschauer” (TVS 05/13)

Das Fernsehen ist im Grunde ein wunderbares Medium. Es macht große Freude dafür zu arbeiten, denn obwohl es sich gegenwärtig verhält wie eine emotionslose, Amok laufende Wildsau (Privatsender) oder ein erbschleicherischer Leichenschänder (Öffentlich-Rechtlich), so ist es doch umgeben vom virtuellen Nimbus einstiger Größe und Bedeutsamkeit. Die Aussage ‚Ich arbeite beim Fernsehen’ hat daher bei sozialem Smalltalk und alkoholisierten GV-Anbahnungsgesprächen unverständlicherweise immer noch einen besseren Klang als moralisch unverfänglichere Sätze wie ‚Ich geh auf den Straßenstrich’ oder ‚Ich ertränke junge Katzen’. Als TV-Macher fühlt man sich wichtig, hat die Macht, Menschen vorzuführen und zu verarschen ohne rechtlich dafür belangt zu werden und kann durch das überaus vorteilhafte Täterwissen den versehentlichen Konsum des selbst produzierten Schwachsinns aktiv umgehen.
Das Leben beim Fernsehen könnte so sorgenfrei und angenehm sein – gäbe es da nicht diesen einen unerfreulichen, leicht ekligen Störenfried: den Zuschauer! Niemand kennt oder versteht ihn und keiner möchte ernsthaft seine Bekanntschaft machen. Trotzdem taucht er immer wieder auf, wird in Gesprächen erwähnt und macht sich als atomar winziger Furz-Anteil der werberelevanten Zielgruppe unverhältnismäßig wichtig. Mal ist er jung, mal alt, mal schlau, meist blöd – wen interessiert’s? Theoretisch ist er der ‚Kunde’, für den das ‚Programm’ produziert wird – aber wer glaubt im Ernst noch diese dreiste Lüge? Der Großteil aller derzeit gesendeten Formate kann gar nicht für Angehörige der Spezies Mensch gemacht sein, höchstens als Abschreckung für außerirdische Lebensformen, sich von diesem Planeten aus Sicherheitsgründen besser fern zu halten. Der ‚Zuschauer’ wird theoretisch gemessen und scheinbar statistisch erfasst, allerdings nicht wirklich, sondern eher geschätzt und hochgerechnet als Teil einer Herde, die wiederum nur durch ihre schiere Masse in einem sinnfrei vorgegebenen Alterssegment eine gewisse Rolle spielt. Als Individuum existiert er nicht, höchstens als Mythos und Legende. Der Zuschauer ist gewissermaßen der Yeti der Fernsehwelt – aber anders als das ominöse Zottelmonster wurde er noch nie gesichtet. Und wenn doch, wurde er bewusst ignoriert, denn traurigerweise ist er das einzige Fabelwesen der Welt, das seinen eigenen Schöpfern komplett am Arsch vorbei geht.

STARS AM ENDE

Menschenverachtung

Fast hätte man denken können, ein Sender wie ProSeven lernt irgendwann aus seinen billigen Blamierformaten, auch rein menschlich. Aber nachdem man früher bereits bei DAS MODEL & DER FREAK hübsche Weibchen und verklemmte Männchen hämisch kichernd aufeinander hetzte, setzt man jetzt noch einen drauf mit BEAUTY & NERD, der peinlich inszenierten Schlaumeier-Auslach-Show mit Tittenbeilage. Den Zuschauern macht das zwar keinen Spaß, aber man spürt fast körperlich, wie sich die Redakteure zwischen eigener Verklemmtheit und Verblödung beim Dreh vor lauter Lachen die Schenkel blutig schlugen!

Senderwanderung

Erst RTL, dann Pro7, jetzt bei SAT1 – das große PROMI-BOXEN hat eine lange Reise flussabwärts hinter sich. Trotzdem traut sich keiner, die Arena-Türen endgültig mit Brettern zu vernageln. Klar, denn ehemalige Bekanntheits-Darsteller, die sich gegenseitig in die doofe Schnauze hauen, befriedigen wenigstens rudimentär die simpelsten Gelüste nach Schweiß und Blut während der Dschungelfreien Phase im TV. Mit dabei diesmal Georgina, Naddel und viele andere uninteressante Gestalten, die man hauptsächlich vom Vornamen her kennt und für deren Schmerz sich unser Mitleid offiziell in Grenzen halten darf.

Moderatorenabbau

Eine der schmerzaft unlustigsten Spaß-Shows im deutschen Fernsehen war stets UPPS – DIE SUPERPANNEN-SHOW auf RTL, in der ein talentfreies Walfisch-Pärchen schrabbelige VHS- und Handy-Filmchen von Leuten beim Hinfallen präsentierten. Witzig wie ein Splitter im Hintern und halb so unterhaltsam wie einem Pickel beim Eitern zuzuschauen. Und weil niemand es wiedersehen wollte, kommen jetzt endlich neue Folgen! Allerdings ohne die zwei dicken Humor-Bremsklötze, sondern noch billiger einfach die Filmchen mit Konservenbekicherung aneinander gedengelt. Demnächst wird wahrscheinlich einfach eine Kamera in eine offene Mülltüte gehalten und ein Praktikant muss im Hintergrund lachen und alle fünf Sekunden dagegen treten.

2017-02-10T01:40:06+00:00

Über den Autor:

Hier schreibt der Chef.

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