461. Fluchtpunkt Fernsehen (TVS 23/12)

Manchmal fühle ich mich alt. Zum Beispiel wenn ich mich mit Jüngeren über das Fernsehen unterhalte. Ihnen selig lächelnd erzähle, dass uns dieses kecke Medium damals, im vorigen Jahrhundert, mal richtig Spaß gemacht hat. Wie wir uns freiwillig mit Familie und Freunden davor versammelten, um uns von ihm informieren und unterhalten zu lassen. Ja, wir hatten ihn regelrecht lieb, unseren alten Kumpel Fernsehen, auch wenn wir manchmal über ihn meckerten. Aber das ist normal in festen Langzeitbeziehungen.
Über solch sentimentale Geschichten von Oppa Glotz können die Kids von heute nur noch lachen und halten einen für verrückt. Ja sicher, Fernsehen hatte mal eine Bedeutung, haha, leck mich fett! Und es nahm sein Publikum ernst, natürlich, und die Werbung war noch Gast des Programms und nicht umgekehrt, klaromat. Verarschen kann ich mich selber! Dabei war es ja wirklich so. Jedenfalls manchmal, fast sogar oft. Man sah fern, um der trüben Realität zu entfliehen, die ‚Flimmerkiste’ bot einem den Ausweg aus der täglichen Ödnis und erlaubte uns den imaginären Ausbruch ins Nimmerland der Illusion. Egal ob wir uns wünschten, als fünftes Rad am Planwagen der Cartwrights auf der Ponderosa von Hop Sing bekocht zu werden, mit der knöternden Furztröte im Wasser unseren Delfinfreund Flipper zu rufen oder in zu engen Oberteilen auf dem Raumschiff Enterprise in Galaxien vorzudringen, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat: das Fernsehen war unser Fluchtwagen in die Fantasie.
Die Jugendlichen heute erleben das einstige Leitmedium anders. Eher als Geisterbahn der Ekligkeit und Horrorversion der Realität. Man zeigt ihnen darin eine sinnentleerte Welt voller Wahnsinn, vor der man sich nur verstecken möchte, besiedelt mit alptraumhaften Imitationen humanoid erscheinender Arschträger. Die Kanäle sind voll von widerlichen Versagern, Intelligenz-abstinenten Flachpfeifen und herumprollenden Vollidioten. Potthässlich, ungewaschen, fett, der deutschen Sprache ohnmächtig, visuell vermackelt, hochgradig asozial und vor allem blöder als eine halbe Gurke im Glas. Kurz gesagt: einst war das Fernsehen unser Refugium vor der Realität. Heute fliehen wir angewidert vor dem Fernsehen und beten, dass seine widerlichen Visionen niemals wahr werden mögen. Hau ab, TV – Du stinkst!

STARS AM ENDE

1. Serius Interruptus

Wenn das ZDF mal im Tiefschlaf durch einen lauten Eigenfurz geweckt wird, ist es nicht mehr aufzuhalten! Jahrzehnte der gemütlich eingelullten Bräsigkeit und plötzlich rappelt’s im Karton! Unser Charly – nach nur 17 Jahren plötzlich eingestellt! Ein Fall für zwei – abruptes Ende nach läppischen 30 Lenzen! Gerade mal 25 Jährchen Der Landarzt und holterdipolter wird der Stecker gezogen! Und nach bloß 23 Baumringen für das Fortshaus Falkenau werden auch dort die Türen zugenagelt – nur weil das ZDF meint, dass solche Hektik zur ‚kontinuierlichen Modernisierung eines TV-Programms’ gehört! Puh, ich krieg gerade keine Luft mehr, das geht mir alles viel zu schnell! Das Zweite ist doch kein D-Zug!

2. Fette Verlogenheit

SAT 1 profiliert sich einmal mehr als führender Sender für kuschelige Verlogenheit! Im November startet die von niemandem erwartete zweite Staffel von Schwer verliebt. Denn Dicke sind ja soooo lustig… weil sie halt dick sind! Deshalb finden sie leider auch keine Partner – aber müssen sich zur Strafe für ihre Fettleibigkeit von diversen Sendern im Namen der Liebe zum unfähigen Vollidioten abstempeln und zur allgemeinen Verspottung vorführen lassen. So böse, dass man Formate wie dieses in der Hölle wahrscheinlich nicht zeigen dürfte, weil sich der Teufel zu sehr dafür schämen würde.

Käpt’n Hehnchen

Zumindest auf den Ozeanen bleibt das ZDF beständig, denn die gute alte Schaluppe TRAUMSCHIFF tuckert auch nach über 30 Jahren weiterhin wie gewohnt in der lauwarmen Fahrrinne der Dösigkeit. Allerdings ab Januar unter neuer Führung, denn Kapitän Rauch reicht die Mütze weiter an den ehemaligen Chefsteward und Frauenbefeuchter Sascha Hehn. Wirklich eine Karriere wie sie im Buche steht: damals zwar schön, aber gerade mal genug IQ um das Tablett gerade zu halten, inzwischen aber auf dem zweiten Bildungsweg bis zum leicht angeknitterten Kutterführer hochgeschleimt. Respekt!

2017-02-10T01:40:07+00:00

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Hier schreibt der Chef.